Bach im Pyjama

Ein Meister wird 85: Peter Schumann in der Heidelberger Providenzkirche

Er habe sich entschlossen, künftig kürzer zu treten, ruft Peter Schumann schon beim Eintreten. Er wirft seine schwarze Aktentasche auf den Tisch und zieht die Liste mit den geplanten Projekten hervor: Acht Konzerte pro Jahr in Stift Neuburg, fünf in Wiesloch, drei in Lorsch, je eines im Kloster Lobenfeld und in Hoffenheim.

Dazu das Weihnachtsoratorium zum Mitsingen, zwei Handvoll Gottesdienste und vielleicht noch eine kleine Rolle als Schauspieler im Heidelberger Taeter-Theater. „Das muss genügen“, sagt Schumann. „Man wird schließlich nicht jünger.“ Am 29. Juni 2018 feierte der Kirchenmusikdirektor seinen 85. Geburtstag. Mit einem Konzert in der Providenzkirche. Der Eintritt war frei.

Am Samstagmorgen standen die Menschen in Schlafanzügen Schlange

Es war schon eine verrückte Zeit, als Peter Schumann in den 1980er und 1990er Jahren als Kantor an der evangelischen Heiliggeistkirche wirkte. Unvergessen der Samstagmorgen, an dem die Menschen in Schlafanzügen Schlange standen, um Bachs Geburtstag zu feiern. „Wer im Pyjama kommt“, hatte Peter Schumann auf das Plakat geschrieben, „zahlt die Hälfte.“

„Einer der profiliertesten Organisten Deutschlands“, schrieb die FAZ

Oder das Adventskonzert mit der Märklin Spur 1, in deren Güterwagen man Liederwünsche legen durfte. Oder das „Konzert für vier Orgeln und einen Schwebebahn-Rekorder“. Solche Extravaganzen kann sich nur leisten, wer musikalisch auf höchstem Niveau agiert. „Peter Schumann“, schrieb die FAZ damals, „ist einer der profiliertesten Organisten Deutschlands“.

In Hanau wurde Peter Schumann geboren. 1933, „am Fest Peter und Paul“. Die Mutter gab Musikunterricht, der Vater spielte Klavier. Peter war das einzige Kind. In Oberaula, wohin die Familie evakuiert worden war, avancierte Vater Schumann zum Organist in der evangelischen Kirche. Und der 11-jährige Peter fand die Liebe seines Lebens. „Mir hat der Klang der Orgel so gut gefallen, dass ich nur noch geübt habe.“ An der Hochschule für Musik in Frankfurt absolvierte Schumann die Orgel-Solo-Klasse, legte ein Examen in Schulmusik ab und eines in Kirchenmusik. Die erste feste Kantorenstelle führte den 27-Jährigen nach Wiesbaden, fünf Jahre später wechselte er nach Hamburg.

Gestammelte Anti-Kriegs-Choräle mitten in der Johannespassion

1969 dann ein Brief aus Baden-Baden. Der Südwestfunk fragte an, ob Schumann bei den Donaueschinger Musiktagen Cembalo und Elektroorgel spielen wolle. Das Konzert wurde ein Riesenerfolg. Die Radioleute drängten Peter Schumann, doch in den Süden zu ziehen. Man habe gehört, Heidelberg suche nach einem Nachfolger für die verstorbene Lichtgestalt Bruno Penzien.

Stets auf der Suche nach Neuland: Schumann an der Kuhn-Orgel der Jesuitenkirche

24 Organisten haben sich auf die Stelle an Heiliggeist beworben, Peter Schumann hat sie bekommen. Er blieb 28 Jahre.

Heidelberg in den Achtzigern. Wasserwerfer und Demos, Sit-Ins und WGs. Und in Heiliggeist die Neue Musik. Lautstark und verstörend. Bei Niccolo Castiglionis „Kriegs- und Liebessymphonie für Orgel“ rasselten Kuchenbleche von der Empore. In Bachs „Johannes-Passion“ hinein stammelten die Sänger Choräle von Mauricio Kagel. Als Protest gegen den Golfkrieg sang die Studentenkantorei „Friede auf Erden“ von Arnold Schönberg, während Hilde Domin Gedichte rezitierte. Heidelberg leuchtete.

Überall lockten Instrumente: In Hirschhorn, in Lorsch, in Wiesloch …

Über 200 Konzerte spielte Peter Schumann pro Jahr, dazu Reisen um die ganze Welt. Die Studentenkantorei sang in Mailand, Breslau, Budapest. Schumann solo wurde nach Japan und New York geladen. Die Einnahmen aus diesen Konzertreisen flossen in des Kantors Herzensprojekt: Die neue Steinmeyer-Orgel in Heiliggeist. 1994 erhielt Peter Schumann den Ehrentitel Kirchenmusikdirektor sowie das Bundesverdienstkreuz.

Späte Berufung: Schumann als Patriach in Lessings „Nathan der Weise“

1998 die Zäsur: An seinem 65. Geburtstag musste sich Peter Schumann in den Ruhestand verabschieden. Das ist ihm sehr schwer gefallen. Aber glücklicherweise gab es ja nicht nur in Heiliggeist eine Orgel. Überall lockten Instrumente: Im Stift Neuburg, in Hirschhorn, Lorsch, Wiesloch.

Bald spielte Peter Schumann wieder so viele Konzerte, dass eine neue Rechtsform gefunden werden musste. Seit 2001 gibt es den Verein „Musik in Kirchen und Klöstern“. Er hat sich darauf spezialisiert, junge Begabungen zu fördern. Aus den Orgelkonzerten mit Peter Schumann sind Kammerkonzerte geworden, oft in sehr ungewöhnlicher Besetzung. „Viele dieser jungen Musiker werden auch beim Geburtstagskonzert in der Providenzkirche spielen“, strahlt Peter Schumann, schnappt sich seine Aktentasche und enteilt. Üben fürs Geburtstagskonzert.

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