Die Bestien des Bischofs

Worms feiert 2018 das 1000-jährige Weihejubiläum seines Kaiserdoms

Ach, dieses Worms. Es könnte ein Stadt der Superlative sein. Der Kaiserdom, das Rheingold, die Nibelungen, die Wallfahrt zur gotischen Liebfrauenkirche, Martin Luthers berühmte Worte „Hier stehe ich und kann nicht anders“ . . . Historie vom Allerfeinsten, wohin man auch blickt.

Leider hat der Zweite Weltkrieg Worms fast völlig zerstört. Der Wiederaufbau geriet planlos, wodurch die Stadt etwas spröde wirkt. Doch davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Unser Kirchenspaziergang geht auf Entdeckungstour am Rhein.

Der frühromanische Jubeldom wurde hundert Jahre später schon wieder abgerissen

Der heutige Kaiserdom wurde 1180 vollendet.

2018 ist für Worms ein Jubeljahr. Man feiert den romanischen Dom St. Peter, der vor genau 1000 Jahren geweiht wurde. Leider ist das Jubiläum nicht ganz echt. Den frühromanischen Jubeldom nämlich hat man hundert Jahre später schon wieder abgerissen. Um Platz zu schaffen für die deutlich höhere und prunkvollere Bischofskirche, die heute die Stadt dominiert.

Viel Spaß hatten die Wormser Bischöfe mit diesem neuen Dom aber auch nicht. Als die Kathedrale um 1180 vollendet war, steckte das Domkapitel mittendrin in einem Machtkampf mit den selbstbewussten Kaufleuten der Stadt. Die Händler verlangten eine Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, weshalb die Geistlichkeit ihnen Segen und Seelenheil verweigerte. Es kam zu Straßenkämpfen und Plünderungen. Mitte des 13. Jahrhunderts übersiedelten die Bischöfe nach Ladenburg, wo sie fortan residierten. Willkommen in Worms.

Bischof Burchard ist die Wormser Lichtgestalt. Bis heute wacht er über „seinen“ Dom.

Unser Kirchenspaziergang beginnt bei Bischof Burchard, der Wormser Lichtgestalt schlechthin. Buchard hat die Stadt zwar nicht gegründet, aber er hat sie neu erfunden. Heute steht er lebensgroß in Bronze gegossen vor dem Südportal des Doms.

Bischof Burchard hat die Stadt zwar nicht gegründet, aber er hat sie neu erfunden.

Eine „friedlosen Brutstätte für Räuber und Gesindel“ sei Worms gewesen, als Burchard im Jahr 1000 die Macht übernahm, berichtet sein Biograph. Der 35-jährige Oberhirte ließ eine Stadtmauer bauen, formulierte eine Verfassung, vertrieb die Salierherzöge und errichtete einen Kirchenstaat en Miniatur. Kontemplative Klöster, die im übrigen Europa wie Pilze aus dem Boden schossen, gab es in Worms nicht. Stattdessen gründete Burchard vier Priesterstifte, in denen er Geistliche weiterbilden ließ zu Spezialisten für alle Bereiche der Verwaltung – von der Rechtsprechung bis zum Handel.

Als sichtbares Zeichen seiner Macht errichtete Burchard auf dem höchsten Punkt des Stadtgebiets einen frühromanischen Dom, den er dem Patrozinium des Apostels Petrus unterstellte. Wie der Petersdom in Rom. Buchards Dom war eine Kirche wie eine Burg. Vier runde Türmen reckten sich trutzig hinauf zum Himmel. Die massiven Mauern mit ihren Schießscharten-Fensterchen, ließen kaum Tageslicht ins Innere fallen. Ein ungelöstes Rätsel ist bis heute der zweite Chor im Westwerk der Kathedrale. Niemand weiß, wozu dieser Doppelchor gut sein sollte, noch wozu er einst verwandt wurde. Heute liegt hier Bischof Burchard begraben.

Weltweit einmalig sind die Bestien und Fratzen, die auf jedem Fenstersims lauern

Steinerne Bestien sollten den Dom vor umherschwirrenden Dämonen schützen.

Am 9. Juni 1018 entschloss sich König Heinrich II., Worms einen Besuch abzustatten. Der Dom war zwar noch lange nicht fertig, dennoch ergriff man die Gelegenheit, die Bischofskirche in Anwesenheit des Königs weihen. Die Sache ist gerade noch mal gutgegangen. Kaum war Heinrich wieder abgereist, stürzte ein Großteil Doms in sich zusammen. Soviel zur Bausubstanz dieser Kathedrale. Neunzig Jahre später wurde sie komplett abgetragen. Nur einige wenige Mauerreste und das Fundament künden noch von dem Erstling.

Der heutige spätromanische Dom entstand zwischen 1110 und 1180. Er ist doppelt so hoch wie sein Vorgänger und viel prachtvoller verziert. Alle Türme haben Spitzdächer, Fenster und umlaufende Galerien. Weltweit einmalig sind die Bestien, die auf jedem Fenstersims lauern. Viele dieser Fabeltiere sind so plastisch dargestellt, dass man befürchten muss, sie könnten jeden Moment losspringen. Die Fratzen sollten das Gotteshaus beschützen vor umherschwirrenden Dämonen, an deren Existenz die Menschen des hohen Mittelalters fest glaubten. Worms ist der einzige romanische Kaiserdom der Welt mit figürlichen Darstellungen. Bestien findet man weder in Speyer noch in Mainz.

Balthasar Neumann schuf die Rokoko-Ausstattung des Chors

Auf die älteste romanische Wandmalerei in Nordbaden und der Pfalz stößt man im Inneren des Doms. Das riesige Christophorus-Fresco an der Stirnseite des nördlichen Seitenschiffs lässt erahnen, wie der Dom im Mittelalter ausgemalt war. Dass dieses Fresco noch existiert ist ein Wunder. 1689 fielen die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. über Worms her und brannten die Stadt bis auf die Grundmauern nieder. Auch das Dach des Doms stürzte glühend ins Kirchenschiff und zerstörten die gesamte Innenausstattung. Nichts ist mehr übrig aus romanischer und gotischer Zeit.

Auf dem Hochaltar tanzen die Putten, darunter ruhen die Salier in uralten Steinsärgen

Im 18. Jahrhundert erhielt der Dom eine hochwertige barocke Ausstattung. Balthasar Neumann, der berühmte Würzburger Baumeister, schuf einen Rokoko-Chor, der sich erstaunlich gut ins romanische Gehäuse einpasst. Vielleicht weil sich Neumann auf die Farben Schwarz und Gold beschränkte. Auf dem Hochaltar wimmelt es nur so von frechen Rokoko-Putten, direkt darunter ruhen in der romanische Krypta die Salierherzöge in ihren uralten Steinsärgen. Ein größerer Gegensatz ist nicht denkbar.

Der Kreuzgang und die zehneckige Taufkirche wurden 1807 abgerissen.

Der Wormser Dom stand nie so frei, wie wir ihn heute erleben. Im Nordwesten schloss sich früher der stattliche „Bischofshof“ an, in dem sich 1521 Martin Luther vor Kaiser Karl V. verantworten musste. Im Süden grenzten ein Kreuzgang und die wunderschöne zehneckige Taufkirche St. Johannis an den Dom. Beides wurde 1807 abgebrochen. Zugunsten einer Grünanlage. Willkommen in Worms.

Das Südportal kündet von einem kunsthistorischen Quantensprung

Kaum war er vollendet, hatte die Geschichte den romanische Dom von Worms auch schon überholt. Die Gotik trat von Frankreich aus ihren Siegeszug an. Statt schwerfälliger romanischer Bestien zauberten die Steinmetze nun feinziselierte Figuren mit lebensechten Gesichtern. Nirgendwo kann man den kunsthistorischen Quantensprung besser bestaunen, als am Südportal des Wormser Doms. Der hohe spitze Bogen ist hauchzarte gotische Steinmetzkunst in höchster Vollendung.

Die Gotik zauberte feinziselierte Figuren.

Längst schon ist der Dom keine Bischofskirche mehr. Das Bistum Worms wurde 1800 ins Bistum Mainz integriert. Zur Feier des 1000-jährigen Jubiläums zelebrierte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf im Wormser Dom einen Fernsehgottesdienst.

Im Süden des Doms, jenseits der Straße und der Dechaneigasse liegt der Weckerlingplatz. Hierher ließ Bischof Burchard anno 1020 das Priesterstift Sankt Andreas verlegen. Das Stift besitzt einen zauberhaften romanischen Kreuzgang. Die angrenzende Magnuskirche war eine der frühesten lutherischen Pfarrkirchen der Welt. Schon 1520 wurde hier protestantisch gepredigt. Seit 1930 beherbergt St. Andreas das Museum der Stadt Worms. Es dokumentiert die Geschichte einer fruchtbaren Region, die seit der Jungsteinzeit um 5500 vor Christus durchgängig besiedelt war.

Zwölf Meter hoch steht Martin Luther auf seinem Sockel

Tritt man durch die Andreaspforte und folgt der Stadtmauer, so erreicht man nach einiger Zeit eine gepflegte Anlage, deren Mittelpunkt das angeblich größte Lutherdenkmal der Welt bildet. Zwölf Meter hoch steht der Reformator seit 1868 auf seinem Sockel und blickt hinab auf die Stadt, in der er einst seine schwersten Stunden durchlebt hat.

Das Lutherdenkmal zu Worms soll das größte der Welt sein

Zehn Tag weilte Martin Luther im April 1521 beim Reichstag im wuseligen Worms, dessen Bevölkerung fast komplett hinter dem Reformator stand. Flugblätter mit Lutherschriften regneten unablässig von den Häusern, sehr zum Missfallen des Kaisers wie des päpstlichen Gesandten. Am 17. April erhielt Luther den Befehl, im Saal des Bischofspalastes zu erscheinen, um seine Schriften zu widerrufen. Luther bliebt standhaft und wurde deshalb am 26. Mai 1521 im „Wormser Edikt“ für rechtlos erklärt. Die Reformation nahm ihren Lauf.

Am Nordende der Lutheranlage jenseits des Ludwigsplatzes treffen wir auf die ehemalige Stiftskirche St. Martin. Die Kirche, so erzählt es die Legende, steht genau an der Stelle, an der der heilige Martin im 4. Jahrhundert eine Kerkerhaft verbüßte. Martin, zu jener Zeit noch Soldat in römischen Diensten, hatte sich geweigert, gegen die Germanen in die Schlacht zu ziehen. Die Wormser Martinskirche wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg vollständig zerstört und später im barocken Stil wieder aufgebaut. Sie besitzt einen zauberhaften Innenhof mit uralten Bäumen.

Im Mittelalter pilgerten die Gläubigen in Scharen zur „Madonna im Weinberg“

Bei der Liebfrauenkirche wächst Wein so fein wie die „Milch der Gottesmutter Maria“

Weiter geht es durch die Fußgängerzone in der Kämmererstraße. Vor dem Kaufhof wendet man sich nach links, überquert die Römerstraße und folgt der Paulusstraße bis zur ehemaligen Stiftskirche St. Paulus. Sie gehört seit 1929 zum Wormser Dominikanerkloster. St. Paulus erzählt von der rüden Seite unseres lieben Bischofs Burchard. Bei seinem Amtsantritt im Jahr 1000 stand hier noch die Burg der Salierherzöge. Burchard ließ sie abreißen und „mit demselben Bauholz und denselben Steinen“ das romanische Paulusstift bauen. Von der Romanik ist heute nichts mehr erhalten. Die acht Dominikanermönche beten in einer barocken Hallenkirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut worden ist.

Wer jetzt noch Zeit und Lust hat, kann hinaus in die Weinberge vor der Stadt pilgern zur gotischen Liebfrauenkirche. Es lohnt sich. Im späten Mittelalter zählte Liebfrauen zu den großen Wallfahrtskirchen des Abendlandes. In Scharen pilgerten die Gläubigen hierher, um bei der gotischen „Madonna im Weinberg“ Trost und Fürsprache zu finden.

Doch direkt hinter der gotischen Wallfahrtskirche beginnt das Hafengebiet

Das Gnadenbild stammt aus dem Jahr 1260, die Wallfahrtskirche wurde 1298 als Chorherrenstift errichtet. Die Stiftsherren bauten in den Weinbergen rund die Liebfrauenkirche einen Riesling an, der den Pilgern mundete „so süß wie die Milch der Gottesmutter Maria“. Die „Liebfrauenmilch“ war geboren. Sie wird bis heute auf einer Fläche von nur 17 Hektar angebaut.

Die Unesco hat die Wormser Liebfrauenkirche längst zum „schützenswerten Kulturgut“ erklärt. Leider ist nur die Kirche geschützt, nicht aber ihre Umgebung. Direkt hinter der Wallfahrtskirche braust eine vierspurige Schnellstraße. Jenseits der Straße beginnt das Hafengebiet mit seinen Silos und Lagerhallen. Ach, dieses Worms.

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