Die Entrümpelung der Seele

40 Tage strenges Violett : Die Heidelberger Jesuitenkirche im Fastenkleid

Die Krise kommt immer beim Umzug, gern nach dem Urlaub und manchmal an einem ganz normalen Samstag. Man öffnet einen Schrank und erstarrt: So viele Sachen! Das Meiste hat man schon ewig nicht mehr benutzt. Vieles konnte man noch nie leiden. Höchste Zeit, auszumisten.

Und tatsächlich: Mit jedem Stück weniger fühlt man sich leichter, lächelnder, lebendiger. Die heilsame Aktion tut aber nicht nur Schränken gut. Auch die Seele ist voll von Dingen, von denen man sich schon längst hätte trennen sollen. Nennen wir es „geistliches Entrümpeln“. Eine Versuchsanordnung für die Fastenzeit.

„Es gibt nichts, das den Menschen schwerer fällt, als loszulassen“

In ihrer Jugend war die evangelische Kirche von Michelbach ein Wehrturm

Michelbach ist ein idyllisches Dorf im Kleinen Odenwald bei Aglasterhausen. 480 Einwohner, ein plätschernder Bach, Felder mit Streuobst. Die hübsche Kirche steht in der Mitte des Dorfes. In ihrer Jugend war sie ein Wehrturm, im Chor strahlen gotische Fresken. Hier wirkt Angelika Schmidt. Die evangelische Pfarrerin und geistliche Begleiterin stammt aus Westfalen, weshalb sie eine gewisse Robustheit mitbringt.

„Es gibt nichts, das den Menschen schwerer fällt, als loszulassen“, sagt Angelika Schmidt. Genau darum gehe es aber in der Passionszeit. Eingespurte Pfade unter die Lupe zu nehmen, nch Dingen zu suchen, die einem eigentlich nicht gut tun und darauf zu verzichten. Sieben Wochen, 40 Tage, für immer. Das eigentliche Fasten, also das Nichtessen, ist nur ein Mittel, um den Prozess des Loslassens zu unterstützen, findet Schmidt. Denn: „Fasten macht wach.“ Die Entrümpelung der Seele auch. „Weil sie das innere Leben vereinfacht.“ So man denn erst einmal in Schwung gekommen ist mit dem inneren Großreinemachen.

Angelika Schmidt ist die Pfarrerin von Michelbach und Unterschwarzach

Es beginnt harmlos. „Ich schlage vor, dass man zunächst seinen Schreibtisch aufräumt“, sagt Pfarrerin Schmidt. Wobei der Schreibtisch als Symbol steht für den Ort, an man Dinge aufbewahrt, die mit Beziehungen zu tun haben. Briefe, Notizen, Fotos, Mails, Kalender, Tagebücher. „Es reicht natürlich nicht, wenn ich den Schreibtisch leere, indem ich einfach alles irgendwo anders hin schaffe“, lächelt Angelika Schmidt. „Ich muss wirklich Sachen wegwerfen.“ Dafür kann man sich ruhig ein paar Tage Zeit nehmen. Hauptsache man sitzt irgendwann an einem leeren „Schreibtisch“, auf dem natürlich auch kein Computer mehr steht.

Ein Stein für jede problematische Beziehung, die man vor Gott bringt

Denn jetzt wird es ernst. Es gilt, eine Liste zu erstellen von all den Menschen, von denen man glaubt, dass sie einem das Leben schwer machen. „Weil diese Liste nur für mich selbst ist, kann ich ganz ehrlich sein“, beruhigt Pfarrerin Schmidt. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass eine brennende Kerze bei solch intimen Überlegungen hilft. „Die Kerze symbolisiert die Gegenwart Gottes. Das macht Mut.

Gotische Fresken …

“ Wer möchte, kann auch noch einen Stein neben das Licht legen. Oder mehrere. Als Symbol für jede problematische Beziehung, die man vor Gott bringt. „Dann muss ich mich nur noch trauen, wirklich zu glauben, dass Gott sich der Sache annimmt.“

Ist die Liste fertig, beginnt das eigentliche Entrümpeln. Das geht nur im Gespräch mit den betreffenden Menschen. Doch keine Angst. „Sehr viele Konflikte beruhen auf Missverständnissen“, weiß die Michelbacher Pfarrerin. „Die Sache klärt sich relativ schnell, wenn einer den ersten Schritt macht.“ Die Erleichterung, wenn man einem Menschen endlich wieder freudig die Hand geben kann, sei ein unglaubliches Gefühl. Sagt Angelika Schmidt.

„Hinter jeder problematischen Beziehung steckt eine Sehnsucht“

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Versöhnung nicht gelingt. Die Wunden sind zu tief, die Verletzungen zu schwer. Die Bitte um ein Gespräch wird abgelehnt. Das tut weh. Das geistliche Entrümpeln ist damit aber noch nicht gescheitert. „Hinter jeder problematischen Beziehung steckt eine Sehnsucht“, überlegt Angelika Schmidt. Dieser Sehnsucht gelte es nachzuspüren. Vielleicht hat der Mensch, an dem ich mich reibe, Träume verwirklicht, die ich selbst lange geträumt habe. Oder er hat Neuland betreten, wozu ich nie den Mut fand …

… zieren den alten Chor der Kirche von Michelbach

Für ihre Konfirmanden hat Pfarrerin Angelika Schmidt ein wunderbares Ritual entwickelt, um die Passionszeit abzuschließen. Es hilft auch sehr gut beim geistlichen Entrümpeln. Am Karfreitag schreibt jeder Jugendliche seinen größten Schmerz auf einen Zettel und heftet ihn ans Kreuz. Dann wird das Kreuz mit einem schwarzen Tuch umhüllt und auf den Altar gelegt, damit die Konfirmanden Blumensamen darauf streuen können. Am Ostermorgen ersetzt man die Samen durch Blumen. „Das ist ein starkes Symbol“, sagt Angelika Schmidt.

„Für Gott zählt nur, wer ich bin, wenn alles Äußere wegfällt“

Sebastian Feuerstein ist 36 Jahre alt und katholischer Priester. Einer von den jungen, coolen. Auch Kaplan Feuerstein arbeitet viel mit Jugendlichen. Er unterrichtet in der Oberstufe des Gymnasiums in Sandhausen und kümmert sich neuerdings um die Jugend im Dekanat Heidelberg-Weinheim. Gerade ist Feuerstein vom ländlichen Malsch ins Pfarrhaus der Heidelberger Jesuitenkirche übersiedelt. Ein größerer Kontrast ist kaum vorstellbar. Hat er denn vor dem Umzug ordentlich ausgemistet?

Der katholische Kaplan Sebastian Feuerstein lebt jetzt in Heidelberg

Feuerstein schüttelt den Kopf. „Ich besitze nicht so viele Sachen“, gesteht der junge Priester. Ein Zimmer in seiner neuen Wohnung werde wohl komplett leer bleiben. Mit dem Loslassen von Dingen scheint Sebastian Feuerstein also kein Problem zu haben. Gibt es denn sonst etwas, was er gern entrümpeln würde in der Fastenzeit? Der Kaplan zückt sofort sein Handy. Das habe jetzt eine neue Funktion, erklärt er. „Mein Smartphone sagt mir auf die Sekunde genau, wieviel Zeit ich pro Tag mit ihm verbringe.“ Pause. „Das Ergebnis ist erschreckend.“

Nischen in die Zeit klopfen, in die man sich zurückziehen kann

Freiräume einbauen in den übervollen Alltag. Nischen in die Zeit klopfen, in die man sich zurückziehen kann. Auch das meint geistliches Entrümpeln. Zehn Minuten, eine Viertelstunde, vielleicht sogar eine halbe. „Einfach sitzen. Vor Gott. Und sein“, schlägt Sebastian Feuerstein vor. Der christliche Gott sei ja ein Gott des Kleinen, des Stillen, des Schweigens. „Dem Propheten Elija ist Gott nicht im Sturm oder im Feuer erschienen sondern im leisen Säuseln. Martin Buber übersetzt: Im verschwebenden Schweigen.“

Ein Fastenkreuz in der Jesuitenkirche

Verschwebendes Schweigen also. Eine Kerze in der aufgeräumten Küche, eine leere Kirche, eine Bank am Feldrain oder ganz hinten im Park. Hauptsache, frei von Ablenkungen. „Gott kümmert sich nicht um Produktivität und Leistung, er interessiert sich auch nicht für unsere Erfolge“, formuliert Kaplan Feuerstein. „Für Gott zählt nur, wer ich bin, wenn alles Äußere wegfällt. Alle Masken. Alle Rollen.“

Ein liebevoller Blick zurück auf den Tag, der hinter uns liegt

Was natürlich nicht heißen soll, dass es gleichgültig ist, wie wir unsere Tage verbringen. Im Gegenteil. Die Fastenzeit, findet Feuerstein, eigne sich ideal, um wieder damit anzufangen, schriftlich den Tag zu rekapitulieren. Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, hat die Idee eines geistlichen Examens am Ende jeden Tages entwickelt. Heute schätzen immer mehr Menschen diese Möglichkeit, „den Tag mit einem liebevollen Blick anzuschauen und wach zu werden für das Kleine.“ (Feuerstein)

Man notiert, was Freude gemacht hat. Wann man sich echt und lebendig gefühlt hat. Aber auch, wo etwas schief gegangen ist oder man einem Menschen nicht gerecht wurde. „Und dann sollte man noch einen kleinen Ausblick auf den nächsten Tag wagen“, meint Sebastian Feuerstein. Was soll mein erstes Wort am Morgen sein? Mit welchem Gesichtsausdruck will ich auf die Straße treten? Wie laufe ich durchs Büro? „Mit der Zeit entwickelt man eine Sensibilität für Worte, Gesten und die Dinge am Rande.“

„Mich  von einem Buch zu trennen, fällt mir ungeheuer schwer“

„Still sitzen und sich dem Wort Gottes aussetzen“: Pfarrer Mirko Diepen:

Mirko Diepen empfängt im weiten, wilden Garten der Heidelberger Providenzkirche. Seit etwa einem halben Jahr sorgt der evangelische Pfarrer zusammen mit seiner Frau für die Seelen der Protestanten in der Heidelberger Altstadt. Mit seinen vier Kindern lebt das Theologenpaar im Pfarrhaus in der eleganten Landfriedstraße. Ist da ein Traum wahr geworden?

Mirko Diepen lächelt verhalten. Das Haus in der Landfriedstraße sei absolut toll, aber vom Umzug habe er sich noch immer nicht ganz erholt. „Bevor wir nach Heidelberg kamen, haben wir zwölf Jahre im Schwarzwald gelebt. Das Pfarrhaus im Kinzigtal war riesig und besaß einen gewaltigen Dachboden.“ Wohin alles verbracht wurde, was die sechsköpfige Familie nicht mehr brauchte. „Entrümpeln“, sagt Mirko Diepen, „ist für mich nicht nur eine Metapher. Es ist bittere Realität.“

Von mehr als der Hälfte ihrer Besitztümer hat sich die Familie Diepen in den letzten Monaten getrennt. Doch noch immer stehen Kisten im Keller. In den meisten befinden sich Bücher. „Mich von einem Buch zu trennen, fällt mir am schwersten“, gibt Mirko Diepen zu. „Der Autor, der Inhalt, der Mensch, durch den das Buch zu mir kam – an alldem hängt mein Herz.“

Die Heidelberger Providenzkirche

Weshalb Pfarrer Diepen seine nicht Bücher auch nicht wegwerfen, sondern verschenken will. Aber es dauert wohl noch eine Weile, bis er für jedes Werk den idealen Neubesitzer gefunden hat.

Ohne Abschied, ohne wunde Herzen gäbe es keine Freiheit

Die Schmerzen des Loslassens. Ein wundes Herz. Ohne das es keine Freiheit gäbe. „Abschiede sind wichtig“, findet Mirko Diepen. „Man wird durch sie gezwungen aus dem Selbstverständlichen herauszutreten, alte Bilder von sich selbst, alte Rollen, alte Gewohnheiten zu hinterfragen.“ Geistliches Entrümpeln. Für den Heidelberger Pfarrer Diepen funktioniert das eigentlich nur mit der Bibel in der Hand. Schließlich erzählten biblischen Geschichten unentwegt von Menschen, die auf Gottes Ruf hin aufgebrochen sind und ihr altes Leben zurückgelassen haben. Und teilweise sind sie auch wieder zurückgekehrt. Nicht immer im besten Zustand. „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist meine Lieblingserzählung in der Bibel“, gesteht Mirko Diepen. Darin finde er sich immer wieder neu.

Wechselten vom Schwarzwald an den Neckar : Imke und Mirko Diepen

„Still sitzen und sich dem Wort Gottes aussetzen“, lautet denn auch Diepens Rat für das geistliche Entrümpeln in der Passionszeit. Wobei der Heidelberger Pfarrer gerade dabei ist, diese Gebrauchsanweisung etwas zu variieren. Immer häufiger sitzt Mirko Diepen nicht mehr mit Gottes Wort, sondern er geht. Ohne Handy, ohne Ziel.

Oder er joggt sogar mit Gottes Wort. Hinauf auf die halbe Höhe des Königstuhls zum Gaisbergturm. „Beim Laufen verändert sich etwas in mir und dadurch verändert sich auch mein Verhältnis zu der Bibelstelle“, sagt Pfarrer Diepen. Der Alltag verschwindet Schritt für Schritt. Die Bäume, die Pflanzen, die Farben, die Natur, die Schöpfung rücken in den Mittelpunkt der Wahrnehmung. Das Gebet wird leichter, lächelnder, lebendiger.

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