Das Vermächtnis der Kurfürstin: Oggersheim

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Mariä Himmelfahrt war einst eine Schlosskirche

Zur Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Ludwigshafen-Oggersheim führte die fünfte Heidelberger Frauenwallfahrt. Das stattliche Gotteshaus – 1777 geweiht – war einst die Kirche eines barocken Lustschlosses mit weitläufigem Park. Elisabeth, die Tochter des Pfälzischen Kurfürsten Carl Philipp, bewohnte es mit ihrem Ehemann, dem Erbprinzen Joseph Karl Emmanuel. Er gab 1725 den Auftrag , das heilige Haus von Loreto inklusive schwarzer Madonna originalgetreu nachbauen zu lassen. Der Gnadenort bildet heute das Kernstück der Wallfahrtskirche. Das Oggersheimer Schloss hingegen wurde von den Truppen der französischen Revolution zerstört.

 

Eine kleine Lektion in kurpfälzischer Geschichte

Der 24. Januar 2015 war ein nasskalter Wintertag. Gegen Mittag begann es in großen Flocken zu schneien. Wir nahmen die S 3 in Richtung Germersheim und stiegen im Mannheimer Hauptbahnhof in die Regionalbahn nach Worms. Zehn Minuten später erreichten wir den zugigen Bahnsteig von Oggersheim. Wir gingen zwischen Wohnblocks aus den 1960-Jahren hindurch und standen urplötzlich vor der Wallfahrtskirche, die wie eine Königin all die Scheußlichkeiten des letzten Jahrhunderts überragt.

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Das Oggersheimer Schloss im Barock

Anno 1700 muss Oggersheim wunderschön gewesen sein. Auf einer Ebene vor dem Pfälzer Wald gelegen mit einem Schloss, das man sich vorstellen darf wie das linksrheinische Schwetzingen. Doch das Glück war in Oggersheim nicht zu Hause. Sowohl Kurfürst Carl Philipp wie auch seine einzige Tochter hofften vergebens auf einen männlichen Erben. Die Herrschaft über die Pfalz fiel an einen entfernten Großneffen: Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach.

Barock oder Klassizismus?

Im Alter von 17 Jahren verheiratete man Erbprinz Karl Theodor mit Elisabeth Auguste, der Enkelin des Kurfürsten. Die Beiden mochten sich nicht sonderlich. Erst zwanzig Jahre nach der Hochzeit gebar die Kurfürstin ein Kind, doch der Sohn starb bereits am folgenden Tag. Das kurfürstliche Paar hat nie wieder zusammen gelebt. Karl Theodor residierte erst in Mannheim, dann in München. Elisabeth Auguste kehrte zurück nach Oggersheim, wo sie aufgewachsen war.

 

 

Das kleine Fenster hinter dem Hochaltar blickt in die Kapelle

Die Kurfürstin trauerte ihrer Ehe nicht nach. Sie liebte das Theater und das Ballett und holte sich die berühmtesten Tänzer an den Oggersheimer Hof. Bei all dieser Lebenslust blieb die Kurfürstin stets fest in ihrem katholischen Glauben verankert. 1774 erteilte sie Peter Anton von Verschaffelt, dem Mannheimer Hofbaumeister, den Auftrag, die kleine Loreto-Kapelle im Schlossgarten mit einer stattlichen Barockkirche zu überbauen.

 

 

 

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In der Loreto-Kapelle fühlt man sich warm und geborgen.

Die Loreto-Legende erzählt von dem Elternhaus der Gottesmutter Maria in Nazareth, in dem sie die Verkündigung des Erzengels Gabriel empfing. 1291, als die Kreuzritter vernichtend geschlagen waren und Palästina muslimisch wurde, verschwand das Häuschen auf unerklärliche Weise aus Nazareth. In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai.

 

 

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Der Loreto-Brunnen gibt eine moderne Interpretation des Wunders

Kurze Zeit später tauchte Marias Elternhaus in der italienischen Provinz Marken wieder auf. Es stand mitten auf einer Landstraße nahe des Dörfchens Loreto bei Ancona. Ein Wunder. Nur Engel, so die Erklärung des Papstes, können das heilige Haus auf ihren Schwingen von Nazareth an die Adriaküste transportiert haben.

 

 

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Die Kleider der Madonna stiften Menschen, denen geholfen wurde.

Das Häuschen entwickelte sofort magische Anziehungskraft. Die Menschen pilgerten in Scharen nach Loreto. Im 15. und 16. Jahrhundert, inzwischen wölbte sich eine Basilika über dem Häuschen Mariens, gehörte Loreto den wichtigsten Wallfahrtsorten Europas. Im Barock wurde das Wunder exportiert. Wer es sich leisten konnte, ließ sich eine Loreto-Kapelle nachbauen. Man glaubte, je genauer das Häuschen dem Original glich, desto höher die Chance auf ein Wunder.

 

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Eine Erklärung für die schwarze Hautfarbe gibt es nicht

Warum die Madonna von Loreto schwarz ist, weiß niemand. Es gibt die banale Erklärung, das erste Gnadenbild habe sich durch den Ruß der Kerzen schwarz verfärbt. Daher ließ man die Nachfolge-Madonnen aus schwarzem Holz arbeiten. Die Kunstgeschichte kann allerdings nachweisen,  dass im 13. Jahrhundert an vielen Stellen in Europa schwarze Madonnen aufgetaucht sind. Ohne Ruß und Kerzen. Ein Mysterium. Die Oggersheimer Madonna soll jedenfalls in Loreto geschnitzt worden sein.

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Eine Zusatz-Attraktion in der Weihnachtszeit: Die Klosterkrippe

Anfangs betreuten Jesuiten die Oggersheimer Kirche. Seit 1845 kümmern sich Patres der Franziskaner Minoriten um die Wallfahrt und um die Seelsorge im Ort. Derzeit leben im barocken Pfarrhaus drei polnische Franziskanermönche aus Krakau. Den Franziskanern verdankt die Wallfahrtskirche eine wunderhübsche Zusatzattraktion zur Weihnachtszeit: Die Oggersheimer Klosterkrippe.

 

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Die handgeschnitzten Figuren entstanden um 1930 in Bayern

Die Krippe entstand um 1930 und besteht aus vielen liebevoll geschnitzten Figuren mit ausdrucksvollen Gesichtern und beweglichen Gliedern. Der „Heimatkundliche Arbeitskreis“, der die Krippe seit 30 Jahren pflegt, inszeniert nicht nur die Weihnachtserzählung, sondern auch die Flucht nach Äypten, das Leben der Zimmermannsfamilie in Nazareth und die Hochzeit von Kanaa.

 

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Die Mayer-Brauerei und das Schillerhaus

Nach einer Andacht in der Kapelle machten wir uns auf den Weg zum Mittagessen. Nur wenige hundert Meter von der Wallfahrtskirche entfernt befindet sich das Brauhaus der Mayer Brauerei. Es liegt direkt neben dem Schillerhaus, in dem sich Friedrich einst vor seinen Mannheimer Gläubigern versteckte. Leider ist das Schillerhaus fast immer geschlossen. Mayer Bräu hingegen hat rund um die Uhr geöffnet. Man sitzt urig an langen Holztischen und genießt Spezialitäten aus der Pfalz zu hausgemachtem Kellerbier. Der Kellner stammt aus Kreta und spricht perfekt Pfälzisch.

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Streng bewacht: Der Bungalow von Alt-Bundeskanzler Kohl

Weil wir nun schon einmal in Oggersheim waren, schauten wir noch in der Marbacherstraße 11 vorbei. In diesem Flachdachbungalow lebt seit den Sechzigerjahren Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl. Das Haus gleicht noch heute einer Festung. Überall sind Videokameras befestigt, ein Polizeiauto stand vor der Tür. Für den Rückweg nahmen wir die Straßenbahn Nr. 4 bis zum Mannheimer Hauptbahnhof und stiegen dort um in die S-Bahn nach Heidelberg.

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