Abenteuer Mittelalter: Der Kaiserdom zu Speyer

2BahnhofkleinDer 21. Mai 2016 war ein makellos strahlender Frühsommertag. Mit einer kleinen, aber sehr feinen Gruppe brachen wir auf zum Rendevous mit den acht Kaisern in der Krypta des Speyerer Doms. Die  S 3 brachte uns in etwa einer Stunde direkt vom Heidelberger Hauptbahnhof zum Hauptbahnhof von Speyer. Bequemer geht es nicht.

ParkkleinAuf dem Bahnhofsvorplatz wandten wir uns rechts, überquerten eine vielbefahrene Straße und tauchten ein in die idyllische Ruhe des Adenauer-Parks. Im Mittelalter war hier der Friedhof von Speyer, wovon heute noch schöne alte Grabmale zeugen. Im Zentrum des Parks steht eine romanische Kapelle. Nach dem Stadtbrand von 1693 diente sie als evangelische Kirche. Heute ist sie leider fest verschlossen.

Domaußen2kleinWir folgten rechter Hand der Wormser Straße und gelangten schließlich durch die Korngasse auf die Maximilianstraße, die Speyerer Prachtstraße. Ihr Westende markiert das mittelalterlichen Stadttor „Altpörtel“, das wie durch ein Wunder die Zerstörung Speyers überlebt hat.  Im Osten erhebt sich seine Majestät: Der Kaiserdom. Er ist die größte erhaltene romanische Kirche der Welt und gehört zum „Weltkulturerbe“.

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Höchste Zufriedenheit durchflutet die Bewohner Speyers, wenn sie das Alter ihrer Stadt erwähnen können. Römische Aufzeichnungen notieren im Jahr 10 vor Christus ein Heerlager am Ufer des Rheins, etwa da, wo heute Speyer liegt. Mit einem rauschenden Fest feierte die Stadt Speyer 1990 ihren 2000. Geburtstag.

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Das Geburtstagsgeschenk des Bischofs war ein doppelt-überlebensgroßer Pilger aus Bronze, der längst zu einer Hauptattraktion in der Maximiliansstraße avanciert ist. Der Speyerer Dom ist von Alters her eine wichtiges Pilgerziel am Jakobsweg.

 

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Die Grenzlinie zwischen weltlicher und kirchlicher Macht markiert der steinerne „Domnapf“. Gelang es in früheren Zeiten einem Bösewicht, sich in den Napf zu flüchten, so ging er straffrei aus. Heute wird der Napf bei großen Ereignissen mit 1000 Litern kostenlosem Pfälzer Riesling befüllt. Letztmalig geschehen ist dies beim Amtsantritt von Bischof Karl-Heinz Wiesemann im Jahr 2008.

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Der Speyrer Dom ist überwältigend. 134 Meter lang, 33 Meter  hoch, 55 Meter breit – und tausend Jahre alt! Fünf Generationen von Handwerkern und Künstlern haben an dem Dom gearbeitet, den Kaiser Konrad II. 1027 in Auftrag gegeben hat. Als in Stein geformter Ausdruck seiner Macht und Würde. Und als Grablege für ein neues Kaisergeschlecht. Nachgeborene Historiker werden es „Die Salier“ nennen.

 

 

Dom2kleinKaiser Konrad II. entstammte einem reichen Grafengeschlecht aus Worms. Er wuchs ohne Eltern in der Obhut seines Großvaters und des Bischofs auf. Als Erwachsener überragte Konrad mit einer Körpergröße von zwei Metern all seine Landsleute. Eine gute Voraussetzung, wenn man König werden will.

 

Dom4kleinLesen und Schreiben hat Konrad nie gelernt, was seinem Selbstbewusstsein aber keinen Abbruch tat. Als im Juli 1024 die Herrschaft der Ottonen über das Deutsche Reich mangels männlicher Nachkommen endete, wählten ihn die deutschen Fürsten einstimmig zum neuen König. 1027 krönte ihn der Papst in Rom zum Kaiser.

 

 

 

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Konrads Reich war riesig. Es reichte von Sizilien über Burgund bis nach Holland. Und von Polen über Österreich bis nach Ungarn. Eine Hauptstadt gab es nicht. Um das Riesenreich zu regieren, war Konrad II. mit seinem Hofstaat zeitlebens auf Reisen. Speyer sah er nur zwei Mal: Bei der Grundsteinlegung des Doms 1027 und kurz vor seinem Tod 1039. Konrads Krone, die in seinem Sarg lag, schwebt heute um ein Vielfaches vergrößert über dem Chor des Doms.

Krypta1Die Frau an Konrads Seite hieß Gisela. Sie war etwas älter als ihr Mann, doch gebildet, klug und charmant. Eine große Liebe. Das Paar hatte drei Kinder: Heinrich III., Beatrix und Mathilde. Kaiser Konrad II. starb 1039 mit 49 Jahren, Gisela einige Jahre später. Beide ruhen Seite an Seite in der Krypta des Speyerer Doms. Sie gilt als die größte und schönste Unterkirche der Welt.

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Konrad lebte in dem Bewusstsein, von Gott zum Herrscher über die Welt berufen zu sein. Eine Trennung zwischen Staat und Kirche existierte so wenig wie der Zölibat für Priester oder Sonntagsmessen fürs Volk. Selbstverständlich war es der Kaiser, der  Bischöfe und Äbte auswählte oder absetzte. Eine Neuerung, die Konrad als oberster Kirchenherr einführte, hat übrigens bis heute Bestand: Der Kaiser legte fest, dass der 1. Advent am Sonntag zwischen dem 26. November und dem 3. Dezember gefeiert wird.

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Heinrich III., der zweite Salierkaiser, hatte von seiner Mutter Gisela eine ausgezeichnete Bildung erhalten. Gutaussehend und hochgewachsen trat er mit 22 Jahren das Erbe seines Vaters Konrad an. Eigentlich wunderbare Voraussetzungen, doch die Zeiten änderten sich gerade.

 

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In der Benediktinerabtei Cluny in Burgund hatte sich eine Bewegung gebildet, die sich „Zisterzienser“ nannte und genug hatte vom Lotterleben im Kloster. Die Zisterzienser kehrten zurück zur strengen Benediktsregel und verbaten sich jede Einmischung eines weltlichen Herrscher ihre monastische Angelegenheiten. Der Papst sollte künftig ihre Autorität sein. Die Bewegung verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Europa, die Forderung nach der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht wurde immer lauter.

1045 ritt Heinrich III. nach Rom, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. Die ewige Stadt befand sich in chaotischem Zustand. Der amtierende Papst hatte sich den heiligen Stuhl gerade erst  von seinem Vorgänger erkauft, als dieser sich entschlossen hatte zu heiraten.

Reliquien1kleinHeinrich befürchtete, dass sich die merkwürdigen Umstände der Papstwahl negativ auf sein Image als Kaiser auswirken könnten. Also setzte er den Papst ab und berief eine Synode ein. Das Ergebnis: Der Zölibat und das Armutsgebot für Priester wurde Pflicht, der Kauf von geistlichen Ämtern verboten. Zur Feier seiner Krönung erstand Heinrich III. in Rom eine kostbare Reliquie: Das Haupt von Papst Stephan I. Heute ist sie in der Seitenkapelle des Doms zu sehen.

Sarg4An seinem 39. Geburtstag starb Heinrich III. völlig überraschend. Sein Herz wurde in Goslar beigesetzt, der Leichnam liegt bei seinen Eltern in der Krypta des Speyerer Doms. Heinrich IV. war gerade mal sechs Jahre alt, als sein Vater starb. Dennoch krönte man ihn zum König, verheiratete ihn mit der fünfjährigen Berta von Turin und stellte ihn unter die Vormundschaft seiner Mutter Agnes.

Sarg5Was kein guter Zustand war, befand der Erzbischof von Köln. Kurzerhand ließ er den Jungen entführen und zwang Agnes, die Regentschaft abzugeben. Heinrich IV. wuchs am Hof des Erzbischofs auf, vor dem er zeitlebens Todesangst hatte. Eine traumatische Jugend, die Heinrich zu einem schwierigen Menschen machte.

Kaum war der König volljährig, verlangte er die Scheidung von seiner „Frau“ Berta. Doch der Papst lehnte das ab. Heinrich IV. arrangierte sich mit Berta, die bis zum Ende treu zu ihm hielt. Das Paar bekam fünf Kinder. Das Verhältnis zwischen König Heinrich IV. und der Kirche blieb zerüttet.

IMG_18521044 war der Dom zu Speyer nach zwanzigjähriger Bauzeit fertig gestellt worden. Kaiser Heinrich IV. jedoch, der sich gern und oft in Speyer aufhielt, fand die gewaltige Kathedrale viel zu klein, um seine Größe angemessen zu repräsentieren. Deshalb ließ er den gerade fertiggestellten Dom zu weiten Teilen wieder einreißen.

 

 

 

Domaußen2Beim Wiederaufbau wurde der Grundriss nach Westen verlängert. Die deutlich erhöhten Mauern trugen jetzt ein vollständig zur Kuppel gewölbtes Dach. Die größte Kirche der Welt! Ein deutliches Signal nach Rom. Von hier nämlich hörte man Töne, die Heinrich IV. gar nicht gefielen. Der Papst wollte es nicht länger tolerieren, dass der Kaiser die Bischöfe und Äbte einsetzt. „Investiert“ heißt das Fremdwort. Weshalb die Auseinandersetzung zwischen weltlicher und kirchlicher Macht als „Investiturstreit“ in Geschichte eingegangen ist.

 

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Heinrich IV. dachte gar nicht daran, dem Papst zu gehorchen. Er berief weiter Bischöfe seiner Wahl. Woraufhin Papst Gregor einen Kirchenbann über den Kaiser aussprach. Jetzt wurde die Sache ernst. Ein exkommunizierter Kaiser – das ging im Mittelalter gar nicht. Heinrich IV. hatte ein Problem. 1077 brach er schweren Herzens auf zu einem Bußgang über die Alpen nach Canossa, wo der Papst Quartier bezogen hatte. Obwohl der Winter bevorstand ging Heinrich zu Fuß. Die treue Berta und sein Sohn Konrad begleiteten ihn.

Domaußen1Der Bußgang war ein Erfolg. Papst Gregor löste den Bann. Heinrich IV. kehrte in sein Reich zurück – und ernannte sofort den nächsten Bischof. Woraufhin der Papst ihn wieder bannte. Als Kaiser Heinrich IV. 1106 starb, war er noch immer exkommuniziert. Er wurde daher nicht in der Krypta des Doms zu Speyer bestattet, sondern in der noch ungeweihten Afra-Kapelle. Erst Jahre später legte man ihn neben seine Frau Berta und seinen Sohn Heinrich V., mit dem die Dynastie der Salier endete.

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Die monumentalen klassizistischen Gemälde, die seit 2005 das Langhaus des Doms schmücken, entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Eine Gruppe junger deutscher Maler – genannt „Die Nazarener“ –  hatten beschlossen, die Kunst wieder in den Dienst der Religion zu stellen. Der Bayerische König Ludwig I., der Großvater des Neuschwanstein-Königs, protegierte die jungen Maler. Da die Pfalz bis 1947 zu Bayern gehörte, gab er ihnen den Auftrag, die Speyerer Dom komplett mit biblischen Szenen auszumalen. Bis 1960 leuchtete der romanische Dom klassizistisch-quietschbunt. Dann wurde die Nazarener-Malereien abgekratzt. Nur der Marienzyklus existiert noch.

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Edith Stein arbeitete nach ihrer Taufe von 1923 bis 1931 im Dominikanerinnen-Kloster St. Magdalena in Speyer als Lehrerin. 1932 verlies sie das Kloster, um in den Kölner Karmel „Maria vom Frieden“ einzutreten.  Sie wählten den Namen „Schwester Teresia Benedicta a Cruce“.

 

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1938 musste die Kölner Karmelitinnen bei Nacht vor den Nazi-Schärgen nach Holland fliehen. Dort wurde Edith Stein im August 1942 verhaftet, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Eine etwas düstere Bronze in der Taufkapelle des Speyrer Doms erinnert an die heilige Karmelitin mit den jüdischen Wurzeln.

 

PfortekleinPapst Franziskus hat 2016 zum „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ erklärt. Wie jede Bischofskirche der Welt besitzt deshalb auch der Speyerer Dom eine „Pforte der Barmherzigkeit“. Wer sie reinen Herzens durchschreitet, so sagt man, dem sind seine Sünden vergeben.

 

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Die Könige unten in der Krypta haben ihren ewigen Frieden offenbar noch nicht gefunden. Eine Sage erzählt von einem Fährmann, der die Reisenden über den Rhein brachte, bevor die Brücke gebaut wurde. Eines Nachts wurde der Fährmann unsanft geweckt. Vor ihm standen acht riesige Gestalten, die verlangten ans andere Ufer übergesetzt zu werden. Die Könige! Heute begnet man den wilden Herrschern als Bronzeplastik im Domgarten von Speyer. Wir passierten sie auf unserem Weg hinunter zum Rhein, …

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… wo wir idyllisch unter uralten Kastanien zu Mittag aßen. Das Restaurant mit dem großen Biergarten und direktem Blick auf die Rhein-Schiffe heißt „Alter Hammer“. Die Portionen sind riesig, die Preise sehr fair.

 

 

 

 

BernhardkleinAuf dem Rückweg zum Bahnhof machten wir noch Station an der „Friedenskirche“ St. Bernhard. 1954 war der Bau des Gotteshauses von französischen und deutschen Katholiken gemeinsam finanziert worden, als Zeichen für die für Aussöhnung zwischen den beiden Ländern.

 

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Der kleine Park hinter St. Bernhard dient als Friedhof für die Mitglieder des Speyerer Domkapitels. Im Schatten der Bernhardskirche finden sie ihre letzte Ruhestätte. Die S 3 brachte unsere kleine Wallfahrergruppe bequem zurück nach Heidelberg.