Durchbetete Mauern: Kloster Bad Wimpfen

Frauenwimpfen1Der 21. März 2015 brachte das Ende einer längeren vorfrühlingshaften Schönwetterperiode. Die Sonne schien zwar noch bei etwa 13 Grad, aber ein frischer Wind kam auf. Für den Nachmittag waren Regenschauer angekündigt.

Wir nahmen den Regionalexpress in Richtung Heilbronn bis Bad Friedrichshall Hauptbahnhof. Von dort erreicht man zu Fuß in etwa zehn Minuten die Neckarbrücke nach Bad Wimpfen. Der erste Blick auf das Kloster! Auf der Wimpfener Seite folgten wir der gelben Muschel des Jakobswegs am Neckar entlang.

BrückklosterkleinIm Hochmittelalter war das Bistum Worms eines der mächtigsten in Europa. Zu seinem Besitz gehörten auch der Neckargau, also das Gebiet um Heilbronn, der Kraichgau und der Odenwald. Bereits 965 ließ der Wormser Bischof in Wimpfen die romanische Kirche St. Peter und ein Chorherrenstift errichten. Hier lebte kein Konvent, sondern eine Gemeinschaft von Priestern, die sich um die Verwaltung der Länderreien des Bistums kümmerten. Die Chorherren fungierten auch als Richter.

Staufer1160 ließ sich Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa hoch oben auf dem Berg über Wimpfen eine Pfalz bauen. Palas, Kapelle, drei Türme und eine Ringmauer. Solche Pfalzen dienten dem Tross, mit dem Barbarossa unentwegt sein Riesenreich bereiste, als sichere Rastmöglichkeiten. Eine Art hochmittelalterliches Hotel.

 

PortalkleinMit der Kaiserpfalz hielt auch im Wimpfener Stift unten im Tal ein höfisch-intellektueller Lebensstil Einzug. Die Priester verschwanden. Ihre gut  gut dotierten Posten als Chorherren übernahmen die jüngeren, nicht erbberechtigten Söhne von Rittern. Das“Ritterstift Wimpfen“ war geboren.

 

 

 

GothikkleinMit den Rittern kam die mondäne Welt. Man hatte genug von der trutzigen Schwere der Romanik. Sorgte nicht gerade in Paris ein atemberaubender neuer Stil für Furore? Die Gotik. Federleichte, feinziselierte Steinmetzarbeiten. Hohe luftige Hallen. Große schmale Fenster mit eleganten Spitzbögen. Französische Baumeister wurden angeheuert, die den romanischen Bau abreißen und dem Wimpfener Stift den Look von Notre Dame verpassen sollten.

 

 

Fauenwimpfen2Glücklicherweise hat das nicht funktioniert. Kurz vor der Vollendung der neuen Stiftskirche ging den Chorherren das Geld aus. Es blieb nichts übrig, als das romanische Westportal zu behalten und notdürftig mit der gotischen Kirche zu verbinden. Stilkunde pur. Vorne das schwere, dunkle Frühmittelalter. Hinten das leichte, mobile Hochmittelalter.

 

 

Wimpfen innenDämmerlicht in St. Peter. Die bunten Fenster hüllen die Kirche in eine diffuse Stimmung der Transzendenz. Beim Näherkommen entdeckt man, dass die Miniaturen in den Fenstern das gesamte Leben Jesu erzählen – mitsamt der Verweise auf das Alte Testament.

 

 

 

Pieta Kloster Bad WimpfenImmer wieder stießen wir in St. Peter auf Kunstwerke von höchster Qualität wie diese Pieta aus dem 15. Jahrhundert. Die spannendste Entdeckung jedoch war die „Grabkammer Jesu“, die in die Rückseite des Altars eingelassen ist. Als wir im Funzellicht der Handys hinunter stiegen, glaubten wir tatsächlich einen Toten liegen zu sehen.

 

Maria Kloster WimpfenBeliebtes Wallfahrtsziel ist die Marienkapelle mit einer wunderschönen gotischen Madonna aus dem 15. Jahrhundert. Hier hielten wir Andacht, bis es uns zu kalt wurde. Richtig warm ist es in St. Peter nie. Jetzt, Ende März, war es noch eisig. Schnell raus in den gotischen Kreuzgang.

 

FranziskakleinStille. Eine schräg einfallende Sonne malt Lichtmuster auf den Sandsteinboden. Die Zeit scheint sich zu dehnen. Wo endet die Gegenwart? Wo beginnt die Vergangenheit? In diesen durchbeteten Mauern hallt das Echo von tausend Jahren nach.

 

 

WimpfenWandkleinAls mit Beginn des 14. Jahrhunderts die Zeit der Staufer zu Ende ging, interessierte sich niemand mehr für Stift Wimpfen. Das Kloster verlor in den Wirren der Bauernkriege und des Dreißigjährigen Krieges all seinen Landbesitz und verfiel. Lediglich die Kirche wurde noch notdürftig in Stand gehalten.

 

Frauenwimpfen3Fünfhundert Jahre später. 1947 irrten fünfzig Benediktiner aus der Abtei Grüssau in Schlesien durch Deutschland. Die Mönche hatten Schreckliches hinter sich. Ein Großteil des Konvents war von den Nationalsozialisten an die Front deportiert worden. Die Überlebenden wurden von den polnischen Truppen aus dem Land gejagt.

 

 

 

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Durch Zufall hörte der Grüssauer Abt vom ehemaligen Ritterstift in Bad Wimpfen. Es war spottbillig zu haben, glich aber einer Ruine. Die Benediktiner nahmen das Kloster und bauten es eigenhändig wieder auf. Fünfzig Jahre lang.

 

 

Wimpfenbaum2Dann begriffen die Mönche, dass ihre Gebete um Nachwuchs nicht erhört werden würden. Der Grüssauer Konvent starb aus. 2004 übernahm Abt Franziskus Heereman von der Benediktinerabtei Neuburg bei Heidelberg auch die Verantwortung für das Kloster Bad Wimpfen.

 

WimpfenhauskleinDas war die Rettung. Johannes Freiherr von Heereman nämlich, der Bruder des Heidelberger Abts, leitete damals den deutschen Malteser-Hilfsdienst. Gemeinsam entwarfen die beiden Brüder den Plan eines „Geistlichen Zentrums“. 2007 wurde es eröffnet. Heute tragen das Bistum Mainz, zu dem Wimpfen als Enklave gehört, und die Malteser das Projekt gemeinsam.

 

SchildkleinUnter der Leitung einer Pastoralreferentin kann man im „Geistlichen Zentrum Kloster Wimpfen“ das „Kloster auf Zeit“ ausprobieren. Man betet die Stundengebete und singt die Psalmen, es gibt Zeiten der Arbeit und Zeiten der Stille. Aber es gibt auch ein tipptopp saniertes Bildungshaus mit eigenem Kursangebot und 40 Gästezimmern.

 

 

MagnolienkleinIn der Mitte des gotischen Kreuzgangs wächst eine uralte Magnolie. Sie blüht, sagt die Legende, stets an Ostern. Es könnte etwas Wahres dran sein. Wir waren zwei Wochen vor Ostern in Bad Wimpfen und konnten schon zaghafte rosa Knospen entdecken.

 

 

 

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Der Aufstieg in die Wimpfener Altstadt oben auf dem Berg dauert zu Fuß etwa eine halbe Stunde. Aber diese Anstrengung lohnt sich.

 

 

 

FachwerkDer mittelalterliche Stadtkern, in dem sich stattliche Facherwerkhäuser mit den Resten der einstiegen Kaiserpfalz mischen, steht komplett unter Denkmalschutz. Man kann stundenlang gehen und staunen.

 

 

Wlsir kehrten im „Kräuterweible“ ein. Das urige Gasthaus am Aufgang zu Marktplatz ist laut Speisekarte „berühmt für seine knusprigen Hähnchen und saftigen Steaks“. Wir saßen sehr gemütlich und vor allem warm. Das Essen war ordentlich.

Weil auf der Bahnstrecke Bauarbeiten durchgeführt wurden, nahmen wir den Bus bis Bad Rappenau, dann die S-Bahn nach Sinsheim und schließlich die S-Bahn, die uns nach Heidelberg zurück brachte.

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