Im Schutz der Bestien: Der Dom von Worms

Worms1Der 27. August 2016 war ein wolkenloser Hochsommertag. Am Nachmittag kletterte das Thermometer auf 33 Grad. Eine fröhliche Gruppe fuhr mit der S2 vom Heidelberger Hauptbahnhof nach Mannheim, um dort in den sensationell bequemen Regionalexpress Richtung Mainz umzusteigen. Wir saßen an Vierer-Tischen und hätten vor lauter Gemütlichkeit beinahe vergessen, in Worms auszusteigen.

Luther2Die Wilhelm-Leuschner-Straße ist eine Fußgängerzone mit erstaunlich viel Ramsch. Sie führt vom Bahnhof  direkt in die Innenstadt. Überquert man den Lutherring, so gelangt man in eine Anlage, deren Mittelpunkt das angeblich größte Lutherdenkmal der Welt bildet. Zwölf Meter hoch steht der Reformator auf seinem Sockel und blickt hinab auf die Stadt, in der er einst dem Kaiser wie dem Papst den Krieg erklärt hat: „Hier stehe ich und kann nicht anders“.

 

heylshofpark-putte-blick-auf-dom_Foto-R-Uhrig-5674682fa9fc183ga3051692dd6789aaDoch Martin Luther ist heute nicht unser Thema. Wir durchqueren den barocken Park des Kunstmuseums Heylshofs und treten durchs Hintertürchen hinaus auf den westlichen Vorplatz des Doms.

 

 

Worms1011018, so die Schätzung, wurde der Wormser Dom geweiht. Als Patron wählte man den Apostel Petrus wie beim Petersdom in Rom. Was durchaus mit Absicht geschah. Bischof Burchard nämlich, der Bauherr des Doms, war ein ehrgeiziger Mann. Er strebte nach Ruhm und Einfluss im Deutschen Reich, das zu dieser Zeit von Italien über Frankreich und Ungarn bis zur Nordsee reichte.

 

 

 

 

Wormsneu1Aufgewachsen ist Burchard als Sohn einer reichen Adelsfamilie in Nordhessen. 993 avancierte er zur rechten Hand des einflussreichen Mainzer Erzbischofs Willigis. Dieser pflegte direkten Kontakt zum Kaiser und machte Burchard mit den wichtigsten Männern im Land bekannt.

 

 

 

Umso enttäuschter war Burchard, als Wormsneu2nicht er zum Bischof von Worms gewählt wurde, sondern sein älterer Bruder Franko. Doch dann geschah Seltsames. Sowohl Franko als auch zwei weitere Anwärter auf den Wormser Bischofsstuhl starben kurz vor ihrer Weihe. Jetzt war der Weg frei für Burchard. Im März des Jahres 1000 erhielt er Ring und Stab.

 

 

 

 

SaliergruftFrischgeweiht machte sich Buchard daran, die salischen Herzöge aus Worms zu vertreiben, die in einer Burg am Ostende der Stadt residierten. Wie bedeutend die Salier waren, zeigt die Tatsache, dass sie im Wormser Dom ihre Grablege haben. Dieses Privileg steht eigentlich nur Kaiser und Königen zu.

 

 

Gruft1Einem Bischof Burchard jedoch waren auch die Salier nicht gewachsen. 1002 verhalf der Wormser Oberhirte dem Bayerischen Herzog Heinrich durch raffiniertes Taktieren zur deutschen Königskrone. Zum Dank siedelte König Heinrich II. die Salier um.  In ein Schloss nach Bruchsal.

 

 

Gruft2Kaum waren die Salier weg, ließ Burchard ihre Wormser Burg abreißen und „mit demselben Bauholz und denselben Steinen“ eine Paulskirche erbauen. Heute ist St. Paul ein Dominikanerkloster.

 

 

Jetzt begann die Blütezeit von Worms. Die Stadt lag verkehrsgünstig am Rhein und war mit einem milden Klima gesegnet. Wein gehörte von jeher zu den wichtigsten Handelsgütern. Burchard baute eine Stadtmauer, gründete Klöster und erließ eine Verfassung. Fehlte nur noch das Insignium seiner Macht: Ein Dom.

120px-Wormser_Dom_Merowingische_BasilikaWorms ist eine sehr alte Stadt. Schon 5000 vor Christus haben Menschen hier gesiedelt. Seit dem 4. Jahrhundert gibt es in Worms eine Kathedrale. Die Stadt ist damit einer der ersten Bischofssitze Deutschlands. Zur Zeit Burchards existierte ein merowingischer Dom, der um das Jahr 600 auf den Fundamenten eines römischen Forums errichtet worden war.  Viel zu klein für eine Lichtgestalt wie Burchard.

 

 

120px-Wormser_Dom_BurcharddomEr ließ den Merowingerdom niederreißen und an gleicher Stelle eine romanische Kathedrale errichten. Eine Kirche wie eine Burg. Massive Mauern mit kleinen runden Fenstern, die kaum einen Strahl Tageslicht einfallen ließen. Ein drei Meter hoher „Lettner“ schnitt den Altarbereich vom Volk ab.

 

 

 

IMG_3280_2Heute sind von Burchards Dom nur noch einige wenige Mauerreste erhalten. Der Grundriss dieses ersten Doms entsprach jedoch weitgehend dem der heutigen Kathedrale. Wahrscheinlich hat man die Fundamente wiederverwendet.

 

 

 

 

 

Burchards Dom2 - 1Der Wormser Dom stand nie frei. Im Nordwesten schloss sich ein stattlicher „Bischofshof“ an, in dem auch die Kaiser und Könige residierten, wenn sie sich in Worms aufhielten. Von diesem Gebäude zeugen heute nur mehr Bruchsteine. Im Süden grenzten ein Kreuzgang und die zehneckige Johanniskirche an den Dom. Beides wurde 1807 abgebrochen. Zugunsten einer Grünanlage.

 

 

 

Burchards GrabIm Jahr 1025 erkrankte Bischof Burchard I. an der Ruhr und starb. Er liegt im Westchor des Wormser Doms bestattet.

 

 

 

 

 

Christophorus - 1Von der ursprünglichen frühromanischen Ausstattung des Doms ist fast nichts mehr erhalten. Einzig eine riesige Christophorus-Darstellung aus dem 12. Jahrhundert lässt erahnten, wie der Dom einst ausgemalt war. Der Christophorus ist das älteste romanische Fresco in Nordbaden und der Pfalz.

 

 

 

 

 

Burchards Dom - 1Burchards Dom überlebte kaum ein  Jahrhundert. Um 1120, beschloss Bischof Burchard II., genannt „Buggo“, die Kathedrale Stück für Stück abreißen und neu aufbauen zu lassen. Höher, weiter, gewaltiger.

 

Worms33Das Westwerk, das beim früheren Dom noch sehr schlicht ausgeführt war, baute man nun doppelt so hoch. Alle Türme erhielten Spitzdächer, Fenster, umlaufende Galerien und reichen Zierrat.

 

 

 

 

Christophorus - 1 (2)Auch im Inneren wirkte der Dom nun prunkvoll. Der Ostchor besaß eine Kupel mit Galerie, …

 

 

 

IMG_3159… das Langhaus ein opulentes Kreuzgradgewölbe, ….

 

 

 

Westchor… und der Westteil des Doms einen zweiten Chor. Einen Westchor! Bis heute weiß niemand, wozu dieser Chor gut sein sollte. Normalerweise folgt der Aufbau eines mittelalterlichen Doms klaren Regeln: Im Osten, in Richtung Auferstehung, steht der Altar in einem prunkvollen Chorraum. Aus Westen wehrt das trutzige Westwerk das Böse ab. Wozu braucht man hier einen Chor mit Kuppel und Apsis? Das Geheimnis der Kathedrale.

 

 

 

 

Dämonen1 - 1Weltweit einmalig sind die Bestien, die überall auf den Fenstersimsen lauern. Hier sieht man die Ostwand. Viele dieser Fabeltiere sind so plastisch dargestellt, dass man befürchtet, sie könnten jeden Moment losspringen.

 

 

 

Dämonen2 - 1Die Figuren entstanden um 1130 und sind die ältesten erhaltenen romanischen Bestien der Welt. Sie waren natürlich nicht dafür gedacht, Gläubige vom Kirchgang abzuschrecken. Sondern die Tiere dienten im Gegenteil zum Schutz des Gotteshauses vor den Mächten des Bösen.

 

 

 

WormsLöwe2 - 1Die Menschen des Hohen Mittelalters glaubte fest an die leibliche Existenz von umherschwirrenden Dämonen. Die Bestien auf den Fenstersimsen sollten diesen unreinen Geistern den Zutritt zur Kirche verwehren.

 

 

 

Romanische Figuren - 1Worms ist der einzige Kaiserdom mit figürlichen Darstellungen aus der Romanik. Das findet man weder in Speyer noch in Mainz.

 

 

 

 

WormsGotik - 1Kaum war „Buggos“ spätromanischer Dom vollendet, hatte die Geschichte ihn schon überholt. Die Gotik trat von Frankreich aus ihren Siegeszug an. Die Steinmetze zauberten plötzlich feinziselierte Figuren, die unendlich viel weiterentwickelter waren, als die kantigen romanischen Werke.

 

 

 

WormsGotik2 - 1Das Südportal des Wormser Doms ist gotische Steinmetzkunst in höchster Vollendung. Hauchzart wie Papier und lebensecht bis in die Fingerspitzen …

 

 

 

 

 

 

WormsDomGotik - 1… umrahmen Heilige und Stifter den hohen spitzen Bogen mit dem Maßwerkfenster.

 

 

 

 

 

 

WormsGotik5 - 1Bekrönt wird das Südportal von einer sehr seltsamen Figur. Eine Königin reitet auf einem Tier mit vier Köpfen: Man erkennt einen Engel, einen Stier, einen Löwen und einen Adler.

 

 

 

Köpfe - 1Das sind natürlich die Symbole der vier Evangelisten. Weshalb man messerscharf geschlossen hat, dass es sich bei der Reiterin um die „Ecclesia triumphans“, um die „triumphierende Kirche“, handeln muss.

 

 

 

WormsBarbarossa - 11184 verlieh Kaiser Friedrich Barbarossa der Siedlung am Rhein das Stadtrecht.  Worms war jetzt eine von sieben freien Städten im Deutschen Reich. Die Bronzeurkunde hing jahrhundertelang über dem Nordportal. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg jedoch wurde die Platte von den Französischen Soldaten gestohlen. Heute gibt es nur noch eine Kopie.

 

 

WormsBarock1 - 1Womit wir bei der schwärzesten Stunde im langen Leben unseres Doms wären. 1689 brannten die Truppen des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. Worms bis auf die Grundmauern nieder. Auch das Dach des Doms fing Feuer, glühende Balken stürzten ins Kirchenschiff und zerstörten die gesamte Innenausstattung.

 

 

WormsBarock3 - 1Nicht ein Stück ist übrig geblieben aus romanischer und gotischer Zeit. Im 18. Jahrhundert entschloss man sich, dem Dom eine neue, hochwertige barocke Ausstattung anpassen zu lassen. Den Auftrag erhielt der bedeutendste barocke Baumeister Süddeutschlands: Balthasar Neumann in Würzburg.

 

 

WormsBarock2 - 1Dass sich Balthasar Neumanns Rokoko-Chor so perfekt in die spätromanische Kirche einpassen würde, hätte niemand für möglich gehalten. Was vielleicht auch an der strikten Beschränkung auf die Farben Schwarz und Gold liegen mag.

 

 

 

WormsBarock4 - 1Der Hochaltar aus Holz erhebt sich über einem steinernen Unterbau mit Säulen. Sie tragen den kunstvollen goldenen Baldachin. Es wimmelt nur so von goldenen Putten, die allerlei Unsinn treiben. Die Grenzen zwischen Barock und Rokoko fließen.

 

 

 

WormsBarock5 - 1Das geschnitzte Chorgestühl zeigt in den Brüstungsfeldern alle Musikinstrumente, die für ein barockes Orchester notwendig waren. Direkt unter dem Chorraum liegt die Krypta der Salier.

 

 

 

 

Fenster2 - 1Martin Luther wird man in Worms übrigens nie wirklich los. Kurz bevor wir den Dom durch das Südportal verließen, fiel unser Blick auf das Fenster in der nächstliegenden Kapelle. Und wen sehen wir da: Luther im Streit mit Kaiser Karl V. vor dem Reichstag. „Hier stehe ich und kann nicht anders.“

 

 

 

Wallfahrerinnen - 1Nach so viel Kultur brauchten wir natürlich ein wenig Entspannung.

 

 

 

 

 

portofinoIm „Ristorante Portofino“ saßen wir angenehm im Schatten und hatten sogar Domblick. Es gab riesige Pizzen zu sehr fairen Preisen.

 

 

 

ADAMI_Eisbecher_Theke_kAuf dem Rückweg zum Bahnhof gönnten wir uns noch ein paar Mammut-Eisbecher bei „Adami“ auf dem Obermarkt. Die S2 brachte uns gemütlich zurück zum Heidelberger Hauptbahnhof.