Preisgekrönte Architektur: Der Letzenberg

Auf dem Letzenberg bei Malsch steht ein achteckiges Kirchlein mit spektakulärem Rundblick

Zum „nordwestlichsten Eckpfeiler des Kraichgaus“ führte unsere dritte Heidelberger Frauenwallfahrt. Der Letzenberg erhebt sich 244 Meter hoch über dem Weinörtchen Malsch bei Wiesloch. Seit 1902 steht hier oben eine Wallfahrtskapelle, geweiht der „Schmerzhaften Gottesmutter“. Mindestens so spektakulär wie das Kirchlein ist der Rundblick vom Letzenberg aus. Bei klarem Wetter blickt man weit über die Rheinebene und das unvermeidliche Kernkraftwerk Philippsburg hinweg gen Frankreich. Hauptwallfahrtstage sind der erste Sonntag im Mai und der dritte Sonntag im September. Am letzten Septembersonntag reitet der Kraichgau hinauf zum Letzenberg. Denn auch die Pferde wollen gesegnet sein.

 

Angesengter Barock:
Die Pfarrkirche St. Juliana

Der 17. Mai 2014 war ein klarer Frühsommertag. Cumuli zogen in friedlicher Prozession am blauen Himmel dahin. Die Stimmung glich der eines nordischen Sommertags. Mit der  S 3 fuhren wir vom Heidelberger Hauptbahnhof bis Rot-Malsch. Dort wartete abfahrbereit der Bus 702, der uns rasch nach Malsch brachte. Normalerweise steigen Pilger an der Haltestelle „Gasthof Rose“ aus. Aber an unserem Wallfahrtstag war die Ortsdurchfahrt gesperrt. Malsch bereitete sich auf das große Weinfest vor, das am Abend eröffnet werden sollte. Der „Gasthof Rose“ existiert übrigens nur noch als Name einer Bushaltestelle. Im wirklichen Leben wurde das Lokal längst in „Route 66“ umgetauft.

 

Erbstück aus Zeutern: Der St. Martins-Altar

Als erste Station unserer Pilgerwanderung besuchten wir die katholische Pfarrkirche St. Juliana. Die heilige Juliana musste ein schreckliches Martyrium durchleiden, bevor sie enthauptet wurde. Immerhin beförderte sie zwischendrin den Teufel eigenhändig in die örtliche Latrine. Eine tatkräftige Frau. Leider konnte auch Juliana nicht verhindern, dass die katholische Kirche von Malsch in der Nacht zum 23. Juni 1972 Feuer fing und die gesamte barocke Inneneinrichtung verbrannte. Darunter waren zwei Seitenaltäre aus dem ehemaligen Karmeliterkloster in Heidelberg. Nur die Außenwände der Kirche überlebten den Brand. Die heutige barocke Ausstattung stammt aus der alten Pfarrkirche St. Martin in Zeutern. Die Zeuterer haben sich eine moderne Kirche gebaut.

 

Gotische (?) Schönheit von unbekannter Herkunft

Auf den Geschmack gekommen, sammelte das katholische Malsch in den folgenden Jahren weiter fleißig Findelkinder ein. Diese Madonna beispielsweise stammt aus Wertheim und wurde in einem Weinfass zu ihrem neuen Zuhause transportiert.

 

 

 

 

 

Der Aufstieg beginnt

Was nicht bedeutet, dass die Malscher erst nach dem Brand begannen, sich in der Welt umzusehen. Das taten sie auch schon zuvor. „Vermutlich etwas neidisch blickte man gegen Süden, wo auf dem Michaelsberg südlich Bruchsal eine so markante und schmucke Wallfahrtskapelle den Horizont zu den nördlichen Schwarzwaldbergen abschließt“, notiert der Kirchenführer. Eine solche Wallfahrtskapelle auf dem Letzenberg: Das wäre es. Doch wie sie finanzieren?

 

 

Den Kreuzweg gab es schon vor dem Bau der Kapelle.

Die Gemeinde beschloss, langfristig zu denken. 1883 errichtete man erst einmal einen Kreuzweg mit 14 Stationen aus Terrakotta auf massiven Eisenpfosten durch die Weinberge hinauf zum Letzenberg.

 

 

 

 

 

Anno 1888 hat er den Mainzer Bischof so beeindruckt, …

Im Laufe der Jahre setzten Wind und Wetter, Schnee, Eis und Hitze den Stationen sehr zu. 1940 wurde der ursprüngliche Kreuzweg durch eine Steinmetzarbeit ersetzt.

 

 

 

 

… dass er die Malscher ausdrücklich zum Bau einer Wallfahrtskapelle aufforderte.

Dem Mainzer Bischof Paul Leopold Hafner, der 1888 als Firmspender nach Malsch gekommen war, gefiel der Kreuzweg so sehr, dass er oben begeistert ausgerufen haben soll: „Hier müsst ihr eine Kapelle bauen! Wenn sie fertig ist, komme ich und weihe sie euch ein.“ Sofort begannen die Malscher, Geld zu sammeln. „Malsch zählte 1900 insgesamt 1529 Einwohner, hiervon waren 1400 katholisch“, vermerkt der Kirchenführer.

 

Der ungewöhnliche Entwurf für die Letzenberg-Kapelle …

Anfang 1898, zehn Jahre nach dem Besuch des Bischofs, hatten die ehrgeizigen Malscher 8000 Mark zusammengetragen. Das sollte für den Kapellenbau erst einmal reichen. Also machte man sich an die Planung. „Eine von der alltäglichen Bauweise abweichende Kapelle“ sollte es werden. Acht Ecken, im modernen neuromanischen Stil, eine Apsis, ein seitlicher Glockenturm, eine außenhängende Kanzel.

 

 

 

 

… gewann bei der Bauaustellung in Dresden die Goldmedaille.

So modern war der Entwurf für die Letzenbergkapelle , dass ihn das Erzbischöfliche Bauamt sogleich zur Deutschen Bauaustellung in Dresden schickte.  Die sächsische Architektenjury überreichte den Kraichgauern tatsächlich eine Goldmedaille, verschlampte aber die Originalpläne. Erst 1901 konnten die Bauarbeiten endlich beginnen. Bischof Hafner war zwei Jahre zuvor gestorben.

 

 

 

Jeden Dienstag wird hier oben Eucharistie gefeiert.

Für die Kapelle wurden ausschließlich Sandsteine aus Malscher Steinbrüchen verwendet. Jeder Stein und jeder Eimer Wasser musste mühsam mit Pferdefuhrwerken den Berg hinaufbefördert werden. An Sonntag, den 3. Mai 1903 wurde die Kapelle geweiht. Zwischen Frühjahrs- und Herbstwallfahrt wird hier jeden Dienstag um 19 Uhr Eucharistie gefeiert.

 

 

Seit 2009 gehört der Letzenberg zum Camino, zum Jakobsweg.

Zur Letzenbergkapelle kann man entweder von Malsch oder von Malschenberg aufsteigen. Wir entschieden uns für Malsch. Die asphaltierte Letzenbergstraße beginnt zwischen der Volksbank und dem ehemaligen Gasthaus Rose. Der Aufstieg ist sehr bequem, leider muss man beständig mit überholenden Autos oder Fahrrädern rechnen.  Von Malschenberg aus hat mehr Ruhe aber keinen Kreuzweg.

 

 

 

 

Die gelbe Muschel findet man an seltsamsten Orten.

Seit September 2009 liegt die Letzenbergkapelle an einem offiziellen Teilstück des Camino, des Jakobswegs. Der Streckenabschnitt führt von Rothenburg ob der Tauber bis nach Speyer. Die gelbe Muschel auf blauem Grund begegnete uns an den merkwürdigsten Stellen.

 

 

 

 

 

Station acht: Jesus und die Frauen.

Achte Station: Jesus und die Frauen.

 

 

 

 

 

 

Die „Sieben Schmerzen Mariens“

Das prunkvolle Mosaik über der Eingangstür zur Kapelle schuf ein Bildhauer aus Innsbruck. Es zeigt die „sieben Schmerzen Mariens“, die wie Schwerter ihr Herz durchbohren: Die Weissagung Simeons, die Flucht nach Ägypten, das verlorene Jesuskind in Jerusalem, die Begegnung mit dem Sohn auf dem Weg zum Kreuz, das Ausharren unter dem Kreuz, die Abnahme vom Kreuz und schließlich die Grablegung Jesu.

 

Die Pieta hinter dem Altar.

So reich verziert die Letzenbergkapelle außen ist, so schlicht und sparsam ist sie innen ausgestattet. Fünf Bleiglasfenster zeigen Stationen aus dem Leben Jesu. Eine Pieta steht über dem Altar, die Statuen vom Erzengel Michael und von Josef mit dem Kind schmücken die Seitenwände.

 

 

 

 

 

St. Wendelin

Ein ehemaliger Mesner stiftete 1980 die farbige Statue des Heiligen Wendelin. Wendelin war ein schottischer Königssohn, dem sein Vater als Strafe für seine religiösen Neigungen befahl, die Schafe zu hüten. Mit 20 Jahren wollte Wendelin nach Rom wallfahren, kam aber nur bis Trier, wo er sich als Hirte bei einem Edelmann verdingte. Täglich trieb Wendelin das Vieh zu einem weit entfernten Berg, wo er gern betete.  Die Mönche vom nahegelegenen Kloster Tholey beobachteten den frommen Mann und wählten ihn zum Nachfolger ihres verstorbenen Abtes wählten, obwohl er kein Priester war. Wendelin wird gern mit Kuh dargestellt und heute als Patron des Naturschutzes verehrt.

 

Bus 705 nach Wiesloch

In Malsch soll es zwei gute Besenwirtschaften geben. Sie haben allerdings unregelmäßige Öffnungszeiten. Wir fuhren mit dem Bus 705 von Malschenberg nach Wiesloch, wo wir im „Cafe Central“ einkehrten. Der temperamentvolle hat spanische und türkische Wurzeln. Er war, wie er berichtete, schon mit einer Ungarin und einer Polin verheiratet. Seine jetzige Frau stammt aus der Türkei. Entsprechend international ist die Speisekarte. Es gibt eigentlich alles. Und Sonderwünsche werden auch erfüllt. Im Hinterzimmer künden etliche Billardtische vom Nachtleben im „Central“. Was den Wirt nicht davon abhält, im Obergeschoss noch ein kleines Hotel zu betreiben. Der Bus 723 brachte uns wohlbehalten vom Wieslocher Schillerpark nach Leimen, wo die Straßenbahn Nummer 5 wartete.

 

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