Ein Idyll mit Schönheitsfehlern: Kloster Waghäusel

Fünf Kilometer trennen das Atomkraftwerk Philippsburg und Kloster Waghäusel

Die erste Wallfahrt führte zur „Mutter mit dem gütigen Herzen“ in der Klosterkirche von Waghäusel.

Im Jahr 1435, so erzählt die Legende, fand ein Schäfer in einer hohlen Eiche am Ufer des Wagbaches eine kleine steinerne Marienstatue mit Jesuskind.

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Die „Mutter mit dem gütigen Herzen“

Hocherfreut trug er die Madonna nach Hause, betete und ging schlafen. Als der Schäfer erwachte, war die Madonna verschwunden. Der Mann suchte und entdeckte die Statue in jenem Baum, in dem er sie am Tag zuvor gefunden hatte. Wieder nahm er sie mit nach Hause, wieder fand er sie am Morgen in der Eiche.

Da wurde es dem Schäfer zu dumm und er beschloss, das Marienbild zu zerstören. Er griff zum Hammer, als plötzlich eine Stimme vom Himmel zu ihm sprach: „Halte ein! Zerschlag’s nicht!“ Der Schäfer erschrak gar sehr und gelobte, dem Bildnis ein Häuslein zu bauen. Just hier bei der Eiche. Aus dem Bildstock wurde eine Wallfahrtskirche, aus der Wallfahrtskirche ein Kloster.

Willkommen in einer „große Kreisstadt“mit Dorfcharakter

Von Hinweisschildern keine Spur:
Der Bahnhof Waghäusel

Waghäusel liegt exakt auf halbem Weg zwischen Bruchsal und Speyer. Bis Heidelberg sind es 30 Kilometer. Man nimmt die S-Bahn nach Mannheim und steigt dort in die Regionalbahn, die über Hockenheim und Schwetzingen nach Karlsruhe fährt. Insgesamt beträgt die Fahrzeit nicht ganz eine Stunde.

Waghäusel behauptet, eine „Große Kreisstadt“ zu sein. Davon ist vor Ort allerdings nichts zu spüren. Was wohl an der merkwürdigen Zusammenstellung der „Stadt“ liegt: Sie besteht aus den drei Gemeinden Wiesental (9900 Einwohner), Kirrlach (9500 Einwohner) und Waghäusel (1200 Einwohner). Das Kloster liegt vor den Toren des Dorfes Waghäusel. Früher wuchs hier der dichte Lußhardwald. Heute gibt es Schnellstraßen, Gewerbegebiete und den Friedhof.

Überraschung: Ein barockes Schlösschen …

Überraschung! Plötzlich steht man vor einem Schloss.

Der 1. Februar 2014 war ein gräulich-trüber Tag. Aber glücklicherweise war es weder kalt, noch regnete es. Vergebens suchten wir am Bahnhof von Waghäusel nach einem Wegweiser zum Kloster. Ein freundlicher Passant half schließlich weiter.

Man geht durch eine Unterführung unter der Bahnlinie hindurch, folgt dem mäandernden Wagbach und gelangt schließlich völlig überraschend auf eine prachtvolle Allee. Sie führt zur „Eremitage“. Das barocke Schlösschen diente einst den Fürstbischöfen von Speyer als Jagdsitz.

… inmitten von Rübensilos

Leider hat es zwei Schönheitsfehler: Die Silos der ehemaligen Zuckerfabrik

Leider hat das Idyll einen Schönheitsfehler.  1837 kaufte die „Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation“ die leerstehende Eremitage. In den ehemaligen Park baute man Fabrikgebäude, im Schloss wurde die Verwaltung untergebracht. Die gigantischen Rübensilos der Zuckerfabrik platzierte man unmittelbar neben das Barockschloss. 1995 gab die Südzucker AG den Standort Waghäusel auf. Die Silos blieben. Industrierelikte.

Einst Landsitz des Fürstbischofs, jetzt Standesamt: Die Eremitage

Beim Näherkommen erkennt man, wie wunderschön die Eremitage von Waghäusel ist. 1997 verkaufte die Südzucker AG das Schloss an die Stadt Waghäusel, die es momentan mit Zuschüssen vom Land Baden-Württemberg umfassend saniert. Künftig soll die Eremitage für Kunstausstellungen und als Standesamt genutzt werden.

 

Der „Belvederesaal“ besaß einst 16 Kamine

Die Geschichte Waghäusels auf einen Blick:
Hier Barockes Landschloss, dort Zuckerfabrik

Damian Hugo Philipp von Schönborn, Fürstbischof von Speyer, war es, der 1720 beschloss, in unmittelbarer Nähe zu seiner Lieblings-Wallfahrt ein barockes Jagdschlösslein errichten zu lassen. „Eremitage“ ist französisch und bedeutet „Einsiedelei“. Was ein wenige geflunkert ist. In der Eremitenhütte des Bischofs recht ließ es sich außerordentlich komfortabel leben.  Allein der „Belvederesaal“ mit dem Fensterkranz im Obergeschoss besaß 16 Kamine.

Große Pläne: Die Industriebrache soll sich in ein „Haus der christlichen Nächstenliebe“ verwandeln

 

Einst schritt man durch einen sorgfältig choreographierten barocken Garten mit Beeten und Reitwegen von der Eremitage zur Wallfahrtskirche. Heute stapft man durch Industriebrache, Baugruben und Pfützen.

 

 

Nur die Madonna überlebte den Brand

Ein Blick in die Wallfahrtskirche Waghäusel

Die erste Wallfahrtskapelle am Wagbach wurde 1473 erbaut und in den folgenden Jahren unentwegt erweitert. Von all dem ist heute nichts mehr zu sehen. In der Nacht vom 14. zum 15. November 1920 brannte die Wallfahrtskirche bis auf die Grundmauern nieder. Erhalten blieb nur das gemauerte gotische Gewölbe, in dem die Madonna steht und das Gnadenbild selbst. Es misst lediglich 40 Zentimeter und dürfte um 1430 entstanden sein.

Die heutige Kirche stammt aus dem Jahr 1921. Der Chorraum wurde 1984 neu gestaltet. Die Chorfenster hat der Neckarsteinacher Künstler Valentin Feuerstein 1960 entworfen.

„Was? So klein?“: Die Madonna von Waghäusel misst nur knapp 40 Zentimeter

Bei unserer Ankunft ging die Beichtgelegenheit gerade zu Ende. Die  Kirche leerte sich, so dass wir in Ruhe unsere Andacht halten konnten.

 

 

 

 

Vor der Tür parkt das „Beichtmobil“ der Priestermönche

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Das „Beichtmobil“: Pater Hermann-Josef macht damit auf Marktplätzen Station

Der Bischof von Speyer übertrug schon im 17. Jahrhundert dem Kapuzinerorden die Obhut über die Wallfahrt von Waghäusel. Die Mönche haben diesen Auftrag bis 1999 treulich erfüllt. Dann übergaben die Kapuziner das Kloster Waghäusel an die Kongregation der „Brüder vom gemeinsamen Leben“, die zu den Augustiner-Chorherren gehören. Augustiner sind in der Regel Priestermönche. Im Kloster Waghäusel leben zur Zeit vier Patres und ein Bruder.

Wenn das „Beichtmobil“ vor dem Kloster parkt, weiß man, dass Pater Hermann-Josef Hupka zu Hause ist. Der Augustiner-Chorherr fährt seit 2004 im Auftrag des Vereins

„Kirche in Not“ mit dem mobilen Beichtzimmer durch Deutschland. Er hält auf Markplätzen und vor Fußballstadien, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, spontan zu beichten. Großen Zulauf hat das Beichtmobil bei kirchlichen Großveranstaltungen wie dem Weltjugend- oder dem Katholikentag.

Die Vision für das Kloster: Ein „Haus der christlichen Nächstenliebe“

Das neue Gästehaus des Klosters soll im Herbst 2014 eröffnet werden

Die Sehnsucht nach Auszeiten im Kloster ist in den letzten Jahren beständig gestiegen. Auch in Waghäusel ist die Nachfrage sowohl von Gruppen wie auch von Einzelgästen groß. Zu groß für die beschränkten Kapazitäten. Deshalb baut der Konvent gerade ein neues Gästehaus, das Ende 2014 fertig sein soll.

Die „Brüder vom gemeinsamen Leben“ haben eine Vision für ihr Kloster. Es ist eine große Vision. Ein „Haus der christlichen Nächstenliebe“ wollen sie bauen. In diesem Haus sollen „Menschen zusammen leben, die ihre geistliche Berufung bislang nicht leben konnten“. Das mögen Alleinstehende sein oder Paare, Männer oder Frauen, Alte oder Junge, ja sogar Familien. Sechs 1- bis 3-Zimmer-Wohnungen sind im ersten Bauabschnitt geplant. Spenden werden dringend benötigt.

In Waghäusel gibt es übrigens kein Gasthaus. Wer einkehren will, muss nach Kirrlach oder Wiesental weitergehen. Wir fuhren zurück nach Mannheim.

2 Gedanken zu „Ein Idyll mit Schönheitsfehlern: Kloster Waghäusel

  1. In ihrem badischen Skizzenbuch „Und zeigt ihm Berg und Strom und Land“ widmen Chefredakteur der früheren evangelischen Kirchenzeitung „Aufbruch“, Ludwig Wien und Grafiker Bruno Kröll der Eremitage des Grafen Damian Hugo Philipp von Schönborn, Kardinal, ein eigenes Kapitel. Überschrift: Barock mit Zuckerrüben.

  2. Durch die Autobahnschilder „Eremitage Waghäusel“ wurde ich neugierig und bin auch einmal hingefahren. Gegenüber den Öffentlichen Verkehrsmitteln offensichtlich ein Vorteil: Man wird von der Autobahn durch Ortsschilder und später durch „Eremitage“ und „Wallfahrtkirche“ – Schilder sehr zielgerichtet hingeleitet. Mein erster Eindruck: Welcher Idiot mit mangelnder Moral konnte nur diese hässlichen Silos neben dieses hübsche Kleinod setzen! Nun, wo ich die Geschichte kenne, bin ich nicht mehr ganz so hart in meinem Urteil, denke aber doch das dort vor langer Zeit einfache Dummheit oder schlimmeres diesen Plan durchgeführt hat. Das Gelände war schon damals groß genug um diese Silos weiter weg von der Eremitage zu bauen. Aber alles in allem: Ein Ort, den man unbedingt einmal aufsuchen sollte!

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