Gotik im Weinberg: Liebfrauen in Worms

Worms2Der 19. September 2015 war ein launischer Geselle. In der Nacht und am Morgen hatte es so geschüttet, dass wir auf das Schlimmste gefasst waren. Doch schon bei unserer Abfahrt um 9.33 Uhr mit der S 2 vom Heidelberger Hauptbahnhof beruhigte sich das Wetter. Ohne Wartezeit stiegen wir in Mannheim um in den Regionalexpress nach Mainz. Als wir pünktlich um 10.19 Uhr in Worms ankamen, begrüßte uns die Sonne aufs Freundlichste. Dieses Wechselspiel sollte sich den ganzen Tag über fortsetzen.

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Die Fahrt von Mannheim nach Worms war sehr angenehm. Die Bahn setzt zwischen Karlsruhe und Mainz neue Stadtbahnen mit dem hübschen Namen „Flirt“ ein. Tatsächlich waren wir vom ersten Moment an in den Zug verliebt. Man reist äußerst komfortabel an Tischen. Wenn die Toilette besetzt ist, flötet eine Computerstimme: „Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld.“

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Der Weg vom Wormser Bahnhof zur Liebfrauenkirche führte durch den Albert-Schulte-Park, der früher ein Friedhof war. Ein paar alte Gräber gibt es hier noch immer. Sie erinnern an die Familie des Kaufmanns Peter Joseph Valckenberg, der 1786 in Worms ein Weinhandelshaus eröffnet hat. 1808 während der Säkularisierung konnte er den Weinberg um die Liebfrauenkirche ersteigern. Valckenberg machte die „Liebfrauenmilch“ zu einem weltweit gefragten Spitzenwein. Von 1813 bis zu seinem Tod 1837 war er Bürgermeister von Worms.

Worms:9Nachdem wir auch noch den
kleinen Hans-Dörr-Park durchquert hatten, konnten wir auf der anderen Straßenseite schon die Sandsteinfassade der Liebfrauenkirche erkennen.

 

 

Worms:7Liebfrauen ist die einzige erhaltene gotische Kirche zwischen dem Straßburger Münster und dem Kölner Dom. Längst hat die UNESCO die Wallfahrtskirche im Weinberg zum „schützenswerten Kulturgut“ erklärt.

 

Was die Wormser leider nicht davon Worms:8abhielt, die Umgebung der Wallfahrtskirche gnadenlos zu verschandeln. Direkt hinter der Wallfahrtskirche braust eine vierspurige Schnellstraße. Jenseits der Straße beginnt das Hafengebiet. Sehr zum Leidwesen der Jakobspilger. Der Camino verläuft von Alters her direkt am Rhein entlang. Köln – Bingen – Mainz – Worms. Heute pilgert man  zwischen Silos und Lagerhallen.

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Das Herzstück der Liebfrauenkirche ist eine gotische Madonna, die auf 1260 datiert wird. Anfangs stand das Gnadenbild in einer kleine Kapelle mitten im Weinberg.  1298 stellte der Bischof von Worms eine stattliche Summe zur Verfügung, auf dass nördlich der Stadtmauer eine Wallfahrtskirche mit Chorherrenstift errichtet werde.

 

 

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Im späten Mittelalter zählte das Wormser Marienheiligtum zu den großen Wallfahrtskirchen des Abendlandes. In Scharen pilgerten die Gläubigen hierher, um bei der Gottesmutter Trost und Fürsprache zu finden.

 

Worms11Die Chorherren in der ausgedehnten Klosteranlage kredenzten dem Pilgerstrom den Riesling, der im Schatten der Liebfrauenkirche so prächtig gedieh. Der edle Tropfen mundete den Wallfahrern „so süß wie die Milch der Gottesmutter Maria“. Die „Liebfrauenmilch“ war geboren.

 

Glückliche Worms15Zeiten. Sie sollten nicht mehr lange andauern. 1521 schleuderte Luther dem Kaiser in Worms sein „hier stehe ich und kann nicht anders“ entgegen. Die Reformation setzte dem Wallfahrtsboom ein Ende. Das Kloster vor den Mauern der Stadt stand verlassen.

 

Wormsklein31689 setzten die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. Worms in Brand. Der Innenraum der Liebfrauenkirche, das gesamte Dach und der südliche Turmhelm waren zerstört. Die Stützpfeiler im Kirchenschiff neigten sich bedrohlich nach außen. Einsturzgefahr. Nur die Madonna stand unversehrt.

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Fünfzehn Jahre dauerte es, bis die Wormser daran gingen, die Liebfrauenkirche wieder provisorisch herzurichten. Der Zustand des gotischen Gotteshauses hatte sich inzwischen dramatisch verschlechtert. Man musste sogar um das imposante gotische Portal bangen.

 

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Und noch immer fand Worms keine Ruhe. 1794  annektierten die französischen Revolutionstruppen die Pfalz und Rheinhessen. Alles, was an Adel und Kirche erinnerte, wurde niedergebrannt. Auch die bildhübsche gotische Anna Selbdritt in der Liebfrauenkirche vermisst seither ihr Jesuskind.

 

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Wie durch ein Wunder überlebte die Liebfrauenkirche auch den Furor der Revolutionäre. Sie wurde säkularisiert und 1808 mitsamt des Weinbergs meistbietend versteigert. Den Zuschlag erhielt der holländische Kaufmann Peter Joseph Valckenberg. Er machte sich sofort daran, den Weinberg wieder zu bewirtschaften.

 

 

Worms14Der Wingert rund um das ehemalige Kloster ist mit nur 12 Quadratmetern eine kleine Lage. Aber eine sehr feine. Der nahegelegene Rhein hat mineralreichen Schlämmboden angeschwemmt. Die uralten Sandsteinmauern schaffen ein besonderes Mikroklima, das dem Riesling eine besondere Aromenfülle verleiht.

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P. J. Valckenberg ließ unweit der Kirche ein stattliches barockes Gutshaus errichten und vermarktete seinen Wein mit viel Geschick: Die Liebfrauenmilch gelangte als erster deutscher Wein überhaupt auf die Weinkarten der erlesensten Restaurants der Welt. Sogar die Königshäuser in England und Skandinavien orderten in Worms.

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So viel Erfolg ruft schnell Neider auf den Plan. Da die Marke „Liebfrauenmilch“ nicht geschützt war, verkauften bald alle Winzer in Rheinhessen ihren Wein unter diesem Namen. Qualitätskontrollen gab es keine. Es wurden einfach irgendwelche Trauben gemixt und die Welt hinaus verschifft. Bis in die 1980er-Jahren konnte man in den Supermärkten rund um den Globus „Liebfrauenmilch“ im 5-Liter-Tetrapack zum Spottpreis erstehen. Auf den Speisekarten der Luxusrestaurants jedoch findet man die Marke schon längst nicht mehr.

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Dafür schickt sich das „Liebfrauenstift Kirchenstück“ an, die Nobelrestaurants zu erobern. Unter diesem Namen vermarktet ein junges Winzerteam seit ein paar Jahren den Wein, der im Schatten der Liebfrauenkirche wächst. Mit zunehmendem Erfolg.

 

Die Worms12Wallfahrtskirche selbst ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Liebfrauen ist fast immer verschlossen. Heutzutage muss man sich im Pfarrbüro anmelden, um seine Anliegen vor die Muttergottes zu bringen. Die Gottesdienste, so wurde uns berichtet, sind ebenfalls nur noch spärlich besucht. Maximal vierzig Gläubige verlieren sich am Sonntag in der hohen gotischen Halle.

 

Worms8Lediglich am 14. Februar, dem Valentinstag, ist richtig viel los in der Wormser Liebfrauenkirche. Dann pilgern Hunderte von Verliebten hierher, um dem heiligen Valentin ein Kerzchen anzuzünden. Seit 1805 steht die barocke Valentins-Statue in der Liebfrauenkirche. Sie enthält eine Reliquie des Heiligen, die schon im 11. Jahrhundert in Worms verehrt wurde.

 

Worms10Gewöhnen mussten wir uns an die modernen Fenster, die der Mainzer Glasmaler Alois Plum von 1966 bis 1995 geschaffen hat. Der Zyklus schwelgt in starken Farben mit einer fatalen Vorliebe für Blutrot. Die ursprünglichen Fenster wurden 1921 durch die verheerende Explosion des Oppauer Stickstoffwerks der BASF zerstört. 561 Menschen starben bei dieser Chemiekatastrophe. Die Nachfolgefenster fielen 1943 einem verheerenden aliierten Bombenangriff zum Opfer. Vielleicht deshalb das viele Rot.

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Auf dem Rückweg durch die Wormser Innenstadt machten wir einen kleinen Abstecher nach  St. Martin. Die Kirche besitzt einen zauberhaften Innenhof, der stets geöffnet ist. Bänke unter uralten Bäumen laden zum Verweilen.

 

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Dem romanischen Kaiserdom vom Worms, derzeit verhüllt, statten wir nur ein Stippvisite ab. Er wird das Ziel einer weiteren Worms-Wallfahrt im kommenden Jahr sein.

 

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Gerade noch rechtzeitig vor einem der sintflutartigen Regengüsse dieses Tages erreichten wir das Eichbaum-Brauhaus gegenüber des Doms. Hier gibt es viel Licht, viel Platz und viiiiel auf dem Teller. Empfehlenswert, wenn auch mitunter ein bisschen laut.

 

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Auf dem Rückweg zum Bahnhof schauten wir noch bei Herrn Luther vorbei. Er steht in einer Anlage auf einem 12 Meter hohen Podest, umringt von seinen reformatorischen Mitstreitern. Man sagt, dass es das größte Reformationsdenkmal der Welt sei.

 

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Und dann stand der Reformator plötzlich persönlich vor uns. Für seine 500 Jahre sah er noch erstaunlich frisch aus. Das ist beruhigend. Denn in zwei Jahren wird er viel Kondition brauchen bei all den Feiern zum Reformationsjubiläum. Mach’s gut Martin.

 

 

 

 

 

 

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