Glaubensdämmerung: Martin Luther in Heidelberg

m Der 4. März 2017 war ein frischer, aber sonniger Samstagmorgen. Ein zarter Hauch von Frühling lag bereits in der Luft. Passend zu ihrem 500. Geburtstag wollten wir auf den Spuren der Reformation durch die Heidelberger Altstadt streifen. Unser Luther-Spaziergang begann beim Löwenbrunnen auf dem Universitätsplatz.

 

Der Löwe ist das Wappentier der Kurpfalz. Seit 1712 ziert er den barocken Brunnen vor der Alten Universität. Schon in der frühen Neuzeit, lange vor der Stadtgründung im Jahr 1220, soll es an dieser Stelle einen Brunnen gegeben haben.

 

 

Ob er auch das Kloster der Augustiner-Eremiten, in dem Martin Luther 1518 gewohnt hat, mit Wasser versorgte, wissen wir nicht. Die französischen Truppen haben 1693 die Heidelberger Altstadt vollständig zerstört. Nur die Heiliggeistkirche und das Haus zum Ritter überlebten das Inferno. Weshalb wir bei unserem Luther-Spaziergang ein wenig Phantasie brauchen.

 

Vor dem großen Brand war die Heidelberg sehr kleinteilig bebaut. In den Gassen drängten sich die schmalen Fachwerkhäuser der Fischer, Bauern und Handwerker. Plätze und Grünflächen gab es nicht. Die einzige Ausnahme war der Markplatz vor der Heiliggeistkirche. Eine Stadtmauer mit Wehrtürmen und ein Graben befestigten die Kernstadt.

 

In die westliche Achsel der Stadtmauer, wo sich heute die Grabengasse und die Seminarstraße treffen, schmiegte sich seit 1279 das Kloster der Augustiner-Eremiten. Das rechteckige Konventgebäude ging über in eine kleine Kirche. Der Kreuzgang der Mönche befand sich im Schatten des Wehrturms.

 

Dieser Wehrturm existiert noch immer. Wenn auch mit amputiertem Helm. Der „Hexenturm“, wie er heute genannt wird, ist das einzige Relikt der ehemaligen Stadtmauer. Seit 1931 ziert er den Innenhof der Neuen Universität. Hier hat der Mönch Martin Luther vom 21. April bis zum 1. Mai 1518 seinen Rosenkranz gebetet.

 

 

 

 

Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren. Sein Familienname lautete eigentlich Luder, doch den fand der spätere Reformator wohl nicht schick genug. Als er Professor in Wittenberg wurde, wechselte er von „d“ zu „th“. Vater Hans Luder betrieb mehrere Hüttenfeuer in Mansfeld im Südharz. In diesen Hochöfen wurde bei enormen Temperaturen Kupfer geschmolzen, um Silber zu extrahieren. Die Familie Luder war wohlhabend, lebte aber einfach und sparsam.

Das Weltbild der Eltern Luder war einfach: Gott hatte die gesellschaftliche Ordnung geschaffen. Wer gegen diese Ordnung verstieß, würde für ewig in die Hölle verbannt. Martin lebte seit frühester Jugend in panischer Angst vor den Listen des Teufels, der für ihn allgegenwärtig war. Vielleicht auch wegen der glühenden Hochöfen, zwischen denen er aufwuchs.

 

Hans Luder hatte schon früh entschieden, dass sein ältester Sohn Martin Jurist werden sollte. Das expandierende Unternehmen Luder brauchte einen Spezialisten für Verträge. Mit 13 Jahren schickte man Martin auf die Domschule nach Magdeburg. Von dort wechselte er nach Eisenach, wo er bei Verwandten der Mutter wohnte. Martin Luder erwies sich als außerordentlich intelligenter Schüler. Er sprach fließendes und korrektes Latein, was die Weltsprache des Mittelalters war. So universal wie heute Englisch.

Im April 1501 begann der 17-jährige Martin Luder sein Grundstudium in Erfurt. Dort waren die Sitten rau . Morgens um vier Uhr wurden die Studenten zum Gottesdienst geweckt. Um sechs Uhr folgten die Vorlesungen. Unsinn trieb man trotzdem.  Martin Luder lernte fechten und zechen, dichten und Laute spielen. Die Zwischenprüfung bestand er als Zweitbester. Im Juli 1505 sollte sein Jurastudium beginnen. Doch dazu kam es nicht. Im Juli 1505 lebte Martin Luther bereits als Novize im Augustinerkloster zu Erfurt. Was war passiert?

Eine zweifelsfreie Antwort gibt es nicht. Es gibt nur die Geschichte, die Martin Luther später gern erzählt hat. Nach der Zwischenprüfung sei ihm gestattet gewesen, die Bibliothek der Erfurter Universität zu betreten. Zum ersten Mal las er die Heilige Schrift im Original. Und stellte mit Bestürzung fest, wie unvollständig sein Glaube war. Das Jurastudium würde ihm aber keine Zeit lassen, tiefer in die Geheimnisse einzudringen. Er müsste zur Theologischen Fakultät wechseln oder ins Kloster gehen. Doch dieser Gedanke erschreckte den Studenten sehr.

 

Martin Luder wanderte nach Mansfeld. Den Vater um Rat bitten. Doch dieser interessierte sich nicht im geringsten für die Seelensorgen seines Sohnes. Stattdessen präsentierte er Martin seine künftige Ehefrau. Die Väter waren sich gerade handelseinig geworden. Enttäuscht machte sich Martin Luder am 2. Juli 1505 auf den Rückweg nach Erfurt. Bei einem Dorf namens Stotternheim geriet er in ein heftiges Gewitter. Ein Blitz schlug in unmittelbarer Nähe ein. Griff der Teufel nach ihm? In höchster Seelenqual flehte er: „Heilige Anna, hilf, ich werde Mönch.“ So hat Martin Luther die Geschichte später gern selbst erzählt. O

 

 

 

 

Das Jahr 1518: Knapp zwei Wochen hat Martin Luther gebraucht, um vom thüringischen Wittenberg zum Heidelberger Augustinerkloster zu gelangen.