Drei Weltreligionen baten zu Tisch

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Das ist Mannheim: Auf 90 Tischen servieren Christen, Muslime und Juden Köstlichkeiten

Ein Spaziergang durch drei Weltreligionen in zwanzig Minuten? In Mannheim ist das kein Problem. Die Konkordienkirche und St. Sebastian stehen beim Marktplatz. Die Synagoge befindet sich ein Quadrat weiter in F3. Und die Sultan-Selim-Moschee liegt am Ring. Eine weltweit wohl einmalige Konstellation, für die die Quadratestädter ein wohl einmaliges Fest erfunden haben: Die „Meile der Religionen“.

Auf 90 Tischen, die sich quer durch die Innenstadt schlängeln, servieren Gläubige aus allen drei Religionen ihre Lieblingsspeisen. Kostenlos.

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Etwa 6000 Passanten nahmen an der langen Tafel Platz

2007 bei der Premiere der „Meile“ nahmen 3000 Gäste an der Riesentafel Platz. 2009 strömten schon 5000 Besucher. Und 2013 könnten es 6000 Passanten gewesen sein, die die Leichtigkeit des lauen Maienabends nutzten, um an der langen Tafel Platz zu nehmen. Diese Zahl schätzt zumindest Ralph Hartmann, der evangelische Dekan von Mannheim. Man aß, man trank, man sprach über das Essen, das schöne Wetter – und über Gott. „Mit der Meile der Religionen wollen wir der Welt ein Bild der Hoffnung und des Friedens geben“, sagte der katholische Dekan Karl Jung in seiner Begrüßung.

Der Muslim: „Integration geht nur von Mensch zu Mensch“

Da war dieser Gänsehautmoment. Ganz am Anfang, als alle sich auf dem Marktplatz versammelt hatten, um Gottes Segen für Speis und Trank zu erbitten. Raffaele Polani, der jüdische Kantor, und Kassan Cakmak, der Imam der Fatih-Moschee, standen nebeneinander auf der kleinen Bühne vor der katholischen Marktplatzkirche St. Sebastian. Der eine komplett schwarz gewandet, der andere ganz in Weiß. Beide sangen. Mit klaren eindringlichen Stimmen. Erst der Jude auf hebräisch den Psalm 126, dann der Muslim auf arabisch den Vers 256 der zweiten Sure des Koran. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Toleranz made in Mannheim.

Dekan Hartmann, Dekan Jung, Imam Kassan Cakmak und der jüdische Kantor (v.l.n.r.)

„Integration kann man nicht verordnen. Integration geht nur von Mensch zu Mensch“, sagt Talat Kamran. Seit drei Jahrzehnten lebt der türkischstämmige Politikwissenschaftler in Mannheim, wo er Mitglied im Arbeitskreis muslimischer Gemeinden ist.

Kamran hat erlebt, welche Diskussionen der Bau der Sultan-Selim-Moschee, einer der größten und prachtvollsten Moscheen Deutschlands, 1995 in der Quadratestadt ausgelöst hat. Der Leiter des Mannheimer „Instituts für Integration und interreligiösen Dialog“ hat aber auch erlebt, wie aus dem anfänglich distanzierten Nebeneinander von Christen, Muslimen und Juden ein herzliches Miteinander der Religionen gewachsen ist.

Der Christ: „Vom toleranten Miteinander zum freundschaftlichen Miteinander“

Dieses Miteiander gilt es jetzt zu pflegen. „Das gemeinsame Essen ist ein sehr familiäres Bild“, empfindet Ralph Hartmann, der evangelische Dekan. Es mache deutlich, dass die drei monotheistischen Religionen letztlich mehr eint als trennt. „Die Meile ist eine wunderbare Möglichkeit, neue Freunde an den Tisch einzuladen“, meint Talat Kamran.

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Kunst aus Marzipan: Die grüne Kuppel der Moschee von Medina

„Ein Fest, ein Tisch, drei Religionen“. Auf dem Papier klingt das Motto der dritten Mannheimer Meile simpel. In der Realität ist das Miteinander der drei Weltreligionen komplizierter. Selbst wenn es nur ums Essen geht. Juden nehmen nur koschere Gerichte zu sich. Fleischige und milchige Nahrungsmittel müssen streng voneinander getrennt aufbewahrt, gekocht und serviert werden.

Muslime meiden Schweinefleisch. Und viele Christen tun sich, wenn auch nicht aus Glaubensgründen, schwer mit den klebrigen orientalischen Süßspeisen. Es brauchte also ein wenig Phantasie, um „vom toleranten Nebeneinander zum freundschaftlichen Miteinander zu gelangen“, wie Dekan Hartmann das Ziel der „Meile“ definiert.

Die Jüdin: „Wenn man Neues ausprobiert, verliert man die Angst vor dem Fremden“

Und tatsächlich, es ging. Die Juden hielten sich an frisches Obst. Die Muslimas mit Kopftuch belagerten den Tisch der katholischen Seelsorgeeinheit „Am Luisenpark“, wo zig verschiedene Quarkdipps offeriert wurden. Die Christen standen Schlange um bosnischen Eintopf. Drei bis vier Stunden garen die Bosnier diverse Gemüse und Kräuter zusammen mit winzigen Krautwickeln in einem speziellen Tontopf, bis  jede Zutat vom Geschmack der anderen durchdrungen ist. „So etwas habe ich noch nie gegessen“, schwärmte eine ältere Mannheimerin. Und ihre sehr viel jüngere Tischnachbarin mit Baby bat sogar darum, den Topf kippen zu dürfen, um an die letzten Reste zu gelangen.

Die Jüdin Schoschana Maitek-Drzevitzy (in Rot) und Erzpriester Georgios Basioudis

Es gab polnische Wurst auf einen Brotaufstrich aus Roter Beete und gebratenen indonesischen Reis, israelische Falafel und südamerikanisches Chili con carne, alle Arten von Tzatziki und von Kartoffelsalat, Baklava und Linzertorte. Ja, es gab sogar einen Schokoladenkuchen verziert mit einer Marzipanversion der grünen Kuppel der Prophetenmoschee von Medina.

Der kulinarische Knüller der Meile war jedoch der Tisch der griechisch-orthodoxen Gemeinde. Sie hat am vergangenen Sonntag ihr Osterfest gefeiert und servierte deshalb hartgekochte Ostereier in knallrot. „Die Farbe symbolisiert das Blut Christi, das Ei steht für die ganze Welt“, erklärte Erzpriester Georgios Basioudis.

Der Oberbürgermeister: Den Zahnstocher immer griffbereit

Schoschana Maitek-Drzevitzy, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, findet, jeder Gast sollte so lange suchen, bis er ein Gericht entdeckt, dass er noch nie gegessen hat. „Es ist immer gut, etwas Neues auszuprobieren, dann verliert man die Angst vor dem Fremden.“ Das gilt auch für Gotteshäuser. Während der Meile der Religionen waren alle Kirchen in der Innenstadt geöffnet.

Oberbürgermeister Peter Kurz flanierte natürlich auch über die Meile

In der Sultan-Selim-Moschee und der jüdischen Synagoge gab es rund um die Uhr Führungen. Eine Anmeldung war nicht notwendig. „Sogar Frauen mit Kopftuch haben sich die Synagoge angesehen“, freute sich Schoschana Maitek-Drzevitzy.

Natürlich hatte es sich auch Oberbürgermeister Peter Kurz nicht nehmen lassen, über die Meile zu flanieren. Das Stadtoberhaupt präsentierte sich perfekt vorbereitet: Als ihm die erste Kostprobe angeboten wurde, griff Kurz schnell in die Tasche seines Jacketts. Zum Vorschein kam ein Zahnstocher, mit dem die Versucherles fortan aufgespießt wurden. Saubere Finger garantiert.

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