Drei Weltreligionen in zwanzig Minuten

Dramatisch schön: Die Mannheimer Jesuitenkirche in der Abendsonne

Es ist Februar. Der Monat der Hoffnung. Das Licht kehrt zurück, die Sträucher knospen, die Sonne wärmt schon. Ein idealer Zeitpunkt, um aufzubrechen. Zu einem Stadtbummel auf den Spuren Gottes beispielsweise. Unser Streifzug führt durch Mannheim, wo man die Gotteshäuser von drei Weltreligionen in zwanzig Minuten kennenlernen kann.

An einem dunklen Januarabend des Jahres 1948 tasteten sich zwei Handvoll Honoratioren hinab in die Krypta der Mannheimer Jesuitenkirche. Licht gab es keines, die Barockkirche lag zerstört. Nur der kleine Friedhof unter dem Altarraum existierte noch. Dort hinunter hievten die Herren zwei Särge: Kurfürst Carl Philipp und seine große Liebe Violanta von Thurn und Taxis.

206 Jahre im Sarg konnten dem Kurfürst nicht anhaben

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Gut erhalten nach 206 Jahren: Kurfürst Carl Philipp im Sarg

Zweihundert Jahre hatte das Paar traut in der Gruft der Schlosskirche geruht. Dann war das Mannheimer Schloss von den Bomben des Zweiten Weltkriegs wegrasiert worden und die Zinksärge standen bloß. Das Diadem der Fürstin ist nie wieder aufgetaucht. Um weiteren Missbrauch zu verhindern, sollten die Durchlauchte jetzt in die Jesuitenkirche umgebetet werden. Zuvor jedoch wollten die Würdenträger der Stadt noch einen Blick hinein werfen in die Särge.

„Da lag einbalsamiert und mumifiziert der Kurfürst im schwarzen Ordenskleid“, notierte Erna Reidel in der „Badischen Heimat“, Jahrgang 1952. „In wohlerhaltener Kleidung und fast neu erscheinenden Schnallenschuhen.“ Auf einer Fotografie vom offenen Sarg kann man sogar die Gesichtszüge des Kurfürsten erkennen. 206 Jahre nach seinem Tod. „Violanta war nicht einbalsamiert, sondern ist in ihrem Sarg verwest“, schreibt Erna Reidel.

So makaber diese Episode klingt, sie führt uns mitten hinein in die Tragödie Mannheims. Im 18. Jahrhundert war die Quadratestadt einer der schönsten Plätze der Welt. Kurfürst Carl Philipp hatte nach Versailler Vorbild das zweitgrößte Barockschloss der Welt bauen lassen. 600 Zimmer, 900 Bedienstete, ausgestattet mit allem Prunk des Absolutismus. Das Schloss lag inmitten eines Parks, der sich viele Kilometer weit nach Süden erstreckte. Es gab Wäldchen für Jagden und Rasenflächen mit Pfauen.

Die Schlosskirche lässt sich im Ensemble nur mit Mühe identifizieren

Die Mannheimer Schlosskirche gibt sich nicht auf den ersten Blick zu erkennen

Kurfürst Karl Theodor, der Carl Philipp 1742 nachfolgte, füllte die äußere Pracht mit innerem Leuchten. Mannheim avancierte zum Weltzentrum der Wissenschaft und Kunst. Voltaire reiste regelmäßig an. Mozart wäre gern für immer geblieben, aber niemand bot ihm eine Stelle an. So sehr strahlte Mannheim.

Von all diesem Glanz ist nichts mehr übrig. Das Schloss: Ein Nachbau aus den 1960er Jahren. Der weitläufige Park: Opfer der Schnellstraßen. Die Jesuitenkirche: Ein Nachkriegsprodukt. Die Adels- und Bürger­häuser: Zu 80 Prozent ausgelöscht. Das tut weh. Aber immerhin kann man noch erahnen, was einmal war. In der Schlosskirche zum Beispiel.

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Mannheim besaß einst das zweitgrößte Schloss der Welt. Nach Versailles.

Kurfürst Carl Philipp war schon über 50 Jahre alt, als er den Grundstein für das Mannheimer Schloss legte. Ihm war klar, dass er die Fertigstellung – 40 Jahre später – nicht erleben würde. Deshalb ließ der Kurfürst zuerst die Schlosskirche bauen, die künftige Grablege der Pfalzgrafen bei Rhein. Die Schlosskirche fügt sich so nahtlos in das Gesamtensemble ein, dass man Mühe hat, sie zu identifizieren. Lediglich das noch original erhaltene Dreifaltigkeits-Relief von Paul Egell fällt auf. Es ist ein Meisterwerk.

„Lieber wollte ich ein paar Finger verlieren, als eine Christmette in Mannheim“

Das Kirchenportal öffnet sich in eine lichte, eleganten Halle mit imposantem Hochaltar und üppigem Deckengemälde. Ein schönes Gotteshaus. Das barocke Original muss sensationell gewesen sein. Den Hochaltar umrahmte einst eine gewaltigen Empore, auf der das berühmte Mannheimer Orchester Platz nahm. „Ich wollte lieber ein paar Finger verlieren, als die Christmette in der Hofkirche zu Mannheim“, notierte der Dichter Christoph Martin Wieland anno 1777.

Die Schlosskirche von innen: Über dem Hochaltar war früher die Orchester-Empore

Die Empore gegenüber trug die verglaste und beheizbare Loge, von wo aus der Kurfürst dem Gottesdienst folgte. An der Decke schien sich eine gewaltige Scheinkuppel direkt in den Himmel hinein zu öffnen. Tout perdu.

Seit 1874 wird die Schlosskirche von der alt-katholischen Gemeinde genutzt. Die Altkatholiken haben sich von der Kirche Roms getrennt, weil sie nicht an das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes glauben. Die altkatholische Kirche ist synodal verfasst, Priester dürfen heiraten, und Frauen werden ordiniert. In Deutschland gibt es etwa 16.000 Altkatholiken.

2,1 Millionen Gulden hat der Bau des Mannheimer Schlosses verschlungen

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Zurückgekehrt: Der Zinksarg von Carl Philipp in der Gruft der Schlosskirche

Carl Philipp und seine Violanta sind nach dem Wiederaufbau in die Gruft der Schlosskirche zurückgekehrt. Man kann die prunktvollen Zinksärge besichtigen, wenn man die Pfarrerin darum bittet.

Die Weihe der majestätischen Jesuitenkirche hat Carl Philipp nicht mehr erlebt. Sie wurde erst neunzehn Jahre nach seinem Tod fertiggestellt. Mit Ach und Krach. Denn inzwischen war der Hof schon arg knapp bei Kasse. 300.000 Gulden hatte man für den Schlossbau veranschlagt. 2, 1 Millionen Gulden hat er verschlungen. Alles Steuergelder.

Nicht das einzige Problem. Auch der Bauplatz war eigentlich viel zu schmal für eine Fürstenkirche. Architekt Bibiena quetschte das Querschiff extrem zusammen und stülpte eine gewaltige Kuppel darüber. Die Basilika mit den wohl schmalsten Schultern der Welt.

Die „Nachschöpfung“ des barocken Altars war eine kunsthistorische Sensation

Sie ist den beiden Jesuiten-Heiligen Ignatius von Loyola und Franz Xaver geweiht und war ursprünglich komplett mit Szenen aus deren Leben ausgemalt. Dann fielen die Brandbomben. Was sie übrig ließen, war eigentlich abbruchreif. Doch Mannheims Handwerker bauten die Kirche Stein für Stein wieder auf. Angefeuert von den Gebeten der zurückgekehrten Jesuiten.

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Eine Sensation: Der Hochaltar der Jesuitenkirche wurde 1986 „nachgeschöpft“.

Einen Altar gab es lange nicht. Nur ein Provisorium. Weil man nicht wusste, was man wollte. Ein modernes Werk? Ein historisierendes? Zwanzig Jahre zog sich die Diskussion hin. Erst im Juli 1986 verkündete das Landesdenkmalamt: Die Mannheimer Jesuitenkirche erhält eine „schöpferische Kopie“ ihres ehemaligen Hochaltars. Als Vorlage sollten zwei vergilbte Fotografien dienen. Eine Sensation.

Elf Jahre und 16 Millionen Euro verschlang die in der Kunstgeschichte einmalige Nachschöpfung. 1997 war „das Wunder von Mannheim“ vollendet: Ein riesiger freistehende Hochaltar, 243 Tonnen schwer und ausschließlich aus historischen Materialien gefertigt. Den Mittelpunkt des „neuen“ Altars bildet ein Tabernakelhaus. Seine Tür ziert ein goldenes Lamm. Es ist das einzige barocke Original, das die Zerstörung überlebt hat.

Die „Ökumene-Glocke“ läutet jeden Tag um fünf nach zwölf

Die Ökumeneglocke von Sanctclara läutet täglich um fünf nach zwölf.

An der Jesuitenkirche biegt unser Spazierweg nach links. Mannheim ist die einzige Stadt Europas, die ihren schachbrettartigen Grundriss alphabetisch geordnet hat. Die Zählung beginnt mit dem A1 am Schloss. In B4 steht das Ursulinenkloster mit angeschlossenem Gymnasium. Nur mehr drei Schwestern zählt der Konvent. Die Schulleitung liegt längst in den Händen einer Oberstudiendirektorin.

In B5 passieren wir „Santclara“, das ökumenische Bildungszentrum. Die kleine „Ökumene-Glocke“ an der Fassade läutet jeden Tag um fünf nach zwölf, sobald das Mittagsläuten der Jesuitenkirche verstummt ist.

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Helmut Strifflers Trinitatis-Kirche lockt bis heute Architekten nach Mannheim.

Spannend wird es in G4. Hier steht seit 1709 die evangelische Trinitatis-Kirche. Sie illustriert den anderen Weg, den Mannheim nach dem Krieg hätte gehen können. Auch Trinitatis lag in Trümmern. Doch die Protestanten schöpften nicht barock nach, sondern ließen vom ambitionierten Architekten Helmut Striffler eine supermoderne Kirche entwerfen: Puristischer Sichtbeton kombiniert mit Lichtexperimenten. Bis heute pilgern Architekten und Fans wegen dieser Kirche nach Mannheim. Gottesdienste gibt es in Trinitatis keine mehr. Die Gemeinde fehlt. Bald soll ein Tanztheater einziehen.

Die jüdische Synagoge steht mittendrin im Türkenviertel

Fast 320.000 Einwohner zählt Mannheim. Davon sind nur mehr 27,8 Prozent katholisch und 22,7 Prozent evangelisch. Die andere Hälfte gehört einer anderen Religion oder Konfession an. Oder sie lebt ohne Gott. Der Prototyp einer modernen säkularen Stadtgesellschaft. 43,6 Prozent der Mannheimer haben Migrationshintergrund. Die größte Gruppe stammt aus der Türkei. Es gibt aber auch viele Polen, Italiener, Rumänen und Bulgaren.

„Die Filsbach“, wie die Mannheimer die Quadrate F, G und H nennen, ist fest in türkischer Hand. Doch mitten zwischen Lahmacun, Baklava und Brautmoden steht die Synagoge. Seit 24 Jahren erhebt sich das jüdische Versammlungshaus mit seiner eindrucksvollen Kuppel über dem Quadrat F3.

Die jüdische Synagoge ist umgeben von türkischen Restaurants.

Bislang klappt das Zusammenleben problemlos. Im großen Saal der jüdischen Gemeinde werden sogar gern opulente türkische Hochzeiten gefeiert. Trotzdem parkt stets ein Streifenwagen vor der Synagoge.

Führungen durch die Synagoge sind sehr gefragt

Etwa 500 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Mannheims heute. Die Hälfte stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Vor der Shoa lebten mehr als 7000 Juden in der Quadratestadt. Außer einem winzigen Glöckchen von einem silbernen Tora-Behälter ist nichts von diesem blühenden Gemeindeleben geblieben. Das ist die Vergangenheit. In der Gegenwart sind Führungen durch die Synagoge sehr gefragt. Man muss sich langfristig anmelden.

Mannheim ist weltweit zum Symbol geworden für den Dialog der Religionen.

Am Marktplatz treffen wir das älteste Originalbauwerk Mannheims: Die katholische Pfarrkirche St. Sebastian wurde 1706 zusammen mit dem damaligen Rathaus als barocker Doppelbau errichtet. Vom einst prachtvollen Innenleben der Kirche ist leider nichts erhalten.„Mannheimer Symmetrie“ Teil zwei gibt es jenseits der „Breiten Straße“: Die evangelische Konkordienkirche teilt sich seit 1717 das Gebäude mit der Mozartschule.

Minarett und Kirchturm stehen Auge in Auge

Die letzte Station unseres Kirchenbummels führt durch die H-Quadrate zum Luisenring. Hier stehen Auge in Auge die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee und die katholische Liebfrauenkirche. Tausendmal fotografiert sind die beiden Gotteshäuser zum Symbol geworden für den Dialog der Religionen. Mit ihren 2500 Gebetsplätzen war die Moschee lange Zeit das größte islamische Gotteshaus Deutschlands. Seit 2008 gibt es in Duisburg ein größeres.

Die islamische Moschee und die katholische Liebfrauenkirche am Luisenring.

Die neugotische Liebfrauenkirche aus dem Jahr 1905 dagegen hat schon lang keine Gemeinde mehr. Die Kirche verfiel, bis 2012 der Katholikentag nach Mannheim kam. Die Erzdiözese Freiburg sanierte damals für 18 Millionen Euro Kirchen in der Quadratestadt.

Die Liebfrauenkirche nennt sich seitdem „Samuel“. Sie ist jetzt die katholische Jugendkirche für gesamte Rhein-Neckar-Region. In Samuel geht es bunt zu – und flexibel. Papphocker statt Kirchenbänke und Bands statt Orgel. Der Kerzenständer war mal eine Badewanne.

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