Feuer und Sturm

Pfingsten von
Johannes Schreiter

Pfingsten ist eigentlich das aufregendste der drei großen christlichen Feste. Da gibt es Verzweiflung und Ekstase, Feuer und Sturm, Flammenzungen und Verbrüderung über Grenzen hinweg. Alles Zutaten, die wir in einem Fantasy-Epos sehr zu schätzen wüssten.

Umso rätselhafter, dass ausgerechnet dieser Feiertag in die Mauerblümchen-Ecke gerutscht ist. Weil ihm der Baum, Plätzchen und Ostereier fehlen? Oder weil die Sache mit dem Heiligen Geist schwierig zu verstehen ist? Eine Annäherung an das Pfingstfest mit dem Heidelberger Professor Michael Welker. Der evangelische Theologe ist der profundeste Kenner des Heiligen Geistes, den Deutschland zu bieten hat.

Die Pfingstgeschichte beginnt mit tiefer Ratlosigkeit. Die Jünger Jesu, immerhin 120 Frauen und Männer, sitzen im Obergeschoss eines Hauses in Jerusalem und versuchen, ihre Lage zu sondieren. Erst ist der Meister auf wundersame Weise vom Tod auferstanden. Dann erschien er ihnen einige Wochen lang in verschiedenen Situationen. Und jetzt ist er ganz weg. Entrückt. In den Himmel aufgefahren. Ohne Vorwarnung. Ohne zu sagen, wann er wiederkommt. „Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet“, hat Jesus ihnen noch aufgetragen. Das tun sie jetzt, die Jünger. Schon seit zehn Tagen. Doch nichts passiert. Und dann ist da auch noch dieser rätselhafte zweite Satz: „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt.“

Herr Professor Welker, der Heilige Geist – was ist das?

Professor Welker ist profunder
Kenner des Heiligen Geistes

Das ist der Geist Gottes. Durch ihn kommuniziert Gott mit seiner Schöpfung. Die christliche Trinitätslehre ist eigentlich nicht schwer zu verstehen: Gott ist der Schöpfer. Er hat sich uns durch Jesus Christus offenbart. Und er kommuniziert mit uns durch den Heiligen Geist. Viele Menschen denken, dass Gottes Geist für uns nicht zu begreifen ist. Das stimmt aber nicht. Es ist nur etwas anspruchsvoller, ihn zu verstehen.

Wie kann das gelingen?

Zunächst hilft es, wenn man den menschlichen Geist etwas gründlicher betrachtet. Jahrhundertelang haben wir ihn vor allem auf das Denkvermögen reduziert. Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Verstand, Vernunft, Rationalität. Das sind alles großartige Kräfte, aber sie sind nur ein Teil unseres Geistes. Der menschliche Geist vermag viel mehr. Er kann weite Räume überwinden, in die Vergangenheit zurückkehren, sich die ferne Zukunft vorstellen. Er kann sich in Themen einbringen, die verschiedene Menschen ansprechen, und so vielfältige Verbindungen zwischen ihnen stiften. Er kann träumen, philosophieren, dichten. Der menschliche Geist ist so ungeheuer reich und weit, dass man nur staunen kann. Der Geist ist ein Ozean.

Und Gottes Geist ist noch unendlich viel weiter und reicher?

Schreiters Pfingstfenster
in der Peterskirche

Früher habe ich gern das Wort Polyphonie gebraucht, um das Wirken von Gottes Geist zu charakterisieren. Heute sage ich lieber: Gottes Geist ist eine Macht, die multimodal wirkt. Dieser Begriff wird verwendet in den Sprachwissenschaften, der Psychologie, der Philosophie und den Wirtschaftswissenschaften. Wenn ein Unternehmen beispielsweise den Kontakt zu seinen Kunden über verschiedenartige Kanäle pflegt. Verschiedene Medien agieren also parallel und verstärken sich wechselseitig. So multimodal agiert auch Gottes Geist. Er bringt eine unendliche Pluralität von Beziehungen hervor. Die Menschen verlieren da schnell die Übersicht. Das macht ihnen Angst. Deshalb unternehmen sie alles, um die Pluralität einzuzwängen in zweistellige Denkstrukturen: Gott und Mensch, Gott und Welt. Doch einfache duale Beziehungen reichen nicht aus, um den Heiligen Geist und sein Wirken zu verstehen. Wir müssen bereit sein, einige Denkhürden zu nehmen. Auch wenn es schwerfällt.

Während Jünger in Jerusalem noch immer in ihrem Obergemach sitzen und grübeln, geht es unten in den Straßen der Stadt richtig hoch her. Man feiert „Shawout“, das jüdische Erntedankfest. Es ist ein fröhliches Fest, zu dem Juden aus allen Ecken der Welt nach Jerusalem strömen. Römer, Kreter, Ägypter, Mesopotamier, Phrygier … Alle tanzen, singen und lachen. Pötzlich erhebt sich ein gewaltiger Sturm, glühende Flammenzungen fallen vom Himmel. Sie zielen direkt auf die Köpfe der Jünger.

Herr Professor Welker, der Heilige Geist als Flammenzungen vom Himmel. Das ist schon heftig.

Michael Welker:
„Der Geist ist ein Ozean“

Das ist eines von vielen Bildern, die die Bibel benutzt, um die Ausgießung des göttlichen Geistes zu beschreiben. Solch eine Geistausgießung kommt oft überraschend und wirkt dadurch befremdlich oder sogar bedrohlich. Schon die Texte des Alten Testaments berichten davon, dass Gott seinen Geist über Menschen ausgießen will. Eine Vielzahl verschiedener Menschen wird vom Geist ergriffen und zu einer neuen lebendigen Gemeinschaft zusammengefügt. Durch den Propheten Joel lässt Gott mitteilen, dass er seinen Geist ausgießt über „Alte und Junge, Söhne und Töchter, Knechte und Mägde“. Das ist eine absolut revolutionäre Botschaft in patriarchalen Sklavenhaltergesellschaften. Der Geist Gottes macht keine ungerechten Unterschiede zwischen Frauen und Männern, Herren und Sklaven. Und die Botschaft von Pfingsten geht sogar noch darüber hinaus. Gottes Geist wirkt segensreich auf Menschen verschiedener Völker, Rassen und Sprachen.

Und was konkret bewirkt solch eine Geistausgießung in den Menschen?

Das Pfingstfenster
in der Vollversion

Die Kräfte des Geistes, die ausgegossen werden, und ihre Wirkungen sind klar benannt: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Wahrheit, Freiheit, Frieden, Bildung, Heilung. Ein faszinierendes Gesamtpaket von guten Mächten, die die Menschen aus ihren Ängsten heraus- und zum Wohl und zum Heil hinführen sollen. Für uns Christenmenschen gewinnt das Wirken des Geistes klare Gestalt in der Person Jesu Christi. Er ist nicht nur vom Heiligen Geist erfüllt, er gibt auch anderen Menschen Anteil an diesem Geist. Jedem von uns gibt der Heilige Geist eine ganz eigene Kombination von Gaben mit auf seinen Lebensweg. Sie gilt es zu entdecken. Der Geist Gottes wirkt nachdrücklich gegen die Kräfte des Hasses und der Zerstörung, die unter uns eben auch am Werk sind. Er wirkt gegen die Kräfte, die die Bibel Sünde nennt.

Warum verhindert Gott das Böse nicht einfach, bevor es geschieht? Er ist doch allmächtig?

Es ist ein großer Fehler zu denken, dass Gott sich wie eine himmlische Feuerwehr sofort in alles einmischt, was hier auf der Welt geschieht. Das tut er nicht. Gott ist kein Puppenspieler, der uns Menschen an den Fäden zieht. Schon im Schöpfungsbericht der Bibel steht, dass Gott den Gestirnen, der Erde und den Menschen ungeheuer viel Macht und Eigenverantwortung gegeben hat. Wenn die Menschen von Gottes Wegen abweichen, erhalten sie Warnungen. Zum Beispiel durch das Gesetz Gottes und die Propheten. Doch wenn die Menschen auf diese warnenden Stimmen nicht hören wollen, kann es geschehen, dass Gott sich von ihnen abwendet. Die Bibel benutzt dafür Begriffe wie „Dahingabe“ und „Zulassung“. Dann muss man beklemmenderweise sagen: Gott hat es zugelassen, dass die Nazi-Schergen so viele Menschen umgebracht haben. Das ist schrecklich. Das ist sehr, sehr schwer nachzuvollziehen.

Und wo bleibt da die Allmacht Gottes?

Die Allmacht Gottes zeigt sich darin, dass Gott aus Leid und Not der Welt wieder Neues und Gutes schaffen kann. Deshalb stehen im Zentrum des christlichen Glaubens Kreuz und Auferstehung. Jesus Christus, der den Menschen Heilung, befreiende Bildung und die gute Botschaft vom kommenden Reich Gottes brachte, wurde gekreuzigt im Namen der Weltmacht Rom, im Namen der herrschenden Religion und im Namen einer korrumpierten öffentlichen Meinung. Alle Mächte, die die Menschen normalerweise schützen sollten, wirkten gegen ihn. Und doch entstand aus dieser Situation des größten Unrechts die größte Hoffnung für die Menschheit. Hier setzt das Wirken des göttlichen Geistes ein. Wie Regen in rechtem Maß und zur rechten Zeit die Landschaft belebt, so belebt Gottes Geist uns Menschen immer wieder neu.

Kaum haben sich die Flammenzungen auf den Köpfen der Jünger niedergelassen, da hält es diese nicht mehr in ihrem Obergemach. Sie stürzen hinunter auf die Straße Jerusalems, um allen Menschen von Jesus Christus zu erzählen. Wundersamerweise können die Jünger mit jedem Menschen, gleich aus welcher Nation er stammt, in seiner Muttersprache sprechen. Etwa dreitausend neue Christen lassen sich noch am Pfingsttag taufen.

Herr Professor Welker, solch ein Pfingstwunder täte den Kirchen im Jahr 2020 doch auch ganz gut?

Welker: Gottes Geist offenbart
sich bescheiden

Wir hoffen gern auf spektakuläre Eingriffe des Heiligen Geistes in unser Leben. Aber wir sollten auch eine wunderbare Wendung beachten, die Martin Luther geprägt hat: ‚Gar heimlich führt er sein Gewalt.‘ Diese Formulierung liebe ich sehr. Gottes Geist offenbart sich oft in bescheidenen Kräften, die aber in ihrer Einfachheit ungeheuer wirksam sind. Nehmen Sie den Auferstandenen. Was bringt er? Himmlische Posaunen? Nein. Der Auferstandene bringt das Brotbrechen und den Friedensgruß, die Erschließung der biblischen Botschaft, wechselseitige Annahme, die menschenfreundliche Sendung und neues Vertrauen zu Gott.

Und was bringt uns Pfingsten?

Den größten Tröster, den die Welt je hatte. Jesus von Nazareth konnte in seinem irdischen Leben immer nur an einem Ort sein und wirken. Der Heilige Geist aber wird mit seinen Kräften immer neu ausgegossen. Innerhalb und außerhalb der christlichen Kirchen.

Zur Person
Name: Professor Dr. Dr. mult. Michael Welker
Geboren: 20. November 1947 in Erlangen, aufgewachsen in Berlin
Familienstand: Verheiratet, zwei erwachsene Töchter
Ausbildung: Studium der evangelischen Theologie und der Philosophie in Heidelberg und Tübingen. Promotion in beiden Fächern. Habilitation über den amerikanischen Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead.
Wissenschaftlicher Werdegang: 1991 bis 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg. Seit 2005 Direktor des Forschungszentrums Internationale und Interdisziplinäre Theologie (FIIT) in Heidelberg
Auszeichnungen: Universitätsmedaille der Universität Heidelberg. Karl-Barth-Preis (2016). Einladung zu den Gifford-Lectures an die Universität Edinburgh (2019). In Fachkreisen nennt man diese Einladung den „Nobelpreis für Theologen“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.