Frauen des Gebets

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Der Konvent: 45 Dominikaner-Schwestern leben im Kloster St. Magdalena zu Speyer

Der neue Tag beginnt, wie seit siebenhundert Jahren jeder neue Tag begonnen hat. Psalmen singen. Morgenmesse. Aussetzung des Allerheiligsten. Anbetung. Frühstück. Jede Bewegung folgt einem uralten Rhythmus, jedes Wort hallt nach in durchbeteten Mauern.

„Es ist ein gutes Gefühl, wenn man um halb acht Uhr schon das Wichtigste erledigt hat“, sagt Schwester Raphaela Buscher. Seit ihrem 17. Lebensjahr lebt die 75-Jährige im Dominikanerinnen-Kloster Sankt Magdalena unweit des Speyerer Doms. Sankt Maria Magdalena war früher streng abgeschlossen, doch diese Zeiten sind vorbei. Erst vor zwei Jahren haben die Schwestern eine neue Grundschule eröffnet. Ein Besuch im Kloster.

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Lange lebten die Schwestern abgeschieden. Heute steht die Klosterpforte stets offen.

Sankt Magdalena liegt wunderschön. Vom Dom wandert man hinunter zum Speyerbach. Links und rechts kuscheln sich Handwerkerhäuschen aneinander, alle tipptopp saniert und dekoriert. Kaum hat man die Sonnenbrücke überquert, sieht man auch schon das Sandsteinportal und die barocke Klosterkirche. Wer artig an der Pforte klingelt und das Glück hat, dass eine Schwester ihn herumführt, darf den riesigen Park der Klausur betreten. Ruhig ist es hier. Ein verwunschener Ort zwischen Himmel und Erde mit Traumsicht auf den Dom.

45 Dominikanerinnen leben noch im Kloster Speyer. Die Hälfte der Schwestern ist älter als siebzig Jahre. Die Jüngeren stammen meist aus Peru und Brasilien. Novizinnen gibt es keine. Ein großer Kummer. „Wir beten jeden Tag, dass sich jungen Frauen wieder für das Leben im Kloster begeistern“, sagt Schwester Raphaela, unsere Begleiterin. Momentan wohnen in den Zimmern, die für den Nachwuchs reserviert sind, Flüchtlinge. „Wenn die richtige Zeit gekommen ist “, glaubt Schwester Raphaela, „wird Gott uns Schwestern schicken.“ Das Kloster habe schon schlimmere Krisen überstanden.

Die Vision des Domkapitulars

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Die idyllische Sonnenbrücke verbindet das Kloster mit dem Speyerer Kaiserdom

Das Jahr 1227. Dunkelstes Mittelalter. Ziellos streunen ehemalige Dirnen durchs Land auf der Suche nach einem neuen Leben. Doch das mittelalterliche Stadtrecht gibt ihnen keine Chance. „Diese Frauen wurden erbarmungslos ausgegrenzt“, schreibt Schwester Adele Herrmann in ihrer Chronik des Klosters Speyer. Eines Tages begegnete solch ein elendes Häufchen dem hochwohlgeborenen Domkapitular Rudolf von Hildesheim. Entsetzt griff Hochwürden zum Stock, holte gegen die „Damen“ aus – und wurde unversehens vom „Heiligen Geist erfasst“, wie die Klosterchronik berichtet. In einer Vision sah der Priester Maria Magdalena. Eine Hure, die zur Heiligen geworden war.

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Kaum zu glauben: Das riesige Areal, auf dem das Kloster steht, erhielten die Nonnen als Geschenk.

Domkapitular Rudolf begriff, was Gott von ihm erwartete. Er gründete für die gefallenen Frauen den neuen Orden der „Reuerinnen“ mit Maria Magdalena als Patronin. Der Zulauf war enorm. Unentwegt entstanden neue Klöster. Anno 1228 traf eine Gruppe von Reuerinnen in Speyer ein. Was sie hierher führte, weiß niemand. Weder kannten die Nonnen hier jemanden, noch hatten sie Grundbesitz. Aber vielleicht hatte wieder der Heilige Geist seine Hände im Spiel. Tatsache ist, dass nur kurze Zeit später ein wohlhabendes Speyerer Ehepaar den Reuerinnen ein riesiges Grundstück mit Wohnhaus unweit des Doms schenkte. Die Geburtsstunde des Klosters Sankt Magdalena.

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Schwester Raphaela Buscher, unsere Klosterführerin

„Es ist schwer zu vermitteln, wie Gott jemanden zum Ordensleben ruft“, überlegt Schwester Raphaela Buscher. Sie habe erst gemeint, es seien ihre eigenen Gedanken, die immer wieder um das Thema Kloster kreisten. „In Wirklichkeit klopfte Gott.“ Dabei hatte Raphaela, die damals noch Gertrud hieß, längst einen Plan für ihr Leben. Die Tochter eines Weingutbesitzers wollte im Internat der Dominikanerinnen in Speyer ihr Abitur machen, dann die Fachschule besuchen und später ein Hotel leiten. „Aber das Rufen ging weiter.“ Mit 17 Jahren trat Gertrud Buscher ins Postulat ein.

Mit Dominikus kam die Blütezeit

Der Dom, vom Klostergarten aus gesehen

Die Speyerer Reuerinnen anno 1228 lebten in ihrem neuen Kloster vollkommen abgeschlossen von der Welt. Frauen des Gebets. Doch innerer Frieden wollte sich nicht einstellen. Ihr Ordensgründer Rudolf forderte immer höhere Abgaben von den Nonnen, seelsorgerische Betreuung fehlte. Weshalb die Reuerinnen hocherfreut waren, als sich 1262 ein Konvent von Dominikanern in Speyer niederließ. Die Patres waren einfühlsame Seelsorger. Sofort beschlossen die Nonnen von Sankt Magdalena, sich ebenfalls dem Predigerorden des heiligen Dominikus anzuschließen.

Der weiße Habit der Dominikanerinnen tat dem Kloster gut. Sankt Magdalena erlebte eine Blütezeit, die weder die Reformation noch die Hungersnot des Dreißigjährigen Krieges gefährden konnte. Jahr für Jahr legte mindestens eine junge Frau in St. Magdalena ihre Profess ab. Doch dann kam der französische General Melac. Am 27. Mai 1689 gab er den Befehl, die Stadt Speyer komplett niederzubrennen. Auch das Kloster der Dominikanerinnen fiel in Schutt und Asche. Die Schwestern flohen in alle Himmelsrichtungen.

„Gott wandelt einen Menschen im Kloster um“

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In einem Teil des Klostergartens dürfen heute die Schulkinder toben.

„Ich war keine geborene Ordensfrau“, bekennt Schwester Raphaels Buscher. In ihrer Jugend habe sie gern getanzt, mit Jungen geschäkert und davon geträumt, Mutter zu werden. Einmal, gegen Ende ihres Postulats, war sie sogar fest entschlossen, das Kloster zu verlassen. „Doch als es so weit war, fühlte ich mich weder froh noch erleichtert. Nur unglücklich.“ Gertrud Buscher blieb. Trotz aller Krisen. „Gott wandelt einen Menschen im Kloster um“, sagt Schwester Raphaela. „Das ist ein Prozess. Bei mir hat er gedauert, bis ich 45 Jahre alt war.“

Zehn Jahre dauerte es nach der Zerstörung Speyers, bis die Priorin den Mut fand, das Kloster wieder aufzubauen. Eigenhändig. Unterstützt nur von einer Handvoll Schwestern. 1717 konnte der Bischof von Speyer das neue barocke Gotteshaus des Klosters weihen. Er erhob es sogleich zu seiner Bischofskirche, denn bis im Dom wieder zelebriert werden konnte, würden noch Jahre vergehen. Jahre, in denen die weißen Schwestern beteten und bauten, gegen Viehseuchen und Missernten kämpften, und ihre Kirche ausschmückten.

Klosterleben ohne Kloster

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Ein Blick in die Pforte von St. Magdalena.

Dann fielen die Franzosen zum zweiten Mal über Speyer her. Diesmal im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Kloster wurde geplündert und verwüstet. „Die gemalten Bilder haben sie verhackt, alle Fenster im Kloster und in der Kirche eingeschlagen“, notierte verzweifelt die Chronistin von Sankt Magdalena. Es kam noch schlimmer. 1802 säkularisierte der französische Staat das Kloster und verbot Ordenskleidung. Das Ende von Sankt Magdalena.

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Die barocke Klosterkirche diente nach der Zerstörung Speyers als Bischofskirche.

Dachten die Revolutionsführer. Sie hatten die Rechnung ohne die Treue der Nonnen gemacht. Zwar legten die Dominikanerinnen ihre Schleier ab, beschlossen allerdings „ohne Ordenskleid ein klösterliches Gemeinschaftsleben zu führen“ (Klosterchronik). Wie durch ein Wunder durften sie sogar auf dem Gelände des ehemaligen Klosters bleiben. Eine Gruppe von Speyerer Kaufleuten hatte den Grund ersteigert und den Schwestern erst zur Pacht, später zum Rückkauf angeboten. 24 Jahre dauerte das Klosterleben ohne Kloster. 1826 erklärte der bayerische König Ludwig I. endlich: „Das Kloster soll wiederhergestellt und der Unterrichtung der weiblichen Jugend gewidmet werden.“

Der Segen der Ordnung

„Der ergreifendste Moment des Tages ist der frühe Morgen kurz vor sechs Uhr, wenn sich alle Schwestern in der Kirche versammeln“, findet Schwester Raphaela. Fehlt eine Schwester, weiß man, dass man sich kümmern muss. Ansonsten wahren die Ordensfrauen gern Distanz, weshalb sie auch ihr Leben lang per Sie bleiben. „Das erhält den Respekt und die Höflichkeit“, findet Schwester Raphaela. Eine Wohltat, sagt die 75-jährige Dominikanerin, sei die feste Struktur, die der Tag im Kloster hat. „Wer keine Regeln hat, verschiebt alles und kommt weder zum Ziel noch zur Ruhe.“ Der Segen der Ordnung. Punkt 12 Uhr wird zu Mittag gegessen. Danach ist Mittagsruhe. Um 17 Uhr singen die Schwestern die Vesper und beten den Rosenkranz. Nach dem Abendessen ziehen sie in einer Prozession zur Komplet, dem Nachtgebet der Kirche.

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Seit 1934 beten rund um die Uhr zwei Nonnen für den Frieden in der Welt.

Eine katholische Mädchenschule hatte der Bayerische König den Speyrer Nonnen also aufgetragen. Welch eine herrliche Aufgabe für die Schwestern des Predigerordens. Sankt Magdalena startete mit 200 Schülerinnen in drei Klassen. Hundert Jahre später führten 155 Schwestern eine Mädchenvolksschule mit 19 Klassen, eine „Höhere Töchterschule“ mit Internat, eine Handelsschule und eine Lehrerinnenbildungsanstalt. Neben dem Kloster standen jetzt ein kleines Schulhaus, ein großes Schulhaus und das Internat.

Eine Lehrerin wird heilig gesprochen: Edith Stein

Hier unterrichtete seit 1923 eine ernste 32-jährige Lehrerin namens Edith Stein. In Breslau als siebtes Kind jüdischer Eltern geboren hatte Edith in Göttingen und Freiburg Philosophie studiert und promoviert. 1922 las sie in nur einer Nacht die Autobiographie der heiligen Teresa von Avila und erkannte: “Das ist die Wahrheit.” Wenige Wochen später ließ sich Edith Stein in Bad Bergzabern taufen und übersiedelte ins Kloster St. Magdalena nach Speyer.

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Fast zehn Jahre lebte die Edith Stein als Lehrerin im Kloster Speyer.

“Dekan Breitling, ihr geistlicher Berater, hielt es für notwendig, dass Edith Stein zunächst in der Welt als Katholikin leben sollte, statt nach ihrem Wunsch gleich in den Karmeliterorden einzutreten”, steht im Begleitheft zur ständigen Ausstellung im Erdgeschoss des Klosters. Die Schwestern haben mit viel Liebe Erinnerungsstücke aus dem Leben der Heiligen zusammengetragen.

Edith Stein lebte bescheiden und einfach. In Speyer bewohnte sie ein Zimmerchen im Pfortenhaus, das gleichzeitig ihr Wohn- und ihr Arbeitsraum war. Heute ist dieses Zimmer als Andachtsraum eingerichtet. Man blickt in den Park des Klosters und genießt die wunderbare Ruhe und Spiritualität, die dieser Ort ausstrahlt.

1932 verlies Edith Stein das Speyrer Kloster, um als Dozentin ans Deutschen Institut für Pädagogik in Münster zu wechseln. Sie ging ungern. Wie wenn sie eine Vorahnung gehabt hätte. 1933 erteilte das Nazi-Regime Edith Stein Berufsverbot. Am 15. Oktober trat sie in den Kölner Karmel “Maria vom Frieden” ein, wo sie im April 1934 eingekleidet wurde. Sie wählten den Namen “Schwester Teresia Benedicta a Cruce”. Doch die Dunkelheit kam näher.

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Ihr ehemaliges Zimmer ist heute ein Erinnerungs- und Andachtsraum.

1938 musste die Kölner Karmelitinnen bei Nacht vor den Nazi-Schärgen nach Holland fliehen. Dort wurde Edith Stein im August 1942 verhaftet, nach Auschwitz deportiert und am 9. August 1942 ermordet. 1989 hat Papst Johannes Paul II. Edith Stein als Märtyrerin heilig gesprochen. Als erste Christin mit jüdischen Wurzeln in nachapostolischer Zeit.

Zwei Briefe aus Übersee

Die Speyerer Schwestern hatten schon früh mit Entsetzen auf den Nationalsozialismus reagiert. 1934 beschlossen die Dominikanerinnen vom Kloster St. Magdalena, täglich zwölf Stunden für den Frieden in der Welt zu beten. Sie tun dies heute noch. Von der Morgenmesse bis zur Vesper am Abend beten stets zwei Schwestern in der Kirche vor der ausgesetzten Monstranz. Jede halbe Stunde wird gewechselt.

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Die Tochterklöster in Peru und Brasilien schicken regelmäßig junge Schwestern.

1937 verbot Hitler den Orden jegliche Lehrtätigkeit und verstaatlichte die Schulen des Klosters. Sankt Magdalena hatte keine Einkünfte mehr. In dieser ausweglosen Situation trafen zwei Briefe aus Übersee ein. Bischöfe aus Peru und Brasilien suchten mutige Ordensschwestern für Schulen auf dem Land. Dreißig Speyerer Dominikanerinnen schifften sich ein. Sie leisteten erfolgreiche Arbeit. „Wir haben heute 37 Schwestern in Peru und 39 Schwestern in Brasilien“, berichtet Schwester Raphaela stolz.

Und wieder ein Neuanfang

Die Klöster in Übersee schicken regelmäßig junge Schwestern nach Speyer, um den Konvent zu unterstützen. Das funktioniert bei Arbeiten, die in Haus, Kirche und Garten anfallen. Aber als Lehrerinnen deutsche Kinder tun sich die Südamerikanerinnen verständlicherweise schwer.

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Die Schüler der neuen katholischen Grundschule St. Magdalena.

Vor fünf Jahren musste der Konvent mit schwerem Herzen das Edith-Stein-Gymnasium in eine Stiftung überführen. Zwei der ehemaligen Schulhäuser gehören heute dem Bistum Speyer. Die Sanierung wäre für den Orden zu teuer gewesen.. In ehemaligen „kleinen Schulhaus“ recherchiert heute die Redaktion der Bistumszeitung „Der Pilger“. Ins große Schulhaus sollen das Kirchenmusikalische Institut und die Dommusik einziehen

Das ehemalige Internatsgebäude haben die Schwestern behalten und mit viel Liebe und Geld selbst saniert. Hell, fröhlich, warm. Genau richtig für die katholische Grundschule, die Sankt Magdalena vor Kurzem eröffnet hat. Zwei Klassen gibt es schon, acht sollen es werden.

 

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