Frühstück in der Lutherkirche

Pfarrer Vincenzo Petracca begrüßt in seiner Kirche alle, die auf der Straße stehen

Das Aus für die Lutherkirche war längst beschlossene Sache. Nur noch ein Häufchen Protestanten verlor sich sonntags in der Kirche, die 1906 für tausend Gläubige gebaut worden war. Damals galt Neckarstadt-West als aufstrebender, junger Mannheimer Stadtteil. Heute ist das Viertel ein sozialer Brennpunkt.

Rund 20 000 Einwohner leben hier, die Hälfte davon sind Ausländer. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Armut sichtbar. In solch einem Umfeld, kann man doch nicht einfach die Kirche schließen, fand der hessische Unternehmer Karl Wolf. Der gläubige Katholik spendete eine halbe Million Euro, um aus der evangelischen Lutherkirche die erste „Diakoniekirche“ Baden-Württembergs zu machen.

Das gesamte Hilfsangebot der Diakonie wurde in den Kirchenraum integriert.

Das gesamte Hilfsangebot der Diakonie – von der Schuldnerberatung über die Suchthilfe bis hin zur Lebensmittelausgabe – wurde in den Kirchenraum integriert. Wer in der Neckarstadt auf der Straße steht, muss in die Kirche gehen. Im Juni 2011 öffnete die Diakoniekirche ihre Pforten. Jetzt beginnt das Projekt langsam zu leben.

Vor allem das Cafe im Eingangsbereich wird angenommen

Morgens um zehn geht es in der Lutherkirche zu wie in einer Wohngemeinschaft. Im Cafe schnippeln Seniorinnen Gemüse für die Suppe, an den Nachbartischen wird Zeitung gelesen oder Skat gespielt. Hinten im Computerraum surfen junge Frauen im Internet, auf der Empore übt der Organist. Konzert ist angesagt am Abend in der Diakoniekirche. Und die Eröffnung einer Fotoausstellung. Gleich sollen alle helfen beim Aufstellen der Stehtische.

Bis 13 Uhr gibt es in der Lutherkirche ein günstiges, gesundes Frühstück.

„Wir haben schon ein Stammpublikum“, freut sich Pfarrer Vincenzo Petracca. Vor allem das Cafe im Eingangsbereich der Kirche wird angenommen. Bis 13 Uhr offeriert das Mannheimer Arbeitslosenzentrum günstiges Frühstück. Am Nachmittag plauschen hier die Senioren oder die Gruppen aus der Gemeinde. Von jedem Tisch aus kann man den Altar sehen.

Die Büros des Arbeitslosenzentrums kuscheln sich unter die Seitenemporen

Ein wahres Raumwunder haben die Architekten in der Lutherkirche vollbracht. Weil das neugotische Gotteshaus komplett unter Denkmalschutz steht, erforderte der Umbau viel Fingerspitzengefühl. Die Büros und Beratungsräume des Arbeitslosenzentrums und des Diakonischen Werks kuscheln sich in die vier Sandsteinbögen unter den Seitenemporen. Schalldichte Glastüren und halbhohe Sichtblenden garantieren Diskretion.

Im Computerraum der Kirche kann jeder kostenlos surfen.

Einmal in der Woche werden in der Diakoniekirche Lebensmittel verteilt. Am Donnerstag kommt der Suchtberater. Im Keller soll ein Second-Hand-Kaufhaus für Kinderkleidung entstehen; in der Sakristei gibt es Theaterkarten zu stark ermäßigten Preisen. „Hartz IV zahlt 168 Euro im Monat für Lebensmittel. Das sind vier Euro am Tag. An Kultur ist da normalerweise nicht denken“, erklärt Vincenzo Petracca.

Jeden Dienstag gibt es eine Mittagsandacht: Bibeltexte, Musik, Kerzen

Der gebürtige Italiener denkt momentan intensiv darüber nach, wie er die Menschen in der Lutherkirche mit dem Heiligen Geist in Kontakt bringen kann. „Die Leute hier sind doch eher kirchenfern.“ Im Advent gibt es jeden Dienstag eine Mittagsandacht. Kurze Bibeltexte, Meditationsmusik, Kerzen. Petracca ist gespannt auf die Reaktionen: „Es kann sein, dass Einiges aufgewühlt wird.“ Arbeit für den Seelsorger.

Die Lutherkirche fasst tausend Gläubige. Heute kommt nur noch eine Handvoll.

Vor einem halben Jahr hat Petracca die ländliche Idylle von Heidelberg-Kirchheim gegen den sozialen Brennpunkt Mannheim-Neckarstadt eingetauscht. Es war eine sehr bewusste Entscheidung. „Das Thema Gerechtigkeit lag mit schon lange am Herzen.“ Seine Doktorarbeit trägt den Titel „Gott oder das Geld“. Mit Diskussionen, Lesungen und Vorträgen will er die Diakoniekirche zu einem Forum für Sozialpolitik in Mannheim machen.

Und zu einem Ort der Integration. „Arbeitslose, Berufstätige und Reiche begegnen sich nie“, überlegt Petracca. „Jeder lebt in seiner Sonderwelt.“ Anders in der Diakoniekirche. Hier wird demnächst eini „sozial durchmischter“ Bibelkreis entstehen. Ein Hausfest mit sozial engagierten Gruppen aus ganz Mannheim hat schon stattgefunden.

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