Zehn Tage unterm Hexenturm

Der Innenhof der Neuen Universität. Hier hat Martin Luther gewohnt.

Endlich zählt auch Heidelberg rückwärts. Noch 347 Tage, dann jährt sich Martin Luthers „Heidelberger Disputation“ zum 500. Mal. Die Originalschauplätze dieses historischen Moments sind mit der Zerstörung Heidelbergs im Jahr 1693 leider verschwunden. Trotzdem kann man in der Altstadt auf den Spuren der Reformation wandeln. Unser zweiter Kirchenspaziergang.

Die „Heidelberger Disputation“ war ein Weltereignis. Bei der Diskusssion mit den Heidelberger Professoren am 26. April 1518 präsentierte Luther erstmals öffentlich seine neue Theologie. Die Thesen, die der Wittenberger Mönch vortrug, waren so revolutionär und modern, dass manche Forscher die Disputation für den Beginn der Neuzeit halten.

Die Heidelberger Altstadt war dicht bebaut. Plätze suchte man vergebens.

Heidelberg im Jahr 1518. Eine dichtbebaute Stadt, umschlossen von einer robusten Sandsteinmauer. In den schmalen Gassen drängelten sich Fachwerkhäuser mit steilen Dächern. Grünflächen und Plätze suchte man vergebens. Der Marktplatz bei der Heiliggeistkirche war der einzige Freiraum im engen Häusergewirr. Erst draußen in der Vorstadt wurden die Abmessungen luftiger.

Heidelberg vor der Zerstörung: Rechts oben die Peterskirche, darunter das Augustinerkloster

Vier Klöster zählte das mittelalterliche Heidelberg. Die Franziskaner beteten auf dem heutigen Karlsplatz, die Dominikaner bei der Brunnengasse, das Zisterzienser-Kolleg stand am Fuß des Schlossbergs und das Augustinerkloster auf dem Universitätsplatz. Hier startet unser Reformations-Spaziergang.

Die Grabengasse am Uniplatz diente im Mittelalter tatsächlich als Stadtgraben. Zeitweilig sollen sogar Bären in ihm gelebt haben. An der Ostseite des Grabens verlief die Stadtmauer, von der nur ein Stück überlebt hat. Der „Hexenturm“ ist 34 Meter hoch, stammt aus dem späten 14. Jahrhundert und steht oben an der Einmündung zur Seminarstraße. Einst trug der Turm einen kriegerischen Spitzhelm und bewachte das Südende der Stadt.

Wie er das machte, kann man im Innenhof der Neuen Universität betrachten: Während sich die Außenseite des Turms trutzig der Welt entgegenreckte, stand seine Innenseite offen. Wäre es Angreifern gelungen, den Turm zu erobern, hätten sie sich darin nicht verschanzen können. Woher der „Hexenturm“ seinen Namen hat, weiß niemand. Hexen gab es darin nie. Auch keine Folterungen.

Ein Boden-Medaillon auf dem Uniplatz ist die einzige Erinnerung an Luther.

Nur ein Medaillon auf dem Uniplatz erinnert an Luthers Aufenthalt in Heidelberg.

Der Augustinermönch Martin Luther traf am 22. April 1518 in Heidelberg ein. Zehn Tage logierte er im Kloster der Augustiner-Eremiten, das sich seit 1279 hier beim Hexenturm in die Achsel der Stadtmauer schmiegte. Das Rasenstück, auf dem heute die Studenten ihre Pausen verbringen, war im 16. Jahrhundert der Kreuzweg der Abtei. Eine Mauer schirmte das Klosterareal zur Augustinergasse ab. Das Nordende des Klosters, etwa auf Höhe der heutigen Alten Universität, markierte ein kleines Kirchlein. Wer gute Augen hat, kann kurz vor dem Eingang zur Merianstraße ein Medaillon entdecken, das seit 1983 in den Uniplatz eingelassen ist. Es ist die einzige sichtbare Erinnerung an Luthers Heidelberger Disputation.

Der Kupferstich des Matthäus Merian aus dem Jahr 1620 zeigt das Augustinerkloster umringt von dreistöckigen Fachwerkhäusern und flankiert von einem prachtvollen Renaissancebau mit Stufengiebeln: Das Collegium der Unversität. Es blickte gen Osten und lehnte mit dem Rücken an der Stadtmauer. In diesem Prachtbau trug Martin Luther in fließendem Latein seine 40 Thesen vor, die anschließend von fünf Theologieprofessoren zerpflückt wurden.

Das Kloster der Augustiner-Eremiten in der digitalen Rekonstruktion.

Ein Triumphzug war die Disputation für Luther nicht. Zwar schwärmten die Studenten begeistert hinaus in die Welt, um als Reformatoren die neue Theologie zu verkünden. Heidelbergs Professoren dagegen reagierten verhalten und glaubten weiter katholisch.

Der katholische Beitrag zum Reformations-Jubliäum

Womit wir am Richard-Hauser-Platz wären. Hier schlägt das katholische Herz der Heidelberger Altstadt. Rechts die barocke Jesuitenkirche, deren Fassade „Il Gesu“ in Rom kopiert. Links das frisch renovierte „Haus der Begegnung“, geschmückt mit einem modernen Kunstwerk. Sein Titel: „teilen macht ganz“. Das ist der katholische Beitrag zum Reformationsjubiläum. Der heilige Martin nämlich hat nicht nur seinen Mantel mit dem Bettler geteilt, er war auch Luthers Namenspatron. Der Reformator wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren und ist am 11. November getauft worden. Nach alter Sitte auf den Namen des Tagesheiligen.

Moderne Kunst am „Haus der Begegnung“ soll an den heiligen Martin erinnern.

Die Kettengasse führte zu Luthers Zeit noch hinauf zur Bergstadt, die sich entlang des Schloßbergs erstreckte. Sie hatte ein eigenes Rathaus und nannte sich „Burg­freiheit“. Wir biegen nach links ein und sehen bald rechter Hand die Heiliggeistkirche. Ihre drei federleichte Schiffe wirken so luftig, als könnten sie jeden Moment zum Himmel hinaufschweben. Gotik in Perfektion. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet in diesem filigranen Gotteshaus die Konfessionen jahrhundertelang Krieg führten. Die Heiliggeistkirche war katholisch, lutherisch, calvinistisch, ja sogar altkatholisch. 230 Jahre lang zerteilte eine raumhohe Mauer die herrliche Kirche in einen katholischen Chor und ein reformiertes Langhaus. Düstere Zeiten.

Dem calvinistischen Katechismus machte Heidelberg weltberühmt

Die Reformation kam spät nach Heidelberg. Erst 1556 wagte Kurfürst Ottheinrich eine lutherische Glaubensreform, doch seine Regentschaft währte nur drei Jahre. Es folgte Friedrich III., ein Asket, überzeugter Calvinist und radikaler Bilderstürmer. Ludwig VI. kehrte wieder zum Luthertum zurück, ehe Johann Casimir und Friedrich IV. Heidelberg für ein Jahrhundert zur Hochburg des Calvinismus machten. Das Genf des Nordens.

Filigran und federleicht: Die Heiliggeistkirche ist Gotik in Perfektion.

So verwirrend diese Aufzählung für uns heute klingt, für die Bürger des 16. Jahrhunderts war sie der Horror. Das jüngste Gericht stand den Menschen im Mittelalter sehr konkret vor Augen. Wehe dem, der falsch glaubte. Ihm drohte ewige Verdammnis. Friedrich III. bemerkte die Unsicherheit seiner Untertanen und erteilte dem Theologen Zacharias Ursinus den Auftrag, einen „Katechismus unserer christlichen Religion“ zu verfassen. Am 19. Januar 1563 lag das schmales Büchlein vor, das sofort an alle Untertanen verteilt wurde. Heute ist der „Heidelberger Katechimus“ in mehr als 40 Sprachen übersetzt und gilt als wichtigste Bekenntnisschrift der reformierten Welt.

Für diese weltweite Berühmtheit hat Heidelberg einen hohen Preis bezahlt. Die überreiche Ausstattung der Heiliggeistkirche ging bei der calvinistischen Säuberung für immer verloren. Namenlos wurden die kostbaren Kerzenleuchter, Paramente, Kelche und Bilder in alle Winde zerstreut. Sie sind nie wieder heimgekehrt.

Auf den Emporen der Heiliggeistkirche stand die größte Bibliothek der Welt

Martin Luther als Augustinermönch.

Der Augustinermönch Martin Luther hat die Heiliggeistkirche noch in ihrer katholischen Pracht mit zwölf Altären erlebt. Der wertvollste Schatz jedoch stand oben auf den breiten Emporen: die „Bibliotheca Palatina“, die größte Bibliothek der Welt. Ob Luther – Priester, Theolgieprofessor und Büchernarr – in den rund 8500 Handschriften geblättert hat, ist nicht überliefert. Aber es ist sehr wahrscheinlich. Hundert Jahre später im Dreißigjährigen Krieg wurde die Bibliotheca Palatina nach Rom verschleppt. Hier steht sie bis heute.

Unser Weg führt durch die Hauptstraße zurück zum Uniplatz. Die heutige Altstadt ist ein planmäßiger Wiederaufbau nach der Komplettzerstörung im barocken Stil. Die Kurfürsten von Pfalz-Neuburg haben ihn zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Auftrag gegeben. Die Pfalz-Neuburger waren streng katholisch, weshalb sich an fast jedem zweiten Haus eine Madonna findet. Das radikale Kontrastprogramm zum kargen Calvinismus.

Die Peterskirche ist das älteste Gotteshaus der Altstadt. Sie ist sogar älter als die Stadt selbst. Als Heidelberg um 1220 gegründet wurde, fand sich die Peterskirche plötzlich außerhalb der Mauer wieder. Der Bau der Heiliggeistkirche im Jahr 1398 degradierte sie erst zur Nebenkirche, dann zur Friedhofskapelle. Nach der Pfälzer Kirchenteilung war sie die reformierte Pfarrkirche der Stadt.  90 kostbare Epitaphien schmücken heute den neugotischen Innenraum. Irgendwo in der Nähe des Altars, sagt man, liege Marsilius von Inghen, der erste Rektor der Universität, begraben.

Die Eisenbahn rettete die Peterskirche in letzter Sekunde

Die evangelische Peterskirche ist das älteste Gotteshaus der Altstadt.

Als 1844 der neuen Bergfriedhof eingeweiht war, sollte die Peterskirche abgebrochen werden. Die Rettung kam mit der Eisenbahn. Die Bahn erwarb das Gelände rund um Peterskirche, um eine neue Strecke nach Heilbronn zu bauen. Weshalb die Peterskirche heute wie versunken wirkt. Dank des Geldsegens konnte die alte Kirche im neugotischen Stil saniert werden. Aus Freude über diese glückliche Fügung pflanzen Heidelbergs Protestanten 1883 ein Luther-Eiche im Kirchhof. Sie aufzuspüren ist eine nette Aufgabe.

Das Pfingstfenster von Johannes Schreiter

Seit 1896 ist sie Peterskirche die Heidelberger Universitätskirche. 1963 hatte man genug vom neugotische Zuckerbäckerwerk. Man stülpte dem bröseligen Turm kurzerhand eine Kupferkappe über und weißelte den Innenraum. Seit der Sanierung 2005 schmücken neun Fenster des renommierten Glaskünstlers Johannes Schreiter die Peterskirche.

Moderne Kunst auf höchstem Niveau. Manchmal zur Mittagszeit, wenn die Sonne direkt auf das große Südfenster scheint und das goldgelbe Licht die uralte Kirche flutet, scheint die Atmosphäre geradezu aufgeladen von Magie.

Martin Luther stieg anno 1518 nach geschlagener theologischer Schlacht hinauf zum Schloß, um den Pfalzgrafen Wolfgang zu besuchen. Man kannte sich. Wolfgang, ein jüngerer Bruder von Kurfürst Ludwig V., hatte in Wittenberg als Rektor die Universität geleitet. Es müssen zwei launige Abende gewesen sein, die der Reformator im Heidelberger Schloss verbracht hat. Er notierte jedenfalls zufrieden, dass er „zu Wagen“ nach Wittenberg zurückgekehrt sei, „der ich zu Fuß ausgezogen war.“ Drei Monate später eröffnete Rom das Anklageverfahren gegen Martin Luther wegen Ketzerei.

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