Heiliggeist live im Ersten

Zu viele Säulen: Fernsehleute
in Heiliggeist

Die Heiliggeistkirche in Heidelberg ist ohne Zweifel ein imposantes Gotteshaus, doch für das Fernsehen völlig ungeeignet. Zu hoch, zu schmal, zu hell und viel zu viele Säulen. „Es gibt keinen Platz, von dem aus die Kamera den ganzen Raum zeigen kann“, stöhnte Ulrike Stein, Regisseurin beim Südwestrundfunk. Er übertrug  2013 in der ARD  den Himmelfahrts-Gottesdienst live aus Heiliggeist.

Fernsehgottesdienste in der ARD sind selten. Während das ZDF jeden Sonntag in einer Kirche zu Gast ist, sendet das Erste nur an hohen Feiertagen einen Gottesdienst. „Der SWR überträgt nur ein oder zwei evangelische Gottesdienste pro Jahr“, erklärte Rundfunkpfarrer Wolf-Dieter Steinmann, Rundfunkpfarrer in Baden. „Es kann lange dauern, bis eine Stadt dran ist.“ Dass es die Heiliggeistkirche geschafft hat, lag natürlich am 450. Geburtstag des Heidelberger Katechismus. Ihm war praktischerweise auch das Thema der Predigt entnommen. „Was nützt uns die Himmelfahrt?“, erkundigt sich der Katechismus in Frage 49.

Die Stoppuhr betet mit: Glaubensbekenntnis eineinhalb Minuten.

Vierzehneinhalb Minuten :
Dekanin Schwöbel-Hug

Vierzehneinhalb Minuten hatte Dekanin Marlene Schwöbel-Hug Zeit, um der Gemeinde drinnen in der Kirche und den rund 800.000 Zuschauern draußen an den Bildschirmen den Sinn von Christi Himmelfahrt zu erklären. Die Heidelberger Dekanin musste die Fernseh-Predigt nicht alleine schreiben, sondern die wichtigsten Gedanken entstanden in einem Vorbereitungsteam.

„Seit September treffen wir uns regelmäßig, um über Musik, Gebete, Predigt und Fürbitten zu beraten“, verriet Rundfunkpfarrer Steinmann. Seine Aufgabe als Medien-Profi bestand darin, neben den Texten immer auch die Uhr im Blick zu behalten. Steinmann betete wochenlang nur noch mit Stoppuhr: Ein Glaubensbekenntnis dauert eineinhalb Minuten. Das Vaterunser fünfzig Sekunden. „Überziehen durften wir auf keinen Fall“, sagte Steinmann. Punkt 10.59 Uhr hätte die ARD abgeschaltet. Egal, ob der Segen gesprochen war oder nicht.

Rundfunkpfarrer Steinmann betete nur noch mit Stoppuhr.

Und dann war da noch die Optik. Wo stehen die Pfarrer? Wo die Lektoren? Wie setzt man den Kinderchor richtig in Szene? Was haben die erwachsenen Sänger an? „Weiße Kleidung geht im Fernsehen gar nicht, weil sie das Licht reflektiert“, erklärte Steinmann. „Ein Chor in einheitlichem Schwarz wirkt wie ein düsterer Block.“ Die Lösung: Kleine bunte Hingucker. Ein Schal, eine Krawatte, ein Jäckchen oder eine Brille.

Bei Fehlern schnellt die Quote in die Höhe

Womit wir bei den Gesichtern wären. „Kameras sind unbarmherzig“, sagte Steinmann. „Sie zeigen jede Unreinheit der Haut, jedes noch so kleine Fältchen.“ Weshalb alle sechzig Mitwirkenden des Fernsehgottesdienstes vor ihrem Auftritt von Maskenbildnern geschminkt wurden.

Altstadtpfarrer Martin Hauger fiel bei der Live-Übertragung die schwierigste Aufgabe zu: die Begrüßung. Auswendig, direkt in die Kamera gesprochen. Ohne Zettel und ohne Teleprompter. Wolf-Dieter Steinmann unbarmherzig: „Ganz egal, wie nervös Pfarrer Hauger ist, er muss entspannt wirken und hochkonzentriert sein.“

Seltener Gast in Kirchen: Die ARD überträgt Gottesdienste nur an Feiertagen

Wobei die Fernsehleute einen Blackout gar nicht so schlimm gefunden hätten. „Fehler machen die Akteure menschlich und sympathisch“, lächelte Fernsehpfarrer Steinmann. „Die Quote schnellt in die Höhe.“ Eine Vorstellung, die nicht unbedingt zur Beruhigung der Heidelberger  Nerven beitrug. „Vor der Predigt im Fernsehen habe ich schon Respekt“, gab Marlene Schwöbel-Hug zu.

Strahlender Sonnenschein hätte die ganze Übertragung ruiniert

Vierzehneinhalb Minuten Predigt. Für Fernsehzuschauer, die an schnelle Schnitte gewöhnt sind, war das eine extrem lange Einstellung. Um sie optisch zu verkürzen, hatte Regisseurin Ulrike Stein großes Equipment aufgefahren. Im Mittelgang der Heiliggeistkirche stand ein riesiger Kran mit langen Auslegern, der die Kamera um 360 Grad schwenken konnte. Während die Dekanin sprach, fuhr die Kamera immer mal wieder über die Gemeinde, zoomte einzelne Gesichter nahe heran, verweilte auf den Kirchenfenstern oder den gotischen Fresken an der Decke.

Die größte Angst :
Sonnenschein

„Wir wollten den ganzen Kirchenraum erfahrbar machen“, erklärte Regisseurin Stein. Das nötige Licht lieferten drei supermoderne Hochleistungs-LED-Scheinwerfer, die auf der Empore postiert waren. Stein: „Diese Scheinwerfer sind im Handel noch gar nicht erhältlich.“ Vorne im Chorraum fuhen zwei Pumpen-Kameras auf kurzen Schienensträngen hin- und her. Zwei weitere Kameraleute mit mobilen „Steady-Cams“ auf den Schultern huschten durchs Kirchenschiff.

Ein Restrisiko blieb allerdings trotz des gewaltigen technischen Aufwands: Gegen hellen Sonnenschein am Himmelfahrtstag wären die Fernsehmacher machtlos gewesen. „Die Heiliggeistkirche ist perfekt geostet“, sorgte sich Wolf-Dieter Steinmann. „Ab zehn Uhr strahlt die Sonne durch die hohen Chorfenster in die Kirche.“ Auf den Bildschirmen hätte man dann nur noch helle Flecken und harte Schatten gesehen.

 

 

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