Im Schutz der toten Kaiser

Gewaltige Romanik: Der Speyerer Dom war einst die größte Kirche der Welt

Der September ist der Monat der Tat. Vorbei die Trägheit des Sommers. Jetzt kühlen die Nächte wieder, und die Welt ruft zur Ernte. Doch noch bleiben uns ein paar Tage. Wir sollten sie nutzen für einen Stadtbummel auf den Spuren Gottes. Unser dritter Kirchenspaziergang führt nach Speyer, wo man in einer Stunde durch zweitausend Jahre wandern kann.

In einer stürmischen Oktobernacht des Jahres 1813 kauerte der Fährmann von Speyer am Ufer des Rheins. Just als die Glocke Mitternacht schlug, spürte er eine eisige Hand auf der Schulter. Der Schiffer erblickte riesige bleiche Gestalten mit Prankenhänden und eisernen Kronen auf den Häuptern. Die toten Kaiser. Sie verlangten, sofort übergesetzt zu werden, weil sie eine Aufgabe zu erledigen hätten. Wenige Stunden später wurde Napoleon bei Leipzig vernichtend geschlagen.

Der Aufstand der toten Kaiser ist die Lieblingslegende der Speyerer

Diese Schauergeschichte ist der Liebling aller Speyerer. Sie haben ihr sogar in dem kleinen Park zwischen Dom und Rhein ein Denkmal gesetzt. Weil die Legende das Trauma der Stadt so schön in ein Bild packt: Hier die Salier-Kaiser, die Speyer zum Zentrum ihres Reichs erkoren und die größte romanische Kirche der Welt bauten. Dort die Franzosen, die Speyer zerstörten und 1801 sogar den Dom abreißen wollten, um die Steine als Baumaterial zu versteigern. Lediglich das Westportal sollte bleiben. Als Triumphbogen für Napoleon. Gut, dass die Kaiser in ihrer Gruft aufgepasst haben. Beginnen wir unseren Kirchenspaziergang also mit den Toten von Speyer.

Früher war der Adenauerpark eine Oase. Jetzt liegt Helmut Kohl hier begraben.

Der Adenauer-Park liegt im Norden der Altstadt fast direkt gegenüber des Hauptbahnhofs. Bis vor kurzem war der Park eine verwunschene Oase mit Seerosenteich, Renaissance-Grabsteinen und einer gotischen Kapelle. Jetzt liegt Helmut Kohl hier begraben. Der Altbundeskanzler ruht im Schatten von St. Bernhard, was ein guter Platz ist. Die monumentale Bernhardskirche nämlich wurde 1954 erbaut als Symbol der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Das Speyerer Lebensthema.

Altbundeskanzler Helmut Kohl ruht im Adenauerpark. Ein guter Platz.

Geweiht ist das katholische Gotteshaus dem heiligen Bernhard von Clairveaux, dem charismatischen Missionar des Zisterzienserordens. Die Zisterzinser verstanden sich als Gegenmodell zum verlotterten monastischen Lebensstil des 12. Jahrhunderts. Sie aßen kaum und sprachen nicht. Alle Sinne ausgerichtet auf Gott. Das traf den Nerv der Zeit. Selten hat sich eine Bewegung so schnell ausgebreitet wie die zisterziensische.

Im Dezember 1146 kam Bernhard von Clairvaux nach Speyer. Nicht um Askese zu predigen, sondern um für den Kreuzzug ins Heilige Land zu werben. König Konrad III. lehnte ab. Geschichte wurde dennoch geschrieben. Eines Abends, als die Gemeinde im Dom das „Salve Regina“ anstimmte, soll Bernhard spontan die Strophe „O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria“ hinzugefügt haben. Wobei er bei jedem Wort einen Sprung in Richtung Altar machte. Im Mittelgang des Doms sind die Worte in den Sandstein eingelassen. Zum Nachhüpfen.

Der Name „Protestanten“ wurde im Schatten des Doms erfunden

Das Symbol der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich: St. Bernhard

Biegt man jenseits des St.-Guido-Stifts-Platzes in die Armbruststraße ein, so liegt rechter Hand die Augustinergasse. Verloren zwischen Parkplätzen und Sparkassen-Klotz steht hier ein traumschöner gotischer Kreuzgang. Er ist der Rest des einst so reichen Augustinerklosters von 1334. 1689 wurde das gotische Gemäuer niedergebrannt. Es starb mitsamt der ganzen Stadt. Mindestens acht Klöster gab es im Mittelalter in Speyer. Überlebt haben nur die Dominikanerinnen von St. Magdalena. Dort schauen wir später vorbei. Jetzt folgen wir hinter dem Altpörtel der Gilgenstraße.

100 Meter: Der höchste Kirchturm der Pfalz

Martin Luther hätte im April 1529 eigentlich längst tot sein müssen. Schon seit acht Jahren lebte er in Reichsacht, vogelfrei und rechtlos. Dass der Reformator dennoch quietschfidel an seiner Theologie feilen konnte, verdankte er dem Schutz sechs einflussreicher Fürsten. Beim Reichstag zu Speyer am 19. April 1529 verfassten die lutherischen Herrscher eine geharnischte Protestschrift, in der sie vom katholischen Kaiser Religionsfreiheit forderten. Die wurde zwar nicht gewährt, aber evangelische Gläubige nennen sich seither „Protestanten“.

Genau 100 Meter: Der höchste Kirchturm der Pfalz

Sichtbares Monument der „Speyrer Protestation“ ist die Gedächtniskirche. Das neugotische Gotteshaus von 1893 besitzt mit 100 Metern den höchsten Kirchturm der Pfalz und war ursprünglich als Zentralkirche für die gesamten protestantische Christenheit geplant. Was sich leider nicht rumgesprochen hat. Dabei ragt Martin Luther in ihrer Vorhalle mindestens so hoch und majestätisch auf wie auf dem Denkmal zu Worms.

St. Joseph war die katholische Antwort auf die Gedächtniskirche gegenüber

Die katholische Antwort auf die Gedächtniskirche war die gewaltige St.-Josephs-Kirche gleich gegenüber. Seit 1914 komplettieren ihre 90 Meter hohen Doppeltürme die Speyerer Silhouette. „Katholische Vielfalt“ wollte der Mainzer Dombaumeister in St. Joseph der protestantischen Neugotik entgegensetzen. Das Ergebnis ist ein Quiz für Architekturfans. Welches Detail erinnert an die Spätgotik? Welches an den Barock, die Renaissance, den Jugendstil?

2027 Jahre. Auf dieses Alter ist Speyer schon sehr stolz.

Zurück in die Maximilianstraße, die jetzt im Sommer ein wunderbar südliches Flair ausstrahlt. Etwa auf der Hälfte des Wegs zum Dom treffen wir den „Pilger“. Die überlebensgroße Bronze hat der inzwischen emeritierte Bischof Anton Schlembach 1990 seiner Stadt zum 2000. Geburtstag geschenkt. Bereits im Jahr 10 vor Christus wurde ein Heerlager am Ufer des Rheins erwähnt, genau da, wo heute flaniert wird. 2027 Jahre. Auf diese Zahl ist Speyer schon sehr stolz.

Den Bronzepilger schenkte der Bischof seiner Stadt zum 2000. Geburtstag

Der Bronzepilger weist darauf hin, dass Speyer dank seines Mariendoms immer schon eine wichtige Etappen der Jakobspilger war. Obwohl die Stadt nicht auf der Hauptroute nach Santiago liegt.

Ein Ort zwischen Himmel und Erde.

Normalerweise würden wir beim Pilger links abbiegen, um die wunderbare evangelische Dreifaltigkeitskirche zu besuchen. Sie war das erste barocke Gebäude, das nach der Zerstörung ihrer Stadt errichtet wurde. Zwei Emporen umrahmen das Kirchenschiff. Sie sind überreich mit Bildtafeln verziert, so dass die Kirche wie eine große Bilderbibel wirkt. Leider ist die Dreifaltigkeitskirche bis 31. Oktober wegen Renovierung geschlossen.

Freundlich, bescheiden und fromm: Edith Stein in Speyer

Weshalb wir erst vor dem Domplatz links abbiegen und zum Speyerbach wandern. Jenseits der  Sonnenbrücke treffen wir auf das Dominikanerinnenkloster St. Magdalena.

Acht Jahre lebte und lehrte Edith Stein in St. Magdalena

Hier hat die Karmelitin Teresia Benedicta a Cruce, besser bekannt als die heilige Edith Stein, von 1923 bis 1931 als Lehrerin gewirkt. Es ware Steins erste Jahre als Christin. Kurz zuvor hatte sich die Jüdin mit 31 Jahren taufen lassen. 1934 trat Edith Stein in Kölner ins Karmeliterkloster ein. 1942 wurde sie in Auschwitz ermordet. Die Dominikanerschwestern von Speyer haben mit viel Liebe Erinnerungsstücke aus dem Leben der Heiligen in einem Museum zusammengetragen.

Seit 1262 beten Dominikanerinnen im Kloster St. Magdalena

Seit 1262 beten Dominikanerinnen in Speyer. 45 Nonnen wirken noch hinter den barocken Mauern von St. Magdalena, viele der jüngeren Schwestern stammen aus Peru und Brasilien. Früher lebten die Schwestern in strenger Klausur. Heute betreiben sie eine moderne Ganztagsgrundschule für Mädchen und Jungen. An der Klosterpforte gibt eine Klingel. Wenn man Glück hat, führt eine Schwester den Besucher im Park des Klosters herum. Ein Ort zwischen Himmel und Erde mit Traumsicht auf den Dom.

Der Dom. Endlich! Er ist überwältigend.

Kaiser Konrads Krone schwebt über dem Chor

Der Dom. Endlich! Er ist überwältigend. 134 Meter lang, 33 Meter hoch, 55 Meter breit und tausend Jahre alt. Fünf Generationen haben an dem Dom gearbeitet, den Kaiser Konrad II. 1027 in Auftrag gegeben hat. Als in Stein geformter Ausdruck seiner Macht. Und als Grablege für ein neues Geschlecht: Die Salier.

Kaiser Konrad II. entstammte einer Grafenfamilie aus Worms. Lesen und schreiben hat er nie gelernt, dafür überragte Konrad mit seinen zwei Metern all seine Landsleute. Das genügte als Qualifikation. 1024 wählten die Fürsten den 34-Jährigen einstimmig zum König des deutschen Reichs. 1027 krönte ihn der Papst in Rom zum Kaiser. Konrads Krone schwebt heute um ein Vielfaches vergrößert im Chor des Doms.

Kaiser Konrad und seine Gisela: Eine große Liebe

Die Krypta gilt als die größte und schönste Unterkirche der Welt

Konrads Reich war riesig. Es reichte von Italien über Frankreich und Polen bis zur Nordsee. Eine Hauptstadt gab es nicht. Konrad II. regierte im Reisen. Die Frau an Konrads Seite hieß Gisela. Sie war älter als er und gebildeter. Eine große Liebe. Beide ruhen Seite an Seite in der Krypta des Doms. Sie gilt als die schönste Unterkirche der Welt.

Heinrich III., Konrads Sohn, trat mit 22 Jahren das Erbe seines Vaters an. 1045 ritt Heinrich nach Rom, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. Er fand die ewige Stadt im Chaos.

Das Herz von Kaiser Heinrich III. ruht in Goslar. Sein Leichnam in Speyer.

Der amtierende Papst hatte sich sein Amt gekauft, sein Vorgänger geheiratet. Heinrich berief eine Krisen-Synode ein, die den Zölibat für Priester zur Pflicht machte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. An seinem 39. Geburtstag starb Kaiser Heinrich III. überraschend. Sein Herz wurde in Goslar beigesetzt, der Leichnam in Speyer.

Heinrich IV. ließ den Dom kurzerhand wieder abreißen

Heinrich IV. war sechs Jahre alt, als man ihn zum König krönte. Der Erzbischof von Köln übernahm seine Erziehung, was das Verhältnis zwischen Kaiser und Kirche dauerhaft zerrüttete.

540 Kilometer sind es von Speyer nach Canossa. Heinrich IV. ging zu Fuß.

Anders als seine Vorfahren hielt sich Kaiser Heinrich IV. gern und oft in Speyer auf. 1044 war der Dom nach zwanzigjähriger Bauzeit endlich fertig. Doch der Kaiser befand die gewaltige Kathedrale für viel zu klein. Kurzerhand ließ Heinrich weite Teile wieder abreißen, damit der Dom erhöht und nach Westen verlängert werden konnte. Jetzt besaß Speyer die größte Kirche der Welt.

Ein klares Signal nach Rom. Dort nämlich hatte Papst Gregor VII. gerade erklärt, dass er die Einmischung des Kaisers in Angelegenheiten der Kirche nicht länger hinnehmen werde.

Der Gang nach Canossa ist Sprichwort geworden.

Ende gut: Heute ruht auch Heinrich IV. in der Krypta des Doms

Als Heinrich IV. diese Warnung einfach ignorierte, exkommunizierte der Papst den Kaiser. Eine ernste Sache. Heinrich musste handeln. 1077 brach Heinrich auf zu einem Bußgang über die Alpen. 540 Kilometer von Speyer zur Burg Canossa. Zu Fuß. Im Winter.

Der Gang nach Canossa ist Sprichwort geworden, das Ende der Geschichte vergessen . Kaum war Heinrich IV. zurück in Speyer, machte er weiter wie bisher. Worauf ihn der Papst wieder bannte. Diesmal für immer. Als Kaiser Heinrich IV. 1106 starb, bestattete man ihn nicht in der Krypta, sondern in der noch ungeweihten Afra-Kapelle.

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