„Mannheim ist eine Integrationsmaschine“

Ein eingespieltes Team: Erzbischof Zollitsch und Landesbischof Fischer in Mannheim

Wir haben uns daran gewöhnt, dass es für jedes Problem einen Profi gibt. Berater, Ärzte, das Sozialamt, die Krankenkassen. Irgendwer wird schon zuständig sein, wenn es dem Nachbarn schlecht geht. Achtsames Füreinander wird immer seltener in unseren Städten. Ein gefährlicher Trend, gegen den die beiden großen Kirchen mit der „Woche für das Leben“ ankämpfen wollten.

„Zusammenhalt gestalten“ lautet das Motto der bundesweiten Aktion, die der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, und der badische Landesbischof Ulrich Fischer in Mannheim eröffneten.

Menschen aus 180 Nationen leben in Mannheim Tür an Tür

Zwei Welten: Hier hektische Kameraleute und schubsende Fotografen, die Zollitsch und Fischer umkreisten. Da vier Seniorinnen aus Neuhermsheim, die seelenruhig neben dem Altar der Konkordienkirche Platz nahmen, um ein Lied zu singen. Zusammen mit einer kunterbunten Schar Neuhermsheimer Kinder, deren Kita direkt neben dem Seniorenwohnheim liegt. Jung und Alt nutzen den Garten gemeinsam und spielen miteinander. Ein Beispiel, wie nachbarschaftlicher Zusammenhalt in Mannheim gestaltet wird.

Die Stars in der Eröffnungsfeier:
Kinder und Senioren aus Neuhermsheim

Die Quadratestadt nämlich ist auf dem besten Weg, zum Symbol für die Pluralität unserer Gesellschaft zu werden. Menschen aus fast 180 Nationen vom Flüchtling bis zur Führungskraft leben hier Tür an Tür. 38 Prozent der Mannheimer haben Migrationshintergrund.

Von den Edelboutiquen in den Planken bis zum türkischen Discounter am Marktplatz ist es nur ein Katzensprung. Von den Innenstadtkirchen bis zur Synagoge oder zur Moschee nicht weiter. „Mannheim ist eine Integrationsmaschine“, definierte Christian Specht, der Erste Bürgermeister, bei der Eröffnung der „Woche für das Leben“.

„Mannheim ist eine Integrationmaschine“

Integrationsmaschine – das mag ein etwas krasses Wort sein. Doch was es meint, weiß Erzbischof Robert Zollitsch aus eigener Erfahrung. Der Freiburger Oberhirte war als Jugendlicher mit seiner Familie aus Rumänien nach Mannheim-Rheinau gekommen. „Ich habe mich in Mannheim sofort zu Hause gefühlt“, lächelte Zollitsch.

Tat sich anfangs schwer mit Mannheim:
Der badische Landesbischof Ulrich Fischer

Landesbischof Ulrich Fischer hat sich schwerer getan mit der Integration in der Quadratestadt. „Als ich 1996 Dekan in Mannheim wurde, habe ich diese Stadt nicht auf den ersten Blick geliebt“, gestand Fischer. Aber mit den Jahren habe er den „Charme des Verschiedenen“ schätzen gelernt. Viel Mannheim-Begeisterung also beim Start in die Lebenswoche.

Was nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass auch in den Quadraten das nachbarschaftliche Miteinander nicht von allein entsteht. Hierfür brauche es einerseits, so die beiden Bischöfe, den guten Willen und Engagement aller. Andererseits aber auch Strukturen.

Ein „Migrations-Tandem“ für Einheimische und Neuankömmlinge

Die Caritas beispielsweise schweißt Einheimische und Neuankömmlinge zu sogenannten „Migrations-Tandems“ zusammen, um das Einleben in Deutschland zu erleichtern. In der „Vesperkirche“ kochen Ehrenamtliche aus allen gesellschaftlichen Schichten vier Wochen ein warmes Mittagessen für mehr als fünfhundert hungrige Menschen. Die evangelische Diakoniekirche Plus vereint Gottesdienstraum und Beratungsbüros, Arbeitslosenzentrum, Begegnungscafé und Kinderkaufhaus unter einem Dach.

Ein Eishockeyteam mit großem Herz für arme Kinder: Die Adler Mannheim

Und dann gibt es noch die Adler. Im Jahr 2008, berichtete Matthias Binder vom Vorstand des Vereins „Adler helfen Menschen“, beschloss der Mannheimer Eishockeyclub, „der Stadt etwas zurückzugeben.“ In Form von Spenden. Hohen Spenden, die vor allem den Kindern Mannheims zu Gute kommen sollten. Doch wo und wie anfangen mit der Hilfe?

Ohne die Zusammenarbeit mit Diakonie und Caritas, betonte Matthias Binder, wäre das Engagement der Adler ins Leere gelaufen. Was glücklicherweise nicht geschehen ist. Heute spendet der Eishockeyclub alljährlich große Summen beispielsweise für die „Kindervesperkirche“ der Diakonie, „ein bundesweit einmaliges Projekt“ (Binder). Zwei Wochen lang kommen bedürftige Kinder jeden Mittag in die Jugendkirche auf dem Waldhof, um zusammen zu essen, zu basteln und zu spielen. Letztes Jahr wurde das Projekt erstmalig auch nach Ludwigshafen exportiert.

Eine Kindervesperkirche gibt es sonst nirgendwo

Das Kochen, Spülen und Putzen übernehmen bei der Kindervesperkirche ehrenamtliche Mitarbeiter aus allen gesellschaftlichen Schichten. Wie das kostenlose Essen schmeckt, durften die Bischöfe Zollitsch und Fischer am Samstag gleich ausprobieren. Fünfhundert Portionen Kartoffelsuppe mit Würstchen wurden in der Konkordienkirche serviert. Man saß auf langen Bänken an einfachen Holztischen. Die Bischöfe neben den Arbeitslosen; die Fernsehreporter neben den Kindern aus Neuhermsheim.

Hinreißender Auftritt trotz Lampenfieber:
Die Kita Neuhermsheim

„Es bedarf verbindender Organisationen, innerhalb derer sich die Menschen für das Leben engagieren können“, forderte der evangelische Landesbischof Ulrich Fischer in seiner Predigt. „Wenn in einer Stadt möglichst viele solcher Räume zur Übernahme von Eigenverantwortung geöffnet werden, dann geht es der Stadt gut.“

Zollitsch: „Zu Gott beten und selbst Hand anlegen zum Wohl der Stadt“

Sein katholischer Kollege Erzbischof Robert Zollitsch betonte die Verantwortung jedes Menschen für die Gemeinschaft. Es komme darauf an, dass man selbst tätig werde und nicht nur darauf warte, bis Gott das Gute in der Welt wirke. „Das Unvorstellbare kann erreicht werden“, sagte Zollitsch, „wo wir zu Gott beten und selbst Hand anlegen, um uns um das Wohl unserer Stadt zu kümmern.“

Vor kurzem, erzählte die Leiterin der Kita von Neuhermsheim, spielten die Kinder mit den Senioren aus dem Thomashaus Mensch-ärgere-Dich-nicht. Eine ältere Dame hatte Probleme mit ihren Augen. Da kam spontan ein Kind auf sie zu und sagte: „Komm, wir tun uns zusammen: Du würfelst, ich ziehe den Stein.“ Schon in diesem Moment, sagte die Erzieherin, hatten beide gewonnen.

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