Ottos Traum

Mosbachs Blüte währte nur 80 Jahre, doch die Stiftskirche strahlt bis heute

Da liegt er vor uns, der August. Wie ein großer, stiller Teich, den ein Hauch von Wehmut kräuselt. Die Ernte ist eingefahren, am Wegrand leuchten schon erste Hagebutten. Genau der richtige Zeitpunkt für einen Ausflug auf den Spuren Gottes. Der sechste Kirchenspaziergang führt nach Mosbach, wo seit dreihundert Jahren eine Mauer die gotische Stiftskirche in zwei Teile schneidet.

Der Chor gehört den Katholiken, im Langhaus beten die Protestanten. Immerhin gibt es seit 2008 eine Pforte zwischen den beiden Welten. Ein Besuch an die Elz zum zehnten Geburtstag der Ökumene-Tür.

Mosbach ist ein gesegneter Ort. Kein Krieg hat die Stadt, die an der wichtigen Handelsstraße vom Kraichgau nach Würzburg lag, je zerstört. Erst die Neuzeit begrub Vieles unter Beton. Das Fachwerk der Altstadt ist zum Glück erhalten geblieben, ein Häuschen hübscher als das andere. Sie reihen sich nicht geordnet aneinander, sondern stehen versetzt, verdreht, ineinander verschachtelt. Mittelalter pur. Eine „feine, wohlgebaute kurpfälzische Stadt“, lobte Matthäus Merian anno 1645. Sein Kupferstich zeigt Mosbach hinter einer doppelten Stadtmauer. Ein Privileg, das nur  wichtigen Städten zustand.

Das Fachwerk des Palmschen Hauses gilt als eines der prächtigsten in Baden.

Das prächtigste Fachwerkhaus ist das „Palmsche Haus“ von 1610. Es steht am Markplatz. Hier beginnt unser Kirchenspaziergang.

Im Mittelalter hatte die Stiftskirche kaum Platz zum Luftholen

Der Mosbacher Markt ist zauberhaft. Man sitzt unter Bäumen, lauscht dem Plätschern des Brunnens und lässt den Blick weit schweifen. Das funktioniert erst seit rund 200 Jahren. Im Mittelalter war die Stadt so verdichtet bebaut, dass sie wie ein Haufen wirkte. Die Stiftskirche hatte kaum Platz zum Luftholen. Dabei ist sie die Keimzelle Mosbachs.

Im Jahr 824 errichteten Benediktinermönche hier ein Kloster, das sie „mosabach“ nannten. Die Cella gedieh nicht besonders, weshalb der Wormser Bischof das Kloster 1016 in ein Priesterstift umwandelte. Stiftsherren besaßen im Gegensatz zu Mönchen privates Eigentum und lebten in eigenen Häusern nahe der Kirche. 1241 war Mosbach schon eine ansehnliche Siedlung, die 1290 Stadtrecht erhielt.

Die hohe Stiftskirche am Marktplatz ist die Keimzelle Mosbachs

Für Mosbachs Bürger war das die Initialzündung. Sie bauten sich eine eigene „Leutkirche“: St. Cäcilia. Man kann sich die Größe dieses gotischen Gotteshauses ungefähr vorstellen, wenn man das Renaissance-Rathaus betrachtet. Es wächst auf den Grundmauern von St. Cäcilia empor. 1556, als in der Kurpfalz die Reformation eingeführt wurde, befahl Kurfürst Ottheinrich, die katholische Kirche abzureißen und an ihrer Stelle ein Rathaus zu bauen. Mosbach gehorchte.

Tatendurstig taufte der junge Pfalzgraf sein Reich „Neckarpfalz“

Doch als das Rathaus fertig war, hatte man Mühe, es als solches zu erkennen. Weil es einen Kirchturm besitzt, in dem sogar Glocken hängen. Die älteste stammt von 1458 und läutet jeden Abend um 22.45 Uhr. Der Volksmund nennt sie „Lumpenglöckle“. Angeblich ruft  sie auch den letzten Zecher nach Hause. In Wahrheit erinnert das Geläut aber an die Rettung der Pfalzgräfin Johanna, die sich im Wald verirrt hatte. Pfalzgraf Otto ließ stundenlang die Kirchenglocke läuten, wodurch Johanna wieder nach Hause fand.

Noch eine Kirche? Das Rathaus gibt sich nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Mit Otto und Johanna sind wir bei der glanzvollsten Epoche Mosbachs angelangt. Sie begann 1410, als der Pfälzer Kurfürst Ruprecht III. starb. Er hinterließ vier Söhne. Ludwig III. erbte Heidelberg und die Kufürstenwürde, seine drei Brüder erhielten je eine Grafschaft. Für Otto, den jüngsten Sohn, blieb Mosbach. Tatendurstig schwang er sich der 20-Jährige aufs Pferd, taufte sein neues Reich „Neckarpfalz“ und begann mit dem Ausbau einer stattlichen Residenz.

Otto war der einzige Sohn Ruprechts, der Managerqualitäten besaß. Er avancierte zum Ratgeber seines kurfürstlichen Bruder und nach dessen Tod zum Vormund für den Thronerben Ludwig IV. Zuhause in seinem Mosbach plante Otto richtig groß. Er baute sich eine prunkvolle Burg, die heute so nicht mehr existiert. Dann nahm er sich die Stiftskirche vor. St. Juliana war, obwohl gerade erst neu gebaut, viel zu klein. Befand Otto.

Als die Stiftskirche fertig war, ließ Otto ihre Westwand wieder einreißen

Als der Chor geplant wurde, ahnte niemand etwas von Otto

Tatsächlich hatten die Stiftsherren St. Juliana um 1386, als noch niemand etwas von Otto ahnten, als schlichte gotische Landkirche konzipiert. Mit elegantem Gewölbe und schlanken Maßwerkfenster, aber nur mit einem Schiff. Die beiden „Seitenschiffe“, die wir heute sehen, stammen aus dem Jahr 1953. Allein der 52 Meter hohe Turm gibt Rätsel auf. Der Grundriss der Kirche zeigt, dass ursprünglich noch ein zweiter geplant war. Doch wozu braucht eine kleine Landkirche zwei Türme? Das ist eigentlich ein Privileg von Bischofskirchen.

Die gotischen Ausstattung von St. Juliana fiel im 16. Jahrhundert der calvinistischen Säuberung zum Opfer. Der barocke Hochaltar und die Kanzel, die heute die Kirche schmücken, entstanden im frühen 18. Jahrhundert. Hinreißend schön sind die Engel, die durch St. Juliana flattern. Manche halten sie für die hübschesten Engel in ganz Baden. Große Kunst ist auch die Grabplatte der Pfalzgräfin Johanna. Das Relief der Verstorbenen wurde 1444 erst in Bronze gegossen und dann in den Stein eingefügt.

1410, die Stiftskirche war gerade fertig, ließ Pfalzgraf Otto ihre Westwand wieder einreißen. Zwecks Anbau eines prachtvollen, gotischen Langhauses. Ottos Traum. Fünfzig Jahre später erhob sich eine veritable Basilika über die Mosbacher Altstadthäuschen. Schlanke Pfeiler mit spitzen Bögen trugen die drei hohen Schiffe der neuen Stiftskirche. An den Wänden strahlten traumschöne großrahmige Fresken, davor reihte sich Altar an Altar. Goldene Kelche glitzerten neben silbernen Leuchtern. Die filigrane Kanzel aus Sandstein zierten das Kurpfälzische Wappen, das Schweißtuch der Veronika und die Jahreszahl 1468. Nur das Deckengewölbe gab es damals noch nicht. Sie ist neugotisch und stammt aus dem Jahr 1891.

Der Mosbacher Lettner existiert noch. Eine absolute Rarität.

Zauberhafte Flatterwesen: Die barocken Engel sind alle bildhübsch

Ein raumhoher Triumphbogen verband das neue Langhaus mit dem alten Chor. Davor stand ein großer steinerner Lettner, unter dem man wie in einer Halle wandeln konnte. Lettner grenzten im Mittelalter den Altarraum, der den Priestern vorbehalten war, von der Gemeinde ab. Kirchenbänke gab es nicht. Sie wurden erst erfunden, als die Reformation die Lettner niedergerissen hatte. Der Mosbacher Lettner existiert noch. Eine absolute Rarität. Heute trägt er die evangelische Orgel.

Der tüchtige Pfalzgraf Otto hat in seinem Gotteshaus nicht mehr gebetet. Er starb 1461, sieben Jahre vor der Einweihung der Stiftskirche. Aus Ottos großer Dynastie wurde auch nichts. Der einzige Sohn Otto II. starb kinderlos, Mosbach fiel zurück an die Kurpfalz. Damit war das Schicksal der Stiftskirche besiegelt. 1556 wurde sie lutherisch, 1563 calvinistisch. Die Kunstschätze wanderten ins Feuer, die Grabsteine verkamen zu Fußbodenbelag, die Fresken verschwanden unter Putz. Erst 1958 hat man sie durch Zufall entdeckt.

Seit Juli 2008 gibt es eine Tür in der Mauer.

1705, der Kurfürst glaubte nun wieder katholisch, beschloss man, die Kirchen der Kurpfalz unter den Konfessionen aufzuteilen. Wo es nur ein Gotteshaus gab wie in Mosbach, wurde eine raumhohe Scheidemauer zwischen Chor und Langhaus errichtet. 130 solcher „Simultankirchen“ gab es einst in der Kurpfalz. Heute ist die Mosbacher Stiftskirche die letzte. Sie wird ihre Mauer behalten. Als ein Stück Geschichte zum Anfassen. Mit einer Tür in die Zukunft.

Ein strenger, rechtwinkliger Kubus. Kein Schörkel nirgends.

Die Stiftskirche ist die evangelische Hauptkirche Mosbachs. Den Katholiken ist St. Juliana schon lange zu klein geworden. Sie dient nur noch als Filialkirche, in der gern Hochzeiten und Taufen gefeiert werden. Das katholische Leben spielt sich seit 1935 auf halber Höhe am Hardberg ab. Hier steht die neue St. Cäcilia-Kirche.

Wir folgen der Schlossgasse und der Heugasse, wo der Kandelbach wieder oberirdisch plätschert, zum Kandelschuss-Brunnen. Dann nehmen wir die Treppe zur Pfalzgraf-Otto-Straße. Rechter Hand sieht man schon von Weitem eine trutzige Kirchenburg aus massigen Sandsteinquadern. St. Cäcilia ist nichts für romantische Gemüter, wohl aber für Architekturfans. Die Kirche ist „Neue Sachlichkeit“ in Reinform. Unsaniert und unverfälscht. Ein strenger rechtwinkliger Kubus, kein Schnörkel nirgends.

St. Cäcilia von 1935 ist „Neue Sachlichkeit“ in Reinform.

Der Innenraum verzichtet auf Pfeiler. Stattdessen führen zwei massive Deckenträger den Blick wie durch einen Tunnel zum Chorraum hin. Hier steht umflossen von Tageslicht ein 3,40 Meter hoher Christus aus Bronze, der die Näherkommenden segnet. Die Leuchter und Wandmalereien zitieren den Jugendstil. Der plastische Kreuzweg berührt.

Ganz ohne Romantik kommt aber auch St. Cäcilia nicht aus

Freilich – ganz ohne Romantik kommt auch St. Cäcilia nicht aus. Eine Treppe führt hinunter in die Krypta, die heilige Cäcilia ruht. Natürlich nicht im Marmororiginal. Das befindet sich in Rom. Die Mosbacher haben nur eine  Nachbildung der berühmten Plastik mit dem merkwürdig verdrehten Kopf. Heinrich von Kleist hat eine wunderbare Novelle geschrieben: „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“. Man sollte sie lesen, bevor man durch Mosbach spaziert.

Verwinkelte Gassen führen uns wieder hinab zur Hauptstraße. Wir folgen ihr nach Osten, bis wir bei der Nummer 110 vor einem stattlichen Barockkomplex stehen. Heute beherbergt er das Amts-und das Landgericht , im 17. Jahrhundert beteten hier Franziskanermönche. 1686 waren die Mönche ins reformierte Mosbach gekommen, um die Stadt wieder zum katholischen Glauben zurückzuführen. Das hat nur bedingt funktioniert. Immerhin sollen die Franziskaner im Pfälzischen Erbfolgekrieg die französischen Truppen davon abgehalten haben, Mosbach zu zerstören.

Am wunderlich verdrehten Kopf der heiligen Cäcilia ist der Henker Schuld

1808 wurde das Kloster aufgehoben und die Franziskanerkirche abgebrochen. Die Seitenaltäre und die Kanzel fanden Zuflucht in St. Juliana am Marktplatz. Seit der Landesgartenschau 1997 gibt es immerhin den großen alten Klostergarten wieder mit Kräutern, Gemüse, Blumen und Obstbäumen. Der Klostergarten ist ein verwunschener Ort, den man allerdings lieber in einer weniger trockenen Jahreszeit besuchen sollte.

Wundervolle Malereien am verzweifelten Ort

Am Ende der Hauptstraße liegt sinnigerweise der Mosbacher Friedhof. Hier steht eine der schönsten Kapellen Badens. Die Gutleutkapelle und das benachbarte Gutleuthaus boten im späten Mittelalter Leprakranke Zuflucht, die aus der Stadt verbannt worden waren. Pfalzgräfin Johanna, die Gattin Ottos, hat ihnen die Kapelle gestiftet. Den Friedhof gab es damals an dieser Stelle noch nicht.

Die mittelalterliche Gutleutkapelle ist ein Freskentraum in Pastell

Schon von außen wirkt die Gutleutkapelle malerisch mit den uralte Grabplatten aus der Stiftskirche, die an der Außenwand lehnen. Innen ist die Kapelle ein Traum in Pastell. Die Wände sind über und über mit Malereien und „Bildteppichen“ geschmückt.

Bei diesem Kleinod endet unser Kirchenspaziergang. Für den Rückweg sei noch ein Bummel durch den Gartenschaupark empfohlen, der jenseits der Schnellstraße beginnt. Man wandelt entlang des Elzbachs, der mitunter zu stillen Teichen gestaut wird. Am Wegrand leuchten schon erste Hagebutten.

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