Pilgersommer

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Ein Stück Burgund am Rhein: Die Wormser Liebfrauenkirche

Mit dem August kommt die Wehmut. Die Felder liegen leer, durch frühe Nächte huschen Sternschnuppen, aus Rosen werden Hagebutten. Jetzt müsste man die Zeit dehnen können. Um die Wärme zu schmecken, die Stille hören und in Ruhe zu betrachten, was sich viel zu schnell verändert. Das geht.

Ganz ohne Urlaub und Gepäck, nur mit einem Pilgerstab in der Hand. Die Region ist voll von durchbeteten Mauern, in denen man sich selbst und Gott finden kann. Drei Anregungen für den Pilgersommer. E utreia.

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Ein paar Schritte vom Wormser Hauptbahnhof entfernt steht der Reformator auf seinem Sockel und wütet. „Lauft bloß nicht dahin nach Spanien, nach Compostela. Man weiß ja gar nicht, ob Sankt Jakob da liegt oder bloß ein toter Hund.“ Abgöttisches „Narrenwerk“ sei diese Pilgerei, schimpfte Martin Luther immer und immer wieder.

Die Sache muss ihm nahe gegangen sein. Wahrscheinlich weil er in seiner Jugend selbst ein leidenschaftlicher Wallfahrer war. Da die evangelische Kirche das Pilgern inzwischen längst rehabilitiert hat und ebenso begeistert betreibt wie die katholische, ist es vielleicht eine gute Idee, unseren Pilgersommer am „weltweit größten Reformationsdenkmal“ (Homepage der Stadt Worms) zu beginnen.

Worms könnte eine Stadt der Superlative sein. 

Worms könnte eine Stadt der Superlative sein. Sie ist die älteste Stadt Deutschlands und war im Hochmittelalter eine Metropole, wovon der elegante romanische Kaiserdom und das Nibelungenlied künden. 1521 schließlich zitierte der Kaiser Martin Luther vor den Reichstag, auf dass er seine Theologie widerrufe. Worauf der Reformator erwidert haben soll: „Hier stehe ich. Gott helfe mir. Ich kann nicht anders.“ Viel Geschichte vom Allerfeinsten. Leider haben die Brandbomben des Zweiten Weltkriegs kaum etwas von Worms übrig gelassen, und der Wiederaufbau geriet recht planlos. Aber wir sind nicht in der Pfalz, um Architektur zu studieren. Wir sind hier wegen des Jakobswegs.

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Der Rheincamino folgte dem Verlauf des Flusses.

Von alters her folgt er dem Verlauf des Rheins. Köln-Bingen-Mainz-Worms. Die wichtigste Station des Rheincamino war vom Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein die gotische Liebfrauenkirche am Nordrand von Worms. Zu Tausenden wallten die Gläubigen hierher, um eine Madonna zu verehren, die um 1260 entstanden ist. Gnadenbild und Kirche waren einst Teil einer weitläufigen Klosteranlage inmitten von Weingärten. Ein Stückchen Burgund am Rhein. An schönen Sommertagen können die Pilger noch heute dieses Südland-Flair spüren. Sofern sie den Kränen und Silos des nahegelegenen Hafengebiets den Rücken zukehren.

Zu Tausenden wallten die Gläubigen zu gotischen Madonna

Weltberühmt geworden ist die Wormser Liebfrauenkirche aber nicht wegen ihrer Madonna im südlichen Licht. Weltberühmt geworden ist die Wormser Liebfrauenkirche wegen ihres Weins. Die Stiftsherren gaben ihm einst den Namen „Liebfrauenmilch“, denn süß „wie die Milch der heiligen Jungfrau“ soll er geschmeckt haben. Die Pilger, die zu Hauf hierher strömten, kosteten den Riesling begeistert und trugen seinen Ruhm hinaus in die Welt. 1808 nach der Säkularisierung durch Napoleon erstand der Kaufmann Peter Joseph Valckenberg die zwölf Hektar Rebfläche rund um die Kirche und machte die „Liebfrauenmilch“ zu einem der teuersten Spitzenweine der Welt. Selbst das englische Königshaus orderte in Worms.

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„Liebfrauenstift – Kirchenstück“ heißt der echte Pilgerwein

Nach dem Zweiten Weltkrieg dann der Absturz. Der Name war nicht geschützt, also produzierten plötzlich alle Winzer in Rheinhessen eine „Liebfrauenmilch“. Meist war das ein süßes Gepansche aus verschiedensten Traubensorten, das in Großflaschen und Getränkekartons an die Supermärkte der Welt verkauft wurde. 1,2 Millionen Hektoliter pro Jahr füllte man noch in den 1990-er Jahren ab. Erst seit der Jahrtausendwende geht die Nachfrage zurück. Von Weinkarten renommierter Restaurants ist die „Liebfrauenmilch“ längst verschwunden.

Dafür finde man dort neuerdings zaghaft das „Wormser Liebfrauenstift-Kirchenstück“. Das ist der echte Pilger-Wein, der rund um die Liebfrauenkirche wächst. Die Flasche kostet etwa 15 Euro. (Die Liebfrauenkirche kann man nur nach Anmeldung besichtigen. Telefon: 0 62 41 – 4 42 67)

In sanften Wellen folgt im Kraichgau Hügel auf Hügel

Ein weiter Sprung nach Süden: Der Kraichgau ist eine gelassene Landschaft. In sanften Wellen folgt Hügel auf Hügel. Wald ist selten, Frost auch. Einzig die bizarren Silhouetten steinalter Mostbirnbäume durchbrechen das meditative Auf und Ab der Felder. Ein ideales Pilgerland, das leider von der A 6 durchschnitten wird.

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Der Steinsberg ist mit 333 Meter die höchste Erhebung des Kraichgau.

Der Steinsberg ist mit 333 Metern die höchste Erhebung des Kraichgau. Von hier sieht man alles. Weshalb die Ritter der Stauferzeit den Steinsberg schon 1109 mit einer trutzigen Burg krönten. Die Burg Steinsberg besitzt – dreißig Meter hoch – den einzigen achteckigen Bergfried nördlich der Alpen. Der „Kompass des Kraichgau“.

Zu Füßen der Burg Steinsberg steht eine bildhübsche Kapelle, der heiligen Anna geweiht. Sie stammt aus dem Barock, feierte aber im vergangenen Jahr ihren fünfhundertsten Geburtstag. Des Rätsels Lösung: Es ist verbrieft, dass seit 1514 an dieser Stelle eine Annakapelle stand. „St.Anna-Kirchen auf Berge zu bauen war Anfang des 16. Jahrhunderts sehr modern“, berichtet Thomas Hafner, der Dekan des katholischen Dekanats Kraichgau. Die wohl berühmteste Vertreterin dieser Anna-Verehrung ist die Klosterkirche auf dem Annaberg in Schlesien. Weil die heilige Anna die Mutter von Maria war, habe man früher den Muttertag am 26. Juli, dem Gedenktag der heiligen Anna, gefeiert, ergänzt Dekan Hafner.

Zur Stund wurden die Freiherren glühende Anhänger Luthers

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Die bildhübsche barocke Kapelle wird heute als Hochzeitskirche stark nachgefragt.

Der Friede der Annakapelle auf dem Steinsberg bei Sinsheim währte nicht lange. Woran wieder Martin Luther Schuld war. Vier Jahre nach der Weihe des Kapellchens, am 26. April 1518 präsentierte Luther bei einer Disputation auf dem Heidelberger Universitätsplatz furios seine neue Theologie. Es war der erste öffentliche Auftritt des Reformators nach dem Thesenanschlag.

Unter den gebannt lauschenden Zuhörern befanden sich auch die Freiherrn des Kraichgau. Zur Stund wurden sie glühende Anhänger der Lutherschen Lehre, und nur wenige Jahre später glaubte der Kraichgau mehrheitlich lutherisch. Das ist bis heute so geblieben. Die St. Annakapelle auf dem Steinsberg musste von 1546 bis 1650 elf Mal den Besitzer und die Konfession wechseln. Dann fuhr ein Blitz hernieder und die Kapelle brannte aus.

Nur mit List konnte der Dorfpfarrer St. Anna retten 

1738 konvertierten die Freiherren von Venningen, die Besitzer der Burg Steinsberg, überraschend zurück zum Katholizismus. Mit viel Liebe renovierten sie zehn Jahre lang ihre Hauskapelle, bis aus St. Anna ein barockes Schmuckstückchen geworden war. 1763 setzte ein wahrer Pilgerboom zu der Kapelle ein, der erst durch den Einmarsch der französischen Revolutionsheere gestoppt wurde.

St. Anna war nun dem Abriss geweiht. Nur mit viel Mühe und List schaffte es der Pfarrer des nahegelegenen Dorfes Hilsbach, die Kapelle den Franzosen abzuschwatzen. Jahrzehntelang pilgerten die Katholiken nun heimlich um den Steinsbergs und die Kapelle herum. Erst 1863 waren Gottesdienste wieder erlaubt.

Heute ist St. Anna tipptopp saniert und eine beliebte Hochzeitskirche. Der idyllischste Weg zum Steinsberg führt über das Dorf Reihen. (Die St. Annakapelle ist nur am Sonntag geöffnet. Sonst muss man sich anmelden. Telefon: 07265 – 256)

Das Kloster mit dem unvergleichlich schönen gotischen Kreuzgang

25 Kilometer weiter östlich treffen wir in Bad Wimpfen wieder auf den Jakobsweg, diesmal ist es ein Neckarcamino. Er führt mitten hinein ins 12. Jahrhundert. Es war die Epoche der Staufer, eine der spannendsten und glanzvollsten Zeiten des Mittelalters. Oben in Bad Wimpfen auf dem Berg grüßt die wehrhafte Pfalz von Kaiser Friedrich Barbarossa. Unten am Ufer des Flusses ruht das Kloster Bad Wimpfen mit seinem unvergleichlich schönen gotischen Kreuzgang.

Bad Wimpfen: Oben die Pfalz der Stauferkaiser, unten das Kloster.

Still ist es hier. Die schräg einfallende Sonne malt Lichtmuster auf den Sandsteinboden. Die Zeit verschwimmt. Wo endet die Gegenwart? Wo beginnt die Vergangenheit? Aus der Kirche wehen Stimmen herüber. Sie singen Psalmen. Die Sext. Ist das wirklich 2015? Oder hallt in diesen uralten Mauern das Echo von tausend Jahren nach?

In uralten Mauern hallt das Echo von tausend Jahren 

Um 965 entstanden die älteste Teile des Klosters: Die beiden romanischen Türme und das Westportal der Stiftskirche St. Peter. Unnahbar, fensterlos, trutzig streben die Sandsteinquader gen Himmel. Sie geben Zeugnis vom schweren, archaischen, dunklen Leben im Frühmittelalter. Welch ein Kontrast dazu die filigranen, feinziselierten Steinmetzarbeiten an der hochgotischen Fassade von St. Peter, die ebenso gut Notre- Dame in Paris schmücken könnten. Sie erzählen vom Anbruch des leichten, mobilen, städtischen Hochmittelalters.

Kloster Bad Wimpfen

Im gotischen Kreuzgang kann man dem Echo von tausend Jahren nachlauschen.

Fast über Nacht verwandelte sich das schlichte Kanonikerstift von Wimpfen, in dem bisher Priester gelebt hatten, in ein Ritterstift. Die jüngeren Söhne adliger Familien übersiedelten in Scharen an den Neckar, um hier ihren Lebensunterhalt als Verwalter der riesigen Ländereien des Bistums Worms zu verdienen. Mit dem klösterlichen Lebensstil dieser „Chorherren“ war es allerdings nicht weit her. Als Kloster Wimpfen in den Wirren der Bauern- und des Dreißigjährigen Krieges all seinen Landbesitz verlor, interessierte sich niemand mehr für das einst so machtvolle Gemäuer. Das Ritterstift verfiel.

Die Schlesischen Mönche irrten heimatlos durch Deutschland

Dreihundert Jahre später. 1947. Unzähligen Menschen irrten heimatlos durch das zerstörte Deutschland. Unter ihnen auch der Benediktinerkonvent der einstmals prächtigen Barockabtei Grüssau in Schlesien. Die Brüder hatten Schreckliches hinter sich. Erst deportierten die Nationalsozialisten die jüngeren Mönche als Soldaten an die Front. Dann vertrieben die polnischen Truppen die verbliebenen Benediktiner aus dem Land. Wohin nun?

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Das Westportal und die Türme stammen aus dem Jahr 965.

Ein Jahr lang suchten die Mönche, dann wurde ihnen das ehemalige Ritterstift in Bad Wimpfen zum Kauf angeboten. Die Kirche befand sich noch in einem passablen Zustand, das Kloster jedoch glich einer Ruine. Die Benediktiner nahmen es trotzdem und bauten es eigenhändig wieder auf. Fünfzig Jahre lang. Dann begriffen die Wimpfener Mönche, dass ihre Gebete um Nachwuchs nicht erhört werden würden.

2004, als der Grüssauer Konvent schon stark geschrumpft war, übernahm Abt Franziskus Heereman von der Benediktinerabtei Neuburg bei Heidelberg auch die Verantwortung für das Kloster Bad Wimpfen. Das war die Rettung. Johannes Freiherr von Heereman nämlich, der Bruder des Heidelberger Abts, leitete damals den deutschen Malteser-Hilfsdienst. Gemeinsam entwarfen die beiden Brüder den Plan für ein neuartiges „Geistliches Zentrum Kloster Bad Wimpfen“.

Bad Wimpfen als Wegweiser für die Zukunft der Klöster?

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Vertriebene Benediktinermönche aus Schlesien haben das Kloster wieder aufgebaut.

Gewagt wird ein Balance-Akt, der wegweisend sein könnte für die Zukunft vieler sterbender Klöster. Einerseits ist Kloster Bad Wimpfen ein hochmodernes Bildungshaus mit eigenem Kursangebot und viel Platz für Gruppen. Andererseits sammeln sich hier Menschen, die eine Zeit lang verbindlich nach der Regel des heiligen Benedikt leben wollen. „Kloster auf Zeit.“ Zwei Woche, einen Monat, ein Jahr. „Wir beten die Stundengebete, singen die Psalmen, meditieren, arbeiten im Garten und halten Zeiten der Stille“, erklärt Pastoralreferentin Ingrid Orlowski, die das Kloster im fünften Jahr leitet.

40 Gästezimmer mit 60 Betten stehen in der ehemaligen Abtei zur Verfügung. Sie sind schlicht, aber mit viel Geschmack renoviert. Reines Weiß und helles Holz dominieren. Nur ganz oben im Dach kann man noch ein paar von den mageren Mönchszellen entdecken. Ab Herbst 2015 sollen auch sie saniert werden. Das Geistliche Zentrum läuft.

Das Ziel: Eine stabile geistliche Weggemeinschaft

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Das geistliche Zentrum läuft. In diesem Jahr ist Kloster Bad Wimpfen erstmals ausgebucht.

„Wir sind dieses Jahr erstmals voll belegt“, sagt Ingrid Orlowski, die auch ausgebildete Meditationslehrerin ist. Das Seminarangebot des Geistlichen Zentrums Bad Wimpfen ist breit, aber stets klösterlich-still. Vom Herzensgebet über die „Gregorianik im gotischen Kirchenraum“ und die Familienaufstellung bis hin zum sakralen Tanz reicht das Spektrum. Dazwischen gibt es immer wieder Meditationswochenenden zum Jahreskreis. Oder einen „Burn-In-Kurs“, um „sein inneres Licht wiederzufinden.“

Eine „stabile geistliche Weggemeinschaft im Kloster Bad Wimpfen“ aufzubauen – das ist der große Traum der Pastoralreferentin Orlowski. Eine Kommunität neuen Typs. Modern, flexibel, ökumenisch und gemischt-geschlechtlich. Die ersten zarten Triebe kann Ingrid Orlowski bereits erkennen. Eine christliche Meditationsgruppe hat sich gebildet, die sich verbindlich alle vier bis sechs Wochen im Kloster trifft. Das dürfte Martin Luther gefallen haben. Denn von Verbindlichkeit hielt er viel. „Nur, wer sich entscheidet“, sagte Luther „existiert.“

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