Pilgersommer

Spiritueller Kraftort im Kraichgau: Die Letzenbergkapelle über Malsch bei Wiesloch

Da liegt er vor uns, der August. Wie ein großer, stiller Teich, den manchmal ein Hauch von Wehmut kräuselt. Alle Felder sind abgeerntet, alle Kräuter gebündelt, alle Bücher geschrieben. Zeit, sich auf die Suche zu machen. „Beim Pilgern komme ich in Berührung mit meiner Sehnsucht. Sie ist die Spur, die Gott in mein Herz gegraben hat“, schreibt der Benediktinerpater Anselm Grün.

Pilgern also. Das geht auch ohne Gepäck und Vorbereitung. Ausgerechnet die evangelische Kirche von Deutschland, der Martin Luther ins Stammbuch schrieb, alle Pilgerei sei „Narrenwerk“, hat jetzt das „Samstagspilgern“ erfunden. Es gilt, die spirituellen Kraftorte im Nahverkehrsbereich neu zu entdecken. Vier Beispiele aus unserer Region. E ultreia!

Wer zum ersten Mal mit der S-Bahn von Bruchsal in den Stadtteil Untergrombach fährt, traut seinen Augen kaum: Zauberhaft steht oben auf dem Michaelsberg eine Rokoko-Kapelle und reckt vorwitzig ihren geschwungenen Glockenturm in den Himmel. Als wolle sie allen zeigen, wer hier am Westrand über den Kraichgau wacht. 260 Meter „hoch“ ist der Michaelsberg. Seit 1744 krönt das Wallfahrtskirchlein seine Kuppel.

Pilgern geht anders. Langsam. Still. Betend. Hörend.

Bildhübscher Rokoko: Die Michaelskapelle bei Bruchsal-Untergrombach

Eigentlich ist die Kapelle dem Erzengel Michael geweiht; die meisten Pilger kommen jedoch wegen der „Vierzehn Nothelfer“. Sie stehen als Miniatur-Statuetten an der rechten Wand des Kirchenschiffs und vermögen so einiges. Der heilige Blasius beispielsweise lindert Halsschmerzen. Santa Catharina gibt Mut, wenn man Angst vor einem Vortrag hat. Und Sankt Eustachius hilft in schwierigen Lebenslagen aller Art. Es lohnt sich also, den Michaelsberg zu besteigen.

Natürlich könnte man auch mit dem Auto an der Kapelle vorfahren, doch „Samstagspilgern“ geht anders. Langsam. Still. Schweigend. Betend. Hörend. Ein spiritueller Weg, der neue Klarheit und Tiefe schafft. „Pilgern heißt, den Weg der Sehnsucht zu gehen“, schreibt Anselm Grün. „Diese Sehnsucht zeigt, dass in mir etwas ist, das diese Welt übersteigt.“ Deshalb nehmen wir Bus und Bahn. Und natürlich unsere Beine.

Zuständig für Probleme jeder Art: Die Vierzehn Nothelfer

Der Aufstieg zum Michaelsberg beginnt direkt hinter der katholischen Pfarrkirche von Bruchsal-Untergrombach, einem stattlichen Sandsteinbau aus dem Jahr 1867 mit frei stehendem Campanile. Eine steile Steintreppe führt zwischen malerischen Streuobstwiesen hindurch zur Kapelle. Der Weg ist wie geschaffen für das Gehen in der Stille.

Christliche Mönche gegen gefräßige Drachen

Oben angekommen fehlen einem sowieso erst einmal die Worte. Welch ein Blick. Hier erstreckt sich die wilde Einsamkeit des Pfälzer Waldes, da liegen die dunklen Höhen des Schwarzwaldes und dort die archaischen Berge des Odenwaldes. „Der Michaelsberg ist ein mystischer Ort, der seit Urzeiten die Menschen gleichermaßen in seinen Bann zieht“, heißt es im Kirchenführer. Im Mittelalter sollen hier christliche Mönche gegen gefräßige Drachen gekämpft haben.

Heute kämpft der Erzengel Michael im Deckengemälde der Kapelle gegen seinen größenwahnsinnigen Kollegen Luzifer. Das Fresco sieht zwar barock aus, entstand aber erst 2007, als das Kirchlein komplett saniert wurde. Der Hochaltar und die beiden Seitenaltäre hingegen sind Originale. Woher die Miniaturstatuen der Vierzehn Nothelfer stammen, weiß kein Mensch. Dafür helfen Hinweistafeln bei der gezielten Wahl des passenden Heiligen. Aufgelistet sind nicht nur die Spezialitäten eines jeden Nothelfers, sondern auch die Art, wie er oder sie zu Tode gekommen ist. Neun Heilige wurden enthauptet und vier gemartert. Nur St. Ägidius ist eines natürlichen Todes gestorben.

14 Sandstein-Stationen hinauf zum Letzenberg

Preisgekrönte Architektur: Die Kapelle auf dem Letzenberg

Den nordwestlichsten Eckpfeiler des Kraichgaus markiert der Letzenberg. 244 Meter hoch erhebt er sich über das Weinörtchen Malsch bei Wiesloch. Malsch war im Gegensatz zu den meisten Kraichgau-Gemeinden schon immer katholisch. Wodurch im 19. Jahrhundert ein sehr spezielles Problem entstand. „Etwas neidisch blickte man gegen Süden, wo auf dem Michaelsberg eine so schmucke Wallfahrtskapelle den Horizont abschließt“, notiert der Malscher Kirchenführer. Zu gern hätte man auch solch einen Gnadenort gehabt. Doch woher nehmen?

1883 beschloss die Gemeinde, erst einmal einen Kreuzweg zu errichten: 14 Sandstein-Stationen durch die Weinberge hinauf zum Letzenberg. Der Mainzer Bischof Paul Leopold Haffner, der ein paar Jahre später als Firmspender in den Kraichgau kam, war begeistert: „Hier müsst ihr eine Kapelle bauen!“, soll er ausgerufen haben. „Wenn sie fertig ist, weihe ich sie euch.“ Zehn Jahre nach dem Besuch des Bischofs hatten die Malscher 8000 Mark zusammen gesammelt und begannen zu planen: Acht Ecken, neuromanischer Stil, seitlicher Glockenturm, außen hängende Kanzel.

Eine Architektur-Medaille in Gold für die Kapelle

Ein Kreuzweg aus Sandstein führt durch die Weinberge hinauf zum Letzenberg

So modern war der Entwurf für die Kapelle, dass ihn das Erzbischöfliche Bauamt sogleich zur Deutschen Bauaustellung nach Dresden schickte. Die sächsische Architektenjury überreichte den Kraichgauern tatsächlich eine Goldmedaille, verschlampte aber die Originalpläne. Erst 1901 konnten die Bauarbeiten endlich beginnen. Am 3. Mai 1903 wurde die Wallfahrtskapelle „Sieben Schmerzen Mariens“ geweiht.

Heute kann man von der Letzenbergkapelle aus sogar zu Fuß bis Santiago de Compostela pilgern. Immer den gelben Muscheln nach. Seit September 2009 nämlich liegt der Letzenberg offiziell am Camino, am Jakobsweg. Jahrelang haben Manfred Tschacher, der frühere katholische Pfarrer von Malsch, und zwei pensionierte Lehrer gearbeitet, bis es ihnen tatsächlich gelang, dass ein neuer Streckenabschnitt ins Jakobswegnetz aufgenommen wurde. Er ist 181 Kilometer lang und führt von Rothenburg ob der Tauber via Malsch nach Speyer. „Dank unseres neuen Wegstücks kann man jetzt lückenlos von Prag über Speyer und Metz bis nach Santiago de Compostela pilgern“, freut sich Pfarrer Tschacher.

Eine kleine Madonna in der Eiche

Die Madonna mit dem gütigen Herzen ist der Zerstörung knapp entronnen

Zwanzig Kilometer westlich des Letzenbergs entdeckte im Jahr 1435 ein Schäfer eine hohle Eiche am Ufer des Wagbaches. Neugierig äugte er hinein und entdeckte eine kleine steinerne Marienstatue mit Jesuskind. Der Hirte trug die Madonna nach Hause, betete und ging schlafen. Als er am nächsten Morgen erwachte, war die Statuette verschwunden. Der Mann suchte und suchte, dann entdeckte er die Madonna in jenem Baum, in dem er sie am Tag zuvor gefunden hatte. Wieder nahm er sie mit nach Hause, wieder fand er sie am Morgen in der Eiche. Wütend griff der Schäfer zum Hammer, als eine Stimme vom Himmel zu ihm sprach:  „Halte ein! Zerschlag’s nicht!“ Der Schäfer erschrak gar sehr und gelobte, dem Bildnis ein Häuslein zu bauen. Aus dem Bildstock wurde eine Wallfahrtskirche, aus der Wallfahrtskirche das Kloster Waghäusel.

Früher lag das Kloster Waghäusel idyllisch inmitten des dichten Lußhardwaldes. Heute ist es ein Symbol für den Umgang des modernen Menschen mit der Schöpfung. Schnellstraßen umtosen Kloster und Kirche, rostige Industrierelikte säumen den Fußweg vom Bahnhof, die Kühltürme des Atomkraftwerks Philippsburg scheinen zum Greifen nahe. Doch wenn sich die Kirchentüre schließt, verzaubert die winzige Madonna ihre Besucher wie vor fast 600 Jahren. Waghäusel ist Samstagspilgern ohne Zuckerguss.

Der Umgang des Menschen mit der Schöpfung: Kloster Waghäusel und das AKW Philippsburg

Damian Hugo Philipp von Schönborn, der Fürstbischof von Speyer, pilgerte so gern und oft zur „Mutter mit dem gütigen Herzen“ von Waghäusel, dass er 1720 beschloss, sich ein Schlösschen in unmittelbarer Nähe des Klosters bauen zu lassen. „Eremitage“, also „Einsiedelei“, nannte er den bildhübschen Rundbau, der freilich mit einer Eremitenklause wenig gemein hatte. Es gab vier „Kavaliersflügel“, einen herrlichen Barockgarten mit Reitwegen und einen „Belvederesaal“ mit Fensterkranz und 16 Kaminen.

Vom barocken Lustschloss zum Zentrum der Zuckerindustrie 

Hundert Jahre später interessierte sich niemand mehr für das Schlösschen im Lußhardwald. Die Eremitage verfiel. Da kam der badische Großherzog auf die großartige Idee, sein Land zum Zentrum der neu entwickelten industriellen Zuckerproduktion zu machen. Der Regent ordnete den flächendeckenden Anbau von Zuckerrüben an und gründete die „Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation“ mit Sitz in der Eremitage in Waghäusel.  „Erdrückend haben Förderbänder, Waschanlagen, Silos, Fabrikfassaden, Fertigungshallen und Schornsteine das kleine Schloss umwuchert“, notierte Ludwig Wien  entsetzt 1976 in seinem „Badischen Skizzenbuch“. Auch das Kloster Waghäusel verschwand für 150 Jahre hinter Rübenbergen, bis die Südzucker AG 1995 den Standort Waghäusel aufgab.

Wo sich einst der Fürstbischof erging, rostet heute ein Rübensilo

Zurück blieben zwei riesige Silos und eine Industriebrache, die die Stadt Waghäusel nur schleppend in den Griff bekommt. Wenigstens wurde die Eremitage mit Zuschüssen des Landes Baden-Württemberg umfassend saniert und strahlt wieder in altem Glanz. Künftig soll das Schlösschen für Kunstausstellungen und als Standesamt genutzt werden.  Der Wallfahrtskirche war ebenfalls kein leichtes Schicksal beschieden. In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1920 brannte sie völlig nieder. Nur die Madonna stand unversehrt in den rauchigen Ruinen.

Viel friedlicher geht es in Leutershausen an der Bergstraße zu, wo seit 1710 zwischen alten Tabakscheuern das schöne Schloss der Grafen von Wiser steht. 1737 unternahm die Grafenfamilie eine Wallfahrt zur Schwarzen Madonna von Loreto an der italienischen Adriaküste und war tief beeindruckt von der dunkelhäutigen Gottesmutter. Eine Kopie des Gnadenbildes wurde in Auftrag gegeben und eine Kapelle im Schlosspark von Leutershausen errichtet. Mitsamt einer kleinen barocken katholischen Pfarrkirche. Sofort strömten Scharen von Pilgern nach Leutershausen, um ihre Sorgen und Nöte der schwarzen Madonna und dem dunkelhäutigen Jesuskind anzuvertrauen.

„Ich bin schwarz, aber schön“

Die schwarze Madonna von Leutershausen in ihrem schönsten Kleid aus weißer Spitze

Warum Mutter und Kind diese extrem dunkle Hautfarbe haben, darüber rätseln Experten seit Jahrhunderten. Manche bringen das Gnadenbild in Verbindung mit einem Vers aus dem „Hohen Lied der Liebe“ im Alten Testament, wo es heißt: „Ich bin schwarz, aber schön.“ Andere glauben, dass die Madonna ein Bindeglied darstellt zu den schwarzen Göttinnen aus vorchristlicher Zeit. Der Leutershausener Pfarrer Gerhard Schrimpf denkt: „Die Madonna will und sagen: Ihr dürft ohne Angst auch Eure dunklen Seiten vor Gott bringen.“

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Barockkirche im Von-Wiserschen Schlosspark endgültig zu klein für die Masse der Beter in Leutershausen. Ein Neubau musste her. Graf Theodor von Wiser, gutkatholisch, überließ der Pfarrgemeinde seinen Küchengarten, wo schnell eine neugotische Kirche mit spitzem Turm emporwuchs. St. Johannes Baptist  liegt idyllisch eingebettet zwischen Tabakscheuern und dem Schloss, in dem die Grafenfamilie bis heute wohnt.

Das neugotische Zuhause der Madonna: St. Johannes Baptist wurde 1907 geweiht

Die schwarze Madonna steht rechts des Altarraums in einer Marienkapelle mit eigenem kleinen Chor. Das Gnadenbild besitzt mehrere kostbare Gewänder in allen vier liturgischen Farben. Sie sind Geschenke von Gläubigen, die sich bei der Muttergottes für ihre Hilfe bedanken wollen. Etwa 3000 Euro kostet ein handgenähtes Kleid. Einmal im Monat wechseln zwei „Kammerzofen“ aus der katholischen Pfarrgemeinde von Leutershausen das Outfit die Muttergottes. Es ist ein streng vertraulicher Vorgang unter Frauen. Selbst der Pfarrer hat die Madonna noch nie ohne Kleider gesehen.

Mariä Himmelfahrt ist in Leutershausen Feiertag

Absoluter Höhepunkt der Wallfahrt zur Schwarzen Madonna ist der 15. August, das Fest „Mariä Himmelfahrt“. In Leutershausen ist dieser Tag offiziell ein Feiertag. Noch heute pilgern 600 bis 800 Menschen mit dicken, duftenden Kräuterbündeln zur Wallfahrtskirche, wo von morgens bis abends Gottesdienste und Andachten stattfinden. Der hochsommerlichste aller katholischen Feiertage wird von einem abendlichen Festgottesdienst um 19.30 Uhr gekrönt.

Das Barockschloss der Grafen von Wiser ist der Stolz des Dörfchens Leutershausen

Alljährlich lädt man hierzu einen anderen prominenten Zelebranten ein. 2014 predigt der junge Freiburger Weihbischof Michael Gerber in St. Johannes Baptist. Nach der Eucharistiefeier ziehen die Pilger in einer langen Lichterprozession zum Schlosspark der Grafen von Wiser, der nur an Mariä Himmelfahrt für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Romantischer geht Pilgern nicht mehr.

Leider ist in diesem Jahr in Leutershausen die Freude am wunderbar-sommerlichen Fest „Mariä Himmelfahrt“ stark getrübt. Adalbert Graf von Wiser ist vor wenigen Tagen völlig überraschend verstorben. Er wurde 83 Jahre alt. Ein schwarzes Gewand besitzt die Madonna nicht. Sonst trüge auch sie Trauer.

 

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