Premiere für die Gottesdienstwerkstatt

Dreißig Teilnehmer jeden Alters
erprobten die GottesdienstWerkstatt

Freitag Abend in der Klosterkirche der Abtei Neuburg. Es ist fast völlig dunkel, lediglich im Chor flackern still zwei weiße Kerzen. Der richtige Moment für Engel. Nur als Schemen erkennbar stehen sie rechts und links des schmalen Mittelgangs.

Sobald ein Mensch durch das Spalier nach vorn zum Altar schreitet, hauchen ihm die Engel vielstimmige Trostworte zu. „Du bist nicht allein“. „Der Herr ist Dein Licht und Dein Heil“. „Gott sorgt für Dich“.

Eine Szene aus der ersten „GottesdienstWerkstatt“ in Heidelberg. Dreißig Frauen und Männer aus verschiedenen Heidelberger Seelsorgeeinheiten waren gekommen, um unter Anleitung des Göttinger Regisseurs Dr. Bernward Konermann den Reichtum der katholischen Liturgie und die Rolle der Gemeinde in der Eucharistiefeier neu zu entdecken.

Das Ziel des Seminar: Kompetenz in der Liturgie erlangen

Kopf und Körper feiern
Gottesdienst

Normalerweise trainiert Bernward Konermann junge Priester – hin und wieder aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer – in Sachen Ausstrahlung am Altar. Wie steht ein Zelebrant? Wie geht er? Wie schweigt er? Wie spricht, liest und betet er? „Kompetenz in der Liturgie erlangen“, definiert Schauspieler Konermann den Zweck seiner Seminare.

Abt Franziskus Heereman von der Abtei Neuburg und Pfarrer Kurt Faulhaber, der Leiter der Seelsorgeeinheit Heidelberg-Süd, machte dieser Satz nachdenklich. Warum, so fragten sie sich, schult man eigentlich nur Priester in Liturgie-Kompetenz? Spricht das Zweite Vatikanische Konzil nicht vom „Priestertum aller Gläubigen“? Und was ist mit der wichtigen Rolle, die Laien künftig in den Seelsorgeeinheiten übernehmen? Die erste Heidelberger „GottesdienstWerkstatt“ war geboren. Symbolischerweise zeitgleich mit der neuen Stadtkirche Heidelberg.

„Der Gottesdienst ist reine Gegenwart. Wir zentrieren uns auf Gott.“

Es geht weder um eucharistische Schauspielerei noch um Neo-Aktivismus in der Messe. Die GottesdienstWerkstatt befasst sich mit der inneren und äußeren Haltung während der Liturgie. „Privates“, sagt Bernward Konerman, „hat im Gottesdienst nichts zu suchen.“ Weder will jemand in der Eucharistiefeier wissen, welches Missgeschick dem Pfarrer beim Aufstehen zugestoßen ist. Noch sollten die Gemeindeglieder Pläne für das Mittagessen machen oder über den Streit mit dem Nachbarn nachgrübeln. „Der Gottesdienst ist reine Gegenwart“, wird der Regisseur Konermann nicht müde zu erklären. „Wir zentrieren uns ganz auf die Begegnung mit Gott.“

Körperspannung entsteht durch die innere Haltung

Das ist leichter gesagt als getan und muss deshalb geübt werden. Immer und immer wieder. Aufstehen, bitte. Wie trete ich Gott, meinem König, entgegen? Schlurfend, träge und schlaff? Oder aufrecht, aufmerksam und wach? „Mich ärgert“, sagt Regisseur Konermann, „dass wir im Gottesdienst viele Dinge zwar mit dem Mund formulieren, mit dem Körper aber nicht vollziehen.“ Dabei sei Körperspannung keine Folge von Gymnastik, sondern die Gedanken bestimmt die Haltung.

Bernward Konermann gibt seinen Seminar-Teilnehmern immer die vier Elemente als Eselsbrücke. Wenn man an Erde denkt, steht man mit beiden Beinen fest und unverrückbar auf dem Boden. Denkt man an Wasser, beginnen die Bewegungen zu fließen. Man agiert geschmeidig und flexibel. Luft macht selbstbewusst, oft aber auch eitel. Kinn und Nase recken sich in die Höhe, der Körper streckt sich als hänge er an Marionetten-Fäden. Beim Gedanken an Feuer strömt alle Körperenergie in den Solarplexus. Man agiert laut, energisch und angriffslustig wie ein Kung-Fu-Kämpfer.

Je bewusster man eine Handlung vollzieht, desto mehr Würden hat sie

Natürlich sind das Schauspieler-Tricks. Aber im Theater wie in der Kirche stimmt: Je bewusster und ruhiger man eine Handlung vollzieht, desto mehr Würde und Ausstrahlung hat sie. „Weniger ist immer mehr“, bleut Bernward Konermann den Teilnehmern seiner Seminare immer wieder ein. Das gilt sowohl für Symbole – fünf Kreuze in einer Kirche verwirren, ein einziges wirkt – als auch für Worte. „Vertrauen Sie niemandem, der quatscht“, warnt Regisseur Konermann. Viele Worte zeigten nur, wie verlegen und unsicher der Sprecher ist. Die oberste Regel für alle Gottesdienste von der stillen Andacht bis zum Pontifikalamt: Klare Ausrichtung! Klare Worte! Klare Signale!

Gottesdienst-Profis: Pfarrer Faulhaber (links) und Regisseur Konermann

Die Lesung ist Bernward Konermanns Spezialgebiet. Weshalb ihr beim Seminar in der schönen Aula des Klosters Neuburg eine großer Block gewidmet war. Der wichtigste Tipp, den der Schauspieler den Heidelberger Lektoren mit auf den Weg gab, ist sehr einfach: „Lasst Euch alle Zeit der Welt.“

Statt sofort loszuhasten, sollte man erst einmal Ankommen am Ambo. Ruhig stehen. Den Körper spüren von den Fußsohlen bis zum Scheitel. Drei Mal bewusst den Atem ein und ausströmen lassen. Ein stilles Gebet sprechen. „Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer ….“

Wie klingt die Stimme von Paulus? Wie riecht er? Ist es heiß?

Jede wirklich gute Lesung muss vorbereitet werden. Fünfmal laut vorlesen bringt aber nichts, findet der Rezitier-Profi. „Um Spannung zu erzeugen, muss ich den Text im Kopf bildlich vor mir sehen.“ Wie klingt die Stimme von Paulus, wenn er Christus sagt? Was hat Paulus für Lippen? Ist es heiß? Wie riecht Paulus? „Durch die Kraft der inneren Bilder werden wir zu Zeugen. Der Hörer ist an unserem Sprechen interessiert. Wir sind am Hörer interessiert.“

Darf man das Gloria tanzen?
Ein Versuch.

Die erste Heidelberger GottesdienstWerkstatt. Es waren eineinhalb volle Tage. Viel wurde ausprobiert, einiges verworfen, Neues angedacht. Wie fühlt sich ein Gloria an, wenn man es im Dreiviertel-Takt tanzt? Wie tanzt man das Halleluja? Was passiert, wenn man beim Empfang der Kommunion im Kreis steht und sich danach eine Minute still an den Händen hält? „Liturgie macht immer reicher“, sagt Bernward Konermann. „und sie bringt immer etwas in mir ans Licht“

Samstag Abend in der Aula der Abtei Neuburg. Das Frühlingslicht, das den ganzen Tag auf dem hellen Parket getanzt hat, schwindet langsam. Zeit für den Segen.

Man ist sich nahe gekommen durch die GottesdienstWerkstatt. Jetzt stehen die Teilnehmer eng bei einander paarweise im Kreis. Der hintere Partner legt dem vorderen sanft die Hände auf die Schultern. Wie ein Engel. Der Vordere breitet die Hände segnend in den Kreis hinein aus. Tiefe Ruhe liegt über der Szene. Dann sprechen alle zugleich den Aaronitischen Segen. „Der Herr segne und behüte uns. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über uns und gebe uns den Frieden.“

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