Selbst der Abt hat unterschrieben

Ist Abt Franziskus Heereman von der Abtei Neuburg ein Rebell?

Eine neue Unterschriftenliste sorgt für Wirbel im Erzbistum Freiburg. 197 Priester und Diakone bekennen sich dazu, dass sie Geschiedenen, die in zweiter Ehe verheiratet sind, die Kommunion geben. „Uns ist bewusst, dass wir damit gegen die derzeit geltenden Vorschriften der römisch-katholischen Kirche handeln“, heißt es in dem Schreiben an Erzbischof Robert Zollitsch.

Zu den Unterzeichnern gehören auch viele Geistliche aus Nordbaden. Die prominenteste Unterschrift stammt von Abt Franziskus Heereman von der Benediktinerabtei Neuburg bei Heidelberg.

Es ist ein altes Thema, ein lästiges Thema und es ist vor allem eines, das außerhalb der katholischen Kirche kein Mensch versteht. Nach katholischem Glauben ist die Ehe ein Sakrament, also eine Handlung Gottes. Die Ehe ist das einzige Sakrament, bei dem Gott nicht durch den Priester handelt, sondern die Ehepartner spenden sich das Sakrament gegenseitig. Ist ein Sakrament einmal gespendet, gilt es fürs ganze Leben. Weshalb eine katholische Ehe nicht wieder aufgelöst werden kann. Höchstens eine Trennung von Tisch und Bett ist möglich.

Wer zwei Mal heiratet, lebt in permanenter Sünde 

PfarrerOser
Pfarrer Wolfgang Oser aus Sinsheim

Heiratet ein Katholik standesamtlich ein zweites Mal, so befindet er sich fortan im Zustand permanenter Sünde. Sie kann ihm nicht vergeben werden, weil er ja nicht bereut. Da es ohne Absolution aber keine Kommunion gibt, dürfen wiederverheiratet Geschiedene an der Eucharistie nicht mehr teilnehmen. Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht längst anders aus. „In unseren Gemeinden gehen wiederverheiratet Geschiedene mit unserem Einverständnis zur Kommunion und empfangen das Bußsakrament sowie die Krankensalbung“, heißt es in dem Priestermemorandum. „Sie sind tätig als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pfarrgemeinderat, in der Katechese und in anderen Diensten. Wir halten daher eine Neuregelung um der Menschen und unserer Kirche willen für dringend notwendig.“

Unterschrieben haben diese Forderung neben dem Abt auch Pfarrer Wolfgang Oser (Sinsheim), Pfarrer Christof Heimpel und Pfarrer Josef Mohr (Heidelberg). Pfarrer Ronny Baier (Schriesheim), Pfarrer Karl Endisch (Bammental), Pfarrer Werner Bier (Mudau),  Pfarrer Manfred Tschacher (Eppingen) und Pfarrer Klaus Zedtwitz (Mannheim) sowie zahlreiche Priester im Ruhestand. Sie alle handeln mit diesem Eingeständnis gegen das Versprechen des absoluten Gehorsams, das sie dem Bischof bei ihrer Priesterweihe gegeben haben.

Die Priester sind nicht die ersten, die protestieren. Auch Bischöfe baten schon um „Barmherzigkeit“.

Pfarrer Mohr, St. Raphael
Pfarrer Josef Mohr aus Heidelberg-Neuenheim

Doch mit Sanktionen rechnet niemand. Schließlich sind die Protest-Priester nicht die ersten, die beim Vatikan eine Reform des Umgangs mit den wiederverheiratet Geschiedenen anmahnen. Schon die Würzburger Synode, die deutsche Nachfolge-Veranstaltung des Zweiten Vatikanischen Konzils, bat Rom um „Barmherzigkeit“. Vergebens. Einen extrem mutigen Vorstoß: wagten 1993 die drei südwestdeutschen Bischöfe Oskar Saier (Freiburg), Karl Lehmann (Mainz) und Walter Kasper (Stuttgart).

Doch Papst Johannes Paul II. schmetterte die flehendliche Bitte der Exzellenzen ebenso ab wie fünfzehn Jahre später Benedikt XVI. die unermüdlichen Anfragen von Robert Zollitsch. Fast müßig zu erwähnen, dass auch die 98.000 Unterschriften, die die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) im 2011 nach Rom schickte, nichts ausrichten konnten. Jetzt versuchen es also die Priester.

„Wir wollen endlich Schluss machen mit der Doppelmoral“, sagt Jürgen Weber, der katholische Hochschulpfarrer von Mannheim. Es sei längst gängige Praxis, dass wiederverheiratete Geschiedene nach einem Gespräch mit dem Pfarrer zur Kommunion gehen. „Trotzdem läuft alles hinter vorgehaltener Hand.“ Josef Mohr, den katholischen Pfarrer von Heidelberg-Neuenheim, bringt dieser Spagat zwischen kirchlicher Lehrmeinung und gängiger Praxis auch auf die Palme. „Es ist höchste Zeit, dass unsere Kirche lernt, besser mit gebrochenen Biografien umzugehen“, findet Mohr. „Gerade denjenigen, denen im Leben nicht alles geglückt ist, muss Kirche eine Heimat sein.“

Erzbischof Zollitsch findet die Petition „weder hilfreich noch konstruktiv“

Jürgen Weber
Hochschulpfarrer Jürgen Weber aus Mannheim

Den Vorwurf, sie wollten der Vielehe das Wort reden, weisen Mohr und Weber weit von sich. „Wir sprechen hier über Katholiken, die sich sehr ernsthaft auseinandersetzen mit der Ehe und dem Glauben“, betont Jürgen Weber. Ihn berühre es immer wieder, wenn Menschen trotz schlechter Erfahrungen mit viel Hoffnung einen Neuanfang wagten in der Liebe. „Wie können wir ausgerechnet sie von der Eucharistie, die doch der tiefste Grund der Gemeinschaft ist, ausschließen?“

Robert Zollitsch kann diese Frage auch nicht beantworten. Von der Unterschriftenaktion seines Hirtenvolks ist er trotzdem nicht begeistert. Sie sei „weder hilfreich noch konstruktiv“, hieß es in einer Presseerklärung. Zeitgleich flatterte allen Priestern und Diakonen im Erzbistum ein Schreiben von Generalvikar Fridolin Keck auf den Tisch. Die Unterschriftenaktion vereinfache die „Komplexität des behandelten Themas“, stand darin zu lesen.

Und: Die Unterzeichner setzten sich „bewusst generalisierend und undifferenziert über das geltende Kirchenrecht hinweg.“ Kecks Folgerung: „Aus diesen Gründen bitte ich Sie, das Dokument nicht zu unterzeichnen beziehungsweise eine gegebene Unterschrift zurückzuziehen.“ Bislang sind dieser Aufforderung nur zwei Priester gefolgt.

Die orthodoxe Kirche hat „Verständnis für die Schwäche des Menschen“

Erzpriester Georgios Basioudis aus Mannheim

Josef Mohr, der streitbare Pfarrer aus Heidelberg-Neuenheim, empfindet den Vorwurf der „Undifferenziertheit“ als „Dreistigkeit“ und denkt nicht im Traum daran, seine Unterschrift zu streichen. Im Gegenteil. Er findet, dass Erzbischof Zollitsch selbst zur Feder greifen sollte. „Wenn zwei oder drei Bischöfe dazu den Mut hätten, ginge es bestimmt bald voran“, meint Mohr.

Jürgen Weber empfiehlt dem Papst einen Blick hinüber zur orthodoxen Kirche, wo eine zweite oder dritte kirchliche Trauung problemlos möglich ist. „Unsere Kirche weiß natürlich, dass so etwas eigentlich nicht vorkommen sollte“, lächelt Georgios Basioudis, der griechische Priester von Mannheim, „aber sie hat Verständnis für die Schwäche des Menschen.“

Ein Gedanke zu „Selbst der Abt hat unterschrieben

  1. Es ist wirklich schade, dass es in der katholischen Kirche immer noch so wenig Toleranz gibt
    und an starren Kirchengesetzen festgehalten wird.
    Gott sei Dank, dass es aber einige Priester gibt, die sich für Verständnis und Barmherzigkeit
    einsetzen.
    Dies sollte man unterstützen und nicht durch unqualifizierte Maßnahmen unterdrücken.

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