So geht Advent

Das Advents-Labyrinth in der Handschuhsheimer Friedenskirche lehrt Wartenkönnen.

Erst war es nur ein Spiel für Kinder. Mit einer Kerze in die Hand sollten sie einer Spirale folgen, die auf dem Boden gezeichnet war. Vorsichtig, Schritt für Schritt balancierten die Kleinen ihr Licht durch die Kurven.

Als sie die Kerze schließlich sicher in der Mitte abgestellt hatten, strahlten die Gesichter. Man hatte durchgehalten, war wachsam geblieben und glücklich angekommen. So geht Advent.

Nimmt man Weihnachten ernst, dann ist der Advent nicht behaglich. Er ist die große Wartezeit des Jahres. Eine Zeit der Dunkelheit, der Dürre und der Sehnsucht nach dem Licht. Die Bäume stehen kahl, den Kirchen fehlt der Blumenschmuck, die Nacht scheint unendlich. Von Alters her trägt der Advent violett, die Farbe der Buße und des Fastens.

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Violett strahlt nicht, violett wuselt nicht. Violett wartet. Still, nüchtern und asketisch. „Dieser Grundcharakter der Enthaltsamkeit ist heute leider völlig verloren gegangen“, bedauert Martina Reister-Ulrichs, die Pfarrerin der evangelischen Friedenskirche in Heidelberg-Handschuhsheim. „Dabei kann man die Fülle der Weihnacht doch nur spüren, wenn man sich im Advent zurückgenommen hat.“

Von Alters her trägt der Advent violett, die Farbe der Buße und des Fastens

Die Klage ist nicht neu. Schon seit dreißig Jahren bietet „Der andere Adventskalender“ meditative Texte als gedrucktes Gegengewicht zum Gewusel der „Vorweihnachtszeit“. Die Idee war so erfolgreich, dass der Kalender mittlerweile zahllose Geschwister bekommen hat. „Es gab schon Jahre, da hatte ich fünf verschiedene Andere Adventskalender“, lacht Reister-Ulrichs. Stillwerden im Akkord. Auch nicht im Sinn des Erfinders.

Weshalb die Pfarrerin im vergangenen Advent alle Versuche einer Auszeit im heimischen Wohnzimmer aufgegeben hat. Sie ist weggefahren. An den Bodensee, um aufs Wasser zu schauen. Stundenlang. „Das hat mich runtergebracht“, sagt Reister-Ulrichs. „Dieser kribbelige Eindruck, dass ich jetzt eigentlich etwas anderes machen sollte, war vollkommen weg.“ Adventsziel erreicht. Mit einem prasselnden Feuer funktioniere das Ruhigwerden auch, überlegt die Handschuhsheimer Pfarrerin. „Nicht umsonst nennt man Feuer und Wasser die Urelemente. Sie haben die Kraft, den Augenblick elementar erlebbar zu machen.“ Absichtsloses Sein. Martina Reister-Ulrichs nickt. Nur in solchen Momenten kann etwas Neues, etwas Ungeplantes in unser Leben treten. „Und dann spürt man, dass man gehalten und getragen ist.“

Pfarrerin Martina Reister-Ulrichs aus Handschuhsheim

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Klaus Tonka ist seit vielen Jahren katholischer Pfarrer in der Thorax-Klinik zu Heidelberg-Rohrbach. Vom Warten und Hoffen, vom Aushalten und Sehnen versteht er viel. „Im Krankenhaus wird ja nur gewartet und gehofft.“ Dass das Ergebnis der Untersuchung nicht schlecht ausfällt. Dass die nächste Chemotherapie anschlägt. Dass man irgendwann erlöst auf diese schlimme Zeit zurückblicken darf. Viel Unerledigtes breche in solch einer Extremsituation auf, erzählt der Priester. Trauer um Ungetanes, Unvollendetes. Um Träume, die immer wieder verschoben wurden. Und viel Reue. Weil man nicht bewusster gelebt hat. Auch so geht Advent.

„Der Advent“, empfindet Klaus Tonka, „ist die dringende Mahnung Gottes, unsere kostbare Lebenszeit nicht zu verschwenden.“ Mit zwei neuen Handygenerationen pro Jahr, den angesagtesten Schuhe, dem Superkamin und dauernd einem neuen Auto. „Wir sind viel zu schnell unterwegs“, warnt Pfarrer Tonka. Und verschieben dadurch zu Vieles auf später. Auf die Zeit nach der Ausbildung. Auf die Zeit nach der Familiengründung. Auf die Zeit nach dem Hausbau. Auf die Zeit nach der Berufstätigkeit. „Und was, wenn es dann plötzlich zu spät ist?“

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Klaus Tonka ist katholischer Klinikpfarrer in der Thoraxklinik zu Heidelberg

Pfarrer Tonkas Mittel gegen ein Leben im Hochgeschwindigkeitsmodus: Konsequent überallhin zu früh kommen. Am besten viel zu früh. Um sich mit allen Sinnen in die Situation einzufinden „Mindestens eine halbe Stunde braucht man, bis man an einem Ort wirklich angekommen ist“, sagt Tonka. Wenn man vorher Stress hatte, dauert es noch länger. Dumm nur, dass wir das Zufrühkommen nicht mögen. Wir fühlen uns sofort unbehaglich, wenn wir irgendwo unbeschäftigt sitzen.

Dagegen hilft nur Übung, lächelt der katholische Klinikpfarrer. Kirchen beispielsweise seien perfekte Orte, um zu lernen, wie man unverplante Zeit aushält. Und irgendwann sogar genießt. „Ich setze mich einfach ruhig in die Reihe und fahre mich langsam runter. Vielleicht gelingt es mir, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Er meldet sich schon. Wenn wir ihm genügend Zeit lassen.“ Das Erstaunliche am konsequenten Zufrühkommen: Es strahlt auf andere Menschen aus. Behauptet Klaus Tonka. „Sie werden ebenfalls ruhiger, und die Gespräche werden tiefer.“

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Die Pietà in der Klinikkapelle wurde bei einem Brand verletzt. Jetzt ist sie auch ein Patient.

Aus der einfachen Advents-Spirale im Kindergarten ist inzwischen ein Labyrinth geworden. Mit Sackgassen, Irr- und Umwegen. In den Wochen vor Weihnachten füllt dieses Advents-Labyrinth die evangelische Friedenskirche in Handschuhsheim. Die Aufgabe auch hier: Man nehme eine Kerze und trage sie hinüber zum Taufbecken. Gar nicht so einfach. „Manchmal ist das Ziel schon zum Greifen nahe“, weiß Pfarrerin Martina Reister-Ulrichs. „Doch dann kommt noch ein Kurve, und man wird wieder ganz weit weggeführt.“ So ist der Advent in der Stadt. Schwer hier inmitten all des Funkelns, der Läden und des Glühweins den stillen Weg zur Weihnacht nicht aus dem Blick zu verlieren.

Es gebe da diese schöne Formulierung: „Etwas gut sein lassen“. Überlegt Pfarrerin Reister-Ulrichs. Das könnte eine Spur sein. Vielleicht sollten wir uns im Advent vom Dogma der Effizienz, das unseren Alltag bestimmt, verabschieden. Die Dinge einfach mal gut sein lassen, statt sie ständig besser, schöner und schneller machen zu wollen.

Und vielleicht, fährt Reister-Ulrichs fort, kehrt dann auch die Geduld in unser Leben zurück. „Wir erwarten ja heutzutage, dass es für jeden Schmerz ein Mittel gibt, das alles, was uns weh tut, sofort verschwinden lässt. Dabei ist es oft besser, einfach Zeit verstreichen zu lassen.“ Das gilt für emotionale Verwundungen ebenso wie für köperliche. Reister-Ulrichs: „Ich glaube, dass man Schmerzen auch annehmen muss, dass es gilt, sie auszuhalten.“ Vielleicht könne man sogar lernen, nett zu ihnen zu sein. Auf sie zu hören, und sie in den Alltag zu integrieren. Wie einen merkwürdigen Freund, der für eine Zeitlang bei uns eingezogen ist.

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Klaus Tonka fragt die Menschen in der Thorax-Klinik gern, auf welchem Grund sie ihr Leben aufgebaut haben. Sehr oft hört er: „Meine Familie ist das Wichtigste in meinem Leben. Ihr darf nichts passieren.“ Der katholische Pfarrer findet diese Antwort schwierig. „Was macht man, wenn ein Familienmitglied aus heiterem Himmel eine schlechte Prognose bekommt? Wenn ein Kind stirbt? Wie wird man damit fertig, wenn man keinen tieferen Grund hat, auf dem man steht?“

Er persönlich, sagt der katholische Priester, habe in dieser Welt nichts gefunden, das tragfähig genug wäre, sein Leben darauf aufzubauen. Soviel Halt könne nur Gott geben. „Ich vertraue darauf, dass ich mich auf Gott in jeder Situation verlassen kann.“ Der Tod eines Menschen, womöglich eines Kindes, erschüttert den Pfarrer trotzdem jedes Mal wieder bis ins Innerste. „Der Glaube verhindert Schmerz und Trauer nicht. Aber er hilft mir, darüber hinweg zu kommen. „Weil ich weiß, dass ich mich auf Gott verlassen kann.“

Die Advents-Spirale im Kindergarten war sehr schnell sehr beliebt. Die Mädchen und Jungen balancierten ihre Kerzen immer geschickter und flotter ans Ziel. Nur ein Junge tat sich schwer mit den engen Kurven. Er hatte große körperliche Handicaps und konnte seine Kerze nur mühsam tragen. Trotzdem gab er nicht auf. Obwohl er doppelt so lange brauchte wie die anderen Kinder, ging er den Weg wieder und wieder. Er hat sein Ziel immer erreicht.

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Auf dem Weg sein. Etwas entgegen gehen. Das ist wahrscheinlich beste Symbol für den Advent. Pfarrer Klaus Tonka jedenfalls hat sich vorgenommen, in der Adventszeit so oft wie möglich zu Fuß zur Arbeit zu gehen. „Dadurch verändert sich das gesamte Grundtempo des Lebens“, sagt der katholische Klinikpfarrer. Dann lächelt er. „Und ich habe endlich mal wieder Zeit in aller Ruhe den Rosenkranz zu beten.“

Beim Gehen kommt immer auch innerlich etwas in Bewegung, findet Martina Reister-Ulrichs. Deshalb verabrede man sich ja auch gern zu Spaziergängen. „Da führt man ganz andere Gespräche, als wenn man im Sesseln sitzt.“

Eine Urerfahrung, von der auch die Adventstexte in der Bibel berichten. Eine der schönsten Passagen des Lukasevangeliums beispielsweise berichtet von dem Besuch, der schwangeren Maria bei ihrer Verwandten Elisabeth, die ebenfalls ein Kind erwartete. Es war ein gutes Stück von Nazareth ins Bergland, wo Elisabeth lebte. Maria ging zu Fuß.

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„Dass Maria sich auf diesen langen Weg machte, allein, am Anfang einer Schwangerschaft, das hat etwas in Bewegung gebracht“, überlegt Martina Reister-Ulrichs. Wahrscheinlich seien noch einmal alle Fragen dieser seltsamen Schwangerschaft hochgespült worden. „Und dann, am Ende dieses langen Weges bricht das ‚Magnificat‘ aus Maria heraus.“ Sie hat Rolle gefunden. Und angenommen.

Museum fuer Sakrale Kunst

Vielleicht ist das ja eine Idee für den Weg durch den Advent 2019: Auf Entdeckungsreise gehen im eigenen Leben. Nicht meditativ sondern sehr konkret. In einem Büchlein notieren, welche Wege man den Tag über so geht. Meist völlig automatisch. Ohne nachzudenken und ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Und dann – sehr behutsam, aber konsequent – jeden Tag eine Kleinigkeit in seiner Routine verändern. Wachsam werden. Aus alten Wegen neue Wege machen. So geht Advent.

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