Kein bisschen leise: Peter Schumann zum Achtzigsten

Peter Schumann in Aktion in der Heidelberger Jesuitenkirche

Ein Samstagmorgen in der Heidelberger Hauptstraße. Es war Sommer, die Sonne schien, und vor der Heiliggeistkirche standen Menschen in Schlafanzügen Schlange. Das Publikum des Eröffnungs-Konzerts der Bachwochen. „Wer im Pyjama kommt“, hatte Peter Schumann auf das Plakat geschrieben, „zahlt die Hälfte.“

Eine unvergessene Aktion. So wie das Adventskonzert mit Märklin-Eisenbahn, in deren Güterwagen man Liederwünsche legen durfte. Oder Karl Mays „Ave Maria“ kombiniert mit einer Rezitation aus Winnetou III. Mehr als fünfzehn Jahre liegt die Ära des Peter Schumann als legendärer Kantor an der Heidelberger Heiliggeistkirche nun schon zurück. Am 29. Juni 2013 feierte der Maestro seinen 80. Geburtstag.

Mit seiner Kirche hadert Peter Schumann bis heute 

Samstag, 11. August 2012

Schumann an der restaurierten Windanlage in Hoffenheim

Er ist nicht ruhiger geworden und auch nicht leiser. Nur ein bisschen nachdenklicher vielleicht. „Tief im Menschen drin gibt es einen Kern, der ihn hält und der ihn trägt“, bemerkte Peter Schumann kürzlich. Natürlich nur, um sofort mit schelmischem Lächeln nachzuschieben: „Den kriegt auch die Kirche nicht kaputt.“ Peter Schumann und sein Lebensthema.

Mindestens einmal in der Woche springt der Organist auf und verkündet, er werde jetzt ins Rathaus gehen und aus der evangelischen Kirche austreten. Getan hat er es noch nie. Weil sie ihm eben doch wichtig ist, diese Kirche, mit der er so viel gehadert hat, und der er trotzdem ein Leben lang treu geblieben ist.

Es gab kaum je einen freien Sonntag

Peter Schumann hat mehr Stunden in der Kirche verbracht als in seiner Wohnung. Seit er mit 12 Jahren zum ersten Mal in einem Gottesdienst die Orgel gespielt hat, gab es kaum je einen freien Sonntag. Es existiert wohl kein Choral, den Schumann nicht schon tausend Mal gespielt hat. In tausend unterschiedlichen Versionen. „Oh, dass ich tausend Zungen hätte“ war von jeher sein Liebling. „Peter Schumann“, schreibt die FAZ, „ist einer der profiliertesten Organisten Deutschlands.“

Organisten im Gespraech : Peter Schumann & Markus Uhl

Schumann im Gespräch mit dem katholischen Bezirkskantor Markus Uhl

In Hanau wurde der langjährige Heiliggeistkantor geboren. Als einziges Kind eines musikalischen Paares: Die Mutter gab bis ins hohe Alter Klavier- und Geigenstunden. Der Vater, ein Spezialist für Lochkarten, spielte gern und gut Klavier. In Oberaula, wohin die Familie vor den Bomben evakuiert worden war, unterhielt er abends die Bauern in der Dorfkneipe. Dem Pastor gefiel das, also ernannte er Schumann senior kurzerhand zum Organisten der evangelischen Kirche. „Anfangs hat mein Vater mit Kreide die Töne auf die Pedale geschrieben und mit meiner Mutter gemeinsam auf der Orgelbank gesessen“, erinnert sich Peter Schumann. Der Vater spielte das Pedal, die Mutter die Hände.

Der damals 11-jährige Peter besah sich das neue Instrument und verliebte sich. „Mir hat der Klang der Orgel so gut gefallen, dass ich nur noch geübt habe.“ Mit allen Registern, versteht sich. „Irgendwann waren die Bauern so genervt, dass sie die Sicherungen in der Kirche rausgedreht haben, damit ich endlich aufhöre“, erzählt Peter Schumann fröhlich. Denn so leicht ist er nicht zu stoppen. „Ich habe den Kasten gefunden und die Sicherungen wieder reingedreht.“

Vier Semester Theologie hat Schumann durchgehalten 

Stift Neuburg Orgel

Schumann mit Pater Suitbert an der Orgel von Stift Neuburg

Nach dem Abitur ging’s nach Frankfurt. Zur Staatlichen Hochschule für Musik. Peter Schumann hat hier so ziemlich alles studiert, was angeboten wurde. Er machte ein Examen in Schulmusik und eines als Privatmusiklehrer. Er legte das A-Examen in Kirchenmusik ab und absolvierte erfolgreich die Orgel-Solo-Klasse. 1960 ergatterte Schumann eine feste Kantorenstelle in Wiesbaden, fünf Jahre später wechselte er nach Hamburg. Die Waterkant mag er bis heute. „Die Hamburger sind zuverlässig und knallhart“, schwärmt der Organist. „In Hamburg klappt alles.“

Drei Pfarrer kümmerten sich in den Sechzigern um die Kirche in West-Barmbek; Kantor Schumann wohnte im Souterrain. Der Sonntag war damals Großkampftag: 8 Uhr Frühgottesdienst, 9 Uhr Konfirmandengottesdienst, 10 Uhr Hauptgottesdienst, 11.15 Uhr Kindergottesdienst, 12.15 Uhr Taufgottesdienst. „Zwischendurch bin ich in meine Wohnung geschlichen und habe mir einen Kaffee gemacht.“ Unter der Woche studierte Peter Schumann an der Hamburger Uni Theologie. Vier Semester hat er durchgehalten.

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28 Jahre wirkte Peter Schumann in Heiliggeist.

1969 kam einen Brief aus Baden-Baden. Der Südwestfunk fragte an, ob Schumann bei den Donaueschinger Festspielen Cembalo und Elektroorgel spielen wolle. Schumann wollte. Das Konzert war ein Riesenerfolg. Die Radioleute belagerten Peter Schumann, doch weiter in den Süden zu ziehen. Man habe gehört, in Heidelberg sei etwas frei. Tatsächlich suchte die Heiliggeistkirche einen Nachfolger für die verstorbene Lichtgestalt Bruno Penzien. 24 Organisten bewarben sich, Peter Schumann bekam die Stelle. Er blieb 28 Jahre.

Heidelberg in den Siebzigern: Lautstark und verstörend

Heidelberg in den Siebzigern. Wasserwerfer, Demos, Sit-Ins, WGs, sex and drugs. Und mittendrin der junge Heiliggeistkantor. Peter Schumann vertrieb den Muff unter den Talaren auf seine Art. Die Neue Musik hielt Einzug in Heiliggeist. Lautstark und verstörend. Weil Niccolo Castiglionis „Kriegs- und Liebessymphonie für Orgel“ nach „terrible noise“ verlangte, ließ Peter Schumann Eimer und Kuchenbleche von der Empore herunterfallen. In Bachs „Johannespassion“ hinein stammelten die Sänger Choräle von Mauricio Kagel. Und aus Protest gegen den Golfkrieg sang die Studentenkantorei „Friede auf Erden“ von Arnold Schönberg, während Hilde Domin Gedichte rezitierte.

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Schumanns Traum: Die große Steinmeyerin für Heiliggeist

Das Heidelberger Publikum war begeistert. „Faszinierende 150 Minuten“, notierte 1976 die RNZ nach einer Aufführung des „Messias“ in Heiliggeist. „Dutzende fanden keinen Sitzplatz mehr. Sie standen geduldig zweieinhalb Stunden lang.“ Über 200 Konzerte pro Jahr gab Peter Schumann. Dazu kamen Reisen um die ganze Welt. Die Studentenkantorei sang Bachs „Weihnachtsoratorium“ in Mailand, Mendelssohns „Elias“ in Breslau, Brahms Requiem in Budapest. Schumann solo wurde nach Japan oder nach New York geladen. Kaum zurück erfand er wieder etwas Neues. Tägliche „Orgel- Kurzkonzerte für eilige Heidelbergbesucher“. Ein Weihnachtsoratorium zum Mitsingen. Oder einen Konzertzyklus zu Bachs Geburtstag am 21. März. Man begann morgens um 6 Uhr und endete kurz vor Mitternacht.

Die Abschiedsparty ist Legende

Die Einnahmen aus den Konzertreisen flossen allesamt in Schumanns Herzensprojekt: Die neue große Steinmeyer-Orgel für die Heiliggeistkirche, die 1980 endlich gebaut werden konnte. 1994 erhielt Peter Schumann den Ehrentitel Kirchenmusikdirektor sowie das Bundesverdienstkreuz.

Klöoster Stift Neuburg

Die Abtei Neuburg ist  Schumanns neues musikalisches Zuhause.

Am 29. Juni 1998 dann die Zäsur. Obwohl er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, musste sich Peter Schumann an seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand verabschieden. Er tat das mit dramatischem Gestus. Schlag 24 Uhr, während die Studentenkantorei noch mittendrin war in Bachs h-moll-Messe, übergab Peter Schumann den Taktstock an seinen Nachfolger. Die anschließende Abschiedsparty ist Legende.

Neue Wege. Schon seit 1970 verbindet den Organisten eine enge Beziehung mit der Abtei Neuburg. Jetzt im Ruhestand machte Peter Schumann die Klosterkirche zu seiner zweiten Heimat. 2001 wurde der Verein „Musik in Kirchen und Klöstern“ gegründet, dessen Konzerte ein großes Publikum in die Kirchen der Region locken. Schumann spielt in Hoffenheim, in Wiesloch, in Lorsch, in Hirschhorn und kürzlich konnte man ihn sogar an der riesigen Kuhn-Orgel in der Jesuitenkirche hören. Das war allerdings kein Konzert, sondern eine katholische Sonntagsmesse. Weihrauch inklusive.

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