Wie Heidelberg zur zweiten Heilig-Geist-Kirche kam

Das Heilig-Geist-Duo: Katholisch vorne, evangelisch dahinter

Es wäre eine hübsche Millionen-Frage für Günther Jauch: In welcher Stadt tragen die beiden größten Kirchen denselben Namen? Kaum jemand käme auf Heidelberg. Und doch gibt es in der Altstadt, nur wenige Schritte von einander entfernt, die evangelische Heiliggeistkirche am Markplatz und die katholische Pfarrkirche Heilig Geist am Richard-Hauser-Platz.

Die seltene Namensgleichheit ist kein Zufall, sondern gewachsene Geschichte. Ursprünglich nämlich hieß die katholische Kirche „Salvatorkirche“. Dann kamen Krieg, Säkularisierung und – ein neuer Name. Am 1. November 1809, vor 200 Jahren, wurde die Jesuitenkirche dem Patrozinium des Heiligen Geistes unterstellt.

Vorne feierten die Katholiken ihre Messen, hinten versammelten sich die Reformierten

Monatelang schichteten die Heidelberger Stein auf Stein, bis im Frühjahr 1706 eine riesige „Scheidewand“ zum gotischen Gewölbe der Heiliggeistkirche am Marktplatz emporragte. Die Trennwand teilte die Kirche in zwei Teile: Vorne im mit Altären vollgestopften Chor feierten die Katholiken ihre Messen. Hinten im hohen Schiff versammelten sich die Reformierten zum Gottesdienst.

Die gotische Heiliggeistkirche am Marktplatz war eine Halle des Lichts …

Die Idee zu diesem „Simultaneum“ stammte vom katholischen Kurfürst Johann Wilhelm. 1685 hatte der Düsseldorfer nach dem Aussterben der protestantischen Linie Pfalz-Simmern die Herrschaft über die Kurpfalz angetreten.

Für die Heidelberger war der Regierungswechsel eine Katastrophe. Verstand sich die Stadt doch als internationales Zentrum der calvinistischen Wissenschaft. Als zweites Genf. Hierher sollte hinter einer Scheidewand der Katholizismus zurückkehren? „Das trennende Mahnmal konnte die Händeleien zwischen den Konfessionen nicht verhindern“, berichtet Eberhard Grießhaber, der Altstädter Kirchenkenner. „Mal sorgte eine zu lange Predigt für Ärger, mal ein verspäteter Beginn des Gottesdienstes der anderen Gemeinde.“

Eine Rekatholisierung mit der Brechstange

Die Kunde vom konfessionellen Kleinkrieg drang auch an die Ohren des Kurfürsten. 1712 erteilte Jan Willem den Jesuiten den Auftrag, mit dem Bau einer gewaltigen „Salvatorkirche“ in der Heugasse zu beginnen. 1716 war die Kirche zur Hälfte fertig und der Kurfürst tot.

…, dann wurde sie für Jahrhunderte zugemauert.

Sein Nachfolger Carl Philipp versuchte die Rekatholisierung mit der Brechstange. „Am 4. September 1719 besetzten Soldaten die Heiliggeistkirche und schlugen mit großen Pickeln die Scheidewand ein“, erzählt Volker Sellin, Historiker und ehemaliger Universitätsrektor. Doch Carl Philipp hatte sich verrechnet. Die Calvinisten protestierten so heftig, dass der Kurfürst zurückrudern musste. Im April 1720 stand die Trennmauer wieder.

Carl Philipp hat Heidelberg diese Niederlage nie verziehen. Er drehte alle Geldhähne ab und baute sich das zweitgrößte Barockschloss Europas – in Mannheim.

War die Jesuitenkirche als Konkurrenzbau geplant?

Erst Karl Theodor ließ 1759 die Heidelberger Jesuitenkirche vollenden und zur „Salvatorkirche“ weihen. Die neue barocke Kirche und ihr mittelalterliches Pendant am Marktplatz sahen sich verblüffend ähnlich. Beide waren etwa gleich groß, gleich geräumig und hatten die gleichen Dächer. „Ich neige zu der Annahme“, sagt Peter Anselm Riedl, der Nestor der Heidelberger Kunstgeschichte, „dass man mit der Jesuitenkirche eine Art Konkurrenzbau zur Heiliggeistkirche schaffen wollte.“

Die barocke katholische Kirche sieht ihrem gotischen Pendant verblüffend ähnlich

1773 ging es steil bergab mit dem katholischen Heidelberg. Die Jesuitenkirche wurde zum Militärlazarett degradiert; die Klöster zerstört. „Innerhalb von nur zehn Jahren verschwanden alle Klöster aus Heidelberg. Die Mönche und Nonnen wurden vertrieben, die Gebäude abgerissen“, erzählt der Historiker Wilfried Schouwink in der neuen Festschrift zum Jubiläum der Jesuitenkirche. Fast 4000 Heidelberger Katholiken drängelten sich jetzt sonntags im engen Chor der Heiliggeistkirche.

Erzbischof Dalberg: „Das Patrocinium Sancti Spiritus soll auf den neue Kirche übertragen werden.“

1804 warf die Universität ein Auge auf die nun leerstehende Jesuitenkirche. Die Bibliothek und die Aula wollte man dort unterbringen. Geschockt reklamierten die Katholiken die Salvatorkirche für sich. Den heimeligen Chor der Heiliggeistkirche wollten sie aber ebenfalls behalten. Carl von Dalberg, der Erzbischof von Mainz, Bischof von Regensburg und Worms, platzte der Kragen. 1808 bestimmte er die Jesuitenkirche zur neuen und alleinigen katholischen Pfarrkirche.

Strahlend weiß: Die Jesuitenkirche heute

Damit den Gläubigen der Abschied von Heiliggeist nicht so schwer fiel, „soll das Patrocinium Sancti Spiritus in die neue Pfarrkirche übertragen werden“. Schließlich, so erklärte der Jurist von Dalberg, sei die Jesuitenkirche durch die Säkularisierung „im Inneren zerstört“ und als „neu errichtet“ anzusehen. An Allerheiligen 1809 verließen die Katholiken Heidelbergs „in einem feierlichen Zug“ die alte Heiliggeistkirche und zogen in ihre neue Heilig-Geist-Kirche ein.

 

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