Wie sich der Heilige Geist verdoppelt hat

In der Heidelberger Altstadt
gibt es zwei Heilig-Geist-Kirchen

Es wäre eine gute Millionen-Frage für Günther Jauchs Fernsehquiz: In welcher deutschen Stadt tragen die beiden größten Kirchen denselben Namen? Keiner käme auf Heidelberg.

Dabei zählen die evangelische Heiliggeistkirche am Marktplatz und die katholische Pfarrkirche Heilig Geist in der Merianstraße zu den meistfotografierten Motiven der Welt. Fast 500 Jahre trennen das gotische vom barocken Gotteshaus. Trotzdem sehen sich die beiden Kirchen erstaunlich ähnlich. Was natürlich kein Zufall ist, sondern Heidelberger Geschichte. Ein Kirchenbesuch auf den Spuren des Heiligen Geistes.

Die Königskrone bescherte Heidelberg einen Bauboom

Die evangelische Kirche ist Gotik in Perfektion

Es gab eine Zeit, da war Heidelberg die Hauptstadt der Welt. Zwar nur zehn Jahre lang, aber immerhin. Im Jahr 1400 bestieg der Heidelberger Kurfürst Ruprecht III. den Königsthron des Heiligen Römischen Reiches.

Das war der Startschuss für einen Bauboom in seiner Residenz. Die Burg am Hang erhielt den stattlichen Ruprechtsbau und am Marktplatz wuchs eine gotische Kathedrale in den Himmel. Sie sollte sowohl Grablege sein für die Kurpfälzische Dynastie als auch Domizil für die neu gegründete Universität. Der Name lag damit auf der Hand: Zum Heiligen Geist.

König Ruprecht hat die Fertigstellung der Heiliggeistkirche nicht mehr erlebt. Aber ihren herrlichen Chor mit den hohen Fenstern hat er noch gesehen. An einem schönen Morgen, umhüllt vom Licht, glaubt man dort den Heiligen Geist wirklich zu spüren. Der König ruht bis heute in Heiliggeist. Leider verkehrt herum. Er blickt nach Westen. Auferstanden wird für gewöhnlich gen Osten.

König Ruprecht I. ruht
gen Westen

Drei Schiffe schweben schwerelos hinauf zum Himmel

Kurfürst Ludwig III., der Sohn, vollendete die Heiliggeistkirche. Als Gotik in Perfektion. Drei Schiffe schweben schwerelos zum Himmel hinauf. Die Wände mit den riesigen Fenstern scheinen sich aufzulösen in Licht. Nur die mächtigen Seitenemporen stören das zarte Bild. Im Mittelalter stand auf ihnen die Bibliotheca Palatina, die größte Bibliothek der Welt. Bayerische Truppen haben sie im Dreißigjährigen Krieg erbeutet und in den Vatikan gebracht. Immerhin verfügt die Universitätsbibliothek heute über eine eingescannte Digitalversion der fast 3000 Handschriften.

1441 war die Heiliggeistkirche vollendet. 1556 kam die Reformation nach Heidelberg. Die Kirche wurde „von allem katholischen Zierrat gereinigt“ (Kurfürst Ottheinrich). Mindestens zwölf Altäre, Gemälde, Kelche, Leuchter, Paramente – alles zertrümmert, zerstört, verweht. Niemand weiß, wie die Kirche ursprünglich eingerichtet war. Nur zwei kleine Madonnen haben überlebt. Eine lächelt als Schlussstein vom Gewölbe. Die anderen grüßt an der Fassade, wo es zur Steingasse hinabgeht. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg büßte Heiliggeist auch noch ihren Dachstuhl ein. Das Barock ersetzte ihn durch eine welsche Haube. Die Jesuitenkirche trägt eine ähnliche.

Drei Schiffe schweben
schwerelos zum Himmel

Von jedem Haus grüßte eine Madonna. Und Heiliggeist teilte eine Mauer.

1685 kehrte der Katholizismus zurück. Nach 129 reformierten Jahren. Die Kurfürsten residierten nun in Düsseldorf und hörten auf die Jesuiten. Die zerstörte Heidelberger Altstadt wurde im barocken Stil neu aufgebaut. Von jedem Haus grüßte nun eine Madonna, und die Heiliggeistkirche teilte eine raumhohe Mauer. Im Chor feierten die Katholiken ihre Messen, im Langhaus beteten die Protestanten. Vorbei war’s mit der Halle aus Licht.

In der Kettengasse wurde unterdessen eifrig gebaut. 80 Jesuitenpatres hatte der Kurfürst nach Heidelberg entsandt. 1711 war ihr gewaltiger Konvent fertig, der Bau der Jesuitenkirche begann. Groß sollte sie werden. Mindestens so groß wie das Gotteshaus drüben am Markt. Hofbaumeister Breunig ging sogar noch einen Schritt weiter: Mitten in der Opulenz des Barock entwarf er eine federleichte Hallenkirche, deren Anklänge an die Gotik unübersehbar waren. 1722 sollte die Jesuitenkirche vollendet sein.

Die Madonna am Marktplatz
hat den Calvinismus überlebt

Es kam anders. 1719 zog ein neuer Kurfürst in Heidelberg ein. Dem strengkatholischen Carl Philipp waren die Protestanten lästig. Kurzerhand befahl er, die Scheidemauer einzureißen. Die Kirche sei nun katholisch. Das protestantische Preußen drohte mit Krieg, Carl Philipp ließ wütend die Mauer wieder aufbauen und zog nach Mannheim. Stille senkte sich über Heidelberg.

Ursprünglich hieß die Jesuitenkirche „Sankt Salvator“

40 Jahre gingen ins Land, bis die Jesuitenkirche endlich fertig gebaut wurde. Als Sparversion. Wahrscheinlich ist sie das reduzierteste barocke Gotteshaus aller Zeiten. Wodurch die Kirche heute sehr modern wirkt und verblüffend gut mit der Gotik am Marktplatz harmoniert. 1759 wurde die Jesuitenkirche endlich geweiht. Ihr Name: Sankt Salvator. Zum göttlichen Erlöser.

Die reduzierteste
Barockkirche der Welt

Doch die Freude währte kurz. 1773 wurde der Jesuitenorden verboten, St. Salvator verkam zum Lazarett. 1808 warf die Universität ein Auge auf die große Halle. Die könnte man doch gut als Aula und Bibliothek nutzen. Heidelbergs Katholiken erwachten.

Die evangelischen Pfarrer predigen noch heute von der katholischen Kanzel

In einem furiosen Kampf und für eine Menge Geld lösten sie die Jesuitenkirche beim Badischen Großherzog aus. Dieser knüpfte zwei Bedingungen an den Vertrag: Die Katholiken mussten die Einrichtung aus dem Heiliggeistchor mitnehmen – und den Namen der Kirche. An Pfingsten 1809 wurde die neue katholische Pfarrkirche Heilig Geist eingesegnet.

Damit könnte unsere Geschichte eigentlich enden. Aber so ist der Mensch nicht. Statt die Mauer in Heiliggeist einfach niederzureißen, entbrannte ein endloser Streit zwischen den Konfessionen. Es ging um Geld. Und um Recht.

Erst am 24. Juni 1936 fiel die Scheidemauer. Nach 230 Jahren. Zurück blieb die katholische Kanzel, von der heute die evangelischen Pfarrer predigen. Über ihren Köpfen schwebt dabei eine riesengroße silberne Taube. Der Heilige Geist.

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