„Wir legen den Finger darauf, wo gute Arbeit abgebaut wird“

Drei überzeugte KABler: v.l. Uwe Terhorst, Erzbischof Stephan Burger, Ulf Bergemann

Seit genau einem Jahr ist der Freiburger Erzbischof Stephan Burger jetzt im Amt. Viel wurde in diesen zwölf Monaten über ihn geschrieben, noch mehr spekuliert. Doch immer wenn man denkt, jetzt weiß man wie der Freiburger Oberhirte tickt, kommt eine neue Facette zum Vorschein. „Erzbischof Stephan ist schon lange Mitglied der Katholischen Arbeitsnehmerbewegung.

Er hat eine sehr soziale Ader, die Anliegen der Betriebsräte sind ihm wichtig“, erzählt Uwe Terhorst, Referent für Arbeitnehmerseelsorge in Mannheim. Der Erzbischof, ein KABler. Wer hätte das gedacht. In diesem Jahr wird die KAB Rhein-Neckar 125 Jahre alt. Ein Geburtstagsbesuch in Mannheim.

KAB-Diözesansekretär Bergemann in BILD

Die Adresse D 6,5 gehört zum „Franz-Xaver-Haus“, einem nüchternen Bürobau schräg gegenüber vom Mannheimer Rathaus. Das oberste Stockwerk bewohnen Jesuitenpatres, in der dritten Etage hat die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) ihr Hauptquartier. Man blickt weit. Die Spitalkirche, das Reiss-Engelhorn-Museum, der Paradeplatz. Mehr mittendrin geht kaum. Etwa tausend Mitglieder zählt die KAB in der Metropolregion Rhein-Neckar, die Hälfte davon lebt in Mannheim.

„Kritisch. Kompeten. Nah dran!“

„Mannheim sagt JA“: Groß-Demo gegen Ausländerfeindlichkeit

„Kritisch. Kompetent. Nah dran!“ Die Visitenkarte von Arbeitnehmerseelsorger Uwe Terhorst klingt eher nach IG Metall, denn nach katholischer Kirche. Und so soll es wohl auch sein. Seit 1890 der erste katholische Arbeiterverein gegründet wurde, fremdelt die Amtskirche mit diesem Sproß, der immer ein wenig links vom katholischen Mainstream schwimmt. „Rote Kapläne“ rief man den Gründern des Mannheimer Arbeitervereins hinterher. „Soziales stand in der katholischen Kirche nicht oft an erster Stelle der Agenda“, bedauert Ulf Bergemann, der KAB-Diözesansekretär für Nordbaden. „Aber das ändert sich jetzt.“

Auch so geht katholisch: Ulf Bergemann mit roter Fahne

Papst Franziskus geht an die Ränder. Und Erzbischof Stephan Burger reiste höchstpersönlich nach Mannheim, um einen Gottesdienst zum KAB-Jubiläum zu zelebrieren. Im Arbeiterstadtteil Rheinau. „Arbeitet daran, die Apathie zu überwinden und eine christliche Antwort auf die sozialen und politischen Fragen zu geben“, rief er „seiner“ KAB in der Predigt zu. Also, vorwärts.

Christliche Antworten auf politische Fragen

„Die Prozentpunkte der Lohnerhöhungen interessieren uns nicht“, sagt Ulf Bergemann. „Wir legen den Finger darauf, wo gute Arbeit abgebaut wird.“ Und das ist derzeit oft der Fall. Festangestellte Mitarbeiter werden durch Minijobber ersetzt, Verkäuferinnen durch Regalräumer. Das Ladenschlussgesetz liegt in den letzten Zügen, Öffnungszeiten rund um die Uhr drohen, der Sonntag wankt bedenklich. Grundlos befristete Arbeitsplätze, Leiharbeit, die Hartz-4-Gesetze.

Oft mit der KAB in einem Boot: Ver.di-Chef Bsirske bei den Kurpfälzer Sozialtagen

Die KAB Rhein-Neckar kämpft 2015 an fast ebenso vielen Fronten wie einst der katholische Arbeiterverein. „Der Weg, den die Politik eingeschlagen hat, führt zu einer neuen Spaltung der Gesellschaft“, befürchtet Ulf Bergemann. Solvente Vielverdiener hier, rechtlose Billigbeschäftigte da. Die Rückkehr des Proletariats in der Version 2.0.

Wer krank wird, verhungert

Mannheim im Jahr 1890. Eine wüste Stadt. Groß, voll, laut. Die Schlote der Fabriken spuken Tag und Nacht klebrigen schwarzen Ruß aus, der sich in jeder Ritze festsetzt. Die Arbeiterfamilien hausen in lichtlosen, feuchten Hinterhäusern und schuften bis zu 16 Stunden am Band. Sieben Tage in der Woche. 51 Prozent der Arbeiter sind Frauen und Kinder. Sie werden deutlich schlechter bezahlt als die Männer. Lohn gibt es nur für geleistete Arbeit. Wer krank wird, verhungert.

Erst „roter“ Kaplan, dann  Erzbischof: Karl Fritz

„Kinder mit drei Jahren laufen auf der Straße herum, von Hunger und Kälte gequält. Wenn abends Vater, Mutter und Kinder sich zusammenfinden, ist kein Feuer im dem Herd und der Mutter fehlt die Kraft, noch Nahrung zu bereiten“, rief der Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler schon 1869 seinen Gläubigen zu. Er war nicht der einzige Priester, der ebenso laut wie die sozialistischen Gruppierungen die Einführung von Gesetzen zum Schutz der Arbeiter foderte. Lange bevor der deutsche Reichstag das Wort Sozialgesetzgebung überhaupt je gehört hatte.

Keine Billigbeschäftigten in der Kirche

In Mannheim gab es Kaplan Karl Fritz, der das Elend nicht länger mitansehen konnte. Im April 1890 gründete er den „katholischen Arbeiterverein“, im Herbst eine Spar- und Sterbekasse für Arbeiter, die er selbst verwaltete. Bis Freiburg ihn rief. 1920 wurde Karl Fritz zum Erzbischof geweiht.

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2005 bei Kundgebungen für die Einführung eines Betriebsrats bei der SAP habe er den heutigen Erzbischof kennengelernt, erzählt Uwe Terhorst, der Arbeitnehmerseelsorger. Stephan Burger war damals der Pfarrer von Rot, wo die SAP eine große Außenstelle besitzt. „Er hat sich sofort für einen Betriebsrat ausgesprochen“, erinnert sich Terhorst. Auch später, wenn er Burger in Freiburg wiedertraf, habe dieser sich immer sofort nach dem Stand der Dinge bei SAP erkundigt. Seit 2007 hat der Softwarekonzern eine Arbeitnehmervertretung. „Stephan Burger ist sicher nicht nur KAB-Mitglied, weil es schick ist“, sagt Terhorst. „Er will keine Billigbeschäftigten in der Kirche haben.“

Im Herbst 2016 veranstaltet die KAB zum achten Mal die „Kurpfälzer Sozialtage“. Hochkarätige Referenten aus der ganzen Republik werden anreisen. Die Frage, wer den Referentenreigen eröffnet, dürfte diesmal einfach zu beantworten sein.

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