Er war die Seele der Weststadt

Pfarrer Ludwig Bopp ist
im Alter von 94 Jahre gestorben

Da war diese kleine Werktagsmesse in St. Bonifatius. Zwanzig Gläubige erhoben sich brav zum Eingangslied, nur der Pfarrer eilte mit wehendem Gewand auf zwei junge Leute zu. Ludwig Bopp ergriff ihre Hände und strahlte sie an. „Neue Gesichter! Wir freuen uns. Woher kommen Sie denn?“ Die Gemeinde nahm wieder Platz. Die Messe musste warten. Die Menschen gingen vor. So war Pfarrer Bopp.

Herzlich. Einfühlsam. Klug. Voll von Wärme, Güte und Humor. Aber auch kritisch. All jenen gegenüber, die nur verwalteten statt sich zu kümmern. Mehr als sechzig Jahre hat der katholische Priester in der Heidelberger Weststadt gewirkt. Jetzt ist die Seele des Stadtteils gestorben. Ludwig Bopp wurde 94 Jahre alt.

Pfarrer Bopp besaß ein unglaubliches Lächeln. Es fing ganz leise in den Augen an …

Mehr als 60 Jahre wirkte er in
der Heidelberger Weststadt

Vielleicht waren es seine Hände. Pfarrer Bopps Hände waren immer warm. Und wenn man die eigenen hineinlegte, spürte man die wunderbare Ruhe, die von ihm ausging. Oder es war seine Art zu erzählen. Bopp sprach nicht nur mit Worten. Er sprach auch mit den Händen, den Augen, ja mit jedem Muskel im Gesicht. Stundenlang hätte man ihm zuhören mögen.

Aber wahrscheinlich war es sein Lächeln. Pfarrer Bopp besaß ein unglaubliches Lächeln. Es fing ganz leise in den Augen an, und Sekunden später strahlte der ganze Raum. „Ja“, pflegte er dann zu sagen. „Ich habe gelernt, mit meinen Schatten zu tanzen.“

Das Heimweh in seiner Kindheit hat Ludwig Bopp nie vergessen. Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Limbach im Odenwald. Hier wurde Ludwig Bopp geboren. 1926. Als drittes von sechs Kindern. Der Vater war Handelsvertreter, die Geschwister wuchsen in der Natur auf. „Eine traumhafte Kindheit“, erinnerte sich der Pfarrer später. Sie endete, als der Junge zehn Jahre alt war. Weil es im Odenwald keine höheren Schulen gab, schickte man Ludwig zusammen mit seinem Bruder und einem Cousin ins Internat nach Rastatt. 150 Kilometer weit weg. Das Heimweh hat Ludwig Bopp nie vergessen. Einer seiner „Schatten“.

Mit Karl Velten gründete
Bopp eine Priestergemeinschaft

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Mit 17 Jahren wurde Bopp zur Wehrmacht eingezogen. Schlotternd vor Angst lag der Junge beim Stellungskrieg in der Eifel unter schwerem Beschuss. Dann amerikanische Gefangenschaft. Hunger, Angst, Heimweh. Eineinhalb Jahre lang. Diese Zeit habe ihn geprägt, sagte Ludwig Bopp später. „Meine Seelsorge war immer von dem Wissen geleitet, dass wir arme Würstchen sind, die Gott und einander dringend bedürfen.“

1947 „Blitzabitur“ (Bopp) in Eberbach. Dann Priesterseminar in Freiburg. Hier traf Ludwig Bopp den gleichaltrigen Karl Velten. Eine schicksalhafte Begegnung. 57 Jahre lang haben die beiden eine Priestergemeinschaft gebildet. Und erst Jahre später festgestellt, dass sie auch den gleichen Primizspruch gewählt hatten: „Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Mitarbeiter an eurer Freude.“

„Wenn die Liebe nicht reicht, helfen Gelübde auch nicht.“

1960 das „Oratorium des heiligen Philipp Neri“ in der Heidelberger Weststadt. Eine Priestergemeinschaft ohne Gelübde. Ludwig Bopp: „Der heilige Philipp hat gesagt: Wenn die Liebe nicht reicht, helfen Gelübde auch nicht.“ Es waren glückliche Jahre. Bis zu acht Priester gehörten zeitweise der Gemeinschaft an. Die Gästezimmer in dem großen Gründerzeit-Pfarrhaus waren immer ausgebucht. Nächtelange Diskussionen an der Tagesordnung.

St. Bonifatius in der
Heidelberger Weststadt

Meist ging es darum, den christlichen Glauben im Licht der modernen Psychologie neu zu verstehen. „Es war eine Offenbarung für uns, als wir erkannten, dass Fehler und Schwächen keine Sünden sind“, erzählte Ludwig Bopp. „Es sind Schattenseiten, die Gott jedem Menschen mit auf den Weg gegeben hat.“ Das Bild von diesen Licht- und Schattenseite, die einander im Tanz die Hand reichen, hat den Pfarrer sein Leben lang begleitet.

Verzweifelten hat er sich immer besonders nahe gefühlt. Wie erstaunlicherweise auch den Kurpfälzer Trabanten.

In Weststadt war Pfarrer Bopp allgegenwärtig. Er verkehrte in den Zimmerfluchten der Altbauwohnungen ebenso selbstverständlich wie in den dunklen Souterrains. Und transferierte stets ein paar Scheine von hier nach dort. Den Verlassenen, Verzweifelten hat er sich immer besonders nahe gefühlt. Wie erstaunlicherweise auch den Kurpfälzer Trabanten. Unvergessen seine Auftritte in der Bütt: „Mit Hopplahopp kommt Pfarrer Bopp“.

Wunderbar auch in der Bütt: „Mit
Hopplahopp kommt Pfarrer Bopp“

1999 der Ruhestand. Ludwig Bopp zog sich zurück in die kleine Kapelle des Josefskrankenhauses. Hier konnte er endlich die „Gottesdienste auf Augenhöhe“ anbieten, von denen er schon lange geträumt hatte. „Priester und Gemeinde agieren als gleichberechtigte Mitglieder des Gottesvolks. Man achtet aufeinander. Jeder Blick, jedes Wort, jede Reaktion während des Gottesdienstes werden wahr- und wichtiggenommen.“

Für den charismatischen Weststadtpfarrer war das die Vision für die katholische Kirche der Zukunft. In den Mittagsstunden des 26. März ist Pfarrer Ludwig Bopp friedlich eingeschlafen.

Ein Gedanke zu „Er war die Seele der Weststadt

  1. Ich kenne Ludwig sehr gut! Er hat lange meine Familie begleitet, schon bevor ich geboren war, hatte er zum Beispiel meine Eltern getraut. Er war ein wunderbarer Mensch. Der Artikel beschreibt ihn sehr gut und macht mich, in Erinnerung an einen weltoffenen und unvoreingenommenen Menschen, sehr traurig. Ruhe in Frieden Ludwig und danke für alles!

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