Filigrane Schönheiten im Stall

Die Krippen von Walter Ohlhäuser
werden wiederentdeckt

Da sitzt sie nun also, die junge Mutter. Erschöpft von der Geburt, durchfroren von der Kälte im Stall. Doch Maria lächelt. Es ist ein stilles Leuchten, der Ausdruck reinen Glücks. Josef dagegen tut sich noch schwer mit seiner Rolle als Vater.

Unbeholfen sucht er nach der richtigen Hand, um das Neugeborene zu halten. So lebensecht geht es zu in den Krippen von Walter Ohlhäuser. Jede seiner Figuren hat einen eigenen Charakter, perfekt ausgearbeitet bis in die Pupillen hinein. 35 große Krippen hat Walter Ohlhäuser zwischen 1949 und 1961 geschnitzt, vier davon für Heidelberger Kirchen. In den Sechzigern galt er als einer der bedeutendsten Holzkünstler Badens, heute ist Ohlhäuser fast vergessen. Höchste Zeit für eine Wiederentdeckung.

In den Sechzigern galt Ohlhäuser als einer der bedeutendsten Holzkünstler Badens. Heute ist er fast vergessen.

Drei roten Weihnachtssterne, lässig zwischen Schafe und Hirten drapiert – damit ist es bei Ohlhäuser-Krippen nicht getan. Ihre zahlreichen Figuren mit je eigener Mimik und Gestik verlangen nach großen Bühnenbildern, die echten Landschaften täuschen nachempfunden sind.

50 Figuren: Die Krippe in
Heidelberg-Pfaffengrund

Weshalb in St. Anna in der Heidelberger Altstadt, in St. Vitus in Handschuhsheim, in St. Marien im Heidelberger Pfaffengrund und in St. Bonifatius in der Weststadt schon Wochen vor dem Fest Moos und Steine, Wurzeln und Äste herbeigeschafft, arrangiert und dekoriert werden. In Sankt Bonifaz plätschert sogar ein kleiner Bach in der Krippe. Mit echten Goldfischen darin.

„Walter Ohlhäuser hat jede seiner Figuren individuell gestaltet. Er hat alle Kleider von Hand genäht und für jede Kirche einen speziellen Stall gebaut“, berichtet Michael Cramer aus Stuttgart. Der promovierte Vermessungsingenieur verbringt seit einigen Jahren fast seine gesamte Freizeit damit, Ohlhäuser-Krippen aufzuspüren, zu katalogisieren und zu retten. Weil er die weihnachtlichen Kunstwerke so schön findet und den Künstler so spannend. Walter Ohlhäuser nämlich hat Zeit seines Lebens nie das getan, was „normal“ war und von ihm erwartet wurde. Sondern meist das Gegenteil.

Ohlhäusers Eltern hießen Maria und Josef. Vielleicht rührte daher die Begeisterung für Krippen.

1909 wurde Ohlhäuser in Karlsruhe geboren. In einfachsten Verhältnissen, als ältestes Kind von vier Geschwistern. „Die Eltern hießen Maria und Josef. Vielleicht rührte daher seine Begeisterung für Krippen“, scherzt Michael Cramer, der Experte.

Die „Hirtenmusik“
von St. Anna in der Altstadt

Aufgewachsen ist Ohlhäuser in Mannheim, wo er auch eine Lehre als Elektromechaniker absolvierte. Viel gearbeitet hat er in diesem Beruf jedoch nicht. Ohlhäuser betrieb lieber ein Kasperletheater. Die Puppen hatte er selbst geschnitzt, die Geschichten selbst geschrieben. Sehr zum Missfallen der neuen nationalsozialistischen Machthaber. 1934 wurde das Kasperle verboten. Walter Ohlhäuser wechselte zur Musik und ließ sich zum klassischen Oboisten ausbilden. Ein künstlerisches Multitalent.

1938 dann die Hochzeit mit Helene, vier Kinder folgten in kurzen Abständen, Geld musste ins Haus. Walter Ohlhäuser verdingte sich als Betriebselektriker bei Daimler in Stuttgart. 1943 schickte man ihn als Soldat an die Ostfront.

„In den ersten Nachkriegsjahren hatte Ohlhäuser so wenig Material, dass es nur für hauchdünne Arme reichte“

Wie wohl die meisten Männer seiner Generation hat Walter Ohlhäuser nie viel über seine Erlebnisse im Krieg gesprochen. Aber er hat erkannt, wie fragil das Leben ist und entsprechend gehandelt. 1946 kündigte er seinen sicheren Elektrikerjob und begann eine Ausbildung zum Bildhauer. Um sich und die Seinen über Wasser zu halten, besann sich Ohlhäuser seiner Fingerfertigkeit. Statt Kasperlefiguren schnitzte er nun Marien, Josefs, Hirten und Könige. Oft die ganze Nacht hindurch.

Die Pfaffengrunder Krippe
von 1947 ist der Prototyp

„In den ersten Nachkriegsjahren hatte Walter Ohlhäuser so wenig Material zur Verfügung, dass es nur für hauchdünne Arme und Beine reichte“, weiß Michael Cramer, der Stuttgarter Krippen-Fan. An Lindenholz, eigentlich das ideale Schnitzholz, war überhaupt nicht zu denken. „Ohlhäuser musste sich meist mit Erlenholz begnügen.“ Die Körper seiner Figuren – mit „echten“ Knie- und Armgelenken – fertigte der Krippenbauer aus Draht, um Holz zu sparen. Dann umhüllte er die schmächtigen Gestalten mit aufwändigen Gewändern.

Tiere fehlen in den frühen Krippen völlig. Wahrscheinlich aus Holzmangel.

Woher Ohlhäuser all die prächtigen Stoffe für die Königsgewänder bezog, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Sicher ist jedoch, dass kein noch so kleines Zipfelchen weggeworfen wurde. Aus jedem Flecken zauberte der Künstler mit seiner fußgetriebenen Nähmaschine noch eine Bordüre oder ein Hütchen. Tiere fehlen in den frühen Krippen völlig. „Wahrscheinlich aus Holzmangel“, vermutet Michael Cramer.

Die berühmte Blasmusikgruppe
der Pfaffengrunder Krippe

Der erste Heidelberger Auftrag für eine Ohlhäuser-Krippe kam 1947 aus dem Pfaffengrund. Dort lebte Gertrud Schaab, die jüngere Schwester des Künstlers. Sie engagierte sich eifrig in der katholischen Gemeinde St. Marien und hat vermutlich den Kontakt hergestellt. Die Figuren der Pfaffengrunder Krippe sind mit 25 cm nur halb so groß wie spätere Ohlhäuser-Schöpfungen. Dafür besitzt St. Marien eine Menge Figuren. 50 waren es ursprünglich, 43 sind es heute noch. Im Pfaffengrund steht damit die figurenreichste Krippe, die Walter Ohlhäuser je geschnitzt hat.

Natürlich wurden die filigranen Holzpüppchen nicht alle auf einmal geliefert, sondern die Krippenlandschaft ist über viele Jahre hinweg gewachsen. Den krönenden Höhepunkt markierten – schon weit in den 1960er Jahren – acht Kamele. Drei von ihnen kann man heute noch allweihnachtlich in St. Marien bewundern.

Man munkelt der Pfaffengrunder Pfarrer habe die Bläsergruppe aus der eigenen Tasche bezahlt.

Die Krippe von St. Bonifatius
in der Heidelberger Weststadt

Berühmt geworden ist die Pfaffengrunder Krippe aber nicht wegen der Tiere, sondern wegen der Blasmusikgruppe. Schick in Rot und Weiß gewandet, begrüßt sie den neugeborenen Heiland. Ein Posaunenchor neben Ochs und Esel – das ist einzigartig in der Geschichte der Weihnachtskrippen. Die Gemeinde St. Marien verdankt diese Rarität ihrem legendären ersten Pfarrer Anton Klausmann. „Er war ein Musikus vom Scheitel bis zur Sohle“, steht in der Gemeindechronik zu lesen. Klausmann spielte mehrere Instrumente und gab in seiner Freizeit der Pfaffengrunder Jugend Musikunterricht.

Man munkelt, Pfarrer Klausmann habe die Bläsergruppe für die Krippe selbst geordert und aus eigener Tasche bezahlt. So wichtig war ihm die Musik fürs Christkind. Dem Kunstschnitzer Walter Ohlhäuser scheint die Pfaffengrunder Krippe auch sehr ans Herz gewachsen zu sein. Der Weihnachtsengel, der über dem Stall schwebt, spielt Oboe. Ein Selbstporträt des Künstlers.

Weihnachtsengel mit Oboe:
ein Selbstporträt des Künstlers

Die Gesichter und die Hände des Pfaffengrunder Musikcorps en miniature sind übrigens nicht geschnitzt, sondern aus Terracotta geformt und dann gebrannt. „Das war wahrscheinlich ein Versuch Walter Ohlhäusers, seine Figuren auch in Serie zu fertigen“, vermutet Michael Cramer. Offensichtlich habe der Künstler darüber nachgedacht, seine Krippen auch an Privathaushalte zu verkaufen. Realisiert wurde diese Idee allerdings nie.

Ab 1951 maßen die Figuren fünfzig Zentimeter. Fortan war das der Standard.

Womit wir beim Geld wären. 520 Mark, so steht es auf der Rechnung für eine Stuttgarter Krippe, verlangte Ohlhäuser für die „einfache“ Version mit Heiliger Familie, Königen, Hirten und Stall. Davon finanzierte der Künstler das Leben seiner sechsköpfigen Familie.

Die prächtigen Gewänder
sind von Hand genäht

1951 erhielt das St. Anna-Kirchlein in der Plöck seine kleine aber sehr feine Krippe. Ohlhäuser lieferte die Figuren sukzessive über zwei Jahre hinweg. Per Bahn. Die Originalkartons sind noch vorhanden. Der Josef in St. Anna mass nun schon 50 cm, was fortan der Standard für die Figuren in Ohlhäuserkrippen war. Nur die Kirche in Freiburg-Mooswald besitzt eine Krippe, deren Figuren einen Meter groß sind. 1952 folgte die Krippe für St. Vitus in Handschuhsheim, 1953 die für St. Bonifatius in der Weststadt.

Natürlich war auch die Phantasie eines Walter Ohlhäuser nicht unbegrenzt. Wenn man Fotos von seinen Krippen nebeneinander legt, erkennt man schon das ein oder andere Gesicht wieder. Mal gehört es einem König, mal einem Hirten. Maria kniete in den frühen Krippen stets neben ihrem Kind. Später setzte Ohlhäuser sie auf einen Schemel, damit die „Krippenspieler“ mehr Variationsmöglichkeiten hatten. Sie konnten das Christuskind nun wahlweise in die Krippe legen oder in die Arme seiner Mutter.

Das mysteriöse Verschwinden der fünften Heidelberger Krippe von Walter Ohlhäuser

Die absoluten Lieblingsfiguren des Walter Ohlhäuser jedoch waren die Schirmträger im prächtigen Gefolge der Könige. Mit ihnen reiste der Künstler in Gedanken wohl einmal um die ganze Welt, denn die Schirmträger stammen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Mal sind es Afrikaner, mal Chinesen. In den beiden jüngsten Krippen von 1961 führen sie sogar Elefanten mit sich. „Walter Ohlhäuser hat seiner Phantasie in den Krippen stets freien Lauf gelassen“, freut sich Michael Cramer, der Vermessungsingenieur aus Stuttgart. „Das entsprach seinem Wesen und Wunsch.“

Die Schirmträger waren
Ohlhäusers Lieblingsfiguren

Leider blieb bei all dieser überbordenden Kreativität die Akribie ein wenig auf der Strecke. Weshalb Michael Cramer heute vor einem Rätsel steht: Walter Ohlhäuser erwähnt in seinem Auftragsbuch noch eine fünfte Krippe für ein „Krankenhaus St. Hedwig“ in „Heidelberg bei Handschuhsheim“.

Die „Pflegeheimat St. Hedwig“ in Neuenheim jedoch hat nie eine Ohlhäuser-Krippe besessen. Und in Handschuhsheim hat es nie ein Krankenhaus mit dem Namen „St. Hedwig“ gegeben. Auch Figuren einer weiteren Heidelberger Krippe sind nie irgendwo aufgetaucht. Was also hat dieser mysteriöse Eintrag zu bedeuten?

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