Besuch bei einem Sorgenkind

Auf Erkundungstour: Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh

Die schwärzeste Stunde der Protestanten im Weinheimer Westen schlug vor genau einem Jahr. Im Advent 2013 war die Lukaskirche in der Mult, von der Gemeinde liebevoll „die Wohnkirche“ genannt, nach nur 36 Jahren entwidmet worden.

Schlechte Bausubstanz, hoher Renovierungsbedarf, die nächste Kirche nur einen Kilometer entfernt. Jetzt soll die Lukaskirche abgerissen und durch hochverdichtete Wohnblocks ersetzt werden. Anders, sagt Dekan Rainer Heimburger, sei es nicht möglich gewesen, den Haushalt der Evangelischen Kirchengemeinde Weinheim zu konsolidieren: „Wir haben jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt.“

Mit der Aussegnung endete ein fünfjähriger Kampf um die Lukaskirche, der hochemotional und auf allen rechtlichen Ebenen geführt wurde. Viel Vertrauen ist da zerbrochen. Dekan Heimburger verlässt Weinheim Ende Januar in Richtung Breisgau Hochschwarzwald. Zuvor hatte er sich schon in Mannheim und Karlsruhe beworben. Am vergangenen Wochenende kam Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, erst seit einem halben Jahr im Amt, mit einer Delegation zur Visitation nach Ladenburg-Weinheim. Er erlebte er einen Kirchenbezirk im Umbruch. Es wird dauern, bis die Wunden verheilt sind.

Vor dem Abriss: Die Lukaskirche in Weinheim

Der Besuch des Bischofs dient nicht der Kontrolle. Es geht darum die Ziele zu justieren.

In einem Turnus von sieben Jahren visitiert die Badische Landeskirche all ihre Kirchenbezirke. Diese Besuche dienen nicht der Kontrolle, betont Landesbischof Cornelius-Bundschuh stets. Vielmehr gehe es darum, die Ziele zu justieren, die sich der Kirchenbezirk selbst setzt. 2007 hatten sich die zwanzig Gemeinden des Kirchenbezirks Ladenburg-Weinheim vorgenommen, sich zu Gruppen zusammenzuschließen. Mehr Möglichkeiten für die Konfirmanden, die Senioren, die Sänger, eigentlich für alle.

„Es hat eine Weile gedauert, das anfänglich Zurückzucken zu überwinden“, resümierte Axel Wermke, der neue Präsident der Landessynode, bei der Visitation. Jetzt existieren aber sowohl an der Bergstraße wie am Neckar kleine evangelische ‚Regionen‘. “Sie tragen Namen wie ‚Sachsendörfer‘ oder ‚Bachgemeinden‘“, freute sich Landesbischof Cornelius-Bundschuh.

„Wir haben keinen Grund, Personal zu reduzieren“

In den kommenden sieben Jahren wollen die Zusammenschlüsse ihre Stärken entdecken und überlegen, welche Angebote sie für den ganzen Kirchenbezirk machen können. Eine neue Homepage soll helfen, alle Informationen flächendeckend von Ilvesheim bis Oberflockenbach zur Verfügung zu stellen. Der Wunsch des Landesbischofs: „Einmal im Monat ein Jugendgottesdienst und ein Abendgottesdienst, das wäre toll.“

Wechselt in den Hochschwarzwald: Dekan Rainer Heimburger

Befürchtungen, derlei Gruppenpfarrämter seien die Vorstufe von Gemeindefusionen und Stellenstreichungen, trat Cornelius-Bundschuh energisch entgegen. „Wir haben keinerlei Grund, Personal zu reduzieren“, betonte der Landesbischof. Im Gegenteil: Im Zukunft will die evangelische Kirche in Baden eher mehr Geld für Personal ausgeben. „Unser Auftrag als Kirche ist es, uns so aufzustellen, dass wir auf gute Weise in der Gesellschaft präsent sind.“

Der Trend geht eindeutig dahin, die Gemeindehäuer in die Kirchen zu integrieren

Axel Wermke, Präsident der Badischen Landessynode

Womit wir bei den Gebäuden wären. „Wir lassen gerade eine ökumenische Bestandsaufnahme anfertigen“, berichtete Synoden-Präsident Wermke. Ökumenisch? Wermke nickte: „Wenn wir schon ein Beratungsunternehmen da haben, können wir sie auch mit dem katholischen Dekanat zusammen nutzen.“

Eine gemeinsame Nutzung von Kirchen, steht allerdings noch nicht auf der Agenda. „Für die katholische Kirche ist das viel schwieriger als für uns“, formulierte der Landesbischof. „Ökumene heißt, einander nicht unter Druck setzen.“ Zum neuen Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat Cornelius-Bundschuh übrigens einen „sehr guten Kontakt“: „Ich staune, was er in der kurzen Zeit alles angepackt hat und wie schnell er entscheidet.“

Wenn es nach der Badischen Landeskirche ginge, blieben alle Kirchen im Bezirk Ladenburg-Weinheim erhalten. „Aber diese Entscheidung liegt allein bei der Kirchengemeinde vor Ort“, betonte Präsident Wermke evangelisch-korrekt. Die Pfarrhäuser hingegen, das zeichnet sich langsam ab, haben keine guten Karten. Sie seien alle zu groß, fand Dekan Heimburger. Seine Familie bewohnte fast 16 Jahre lang das Pfarrhaus der Weinheimer Peterskirche, eine schöne alte Villa mit 300 Quadratmetern Wohnfläche. „Da müsste man sechs Kindern haben, um das zu füllen.“

evSchriesheim
Frisch renoviertes Schmuckstück: Die evangelische Stadtkirche von Schriesheim

Und bei den Gemeindezentren geht der Trend eindeutig dahin, sie in die Kirchen zu integrieren. Landesbischof Cornelius-Bundschuh: „Überall, wo wir das tun, kommen plötzlich wieder viele junge Leute in der Kirche.“

Zwei Großbaustellen bereiten schlaflose Nächte

Weinheim, dem Sorgenkind im Kirchenbezirk, helfen all diese Überlegungen nicht weiter. Die Evangelische Kirchengemeinde kämpft derzeit relativ ratlos gleich auf zwei Großbaustellen. Die Wohnblocks, die auf dem Gelände der ehemaligen Lukaskirche entstehen sollen, gefallen zwar der Stadt nicht aber den Anwohnern. Zu hoch, zu dicht, zu viele. Das könnte der Kirchengemeinde eigentlich egal sein, wollte sie das Grundstück nicht in Erbpacht für hundert Jahre an den Bauträger vermieten. Was, wenn der jetzt abspringt?

Die Peterskirche blickt fassungslos auf eine Endlos-Baustelle

Das zweite Riesenproblem steht direkt gegenüber der Peterskirche. Ein „Haus der Evangelischen Kirche“ soll hier entstehen für das Dekanat, das Schuldekanat, den Kirchenbezirk und vieles mehr. Ein Investor aus Pforzheim wollte das Gebäude bauen und ab August 2014 an die Kirche vermieten. Bis jetzt existiert nur ein Rohbau. Arbeiter hat man schon seit Wochen nicht mehr auf der Baustelle gesehen. Für die Weinheimer Protestanten sei der Investor derzeit nicht zu sprechen, bekannte Dekan Heimburger. Die Kirchengemeinde prüfe jetzt rechtliche Schritte.

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