Gott am Gartenzaun

Dank Corona taufen Eltern ihr Kind
jetzt selbst – und sind glücklich

Das Planschbecken war klein, rund und quietschgelb. Ein wenig verloren stand es neben den Steinquadern der uralten Wehrkirche von Michelbach. Bis Mariel kam. Im Prinzessinnenkleid.

Die Kleine wurde ins Becken gehoben, die Pfarrerin breitete segnend die Arme aus, dann ließen die Eltern das Wasser behutsam über den Kopf ihrer Tochter fließen. Ein Moment von ungeheuerer Intensität. Mitten in Corona.

„Seit ich zwei Meter Abstand halten muss, übernehmen die Eltern den aktiven Teil der Taufe“, erklärt Pfarrerin Angelika Schmidt. „Es ist wunderbar zu sehen, wie sie dabei aufblühen.“ Eigentlich wolle sie nie wieder anders taufen, sagt Schmidt. Eine Geschichte über das, was besser geworden ist durch die Krise. Und was vielleicht über sie hinaus bleibt.

Seit die Pfarrer zwei Meter Abstand halten müssen, taufen die Eltern ihr Kind selbst

Oberkirchenrat
Matthias Kreplin

Niemand wird je diesen Tag im März vergessen, als das kirchliche Leben zum Erliegen kam. Von heute auf morgen. Ohne Vorwarnung. Und ohne Vorbereitung. Keine Gottesdienste mehr, keine Gruppenstunden, keine Kreise, keine Chöre. Nur noch das stille Gebet in den Wohnstuben. Dort, wo die Angst am schnellsten wächst. „Wir als Kirche mussten uns aus dem Stand heraus komplett neu aufstellen“, erinnert sich Matthias Kreplin, Leiter des Referats „Verkündigung“ beim Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe.

Erfahrungen mit digitalen Medien gab es kaum. Einen zentralen Ideenpool schon gar nicht. Die Pfarrerinnen und Pfarrer mussten sich allein den Weg zurück zu ihren Gemeinden ertasten. „Die Erfahrungen, die in dieser schweren Zeit gemacht wurden, sind Gold wert“, lobt Oberkirchenrat Kreplin. „Ein Gewinn für uns alle.“

„Das Telefon ist die beste Möglichkeit, mit Menschen Kontakt zu halten, ohne in die Privatsphäre einzudringen“

Christiane Bindseil und Fabian Kliesch sind die evangelischen Pfarrer von Heidelberg-Kirchheim. Vom ersten Tag an haben sie ganz aufs Telefon gesetzt. Sie haben die Senioren angerufen und die Familien, die Konfirmanden und die Pfadfinder, ja sogar die Schulkinder und deren Eltern. „Das Telefon ist die beste Möglichkeit, mit den Menschen Kontakt zu halten, ohne in ihre Privatsphäre einzudringen“, findet Pfarrer Kliesch.

Die Pfarrer Fabian Kliesch und
Christine Bindseil setzen aufs Telefon

Im Laufe der Wochen ist aus den ersten holprigen Anrufen so etwas wie eine Kirchheimer Telefonkultur geworden. Heute arbeitet die Bonhoeffer-Gemeinde mit modernster Technik. Bindseil und Kliesch predigen übers Telefon, sie übertragen Gottesdienste per Telefon, gestalten Gruppenstunden für Konfirmanden und Pfadfinder übers Telefon, ja sie unterrichten sogar ganze Schulklassen via Telefon.

„Wir haben eine spezielle Nummer einrichten lassen, über die sich alle Schüler einer Klasse mit Zugangscode einwählen können“, berichtet Christiane Bindseil. Jeder hört jeden. Nur die Arbeitsblätter müssen noch per Post verschickt werden. „Sehr oft erzählt man uns, dass Eltern und Großeltern per Freisprechanlage mithören.“ Und wie ist es für die Pfarrer, zu einer Klasse ohne Gesichter zu sprechen? „Das ist eine gute Übung in Sachen Authenzität“, findet Fabian Kliesch. „Wer nur die Stimme hört, merkt sofort, ob ein Pfarrer von seiner Sache überzeugt ist oder nicht.“

Die Telefonandacht hat einen großen Vorteil gegenüber dem Video: Man kann miteinander über das Gehörte sprechen

Der Schulunterricht per Telefon war nur eine Notlösung. Die Kirchheimer Abendandacht, jeden Tag um 18 Uhr live am Telefon, hingegen soll dauerhaft bleiben. Die Andacht funktioniert technisch genau wie die Schulstunden: Man ruft an, erhält einen Einwahlcode und kann zum Festnetztarif teilnehmen. „Wir Pfarrer sehen auf dem Display nur, wie viele Menschen uns zuhören“, erläutert Kliesch. „Wir erfahren weder ihre Nummern noch ihre Namen.“

Es sei denn, ein Teilnehmer gibt sich freiwillig zu erkennen. Beim anschließenden Austausch beispielsweise. Das ist der große Vorteil, den die Telefonandacht gegenüber einer Videoaufzeichnung hat. Man kann miteinander über das Gehörte sprechen. Diese Option wird gern genutzt, berichtet Fabian Kliesch.

Natürlich überträgt die Kirchheimer Bonhoeffer-Gemeinde auch ihre Sonntagsgottesdienste per Telefon. Wenn man will, kann man dazu aber auch ein „Standbild“ live im Internet einschalten. „Unsere Kamera ist fest in der ersten Reihe installiert und wir Pfarrer stehen den ganzen Gottesdienst über am selben Platz hinter dem Altar“, erläutert Kliesch. Die Kirchheimer Gottesdienstübertragung wird nicht im Netz gespeichert. Sie soll eine Live-Erfahrung bleiben. Kliesch: „Der Zuschauer kann dem Pfarrer durch die Kamera direkt in die Augen blicken.“

Live-Übertragung eines Gottesdienstes
aus Heidelberg-Kirchheim

Das Virus hat in den Kirchen einen digitalen Quantensprung bewirkt

Tatsächlich hat das Virus bei der digitalen Verkündigung einen Quantensprung bewirkt. „Wir hatten schon vorher das Gefühl, dass wir fürs Internet neue Formate brauchen“, formuliert Oberkirchenrat Matthias Kreplin vorsichtig. Wirkliche tragfähige Ideen jedoch hatten die Kirchen noch nicht geboren. „Corona hat uns da schnell überholt“, gibt Kreplin zu.

Am Anfang, erzählt der Oberkirchenrat, hätten die Pfarrer einfach nur ihre Gottesdienste abgefilmt und ins Netz gestellt. Ohne Schnitte, ohne Gemeinde, mit wackeligem Ton. Eine fade Angelegenheit. „Alle haben schnell gemerkt, dass es das nicht sein kann.“

Mittlerweile gibt es in vielen Gemeinden ambitionierte Digital-Teams. Meist junge Männern.

Pfarrerin Angelika Schmidt
beim Gottesdienst im Pfarrgarten …

Mittlerweile gibt es in vielen Gemeinden ambitionierte Digital-Teams. „Das sind meist junge Männer, die vorher eher selten in der Kirche anzutreffen waren“, lächelt Fabian Kliesch aus Heidelberg. Jetzt haben sie eine Aufgabe. „Wir brauchen Video-Clips mit Esprit, die sich die Leute wirklich gern anschauen“, findet Pfarrerin Angelika Schmidt aus Michelbach bei Aglasterhausen. Sie ist inzwischen schon zu den Fortgeschrittenen aufgestiegen.

Auf den Sonntag-Videos aus Michelbach und Unterschwarzach sieht man Pfarrerin Schmidt im Talar mal auf einer Wiese, mal auf einer Baustelle, mal zwischen Hühnern. Immer passend zur Lesung des jeweiligen Sonntags. Dazu gibt es schöne Orgelmusik. Zeitlich hat Angelika Schmidt ihre Video-Predigten stark gestrafft, wodurch sie knackiger geworden sind. Jedes Video dauert maximal fünf bis sechs Minuten. Perfekt für die Ewigkeit des Internets. So geht Verkündigung 4.0.

… und fürs Sonntags-Video
in den Feldern des Kleinen Odenwaldes

„Die Predigt-Clips sind manchmal ein erster Flirt mit der Kirche“

„Wir wissen, dass gut gemachte Predigt-Clips auch von Leuten aufgerufen werden, die keine Kirchgänger sind“, sagt Matthias Kreplin. Vielleicht, weil sich die Menschen in der Anonymität des Internets wohler fühlen. Vielleicht aber auch, weil sie erst ein wenig am Gottesdienst schnuppern wollen. „Ein erster Flirt mit der Kirche“, formuliert Kreplin hochzufrieden.

Kein Wunder, dass in Karlsruhe derzeit in Hochgeschwindigkeit neue Formate fürs Internet entwickelt werden. Man denkt über virtuelle Kirchenporträts nach, über kurze Bildbetrachtungen oder kleine Pilgerwege. Gottesbegegnungen am Wegesrand. Die Möglichkeiten sind unendlich. Bereits in Produktion ist die Video-Serie „Mein Ort“, in der Menschen den Platz vorstellen, an dem sie sich Gott besonders nahe fühlen.

Pfarrerin
Franziska Gnändinger

Offene Kirchentüren sollten in der Krise ein Zeichen setzen

Franziska Gnändinger ist die Pfarrerin von Wiesenbach und Waldhilsbach. Als die Gottesdienste verboten wurden, hat sie weder zum Telefon noch zur Kamera gegriffen. Pfarrerin Gnändinger hat stattdessen die Türen ihrer Kirche sperrangelweit geöffnet. Ein absolutes Novum für Wiesenbach. Das hübsche evangelische Barockkirchlein steht nämlich direkt an der vielbefahrenen Durchgangsstraße und ist normalerweise sicher verschlossen. Jetzt in der Krise wollte Gnändinger mit der offene Kirchentür ein Zeichen setzen.

Es hat gewirkt. Wie offene Türen immer wirken. Nicht lange, dann spannte jemand ein Seil parallel zur Treppe und klammerte eine Grußpostkarte daran. Selbstgemalte Bilder und Segenswünsche folgten. Dann kamen die bemalten Mutmach-Steine. Mittlerweile liegen sie überall in Wiesenbach. Und irgendwann stellte jemand auch eine Tüte Nudeln oder eine Packung Mehl auf die Kirchentreppe. Für den, der es brauchte.

Bemalte Mutmach-Steine liegen
in Wiesenbach überall

Die Konfirmanden schrieben ihre Konfirmationssprüche mit Kreide quer über die Straße. Kerzen wurden gebracht und angezündet, das Kreuz immer wieder neu geschmückt. „Es war faszinierend zu sehen, wie schnell die Menschen angefangen haben, mit ihrer Kirche zu leben“, sagt Franziska Gnändinger.

„Früher hat kein Kind ohne Segen das Haus verlassen.“

Diesen Faden will die Pfarrerin unbedingt weiterspinnen. Die Krise als Chance. „Ich merke, dass es den Menschen gut tut, wenn man sie ermutigt, Gott in ihren Alltag zurückzuholen“, sagt Franziska Gnändinger. Sich gegenseitig in der Familie zu segnen beispielsweise sei völlig verschwunden. „Dabei ist das eine der ältesten Traditionen des Christentums. Früher hat kein Kind ohne den Segen der Eltern oder Großeltern das Haus verlassen.“

Viel Zeit braucht man dafür nicht und ein Theologiestudium auch nicht. „Jeder Christ kann einem anderen Menschen den Segen Gottes zusprechen“, erkärtl Pfarrerin Franziska Gnändinger. Wie übrigens auch jeder Christ einen anderen taufen kann. „Heute kennen wir das nur noch von der Nottaufe“, bedauert die Wiesenbacher Pfarrerin. Dabei berühre es Eltern tief, wenn sie ihr Kind eigenhändig taufen.

Dienstbesprechungen gibt es nicht mehr. Jetzt machen die Pfarrer Dienstspaziergänge.

Womit wir wieder bei Mariel im quietschgelben Planschbecken wären. Und bei Pfarrerin Angelika Schmidt in Michelbach. Sie hat es sich in den Monaten der Krise angewöhnt, mindestens zwei Stunden pro Tag durch ihre Dörfer zu wandern. Manchmal wirft sie Fotokopien ihrer jüngsten Sonntagspredigt in die Briefkästen.

Pfarrerin Schmidt sagt, sie will
nie wieder anders taufen

Manchmal spricht sie einfach jemanden an, der im Garten werkelt. Ob sie ihn schon einmal in ihrer Kirche gesehen hat, spiele dabei keine Rolle, sagt Schmidt. Theologie am Gartenzaun. „So viele Menschen wie in den letzten Monaten habe ich noch nie kennengelernt“, staunt Angelika Schmidt. „Die Spaziergänge werde ich auf jeden Fall beibehalten.“

Auch Christiane Bindseil und Fabian Kliesch aus Heidelberg-Kirchheim haben während Corona neue Gewohnheiten entwickelt. „Wir haben die Dienstbesprechungen gestrichen und machen stattdessen Dienstspaziergänge“, verrät Kliesch. „Es ist unglaublich, wie viele Gespräche sich ergeben, wenn zwei Pfarrer regelmäßig durchs Kirchheimer Feld laufen.“

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