„Pfarrer gehören nicht an den Schreibtisch“

Margit Fleckenstein Landessynode 2012-vaf

Eine Grande Dame :
Synodalpräsidentin Margit Fleckenstein

Margit Fleckenstein ist die Grande Dame der evangelischen Kirche in Baden. Seit 16 Jahren leitet die 72-jährige Justizrätin als Präsidentin die Landessynode. Die Mannheimerin ist die erste Frau in diesem höchsten Ehrenamt. Margit Fleckenstein gilt als einflussreich, klug und eloquent – und sie ist vollkommen uneitel.

Von einer Grippe geplagt hätte sie eigentlich das Bett hüten sollen. Doch einen zugesagten Termin streichen, das ist nicht ihr Stil. Also trifft man sich in Käfertal am Wohnzimmertisch. Margit Fleckenstein erscheint im Hausanzug zum Interview. Souveräner geht es nicht. Reden wir über Kirche.

Frau Fleckenstein, in Mannheim wurden schon fast ein halbes Dutzend evangelische Kirchen aufgegeben. Muss man sich Sorgen machen ?

Zukunftsweisend:
In der Mannheimer Philippuskirche …

Der badischen Landeskirche geht es gut. 1997 haben wir ein Sparprogramm in Angriff genommen und heute die Finanzen im Griff. Wir können unser Kirchenschiff auch in schlechten Zeiten steuern. Doch wir optimieren weiter. Gerade klopfen wir die Gebäude ab.

In den Sechziger Jahren wurde sehr viel gebaut. Hier in Mannheim beispielsweise gibt es in fast jedem Stadtteil zwei evangelische Kirchen plus Gemeindehäuser. So viel Platz brauchen wir nicht mehr. Die Philippusgemeinde in Käfertal beispielsweise hat sich entschieden, als erste Gemeinde in Baden ihr Gemeindehaus zu verkaufen und die Gemeinderäume in die Kirche zu integrieren. Der Sakralraum wurde dabei nicht zerstört. Dieses Modell macht inzwischen Schule.

Weil die evangelische Kirche schrumpft? 

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… wurde der Gemeindesaal als Glaskasten
in den Kirchenraum integriert

Die Zahl der Evangelischen geht nur hier in Mannheim zurück. Landesweit ist die Mitgliederzahl stabil. Doch die Gemeinden verändern sich. Sie werden mobiler, durchmischter, Menschen ziehen hinzu, Menschen ziehen weg. Alles ist in Bewegung.

Das ist für viele schwer zu verkraften. Sie möchten, dass alles so bleibt wie es früher war. Aber der klassische evangelische Pfarrhaushalt mit der Pfarrfrau als Seele der Gemeinde existiert nicht mehr. Die Ehepartner unserer Pfarrerinnen und Pfarrer haben heute alle ihren eigenen Beruf. Das Pfarrerbild individualisiert sich stark.

Kann die Kirche dann noch Heimat sein?

Seit 16 Jahren an der Spitze der Synode:
Landesbischof Fischer gratuliert

Die Gemeindeleitung wird in immer höherem Maß auf die Ehrenamtlichen übergehen. In der Badischen Landeskirche haben wir den Begriff „hauptamtlich“ schon komplett abgeschafft. Ein Amt herrscht nicht über das andere. Jetzt bieten wir Qualifizierungskurse für Ehrenamtliche und Älteste an, damit sie wissen, worauf es bei der Leitung einer Gemeinde ankommt.

Und was machen die Pfarrer?

Besuche, Besuche und noch mehr Besuche. Man braucht keine Milieustudien, wenn die Pfarrerin oder der Pfarrer wissen, wer in ihrer Gemeinde lebt. Pfarrer sind Theologen. Sie sollen Glauben vermitteln und gehören nicht an den Schreibtisch im Büro. Sie brauchen Zeit für Gott, damit sie ihren eigenen Glauben stärken und innere Ruhe finden. Nur dann können sie nach außen wirken.

Die Kasualien, vor allem die Beerdigungen, bieten eine große Chance, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die den Bezug zur Kirche verloren haben. Wir brauchen aber auch Kunst- und Kulturbeauftragte, die nach Andockmöglichkeiten ans Theater, an die Kunst oder die Musik suchen. Kirche muss überall da auftauchen, wo man nicht mit Kirche rechnet.

Margit Fleckenstein Landessynode 2012-vaf

Die Strafverteidigerin gilt als eloquent und schlagfertig. Und sie ist völlig uneitel.

Oder die Demenzarbeit. Mit Gebeten, Gottesdiensten und Musik kann man viel erreichen. Unsere Diakonie darf sich nicht auf die medizinische Versorgung beschränken. Die alten Menschen müssen eingebunden werden in das Leben der Gemeinde.

Ihre Amtszeit als Präsidentin der Synode endet in zwei Jahren nach der Einführung des neuen Landesbischofs. Gibt es schon heiße Kandidaten?

Man sagt mir, die Leute brächten sich in Stellung. Für mich ist es wichtig, dass ein Mensch glaubwürdig ist. Das gilt für einen Bischof ebenso wie für einen Pfarrer, eine Älteste oder eine Präsidentin der Synode. Man muss leben, was man predigt, sonst bringt man seine Botschaft nicht rüber.

Als Präsidentin war es mir von Anfang an wichtig, dass eine Synode kein Parlament ist, das mehrheitlich abstimmt. Eine Synode muss sich immer um den Konsens bemühen. Alle müssen am selben Seil ziehen und in dieselbe Richtung. In Baden ist uns das gelungen.

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