Wege zum Herrn

Um pilgernd Gott zu suchen braucht’s keinen Camino. Das geht einfacher.

Wenn der August geht, kommt die Wehmut. Bald ist es vorbei mit der Wärme, dem Licht und den Rosen. Jetzt noch einmal aufbrechen, die Zeit dehnen, Gott und sich selbst suchen. Das funktioniert am besten mit dem Pilgerstab.

Die Region ist voll von heiligen Wegen, durchbeteten Mauern und spirituellen Kraftorten. É Ultreia. Vorwärts.

„Das Pilgern ist der Einstieg in eine völlig andere Welt“, sagt Joachim Maier, der katholische Pfarrer von Waibstadt. Sein Gesicht beginnt zu leuchten, wenn er von den Pilgerwanderungen erzählt, zu denen er sich schon aufgemacht hat. Seit elf Jahren nimmt Maier auch seine Gemeinde mit auf Tour. Immer im Juni pilgern die Waibstädter nach Walldürn. Der Weg führt über Obrigheim, Mosbach, Dallau, Limbach und Hainstadt. Man schafft das in drei Tagen, wenn man ein ordentliches Tempo anschlägt. „Ein Pilger muss über seine Grenzen hinausgehen und etwas aushalten“, findet Joachim Maier. Blasen an den Füßen, Mehrbettzimmer, Null-WLAN, Dauerregen. „Mit wenig auszukommen, ist eine starke Erfahrung für uns heutige Menschen.“

„Mit wenig auszukommen, ist eine starke Erfahrung für den heutigen Menschen“

Pfarrer Joachim Maier aus Waibstadt ist Pilger aus Leidenschaft.

Pilgern ist keine Erfindung der Neuzeit und schon gar keine des Christentums. Bereits die ersten Menschen zog es sie hin zu Orten, an denen sie sich den göttlichen Wesen nahe fühlten. Haine, Quellen, Berge. Gläubige Juden pilgerten an großen Feiertagen zum Tempel in Jerusalem, Muslime gehen mindestens einmal im Leben nach Mekka. Wer weiß, vielleicht ist das Pilgern ja die ursprünglichste aller religiösen Handlungen.

„Natürlich tut es gut, nach drei harten Pilgertagen in der Wallfahrskirche von Walldürn eine Kerze anzuzünden“, überlegt Pfarrer Maier. Doch anders als beim Wandern sei es beim Pilgern nicht entscheidend, das Ziel zu erreichen. Wichtig ist vielmehr die innere Verwandlung, die sich im Pilger auf dem Weg vollzieht. „Je länger ich gehe, desto offener lege ich Rechenschaft ab vor Gott“, formuliert Joachim Maier. „Auf einem Pilgerweg kann man Vieles verarbeiten.“ So man die nötige Ruhe hat. Mindestens eine halbe Stunde pro Tag gehen die Waibstädter Pilger schweigend. Auch wenn es manch einem schwer falle, so lange „offline“ zu sein, lächelt Maier. „Aber Gott spricht eben nur in der Stille.“

Stadtplanerin Corinna Lochmann ersinnt gerade den Frauenpilgerweg

Die ersten christlichen Wallfahrten verzeichnete das 4. Jahrhundert. Die jungen Gemeinden pilgerten zu den Wirkungsstätten Jesu, die in der Bibel beschrieben sind. Im Mittelalter übten die Gräber der Heiligen eine magnetische Anziehungskraft auf die Gläubigen aus. Monatelang waren die Pilger oft unterwegs, um zu den heiligen Stätten zu gelangen. „Wallfahrt“ kommt vom schönen deutschen Wort „wallen“, was „reisen“ oder „wandern“ bedeutet. „Pilgern“ stammt vom lateinischen Verb „perigere“: „In der Fremde sein“.

In fünf Jahren soll ein Pilgerweg speziell für Frauen ganz Baden durchziehen.

Corinna Lochmann ist Stadtplanerin und Geomantin. Als solche befasst sie sich mit „der Kraft und der Ausstrahlung“, die ein Ort besitzt. Derzeit plant Lochmann im Auftrag der Badischen Landeskirche den ersten Pilgerweg speziell für Frauen: „Pilger. Schön“. Die Etappen durch den Odenwald und den Rhein-Neckar-Raum sind fertig. In fünf Jahren soll der neue Weg ganz Baden durchziehen. „Wir wollen einerseits auf Orte aufmerksam machen, an denen Frauen in der Kirche gewirkt haben“, erläutert Lochmann. Andereseits solle „Pilger. Schön“ aber auch ein Bewusstsein für „Kraftorte in der Natur“ schaffen.

Ein fast vergessenes Idyll: Die evangelische Kirche von Neckarkatzenbach

Neckarkatzenbach zum Beispiel, der fast vergessene Wallfahrsort im kleinen Odenwald, ist solch ein Kraftort. Das gotische evangelische und das barocke katholische Kirchlein stehen sich hier auf je eigenem Hügel gegenüber. Dazwischen liegt die kleine Schlucht des Krebsbachs, über die sich eine idyllische Brücke schwingt. „Ein wunderbarer Ort, an dem die Zeit stehengeblieben scheint“, findet Corinna Lochmann.

„Die Baumeister früherer Jahre wussten noch um die energetischen Kräfte der Erde“

Außerordentlich energiegeladen seien aber auch die Chöre sehr alter Kirchen, sagt die Geomantin. „Die frühen Baumeister haben darauf geachtet, dass unter der Apsis Wasseradern verlaufen“, berichtet Corinna Lochmann. „Damals wusste man noch um die energetischen Kräfte der Erde.“ Allen, die das nicht glauben, empfiehlt die Diplomingenieurin den Selbstest. Erst bete man eine Weile in der Apsis einer romanischen oder gotischen Kirche, dann wechsele man ins Langhaus. Der Unterschied, sagt Lochmann, sei frappant.

„Pilger.Schön“: Ein neuer Weg durch Baden, speziell für Frauen

Ab dem 11. Jahrhundert entwickelte sich das Pilgern zum Massenphänomen – und zur Geldmaschine. An den Wallfahrtsorten boomte das Geschäft mit den Sünden-Ablässen, die Priester lasen bezahlte Seelen-Messen im Akkord. Sehr zum Entsetzen von Martin Luther. Das sei alles „Narrenwerk“, wetterte der Reformator. Und den Pilgern auf dem Jakobsweg rief Luther zu: „Lauft nicht dahin. Man weiß ja nicht, ob dort der heilige Jakob oder ein toter Hund begraben liegt.“

Besteht seitdem nicht eigentlich Pilgerverbot für Protestanten? Kirchenrätin Anke Ruth-Klumbies, die Leiterin des Referats „Evangelische Frauen“ bei der Badischen Landeskirche in Karlsruhe, schüttelt den Kopf. Luthers harsche Kritik beziehe sich ja ausschließlich auf den mittelalterlichen Glauben an die Werkgerechtigkeit, erklärt Ruth-Klumbies. „Die Pilger damals waren überzeugt, durch Leistung und Spenden Gottes Rechtfertigung erlangen zu können. Das glaubt heute niemand mehr.“ Heute sind sich alle einig, dass man das ewige Seelenheil allein der Gnade Gottes verdankt. Weshalb sich auch immer mehr evangelische Seelen eine Auszeit mit dem Pilgerstab gönnen. É Ultreia.

Aber brauchen wir so etwas überhaupt? Pilgern Frauen denn anders als Männer?

Anke Ruth-Klumbies hat „Pilger.Schön“ erfunden

Aus elf Etappen à zwei bis drei Tagen wird der Badische Wallfahrtsweg „Pilger.Schön“ bestehen, wenn er fertig ist, sagt Kirchenrätin Anke Ruth-Klumbies. Von ihr stammt die Idee für den ersten Frauenpilgerweg. „Er führt von Frauenorten in Kirchen über weibliche Kraftorte in der Natur zu den Wirkorten nachreformatorischer Frauen.“

Aber brauchen wir so etwas überhaupt? Pilgern Frauen denn anders als Männer? Corinna Lochmann, die Wegplanerin, findet schon. „Frauen gehen langsamer, halten öfter an, betrachten ihre Umgebung genauer und haben ein intensiveres Gespür für ihren Körper.“ Weshalb der Pilger-Schön-Weg auch mal empfiehlt, Bäume zu umarmen. Oder sich beim Durchschreiten eines engen Hohlwegs vorzustellen, man werden gerade neu geboren. „Es ist auch schon vorgekommen, dass die Frauen im Geflecht eines Waldstückes ein Symbol für die weibliche Angewohnheit erkannt haben, sich gern in Rollen und Tätigkeiten verwickeln lassen“, lächelt
Lochmann.

„Eine Wallfahrt wird umso schöner, je weniger sie bis ins Detail durchorganisiert ist.“

Ein Traumort am Jakobsweg: Die Letzenbergkapelle bei Malsch

Die Menschen des Mittelalters kannten nur drei Motive, zu einer langen, gefährlichen Wallfahrt aufzubrechen. An erster Stelle stand die Bitte um Gottes Hilfe. Wem Verzweiflung, Sorge und Not das Herz abdrückten, dem war kein Weg zu weit für einen Funken neue Hoffnung. Deutlich seltener unternahmen und unternehmen Menschen – leider – eine Wallfahrt, um Gott für etwas zu danken. Der dritte Grund für die Pilgerfahrten des Mittelalters ist heute völlig verschwunden: Buße tun für Dinge, die man falsch gemacht hat.

„Eine Wallfahrt wird umso schöner, je weniger sie bis ins Detail durchorganisiert ist“, findet Pfarrer Joachim Maier aus Waibstadt. „Nur wer auf Gottes Führung vertraut, kann auch von ihm beschenkt werden.“ Da sind diese spontanen Begegnungen am Wegrand, mit denen niemand gerechnet hat, die aber dauerhaft im Gedächtnis haften bleiben.

Das katholischste aller Wallfahrztsziele: Das Blutkaporale von Walldürn

Wenn man sich verirrt hat beispielsweise, und jemand alles stehen und liegen lässt, um zu helfen. Oder wenn man an einem heißen Tag irgendwo anklopft und um Wasser bittet. „Ich habe fast immer eine positive Antwort erhalten, wenn ich als Pilger irgendwo geklingelt habe“, sagt Pfarrer Maier. „Die meisten Leute sind glücklich, wenn sie helfen können.“

Peregrinus bedeute wörtlich übersetzt ‚der Fremde‘, überlegt Pfarrerin Anke Ruth-Klumbies, die Kirchenrätin aus Karlsruhe. „Es ist für uns ungewohnt, uns als Fremde wahrzunehmen, als Menschen auf der Durchreise. Aber eigentlich ist das die Grundbewegung des christlichen Glaubens.“

„Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern. Die Bäume und die Steine lehren dich Dinge, die dir kein Mensch sagt.“

„Weshalb ein Pilgern auch nie zu schnell werden darf“, ergänzt der katholische Pfarrer Joachim Maier. Es muss immer genügend Zeit sein, innezuhalten oder miteinander ins Gespräch zu kommen. „Auf einer Wallfahrt bleibt man einander nicht lange fremd. Mit jedem Schritt wird der Weggefährte mehr zum Vertrauten.“ Gemeinsam geht man hinein in eine andere Welt, setzt sich dem Unbekannten aus und öffnet sich dadurch langsam für Gott.

„Pilgern kann Verwandlung sein. Wie bei den Emmausjüngern“, sagt Pfarer Maier.

„Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern“, hat Bernhard von Clairveaux, der Zisterzieneserabt und mittelalterliche Mystiker im 11. Jahrhundert formuliert. „Die Bäume und die Steine werden dich Dinge lehren, die dir kein Mensch sagen wird.“ 

Manchmal komme es vor, sagt der Pfarrer Joachim Maier aus Waibstadt, dass ein Mensch fünf Jahre lang mitpilgert. Angenehm, ausgeglichen und freundlich. Und im sechsten Jahr singt die Gruppe im Wald ein Lied, zufällig herausgesucht, und das trifft diesen Pilger mitten ins Herz. „Plötzlich bricht alles heraus, was jahrelang vergraben war“, staunt Maier. „Pilgern kann Verwandlung sein. Wie bei den Emmausjüngern.“

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