Der erste Abt

Abt Adalbert im Licht der
farbigen Fenster.

In der Klosterkirche der Abtei Neuburg in Heidelberg liegen unter Glas zwei Löffelchen. Eines ist aus Gold, das andere aus verbeultem Aluminium. Beide Löffel haben Adalbert von Neipperg gehört, dem ersten Abt von Neuburg. Den goldenen Löffel benutzte er normalerweise, um bei der Eucharistiefeier einen Tropfen Wasser in den Kelch mit Wein zu geben. Der Aluminiumlöffel war ein notdürftiger Ersatz. Er stammt aus dem Gefangenenlager in Serbien, wo Abt Adalbert ermordet wurde. Vor genau 65 Jahren.

In einer hauchzarten Ausstellung erinnerte die Abtei Neuburg an den mutigen Mönch, den sowohl von den Nazis wie auch die Kommunisten wegen seines Glaubens verfolgt haben.

Heidelberg war nicht glücklich über die Rückkehr der Benediktiner

Standhaft glauben. Auch unter
Lebensgefahr.

Heidelberg im Jahr 1926. Eine Stadt im Aufruhr. Alexander von Bernus, der schillernde Besitzer von Stift Neuburg, hatte gerade bekannt gegeben, dass er das Stift an die benediktinische Erzabtei Beuron verkaufen wird. Der Dichter und Alchimist brauchte Geld.

Auf Heidelbergs Professorenzirkel wirkte die Ankündigung wie ein Schock. Vorbei waren die Zeiten, in der die Creme de la Creme der deutschen Dichter und Maler an den Neckar pilgerte, um im Stift zu leben. Stattdessen bekam man jetzt ein abgeriegeltes Kloster der Benediktiner, die vor mehr als 300 Jahren aus Stift Neuburg vertrieben worden waren. Glücklich war Heidelbergs bessere Gesellschaft über ihre Rückkehr nicht.

1927 wurde die Klosterkirche neu geweiht. Zwei Jahre später zog der Konvent im Stift ein. An seiner Spitze ein 39-jähriger Mönch mit aristokratischen Gesichtszügen und der stattlichen Körpergröße von 1,91 Meter: Abt Adalbert Neipperg. Kaum angekommen, ging der Frischgeweihte daran, die Ressentiments der Heidelberger gegen die Mönche aus der Welt zu schaffen. Er punktete dabei mit seinem großen rhetorischen Geschick, seinem authentischen Glauben und seiner Liebenswürdigkeit.

Als sich Deutschland verdunkelte, wurden Abt Adalberts Reden politisch

Poetische Annäherung an ein
gottgeweihtes Leben.

„Mit feinem Takt fand Abt Adalbert Kontakt zu den Universitätsprofessoren“, schreibt Pater Benedikt Pahl von der Abtei Neuburg in seiner Promotion. „Er hat sehr viele Vorträge gehalten keineswegs nur in katholischen Zirkeln sondern auch in der Universitätsaula, in Stadthallen und auf Sportplätzen.“

Als Deutschland sich verdunkelte, wurden Abt Adalberts Reden politisch. „Gegen den Nationalismus der Rasse und des Blutes muss die katholische Kirche energisch Front machen“, sagte er 1932. „Eine Trennung nach Rassestandpunkten wird die Kirche immer verwerfen.“ Kein Wunder, dass die Nationalsozialisten, kaum waren sie an der Macht, Material gegen den Heidelberger Abt sammelten. Sie sollten allerdings nicht mehr dazu kommen, es zu benutzen.

Ein unermüdliche Seelsorge trotz Lebensgefahr

1934 hatte Stift Neuburg den Tiefpunkt erreicht. Die Mönche hungerten.

1934 hatte die wirtschaftliche Situation von Stift Neuburg ihren Tiefpunkt erreicht. Die Hypotheken erdrückten den Konvent; landwirtschaftliche Produkte ließen sich kaum noch verkaufen. Die Mönche hungerten und machten ihren Abt dafür verantwortlich. Adalbert trat zurück und floh aus Deutschland. Erst nach Österreich, später nach Jugoslawien.

In Slowenien übernahm Abt Adalbert eine Pfarrei mit riesigem Einzugsgebiet. Tag und Nacht war der Seelsorger unterwegs, meist zu Fuß, oft im Wald. Mitten im Krieg war das für einen Mönch aus Deutschland lebensgefährlich. „Ich denke gar nicht daran, den Habit abzulegen“, schrieb der Benediktiner an seine Mutter. „Das Kleid hat eine Mission.“

Der Leichnam des Abts zeigte Spuren starker Misshandlung

Letzte Station Serbien: Hunger und Nächte auf bloßem Beton

Mit diesem Zitat aus dem Jahr 1944 eröffnete die  Ausstellung in der Neuburger Klosterkirche. Die Künstlerin Maria-Theresia von Fürstenberg und die evangelische Pfarrerin Benita Joswig, die viel zu früh verstorben ist, haben die Adalbert-Schau „… auf den Weg gestellt“ konzipiert. Sie will keine Biographie erzählen, sondern zeigen, wie der Glaube einen Menschen auch in schrecklichsten Stunden tragen kann. Das ist sehr poetisch dargestellt, Relikte dienen als Symbole. Der Habit, die Löffelchen, das zerlesene Gebetbuch.

Nach der Kapitulation Deutschlands versuchte Abt Adalbert, sich zur österreichischen Grenze durchzuschlagen. Er wurde gestellt und in ein Gefangenenlager in Serbien gebracht. Unsagbarer Hunger, Nächte auf bloßem Betonboden, kaum Trinkwasser. Abt Adalbert, obwohl selbst schwer krank,  tröstete in unerschütterliche Ruhe die Verzweifelten, er betete mit ihnen und las jeden Tag die Messe. Am Morgen des 23. Dezember 1948 erhielt der Abt überraschend Ausgang. Er dürfe, so hieß es, Weihnachtsbesorgungen machen. Abt Adalbert ist nie ins Lager zurückgekehrt. Tage später fand man seinen Leichnam. Er zeigte Spuren starker Misshandlung.

 

2 Gedanken zu „Der erste Abt

  1. Ich habe mir heute die Ausstellung nach dem Pfingstmontaggottesdienst in der Abtei angesehen und bin sehr angetan,was Abt Adalbert v.Neipperg in seinem Glauben bewirkt hat.
    Möge sein Vermächtnis immer Achtung bei den Menschen finden , die glauben.
    Sein Leben und Wirken beweisen,dass er ein Heiliger unserer Zeit ist.

    Heiliger Adalbert v.Neipperg bitte für uns.

    Andreas Ullmer

  2. Mein Vater war nach dem 2. Weltkrieg von 1945 bis Januar 1949 im Offizierslager Werschetz in Jugoslawien. Er kam von dort heim, als ich 3 1/2 Jahre war. Er sprach sehr wenig über die so schwere Zeit in Werschetz. Mein Vater starb 1994. Ich erinnere mich, wie er mir vorher noch ein wenig von der Zeit in Werschetz berichtete und noch etwas anvertraute. Er glaubte, dass er nur deshalb die schrecklichen Jahre in Werschetz überlebt hat, weil er dort immer wieder den Benediktinerabt Adalbert von Neipperg erlebte, der ihm durch seine Glaubensstärke und selbetvergessene Liebe soviel Kraft zum Leben gab; er war für ihn wie ein Heiliger. Seit ich das weiß, schätze und verehre ich diesen Abt und habe mich auf die Suche nach Berichten über ihn gemacht.

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