Ein großer Suchender dankt ab

Karl Müller hat eine ganze Generation
getauft, getraut und getröstet

Sein letzter Gedanke als Leiter der Seelsorgeeinheit Heidelberg-Süd galt den Kindern. Pfarrer Karl Müller nahm ein Körbchen mit Süßigkeiten, ging hinunter zur ersten Reihe und verteilte Kekse. Jetzt endlich wich alle Wehmut aus dem Gesicht des 75-Jährigen und machte Platz für ein glückliches Lächeln.

Die Gemeinde reagierte sofort. Mehr als 700 Menschen erhoben sich zu einem schier endlosen Applaus für einen Seelsorger, der dreißig Jahre in Heidelberg-Rohrbach, Heidelberg-Kirchheim und auf dem Heidelberger Boxberg gewirkt hat. „Vieles in meinem Leben ist anders geworden, als ich es mir gewünscht habe“, hatte Müller zuvor in seiner Predigt gesagt. „Aber rückblickend erkenne ich, dass Gott es gut gefügt hat.“ Mit einem grandiosen Festgottesdienst in der Pfarrkirche St. Johannes verabschiedete Heidelberg-Rohrbach Karl Müller in den Ruhestand.

„Ruhestand passt nicht zu mir. Ich bevorzuge den Begriff Abdankung.“

74 Ministranten erwiesen ihrem Pfarrer beim Abschied die Ehre

Alle waren da. Die 74 Ministranten aus St. Johannes, St. Peter und St. Paul, die Chöre, die drei Pfarrgemeinderäte, die Krabbelkinder, die Lektoren, die Kommunionshelfer, die Band, die Kindergärten, die Senioren, die Frauengemeinschaft, die Mitbrüder, und, und, und. Die riesige katholische Kirche von Heidelberg-Rohrbach konnte die vielen Menschen kaum fassen, die sich bei „ihrem“ Pfarrer bedanken wollten.

Denn Abschied nehmen muss der Heidelberger Süden vorläufig nicht von Karl Müller. Der Pensionär wird weiterhin im Rohrbacher Pfarrhaus wohnen und auch regelmäßig Gottesdienste in den drei Pfarrkirchen zelebrieren. Wenn er Lust und Laune dazu hat. Denn alle Verpflichtungen hat Müller schon am 1. Juni zusammen mit der Leitung der Seelsorgeeinheit an Pfarrer Kurt Faulhaber übergeben. „Ich finde, das Wort Ruhestand passt nicht zu mir“, definierte Karl Müller lächelnd den Zweck des Festgottesdienstes. „Ich bevorzuge daher den royal-angehauchten Begriff der Abdankung.“

Bis zur letzten Sekunde hat Karl Müller mit sich gekämpft, ob die Weihe der richtige Weg für ihn ist

Matthias Kirchgässner: „Ich habe Karl Müller
als großen Suchenden kennengelernt“

Dreißig Jahre Rohrbach. Dass er einmal so lange an einem Ort bleiben würde, hätte Pfarrer Müller nie für möglich gehalten. Denn eigentlich ist er viel zu ungeduldig, zu unruhig und zu neugierig für so viel Sesshaftigkeit. „Ich habe Karl Peter Müller als großen Suchenden kennengelernt“, sagte Matthias Kirchgässner, der Vorsitzende des Rohrbacher Pfarrgemeinderates in seiner Laudatio.

Als Missionar wollte Karl Müller ursprünglich hinausziehen in die Welt, um das Evangelium Jesu Christi zu verkünden. Doch dann brannte das Elternhaus im Schwarzwald ab, der Vater starb früh und der Junge begann schon als 13-Jähriger eine Lehre als Mechatroniker, um Geld zu verdienen.

Müller

Focus auf den jungen Familien:
Müllers Ministrantenarbeit galt als vorbildlich

Seinen Traum vom Theologiestudium hatte Karl Müller damit freilich noch nicht begraben. Als 21-Jähriger drückte er in einem Spätberufenenseminar wieder die Schulbank und baute 1964 sein Abitur. Nach dem Studium in Freiburg und Münster wurde Müller 1971 zum Priester geweiht.

Bis zur letzten Sekunde, gestand Pfarrer Müller in einem Interview zu seinem 40-jährigen Priesterjubiläum, habe er mit Zweifeln gekämpft, ob die Weihe der richtige Weg für ihn sei. Dieses Ringen mit sich und mit Gott, so scheint es manchmal, hat nie aufgehört.

Im Heidelberger Süden gibt es die meisten jungen Familien, aber auch die meisten Sozialwohnungen

Pfarramt Rohrbach / die Pfarrer Mueller & Faulhaber

Seit 1999 ein Team: Pfarrer Karl Müller
und Pfarrer Kurt Faulhaber

Die Siebziger. Für einen jungen Priester war das eine hochspannende Zeit. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte die Fenster der Kirchen weit aufgerissen, alles schien möglich. „Ein Kirchenfrühling“, schwärmte Karl Müller in seiner Predigt.

Doch nach dem Lenz kam der Sommer und schließlich der Herbst. Die Zeit der Seelsorgeeinheiten. Groß und immer größer. „XXL-Gemeinden“, nannte sie Karl Müller beim Festgottesdienst. 1999 wurden die katholischen Pfarrgemeinden von Rohrbach und Kirchheim zusammengelegt. 2004 kamen der Boxberg und der Emmertsgrund noch hinzu.

Seit 2007 bilden die drei Apostelgemeinden mit fast 12000 Katholiken die größte Seelsorgeeinheit Heidelbergs. „Hier im Süden gibt es die meisten jungen Familien, aber auch die meisten Sozialwohnungen“ (Müller). Seit 1999 leiten Karl Müller und sein Studienkollege Kurt Faulhaber den Süden gemeinsam. Künftig wird Pfarrer Faulhaber allein zurecht kommen müssen. Einen Nachfolger für Karl Müller als Pfarrer von Rohrbach wird es nicht mehr geben.

„Nun ist also die Zeit gekommen loszulassen. Das ist nicht leicht.“

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Bewegender Abschied: Künftig ist
Kurt Faulhaber der einzige Pfarrer im Süden

Dreißig Jahre. Das ist eine ganz Generation von Katholiken, die Pfarrer Müller getraut, getauft, getröstet und geprägt hat. „Ich habe hohen Respekt vor Ihrer Person und Ihrem Lebenswerk“, schrieb Erzbischof Robert Zollitsch in seinem Dankschreiben für 42 Jahre Dienst in der katholischen Kirche.

„Nun ist also die Zeit gekommen loszulassen“, überlegte Karl Müller in seiner Predigt und wurde sehr ernst. „Das ist nicht leicht.“ Im letzten November ist bei dem damals 74-jährigen Pfarrer Krebs diagnostiziert worden. Seitdem kämpft Karl Peter Müller heldenhaft gegen die Krankheit und die Nebenwirkungen der Behandlung an.

Mehr als ein Vierteljahr war er zu schwach, um das Bett zu verlassen. Dann in der Osternacht 2013 die Auferstehung: Auf dem Boxberg zelebrierte Karl Müller erstmals wieder eine Eucharistiefeier. „Wenn ich zurückschaue bin ich zutiefst dankbar, wie viel Zuneigung, wie viel Zuspruch und wie viel Freude ich in meinem Leben erfahren durfte.“

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