Beten und buddeln

In konfessionellen Kitas gibt es künftig mehr Religion

Wenn es nach den Buben ginge, wäre jeder Tag ein Donnerstag. Am Donnerstag gibt’s Rugby. Rennen und rempeln mit offizieller Erlaubnis. Das sieht ziemlich gefährlich aus wegen der dicken Verbände an den Händen. Sie stammen vom Erste-Hilfe-Kurs am Morgen, und die Kinder wollten sie unbedingt anbehalten. Für den Rugby-Trainer war das okay. Was der Pfarrer dazu sagt, wird man sehen. Gleich ist Andacht.

Gebetet wird viel im evangelischen Kindergarten von Heidelberg-Handschuhsheim, wo die Badische Landeskirche testet, wie sie ihr evangelisches Profil schärfen kann. „Religion soll künftig eine Querschnittsfunktion sein, die sich durch den gesamten Kita-Tag zieht“, erklärt Pfarrer Gunnar Garleff. Eine Geschichte über Gott im Kindergarten.

90 Prozent der Kosten für konfessionelle Kitas tragen die Städte und Gemeinden

39 Prozent der Kinder in Baden-Württemberg besuchen eine christliche Kita

Die Sache mit den konfessionellen Kindergärten ist ein wenig kompliziert. Im Jahr 2017 besuchten in Baden-Württemberg 42 Prozent der Kinder eine kommunale Kita, 21 Prozent gingen in eine katholische und 18 Prozent eine evangelische Kindertagesstätte. Das Verhältnis von städtisch zu kirchlich war also etwa halbe-halbe.

Doch diese Zahlen führen in die Irre, denn auch die Kosten für die katholischen und die evangelischen Kitas werden zu 90 Prozent von den Städten und Gemeinden bezahlt. Weil sie sonst ihrer gesetzlichen Pflicht nicht nachkommen könnten, für jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr einen Kindergartenplatz und ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Betreuungsplatz zur Verfügung zu stellen.

Wenn etwas nicht läuft, geben die Eltern ihre Kinder sofort woanders hin

Die Kommunen arbeiten gern mit den Kirchen zusammen. Es erspart ihnen eine Menge Verwaltungskosten, Arbeit und Ärger. „Die Rechtsvorschriften für Kitas ändern sich permanent“, seufzt Susanne Betz, zuständig für die Religiöse Bildung in Kitas beim Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe.

„Im Kindergarten kann einen in jeder Sekunde die Gottesfrage treffen“

„Neue Hygienevorschrift, Kindswohlgefährdung, Datenschutz. Und bald kommen auch noch 24-Stunden-Kitas, in denen die Kinder übernachten können.“ Dabei ist die Suche nach Erzieherinnen – in den Kitas arbeiten zu 98 Prozent Frauen – schon jetzt ein mühsames Geschäft. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, der Anteil an Teilzeitstellen hoch.

„Die öffentliche Hand ist froh, wenn sie sich nicht selbst um das Personal und den laufenden Betrieb einer Kindertagesstätte kümmern muss“, weiß Klaus Muth, der Geschäftsführer der katholischen Verrechnungsstelle in Obrigheim. Zumal die Städte kaum ein Risiko eingehen. Die Qualitätskontrolle in den Kindergärten übernehmen die Eltern. Freiwillig und akribisch. „Wenn etwas nicht läuft“, sagt Muth, „geben sie ihre Kinder sofort woanders hin. Eltern zögern da nicht.“

Der Kindergarten ist ein Produkt der Industrialisierung im 19. Jahrhundert

Die beiden großen Kirchen können auf viel Erfahrung mit Kindergärten zurückblicken. Genau genommen haben sie sie erfunden, auch wenn der Pädagoge Friedrich Fröbel das Wort „Kindergarten“ geprägt hat. Der Kindergarten ist ein Produkt der Industrialisierung. Von dem Hungerlohn, den die Arbeiter in den Fabriken verdienten, konnten sie keine Familie ernähren. Die Frau musste mitarbeiten, die Kinder blieben sich selbst überlassen und verwahrlosten auf der Straße.

In der Zeit der Industrialisierung haben die Kirchen den Kindergarten erfunden

Das rief die evangelischen Diakonissen und die katholischen Ordensschwestern auf den Plan. Um 1830 eröffneten sie die ersten „Kinderbewahranstalten“, die von den Kirchengemeinden finanziert wurden.

Bis in die 1960er-Jahre hinein gab es fast ausschließlich kirchliche Kindergärten. Denn noch immer galt der Kindergarten als Notbehelf. In „ordentlichen“ Familien erzog die Mutter die Kinder. Erst Ende der 1970er-Jahre begann der Staat – quälend langsam – Verantwortung für die Erziehung von Kleinkindern zu übernehmen.

„Wir verpflichten uns vertraglich, christliche Kinder nicht zu bevorzugen“

Zehn Prozent der Kosten für ihre Kitas müssen die Kirchengemeinden vor Ort selbst tragen. Sie geben dafür 15 bis 20 Prozent ihres Gesamtbudgets aus, berichtet Klaus Muth, der katholische Kaufmann in Obrigheim. „Das ist viel.“ Und es wird wohl bald noch mehr werden, denn die Elternbeiträge stehen zu Disposition. In einigen Bundesländern sind die Kitas schon kostenlos.

Klaus Muth leitet die katholische Verrechnungsstelle in Obrigheim

Um Geld zu sparen, stellt die Badisches Landeskirche daher ihre Kindergartengebäude auf den Prüfstand. Eingruppige Kitas haben schlechte Karten. Sie werden sukzessive in größere Kindergärten eingegliedert. „Die Gruppenzahl wird gleich bleiben“, verspricht Susanne Betz vom Oberkirchenrat. „Nur die Flächenstreuung verringert sich.“ Klaus Muth von der katholischen Kirche hält nicht viel von solcher Zentralisierung. „Wir behalten unsere teuren eingruppigen Einrichtungen.“

Als Gegenleistung für die Finanzierung der konfessionellen Kindergärten erwarten die Städte und Gemeinden, dass die kirchlichen Kitas alle Kinder aufnehmen. Auch wenn sie nicht getauft sind oder einer anderen Religion angehören. „Wir verpflichten uns vertraglich, christliche Kinder nicht zu bevorzugen“, nickt Muth. Was vor allem in Städten zu seltsamen Konstellationen führen kann. Im katholischen Kindergarten von Sinsheim beispielsweise sind die muslimischen und die konfessionslosen Kinder deutlich in der Überzahl. In Mannheim sieht es ähnlich aus. „Unsere Kitas sind eben das Abbild der pluralen Gesellschaft“, formuliert Klaus Muth, der Kaufmann.

Ab September startet die Badische Landeskirche durch: Gott im Sandkasten

Genau deshalb brauchen die evangelischen Kindergärten ein glasklares evangelisches Profil, findet Gunnar Garleff, der evangelische Pfarrer von Heidelberg-Handschuhsheim. „Die Existenz Gottes kann nicht relativiert werden. Sie ist die Wahrheit.“ Ab September startet die Badische Landeskirche durch. Biblische Geschichten erzählen, malen, spielen und basteln. Moderne Kirchenlieder singen. Morgens, mittags und vor jedem Essen beten.

Pfarrer Garleff testet in Heidelberg-Handschuhsheim das neue evangelische Profil

Immer wieder Phasen der Stille einbauen. Christliche Rituale einüben, die Feiertage ausführlich vorbereiten und feiern. Der Kirche immer mal wieder einen Besuch abstatten. Und vor allem jederzeit offen sein für die Fragen der Kinder.

„Kinder fragen beständig nach dem Sinn“, weiß Pfarrer Garleff, selbst Vater von drei Töchtern und einem Sohn. „Im Kindergarten kann mich jede Sekunde die Gottesfrage treffen. Dann müssen die Erzieherinnen bereit sein, Zeugnis abzulegen von ihrem Glauben.“

Ein Riesenanspruch, den die Evangelische Kirche da stellt. In Karlsruhe weiß man das. 2,84 Millionen Euro hat die Synode bereitgestellt, um die Erzieherinnen zu schulen, zu fördern und zu begleiten. „Das Themenspektrum reicht vom Erzählen biblischer Geschichten über seelsorgerische Gespräche bis zum eigenen Gottesbild“, berichtet Pfarrer Garleff. Er strahlt. Der Pilotkurs mit jungen Erzieherinnen, den er gerade abgeschlossen hat, sei „super“ gelaufen. „Es war eine schöne Erfahrung für uns alle.“ Hat man denn keine Angst, dass so viel Gott im Sandkasten einen Teil der Eltern vergrault? Nein, sagt Garleff, hat man nicht. „In den konfessionellen Gymnasien ist Religionsunterricht ja auch Pflicht. Trotzdem haben sie einen enormen Zulauf.“

Singen, erzählen, basteln, essen – alle Tätigkeiten sind mit Gott verbunden

Aussuchen dürfen sich die Kirche die Kinder in den Kitas auch in Zukunft nicht

Was die staatliche Finanzierung angeht, ist evangelische Glaubensoffensive auch im grünen Bereich. Der Bildungsplan für Kindergärten des Landes Baden-Württemberg fordert explizit, dass „die Kinder ihre Sinn- und Werteorientierung erleben und kommunizieren sollen und beginnen, sich ihrer eigenen religiösen Identität bewusst zu werden.“ Voilà.

Nur aussuchen kann sich die Evangelische Kirche die Kinder in ihren Kitas auch in Zukunft nicht. Wo bleiben beispielsweise die Muslime in dem neuen Profil? „Ihnen wird eine intensive Begegnung mit dem Christentum ermöglicht“, antwortet Susanne Betz vom Oberkirchenrat. Und natürlich könne man auch mal einen Raum zur Verfügung stellen, wenn Eltern und Kinder ein muslimisches Fest feiern wollen. „Aber beheimaten in ihrer Religion kann ein evangelischer Kindergarten die Muslime nicht.“

Eine Muslima als Erzieherin im konfessionellen Kindergarten? Das geht nicht!

Susanne Betz: Mit Eltern von Anfang an Klartext sprechen

Womit wir bei der Frage nach Erzieherinnen mit Kopftuch sind. Darf eine Muslima in einem kirchlichen Kindergarten arbeiten? Die Antwort lautet bei beiden Kirchen: Nein. Alle Erzieherinnen in konfessionellen Kindergärten müssen einer Kirche angehören, die Mitglied in der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“ ist. „Praktikantinnen mit Kopftuch haben wir gelegentlich“, sagt Klaus Muth. „Doch ich finde es eigentlich nicht fair, jemandem ein Praktikum machen zu lassen, wenn ich ihm hinterher keine Stelle anbieten kann.“

Wie geht man mit Eltern um, die nicht möchten, dass ihr Kind im Kindergarten betet? Susanne Betz wiegt den Kopf. Der Elternwille sei wichtig, formuliert sie vorsichtig. „Aber das evangelische Profil ist auch wichtig. Und das zieht sich nun mal durch unseren kompletten Kindergartenalltag hindurch.“ Es sei unmöglich, ein Kind immer dann außen vor zu lassen, wenn von Gott gesprochen wird. „Das muss die Erzieherin den Eltern beim Erstkontakt eindeutig klar machen.“ Meist reiche es aus, lächelt Susanne Betz, die Eltern mal einen Tag lang in die Kita hineinschnuppern zu lassen, damit sie sich selbst ein Bild machen können. Es gebe sogar Kitas, die feierten freitags zur Abholzeit immer einen kleinen Gottesdienst. „Das ist ein niederschwelliges Angebot an die Eltern, sich auf Gott einzulassen.“

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