Ökumene 2.0

Läutete jeden Mittag um 12.05 Uhr: Die Mannheimer Ökumeneglocke in sanctclara

12 Uhr mittags in den Mannheimer B-Quadraten. Energisch künden die Glocken der Jesuitenkirche, dass es jetzt Zeit wäre, den „Engel des Herrn“ zu beten. Kaum ist das mächtige Geläut verklungen, meldet sich ein paar Häuser weiter eine kleine Glocke zu Wort. Die „Ökumeneglocke“ des Bildungszentrums sanctclara. Jeden Mittag erinnert sie daran, dass alle christlichen Konfessionen an denselben Gott glauben.

„Solch ein hörbares Zeichen ist wichtig in einer Stadtgesellschaft, in der schon fünfzig Prozent Nichtchristen leben“, findet Pfarrer Joachim Vette, der evangelische Leiter von sanctclara. Es ist das einzige Ökumenische Bildungszentrum in der Badischen Landeskirche und im Erzbistum Freiburg. In diesem Jahr wird sanctclara 15. Ein Geburtstagsbesuch.

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Die Ikone wurde auf dem Berg Athos eigens für sanctclara geschrieben.

Eine Kapelle gibt es nicht in B 5, 19. Aber da ist dieser kleine Raum oben im Dach, wo die Wände so schräg sind, dass man kaum aufrecht stehen kann. Hier spürt man das Heilige. Was an der goldschimmernden Ikone liegen mag, die an der Stirnseite über den Andachtsraum wacht. Sie zeigt Christus als Lehrer und wurde von den Mönchen auf dem Berg Athos eigens für sanctclara geschrieben. „Der griechisch-orthodoxe Erzpriester von Mannheim hat das vermittelt“, erzählt Joachim Vette stolz. So geht Ökumene im Quadrat.

Menschen aus mehr als 170 Nationen leben in Mannheim 

Mannheim ist die größte Stadt Badens und die bunteste. Menschen aus mehr als 170 Nationen leben hier. Praktisch alle Konfessionen, Religionen und Lebensmodelle sind vertreten. Schwierig für die beiden großen Kirchen in diesem Multikulti mit ihren Angeboten wahrgenommen zu werden. Dazu braucht es schon einen Leuchtturm.

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Der Katholik im Leitungsduo: Pastoralreferent Dr. Stephan Leinweber

1999 beschlossen die Badische Landeskirche und das Erzbistum Freiburg in Mannheim künftig am gemeinsamen Strang zu ziehen. Als ökumenisches Pilotprojekt sollten die katholische und die evangelische Erwachsenenbildung sowie die beiden Schuldekanate unter einem Dach vereinigt werden. Wohlgemerkt: Nicht nur als Wohngemeinschaft sondern als „vier Abteilungen derselben Firma“, wie Pastoralreferent Stephan Leinweber, der katholische Leiter von sanctclara, formuliert. Es gibt einen gemeinsamem Haushalt und eine katholisch-evangelische Doppelspitze. Komplett-Öku also.

Am 18. Februar 2000 wurde der Neubau eingeweiht. Vier Stockwerke, 700 lichtdurchflutete Quadratmeter, Veranstaltung- und Konferenzräume, Büros, die Medienstelle, ein Garten und eben den „Raum der Stille“ unterm Dach. Die Ökumeneglocke kam erst später. Zum Zehnjährigen.

Fromm ging in sanctclara gar nicht 

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Die nächste Generation: Der evangelische Pfarrer Dr. Joachim Vette

Ikonen, glauben orthodoxe Christen, sind keine Bilder sondern Fenster in den Himmel. Durch sie kann man mit den Heiligen von Angesicht zu Angesicht sprechen.

Die Nullerjahre waren für sanctclara die Zeit des ökumenischen Aufbruchs. Vor allem die Schuldekanate blühten in dem neuen Haus auf. Die Mannheimer Religionslehrer trugen ihre Materialien von Unterrichtsentwürfen über Bastelanleitungen bis hin zu DVDs in der weitläufigen, weißen Medienstelle von sanctclara zusammen. Erfahrene Pädagogen wurden mit halbem Deputat als Bibliothekare eingestellt. Fertig war der Schatzkasten für Religionspädagogen aus der ganzen Region. „An den Mannheimer Schulen wird inzwischen durchgängig ökumenisch gedacht“, weiß Pfarrer Vette.

Erwachsenenbildung ist ein diffizileres Geschäft. In den Anfangsjahren war das sanctclara-Programm „politisch, links und kritisch“ (Joachim Vette). Man wollte das eigene Profil schärfen, sich von den beiden Mutterkirchen emanzipieren. Fromm ging gar nicht.

Die Christusikone hat sanctclara stiller gemacht

Äußerlich unscheinbar: sanctclara im Innenstadtquadrat B 5

Inzwischen ist das Ökumenische Bildungszentrum erwachsen geworden und sucht Antworten auf die Frage, wie der Glaube Hilfestellung sein kann für den durchgetakteten Menschen. Wo findet man Orientierung, wenn die klassischen Bezugssysteme wie Heimat und Familientradition verschwinden? „Jeder soll seine eigene Identität konstruieren“, überlegt Joachim Vette. Viele seien damit überfordert. „Da hat kirchliche Erwachsenenbildung eine große Rolle zu spielen.“

Die Christusikone hat sanctclara verändert. Es ist stiller geworden. Jeden Mittwoch versammelt sich jetzt eine „ökumenische Gemeinschaft“ im Andachtsraum unterm Dach. Man betet gemeinsam das Mittagsgebet, dann gibt es in der Küche eine Suppe. 15 Menschen kommen regelmäßig. Viele andere beten das Mittagsgebet mit. Dort, wo sie gerade sind.

Sanctclara 2015-vafStille, sagt Pfarrer Joachim Vette, kommt nicht von allein. Stille braucht eine Inszenierung. Sie will gestaltet werden, sonst funktioniert sie nicht. „Darin hat die Kirche seit 2000 Jahren viel Erfahrung.“ Ein Pfund, mit dem sanctclara wuchern will. Nicht mehr nur in Dachzimmerchen mit der Christusikone, sondern auch in den anderen Räumen. Immer mehr Menschen, die im Beruf stehen, erzählt Vette, suchen einen Rahmen, in dem sie nach ihrer Arbeit eine halbe Stunde meditieren können. Vielleicht wird Beten ja das neue Laufen.

Ökumene bedeutet: Pluralität zulassen

Unpolitisch ist sanctclara deshalb nicht geworden. „Autorenlesungen sind noch immer unsere bestbesuchten Veranstaltungen“, sagt Joachim Vette. Aber es wird eben nicht mehr nur geredet in B 5, 19.

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Hoher Geburtstagsbesuch: Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh und Erzbischof Stephan Burger

Und die Ökumene? Ist sie nach 15 Jahren Ehe überhaupt noch Thema? Es sei nie Ziel des Ökumenischen Bildungszentrums gewesen, die Unterschiede zwischen den Kirchen einzuebnen, definiert der evangelische Pfarrer. Im Gegenteil: Ökumene bedeute, Pluralität zuzulassen. Das funktioniere aber nur, wenn sich jeder seiner eigenen Identität bewusst ist. „Je tiefer ein Mensch in seiner Frömmigkeit steckt, desto selbstbewusster kann er in einen Dialog eintreten.“

Eine Achillesferse allerdings hat die ökumenische Zusammenarbeit in Mannheim: Die unterschiedliche Verwaltungsstruktur der beiden Kirchen. Das katholische Erzbistum betreut die Erwachsenenbildung zentral von Freiburg aus. Die evangelische Landeskirche dagegen hat die Verantwortung für die Weiterbildung in die Hände der Dekanate gelegt. Verschiedene Töpfe, verschiedene Vorgehensweisen. „Man braucht ständig Sonderregelungen“, stöhnt Joachim Vette. Der größte Geburtstagswunsch wäre daher ein schriftlicher Kooperationsvertrag.

 

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