„Dieser Ort hat großes Potenzial“

Silbernes Abtjubiläum: Franziskus Heereman leitet seit 25 Jahren die Abtei Neuburg

Das Besuchszimmer der Abtei Neuburg. Auf dem Tischchen stehen Kaffee und Kekse, draußen im Park lachen Touristen, die auf eine Führung warten. Nur noch ein Stockwerk des Klosters ist für sie tabu; weite Bereiche stehen einladend offen. Welch ein Kontrast zum strengen Trappistenkloster Mariawald, in dem der Neuburger Abt Franziskus Heereman vor 40 Jahren seine Profess abgelegt hat.

In kontemplativem Schweigen wollte er dort sein Leben lang Gott suchen. Doch es sollte anders kommen. 1986 wurde der Trappist Franziskus Heereman überraschend zum Administrator des Benediktinerklosters Neuburg gewählt und zwei Jahre später zum Abt geweiht. Am 28. August 2013 feiert der 67-Jährige in der Klosterkirche sein Silbernes Abtjubiläum. Zeit für ein Gespräch.

Abt Franziskus, Stift Neuburg hat sich in den letzten 25 Jahren unter Ihrer Führung immer mehr der Welt geöffnet. Wie passt das zu Ihren Wurzeln im Schweigeorden?

Franziskus Heereman 1973

Wie alles begann: Bruder Franziskus 1973 als Trappist

Ich war ja schon in Mariawald drei Jahre lang Oberer und musste den Trappistenorden bei Versammlungen vertreten. Ich habe also nicht nur geschwiegen und gebetet. Aber es ist schon richtig. Neuburg war eine andere monastische Welt als meine gewohnte. Mariawald war herber: Schweigen und Nicht-Erlebnisse aushalten können. Die Seelsorge gehörte nicht zu den normalen Aufgaben. Die Benediktiner dagegen übernahmen viele pastorale Dienste und hatten einen anderen Lebensstil. Deshalb war ich von der Anfrage, als Abt von Neuburg zu kandidieren, völlig überrascht.

Wie ist man überhaupt auf einen Trappisten gekommen?

Nach dem Tod von Abt Maurus wünschte sich der Konvent einen Oberen von außerhalb. Natürlich wurde zuerst in der Beuroner Kongregation gesucht. Aber das war wie beim Heiratsmarkt: Die Brüder, die man haben wollte, bekam man nicht, und die man bekommen konnte, wollte man nicht. Da fiel der Blick wohl auf mich. Rom hatte Schwierigkeiten mit meiner Kandidatur und lehnte meine Wahl zunächst ab. Später ließ sich der Heilige Stuhl umstimmen. Man machte eine Übergangszeit von zwei Jahren zur Bedingung, in denen ich als Administrator in Neuburg tätig war.

Und wie fühlten Sie sich so plötzlich als Benediktiner?

In den ersten Tagen meinte ich noch, eine größere Abgeschlossenheit vorantreiben zu müssen. Obwohl Neuburg damals noch verhältnismäßig abgeschlossen war. Die benediktinische Bekehrung kam aber schon im ersten Vierteljahr. Eines Morgens stand ich oben an meinem Fenster und unten toste der Verkehr. Spontan hob ich die Hand, machte einen Segen über all die Menschen in den Autos: Für Euch sind wir da. Auf einmal verwandelte sich der Verkehrslärm, der vorher nur Störung meines monastischen Lebens war, in eine Aufgabe. Ich verstand, warum der heilige Benedikt in jedem Gast, der ins Kloster kommt, ein Geschenk sieht.

Buch 3

28. August 1988: Pater Franzikus Heereman wird zum Abt geweiht

Ein Vierteljahrhundert ist seit diesem Tag vergangen. Wie hat sich Stift Neuburg verändert?

Wir sind älter und weniger geworden. Es gab eine Zeit, da lebten in unserem Kloster 21 Priestermönche und viele Laienbrüder – damals noch streng voneinander getrennt. Die Priester der Abtei waren fest einbezogen in die Seelsorge der Region. Heute sind wir noch fünf Priestermönche und sehen es nicht als unsere Aufgabe an, als Ersatzmannschaft auszuhelfen, wenn irgendwo ein Priester fehlt. Benediktinische Seelsorge bedeutet heute, dass wir das Kloster als seelsorgerischen Ort gestalten. Von der Art und Weise wie wir unser Mönchtum leben, soll etwas ausgehen auf die Stadt. Ermutigung, Inspiration, Begleitung.

Die Aula und die Klosterkirche wurden für viel Geld saniert. Die Neugestaltung des Parks steht an.

Im Laufe der Zeit ist mir immer klarer geworden: Dieser Ort hat sehr großes Potential, das es wahrzunehmen und einzusetzen gilt. Die wunderschöne Lage des Klosters, seine wechselhafte Geschichte, die Gemeinschaft von 14 Männern, die durch ihr Gebet und ihre Gastfreundschaft die Gegenwart Gottes bezeugen, die Nähe zur Wissenschaft- und Touristenstadt Heidelberg – in diesen Zusammenhängen sucht das Kloster seinen glaubwürdigen, angemessenen Platz. Das Zweite Vatikanische Konzil hat ja gesagt: Keine Ortskirche ist vollständig ohne ein Kloster.

Sie spielen auf die geplante Stadtkirche 2015 an, in der alle 14 Pfarreien von Heidelberg und Eppelheim zu einer großen Einheit zusammengefasst werden?

Klöoster Stift Neuburg

Ein Meer aus Licht und Farben: Die Klosterkirche von Neuburg

Ich habe schon vor zwanzig Jahren darüber nachgedacht, wie unser Kloster die Kirche vor Ort lebendiger machen könnte. Damals schwebte mir vor, ein Gästehaus mit erweiterten Tagungsmöglichkeiten zu bauen. Aber das ließ sich aus finanziellen Gründen nicht realisieren. Vielleicht war das auch gut so. Jetzt kommt die Stadtkirche und das ist schön.

Ein belebter und bebeteter Ort wie unser Kloster hat in dieser neuen kirchlichen Struktur durchaus seine Plausibilität. Für uns ist es wichtig, uns in einer Weise einzubringen, die zu uns passt. Aula und Kirche sind renoviert. Jetzt träume ich davon, dass Küche und Refektorium folgen, damit wir größere Gruppen ohne besonderen Aufwand bewirten können. Doch das kostet Geld, nach dem wir noch suchen. Von der Idee eines großen Gästehauses habe ich mich entfernt. Wer in Eppelheim, Ziegelhausen oder Rohrbach wohnt, braucht in der Regel keine Übernachtungsmöglichkeit außerhalb.

Aber die Abtei Neuburg will in der Stadtkirche doch sicher mehr sein als ein schöner Ort für Veranstaltungen?

Für den heiligen Benedikt ist Gastfreundschaft sehr wichtig. Unsere Frage lautet also: Wie gestalten wir Gastfreundschaft in der Stadtkirche? Dazu müssen wir erst herausfinden, welche Bedürfnisse jenseits der Eucharistiefeiern entstehen. Was brauchen die Menschen? Wo finden sie Ermutigung?

Nacht in Stift Neuburg

Vollmondnacht in Stift Neuburg: Gastfreundschaft ist dem Kloster wichtig

Wir sind eine monastische Gemeinschaft, die sich durchaus auf Herausforderungen einlässt. Was gebraucht wird, sind neue liturgische Formen, die stimmig sind. Der Taizé-Gottesdienst beispielsweise, der einmal im Monat am Sonntagabend in unserer Klosterkirche gefeiert wird, ist immer voll. Selbst in der Ferienzeit. Gute Musik und Stille – das ist wichtig. Höchstens einige sehr vorsichtige Anregungen. Das ist ja das Kreuz der kirchlichen Verkündigung: Das Geheimnis wird ständig von einer Flut großer Worte überdeckt. Die Leute brauchen Symbole: Eine Kerze anzünden – das spricht für sich. Da muss man gar nichts weiter sagen.

Was wird aus der Eucharistie?

Eine pastorale Allversorgung wird es nicht mehr geben. So wenig wie eine Volkskirche. Die Kirche der Zukunft lebt in lebendigen, vernetzten, kleinen Einheiten. In Hausgemeinschaften. Schon in der Apostelgeschichte heißt es: Sie trafen sich in ihren Häusern zum Brotbrechen. Mit der heutigen Form des Priestertums können wir diese Hausgemeinschaften nicht mehr versorgen. Deshalb glaube ich, dass über die Gestalt des Priesters und über die Zugänge zum Priestertum neu nachgedacht werden muss. Es mag auch in Zukunft die Vollstudierten und die Zölibatären geben. Aber es wird auch nebenamtliche Alltagspriester geben, die in den kleinen, überschaubaren Einheiten die Sakramente spenden und Eucharistie feiern.

Das klingt nach dem Ende der Pfarreien?

Abt Franzikus: „Es wird lange dauern, bis wir die neue Gestalt unserer Kirche sehen.“

Das Konzil hat davon geträumt, dass die Pfarrei zu einem Lebensort für die Menschen wird. Das funktioniert  leider immer weniger. Höchstens für dreißig oder vierzig Aktive, die sich im Pfarrgemeinderat, im Kirchenchor oder in den Verbänden engagieren. Die übrigen Gemeindeglieder werden in unterschiedlicher Intensität durch Priester, Diakone und hauptamtliche Mitarbeiter seelsorglich betreut. Dieses Modell wird keinen Bestand haben.

Die Kirche entwickelt sich bereits jetzt mancherorts in eine andere Richtung. Künftig wird sich das Leben der Gemeinden von der Basis her entwickeln. Die normalen Christen werden entdecken, dass sie die Verantwortung für das kirchliche Leben vor Ort übernehmen müssen, wenn es Bestand haben soll. Theologisch gesehen sind sie hierzu aufgrund ihrer Taufe durchaus berufen. Allerdings bedürfen sie der Ermutigung. Aufgabe der Hierarchie wird es sein, Begabungen zu entdecken und zu fördern. Die „einfachen“ Laien werden sich nur engagieren, wenn man ihnen wirkliche Verantwortung überträgt.

2016 feiern sie Ihren 70. Geburtstag. Damit endet Ihre Amtszeit als Abt von Neuburg. Wie geht es dann weiter mit dem Kloster?

Rollei Retro 400S, Agfa R09

„Angst habe ich keine.“ Abt Franziskus potraitiert von Yuri Hramov.

Dann wir ein neuer Oberer gewählt, der die Abtei Neuburg in die Zukunft führt. Es wird lange dauern, bis wir die neue Gestalt unserer Kirche sehen. Davor gibt es manche Durststrecke. Denn viele Menschen sind noch nicht bereit, das Alte loszulassen und den abrahamitischen Aufbruch zu wagen, von dem niemand weiß, wohin er uns führt.

Wir haben jetzt in Heidelberg die Chance, erste Schritte zu tun. Ich finde es spannend, das mitzuerleben und an meinem Platz ein wenig mitgestalten zu dürfen. Angst habe ich keine, auch um mein Kloster nicht. Wenn Gott bei seiner Kirche ist, können wir alle Zuversicht haben. Nur nicht die, dass alles so bleibt, wie es bisher war. Papst Franziskus sagt: „Habt den Mut, Fehler zu machen.“

Ein Gedanke zu „„Dieser Ort hat großes Potenzial“

  1. Eine Erinnerung an Albert Abt Ohlmeyer.
    Im Jahr 1972 feierte er in der Pfarrkirche St. Alexander in Mühlhausen an der Würm zusammen mit Pfarrer Friedrich Lebfromm und Pfarrer Aloys Weber, Neuhausen, das Sakrament der Firmung.
    Die Pforzheimer Zeitung titelte damals: !Ein Gnadentag für die Pfarrei St. Alexander“

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