Von Luther lernen

Hoher Besuch in Heidelberg: Ministerin von der Leyen, Preisträger Buzek und EKD-Ratspräsident Schneider

So wünscht man sich das Reformationsfest: Hochkarätig, politisch, aussagestark. Die Martin-Luther-Medaille galt es zu vergeben, mit der die EKD seit 2008 das „herausragende Engagement“ eines Protestanten würdigt. Im Jahr des Katechismus-Jubiläums feierte man in Heidelberg. Die Medaille ging an den Solidarnosc-Mitgründer und späteren polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek.

Die Heidelberger Heiliggeistkirche war voll besetzt bis auf den letzten Platz. Selbst Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, eigentlich mitten in den Koalitionsverhandlungen, jettete kurz an den Neckar, um den Solidarnosc-Mitgründer und späteren polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek zu feiern. „Wir ehren einen Menschen, dem wir viel zu verdanken haben“, sagte von der Leyen. „Als Protestanten, als Deutsche und als Europäer.

„Luther hat uns beigebracht: Ohne Mut verliert Politik ihren Sinn“

Erst im Untergrund, dann  Ministerpräsident: Jerzy Buzek

Protestantismus in Polen, das ist die Geschichte einer verschwindenden Minderheit. „Von den rund 38 Millionen Polen sind nur 80.000 evangelisch“, erzählte Jerzy Buzek in der Heiliggeistkirche. Die Hochburg des polnischen Protestantismus ist Schlesien, wo auch Buzek geboren wurde. Hinein in ein „unterdrücktes Land“, wie er selbst einmal formulierte.

Jerzy Buzek, heute 73 Jahre alt, weißhaarig, elegant, mit modischer Nerd-Brille, studierte Chemie-Ingenieurwesen und versuchte dem Vorbild Martin Luthers nachzueifern. „Luther hat uns beigebracht, dass man stets nach der Wahrheit streben und Mut beweisen muss“, sagte Buzek. „Hier stehe ich und kann nicht anders“ – diese Luther-Worte hätten ihn ein Leben lang begleitet. „Ohne Mut verliert die Politik ihren Sinn.“

1981, während der Streiks vor den Werkstoren der Werft von Danzig, war Buzek Vorsitzender des Solidarnosc-Kongresses. Nach dem Verbot der Gewerkschaft agierte er acht Jahre lang im Untergrund, bis der Kommunismus besiegt war.

Die Wiedervereiniung Deutschlands wäre ohne Solidarnosc nicht möglich gewesen

„Die Wiedervereinigung Deutschlands wäre ohne die Ereignisse in Polen nicht möglich gewesen“, verneigte sich Ursula von der Leyen vor dem Ehrengast. „Solidarität – polnisch: Solidarnosc – ist letztlich nichts anderes als eine Übersetzung der biblisch geforderten Nächstenliebe in politisches Handeln“, unterstrich Nikolaus Schneider, der Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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Gläubige Protestantin: Ministerin von der Leyen mit Landesbischof Fischer

Buzeks Traum freilich war mit der Befreiung Polens noch nicht zu Ende. Jetzt kämpfte er um ein vereinigtes Europa. 1997 wurde der Protestant zum polnischer Ministerpräsidenten gewählt. „Mutig und entschlossen wies er seinem Land auch gegen innenpolitische Widerstände den Weg in ein vereintes Europa“, lobte Ministerin von der Leyen. Was nicht allen Polen gefiel. 2001 musste Jerzy Buzek eine herbe Wahlniederlage einstecken. Seit 2004 ist er Mitglied im Europäischen Parlament, dem er von 2009 bis 2012 als Präsident vorsaß.

Alle suchen derzeit Rat bei Martin Luther  

„Jerzy Buzek ist ein Baumeister des freien Europa“, formulierte unsere derzeitige Arbeitsministerin beim Festakt in der Heiliggeistkirche. Ursula von der Leyen (55) wirkt „live“ noch viel kleiner, graziler und zerbrechlicher als auf dem Bildschirm. Aber sobald sie ans Mikrofon tritt, ist ihre Aura selbstbewusst, ruhig und glasklar.„Frau von der Leyen überbewertet meine Rolle“, antwortete Buzek spontan und charmant auf Englisch. „Aber das muss bei einer Laudatio wohl so sein.“

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Die Martin-Luther-Medaille wird alljährlich am Reformationstag verliehen.

Blicken wir in die Zukunft. Europa steckt in der Krise. Ministerin von der Leyen, die aus ihrem festen protestantischen Glauben nie ein Hehl gemacht hat, suchte Rat bei Martin Luther. „Die Arbeit ist für den Menschen wie das Fliegen für die Vögel“, hat der Reformator gesagt. Also müssen Arbeitsplätze her. Von der Leyen: „Sobald die Menschen spüren, dass sie ihre Talente in einem vereinten Europa besser entfalten können, werden wir auch die Kraft haben, Europa zu stabilisieren.“

Aber, ergänzte Jerzy Buzek, Luther habe auch gesagt, niemand solle nach materiellem Gewinn streben, der über seine eigenen Bedürfnisse hinausgeht. „Obwohl uns genau das in die Krise gestürzt hat, hören wir immer noch nicht auf Martin Luther.“ Damit sich das bald ändert, hat die EKD am Reformationstag ein neues Jahresthema gestartet. Es lautet: „Reformation und Politik“.

 

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