Wie man seinen Kirchturm rettet

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Die kleinen quadratischen Fenster bilden nachts ein leuchtendes Kreuz

Wer zum ersten Mal abends nach Gemmingen im Landkreis Heilbronn kommt, traut seinen Augen kaum: Dort oben auf dem Hügel leuchtet 25 Meter hoch ein Kreuz. Es ist ein doppeltes Symbol des Triumphes. Zum einen kündet es natürlich vom Sieg Christi über den Tod. Zum anderen erzählt das Lichterkreuz aber auch davon, dass es eine kleine katholische Gemeinde mit viel Engagement geschafft hat, ihren Kirchturm zu behalten.

Denn wäre es nach dem Erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg gegangen, gäbe es den freistehenden Campanile von St. Marien im Dekanat Kraichgau schon seit zwei Jahren nicht mehr. Die Geschichte einer Rettung.

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Nur 1100 Katholiken gehörten zur Pfarrei St. Marien.

Die erste Platte knallte kurz nach Ostern 2012 auf den Kirchenvorplatz. Das Eternit, mit dem der Glockenturm von St. Marien seit 1963 verkleidet war, begann sich zu lösen. Die Untersuchung durch den Freiburger Glockeninspektor fiel verheerend aus. Der Campanile musste komplett renoviert und der eiserne Glockenstuhl ausgetauscht werden. „Hinzu kamen Unmengen von Dreck, den die Tauben in den letzten fünfzig Jahren hinterlassen hatten“, erzählt Brigitte Bestenlehner, die den Pfarrgemeinderat von Gemmingen in den letzten fünf Jahren geleitet hat. Geschätzte Gesamtkosten: 200000 Euro. Zu viel, um es aus den Rücklagen einer Pfarrgemeinde mit gerade mal 1100 Gläubigen zu bezahlen.

Plötzlich brauchte man eine halbe Million Euro

Die Gemminger wandten sich an das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg. Die Antwort: Man benötige ein Gutachten über den Gesamtzustand der Kirche. St. Marien stammt aus dem Jahr 1953. Mit dieser Expertise kam der nächste Schock. Katastrophale Energiebilanz, veraltete Elektrik, Sicherheitsmängel. Geschätzte Kosten für die Renovierung der Kirche: 290000 Euro. Gemmingens Katholiken mussten sich setzen. Jetzt brauchten sie schon eine halbe Million. Woher nehmen?

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Der Blick auf Gemmingen von Stebbach kommend: Der evangelische Kirchturm ist von 1516

Man könnte den maroden Campanile abreißen, schlug Freiburg vor. „Dabei ist unser Glockenturm doch das Wahrzeichen des Dorfes. Er ist das erste, was man sieht wenn man nach Gemmingen kommt“, sagt Brigitte Bestenlehner noch im Rückblick erschüttert. Außerdem hänge im Turm eine Glocke, die der frühere Erzbischof Hermann Schäufele gespendet hat. Schäufele stammte aus dem Nachbarort Stebbach. Sein Vater war der Stationswart der Eisenbahn, die Familie wohnte im Stebbacher Bahnhof.

Die Gemminger Katholiken gingen an die Öffentlichkeit. Die Geschichte vom drohenden Abriss wanderte von Dorf zu Dorf. Die Presse schrieb. Im November 2013 kam überraschend Post aus Freiburg. Ein Angebot zur Güte. Das Erzbistum sei bereit, insgesamt 225000 Euro zur Renovierung zuzuschießen. Das ist etwa ein Drittel mehr als üblich. Pfarrer Manfred Tschacher, der Leiter der Seelsorgeinheit Eppingen zu der Gemmingen gehört, sprach vom „schönsten Weihnachtsgeschenk“.

87000 Euro mussten als Spenden gesammelt werden

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Der harte Kern: v.l. Bettina Häußler, Regina Gröger, Brigitte Bestenlehner, Manuel Ebert und Pfarrer Tschacher

Doch die Sache hatte einen Haken. 87 000 Euro musste die Pfarrgemeinde an Spenden sammeln. Zunächst tat man das Übliche: Gemeindekaffee ausschenken, Schokolade in Turmtütchen verkaufen. Magere Ergebnisse. Dann hatte jemand ein Geistesblitz: Warum bat man statt um Geld nicht um Mitarbeit?

„Viele Stunden habe ich damit verbracht, in den gelben Seiten nach katholischen Handwerkern in Gemmingen zu suchen“, erinnert sich Brigitte Bestenlehner. In Gemmingen glaubt man traditionell evangelisch. Die wenigen Katholiken kennt man. Die Anstrengung hat sich gelohnt. Ein Unternehmer entsorgte kostenlos das Eternit. Ein Gerüstbauer rüstete kostenlos den Turm ein. Ein Maler führte Samstag für Samstag die Aufsicht über die ehrenamtliche Anstreichertruppe.

Ein besonderer Glücksfall waren die Elektriker

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80 Gläubige füllen am Sonntag die frischrenovierte Gemminger Kirche von 1953.

Ein besonderer Glücksfall waren die Elektriker, von denen es sieben oder acht in der Gemeinde gab. „Nur für ein Vesper“ (Bestenlehner) klopften sie sämtliche Kirchenwände auf, erneuerten jedes Kabel, ersetzten jede Steckdose. 330 Arbeitsstunden, weiß Elektriker und Pfarrgemeinderat Manuel Ebert, habe er in die Kirchensanierung investiert. Ebert grinst und führt die neue „Effektbeleuchtung“ hinter dem Altar vor. Gelb-blaues Licht flutet die Wände empor. „Das ist ideal für Taizegottesdienste“, findet Pfarrer Tschacher.

Gemmingen im Baurausch. Ein Beichtzimmer, eine neue Gasheizung, ein Erdtank im Rasen, neue Fenster, ein Sicherheitsgeländer, die Außenbeleuchtung, die Turmbeleuchtung. Als Turm und Kirche in makellosem neuen Glanz erstrahlten, rechnete Architekten Klaus Fischer nach und kam zu dem erstaunlichen Ergebnis: „Es ist noch Geld übrig.“ Also bauten die Gemminger weiter. Jetzt strahlen auch der Pfarrsaal, die Sakristei und die Küche. „Nur für die Hochstammrosen am Eingang“, lächelt Brigitte Bestenlehner, „hat es letztendlich nicht mehr gelangt.“

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