Wenn man an einem dieser langen Tage in der sonnendurchströmten Heiliggeistkirche am Heidelberger Marktplatz steht, kann man es nicht fassen: Mehr als zweihundert Jahre herrschte hier Finsternis. Eine Mauer riegelte das protestantische Langschiff hermetisch vom katholischen Chor und damit vom Licht ab. Erst am 24. Juni 1936 fiel die Scheidemauer in Heiliggeist. Dank Pfarrer Hermann Maas und dem 550. Jubiläum der Universität. Es sollte in einer ungeteilten Kirche gefeiert werden.
Eigentlich wäre die Heiliggeistkirche ein Anwärter fürs Buch der Rekorde. Schon zwanzig Mal hat das Gotteshaus am Marktplatz seine Konfession gewechselt, recherchierte Wolfgang Wagner, der Vorstandsvorsitzende der evangelischen Stadtmission. Die Heiliggeistkirche war katholisch, lutherisch, calvinistisch und altkatholisch. Das muss man erst einmal nachmachen.
Lange Zeit vereinte die Heiliggeistkirche sogar zwei Konfessionen gleichzeitig unter ihrem Dach. 1706 übergab Kurfürst Johann Wilhelm, des Konfessionsstreits überdrüssig, den Katholiken und den Reformierten die Kirche zur gemeinsamen Nutzung. Ein „Simultaneum“. Die Katholiken feierten ihre Messen an neun Altären im lichten Chor. Die Reformierten begnügten sich mit einem einfachen Tisch und einer Kanzel im eleganten, doch düsteren Schiff. Dazwischen, undurchdringlich, die Mauer.
1716 starb Johann Wilhelm. Sein Bruder Carl Philipp beschloss, die Residenz von Düsseldorf nach Heidelberg zu verlegen. Kaum angekommen, machte sich der fromme Kurfürst, der sich stets von Jesuiten-Patres beraten ließ, auf die Suche nach einer Hofkirche. Heiliggeist gefiel ihm sehr; einzig die Trennmauer und die reformierten Gottesdienste störten.
Carl Philipp teilte den Protestanten mit, sie sollten sich eine neue Heiliggeistkirche bauen. Das jetzige Gotteshaus sei ab sofort katholisch und höre auf den Namen St. Marien. Um diesen Worten Nachdruck zu verleihen, beorderte Carl Philipp Steinmetze aus Tirol an den Neckar, die mit großen Pickeln die Mauer einschlugen.
Wütende Proteste in ganz Europa. Die protestantischen Großmächte Preußen, Großbritannien, Holland und Schweden kündigten gar militärische Maßnahmen an. Wolfgang Wagner: „Europa war wegen der niedergerissenen Scheidemauer von Heiliggeist in eine Eskalation geraten, die drohte, zu einem Religionskrieg zu führen.“ Im Mai 1720 stand die Trennmauer wieder – und der Kurfürst war weg. Carl Philipp übersiedelte nach Mannheim, wo er das zweitgrößte Barockschloss Europas baute. Auf den Straßen Heidelbergs hingegen, schwor der Kurfürst, solle künftig „Gras wachsen“.
Sechzig Jahre später. Ein neues Jahrhundert. Die Romantiker stilisierten Heidelberg zum Ideal, und den Katholiken wurde der Chor von Heiliggeist zu eng. Sie besannen sich auf die Jesuitenkirche, die seit Jahrzehnten als Bauruine vor sich hindümpelte. Ihre Chorkirche in Heiliggeist hätten die Katholiken gern verkauft, doch die Protestanten winkten ebenso ab wie die Universität. Einzig die badische Regierung zeigte Interesse. Sie suchte nach einer Fruchthalle am Marktplatz.
Die römisch-katholische Kirche behielt den Heiliggeistchor, überließ ihn Altkatholiken und finanzierte die Jesuitenkirche aus anderen Töpfen. Doch man war beleidigt. 1886, als die badische Regierung das 500. Unijubiläum ohne Trennmauer feiern wollte, stimmten die Katholiken einem Abriss nur unter der Bedingung zu, dass die Mauer wieder aufgebaut wird. Im Sommer 1893 kehrte die Dunkelheit nach Heiliggeist zurück. Zwölf Jahre später kam Hermann Maas.
Als neunjähriger Junge hatte der evangelische Theologe die ungeteilte Kirche gesehen. Ein unvergessliches Erlebnis. Jetzt als Pfarrer von Heiliggeist wollte Maas die Mauer unbedingt loswerden. Nach zwanzig Jahren kam 1936 endlich die Chance: Die Nationalsozialisten planten, aus dem 550. Jubiläum der Ruperto-Carola ein Propaganda-Event zu machen. Dafür musste die Mauer weg, koste es, was es wolle.
Hermann Maas, der entschiedene NS-Gegner, entschloss sich zu einer Allianz mit dem nationalsozialistischen OB Neinhaus. Ihr Plan: Die Altkatholiken ziehen um in die Erlöserkirche in der Plöck, die der Stadt gehört. Die römischen Katholiken dürfen Sankt Anna, ebenfalls im Besitz der Stadt, dauerhaft nutzen und verkaufen dafür die Chorkirche an die Protestanten. Der Preis: 100000 Reichsmark. Zu Johanni 1936 fiel die Mauer endgültig.
