Happy-End in der Heidelberger Südstadt: Die große katholische Kirche St. Michael, die seit Jahren leer stand und zwischenzeitlich sogar abgerissen werden sollte, hat neue Besitzer gefunden. Die Mosaik-Gemeinde, eine junge, quirlige, gut gelaunte Freikirche, wird das Designer-Gotteshaus aus Sichtbeton übernehmen. Mit einem letzten katholischen Gottesdienst in St. Michael wurde die Kirche jetzt entwidmet.
Alles war noch einmal wie in den guten alten Zeiten: Gläubige aus jeder Ecke der Stadt waren in die Kirschgartenstraße geströmt, um mit viel Weihrauch die letzte große Messe in dieser so außergewöhnlichen Kirche feiern. Doch es war ein Abschied ohne Tränen, aber mit viel Dankbarkeit. Als stehende Ovation flutete das letzte Te-Deum aus St. Michael furios zum Himmel empor.

Wie Sonnenstrahlen tragen die Betonbalken die Decke.
Die katholische Kirche der Südstadt, die künftig nur noch „Michaelskirche“ heißen wird, ist ohne Zweifel eine Schönheit. Wie Sonnenstrahlen tragen mächtigen Sichtbetonbalken die ansteigende Decke hinauf zum höchsten Punkt über dem Altar, wo sich die gesamte Dachkonstruktion vereinigt. Mehr Symbolik geht nicht. Die Gemeinde in diesem imaginären Zelt aus Beton versammelt sich in meditativem Dämmerlicht, das durch Buntglas-Beton-Lamellen hereinströmt. Das farbige Licht macht St. Michael trotz ihrer Größe zu einem sehr intimen Raum.
Obwohl schon 1962 erbaut, nahm St. Michael mutig sämtliche Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweg: Eine Trennung zwischen Altarraum und Gemeinde hat es in der Südstadt nie gegeben. Der Priester zelebrierte von Anfang an mit Blickkontakt zu den Menschen.
Und schließlich fuhren alle Christen aus der Südstadt gemeinsam in Urlaub.
All diese Offenheit und Moderne wirkte wie ein Magnet auf junge Familien. In den 1970er und 1980er Jahren strömten sie aus der gesamten Region in die Südstadt. Am Sonntag war St. Michael voll von singend, tanzenden, lachenden Kindern und ihren glücklichen Eltern. Die meisten Familien verbrachten gleich den ganzen Tag auf dem weiten Areal, das heute dem Caritas-Verband gehört. Man grillte, spielte, tanzte, sang und freute sich des Lebens. Und man diskutierte natürlich über Gott und die Welt.
Soviel gute Laune fiel auf in der kleinen Südstadt. Bald lugte auch die evangelische Gemeinde um die Ecke, die Würste schon grillbereit in der Tasche. Man machte sich bekannt, fand sich sympathisch und lud sich sogar gegenseitig zum Gottesdienst ein, was in den 1970er Jahren noch eine absolute Grenzüberschreitung war.
Und schließlich fuhren alle Christen aus der Südstadt sogar zusammen in Urlaub. Nach Holland an die Nordsee, wo der quirlige katholische Pfarrer Berthold Mogel sein Segelboot liegen hatte. Heute erinnert an ihn die Berthold-Mogel-Straße unweit der Kirche. Und dem Freundeskreis um Hans Kammerer, dem ehemaligen evangelischen Pfarrer der Südstadt, ist maßgeblich zu verdanken, dass St. Michael in all den Jahren nicht abgerissen wurde. Obwohl das im katholischen Pfarrgemeinderat fast jedes Jahr erneut erwogen wurde.
Die Mosaik-Gemeinde ist eine moderne Freikirche, in der sich viele junge Familien engagieren.
Berthold Mogel sollte der einzige katholische Pfarrer bleiben, der sich ganz auf die Südstadt konzentrieren konnte. Christof Heimpel, sein Nachfolger, musste sich schon um drei Gemeinden kümmern. Und Pfarrer Johannes Brandt, der heute die katholische Stadtkirche leitet, steht zwölf Gemeinden vor. Umso beeindruckender, dass es Brandt tatsächlich gelungen ist, für St. Michael eine tragfähige Zukunftsperspektive zu entwickeln.
Ab sofort geht die Kirche über in den Besitz der „Mosaik-Gemeinde“. Das ist eine moderne Freikirche, in der sich viele junge Familien engagieren. Wobei sich das Wort „Freikirche“ vor allem von unserem Steuersystem ableitet. Freikirchen finanzieren sich nicht über die Kirchensteuer, sondern über Beiträge und Spenden ihrer Mitglieder.
Die Mosaik-Gemeinde beschreibt sich selbst in ihrem Internet-Auftritt als bunt und vielfältig. „Wir glauben an den lebendigen und wahren Gott, der in drei Personen existiert – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er hat alles erschaffen, erhält alles und regiert alles.“ Mosaik ist Teil der evangelischen Allianz und Mitglied im Arbeitskreis christlicher Kirchen.
Brandt: „Auch künftig werden an diesem Ort Menschen zusammenkommen, um Gott zu loben.„
Der katholische Stadtpfarrer Johannes Brandt fühlte denn auch beim Abschied von St. Michael „eine große Erleichterung nach den vielen Jahren des Ringens um diese Kirche“. Er sei glücklich, sagte der Leiter der Heidelberger Stadtkirche, „dass an diesem Ort künftig wieder Menschen zusammenkommen werden, um Gott zu loben.“ Und Hans Kammerer, der unermüdliche Kirchenretter, fand es in seiner Ansprache sehr erfreulich, „dass wir Christen künftig vermehrt gemeinsam unterwegs sind.“
In einem geweihten Gefäß überführte Johannes Brandt die letzten konsekrierten Hostien in die Jesuitenkirche. Der Tabernakel in St. Michael bleibt künftig leer und offen. Nach katholischem Glauben ist die Kirche damit kein heiliger Raum mehr. Doch Brandt sieht das lockerer: „Der Geist Gottes braucht sowieso keinen Raum, in dem er leben kann. Er wohnt in jedem von uns.“






