Die Kirchentür, an die Martin Luther einst seine 95 Thesen genagelt hat, gibt es nicht mehr. So wenig wie die spätgotische Schlosskirche, zu der sie damals geführt hat. Stattdessen empfängt heute in Wittenberg ein neugotisches Gotteshaus mit moderner Glasloggia die mehr als 200000 Besucher, die jedes Jahr in die Stadt an der Elbe kommen, weil sie die Schauplätze der Reformation erkunden wollen. Das funktioniert tatsächlich erstaunlich gut, sofern man es nicht eilig hat.
Denn die Aura der alten Stadt entfaltet sich erst, wenn sich die Touristengruppen aus aller Welt verlaufen haben. Dann haben die Gassen wieder genug Luft, um zu erzählen. Vom Jahr 1517, als Wittenberg Weltgeschichte geschrieben hat. Ein Ausflug nach Sachsen-Anhalt, pünktlich zum Reformationsfest.
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Die Welt sähe heute vermutlich sehr anders aus ohne Kurfürst Friedrich III., den man nicht umsonst „den Weisen“ nennt. 1485 erbte der Sproß des Fürstenhauses Wettin die Herrschaft über das damalige Sachsen, das sich allerdings auf der Landkarte ausnahm wie ein Flickenteppich: Den Kern bildeten die Ländereien rund um Wittenberg, dazu kamen die Städte Torgau, Weimar, Eisenach, Gotha und Jena.
Ein Schloss jedoch, in dem der 23-Jährige hätte residieren können, suchte man vergebens im großen Reich. Weshalb der Bau einer Residenz ganz oben auf Friedrichs Agenda stand.
Die findigsten Baumeister wurden angeheuert, die elegantesten Goldschmiede beauftragt und die renommiertesten Künstler nach Wittenberg geladen. Albrecht Dürer brachte alle paar Wochen ein neues Meisterwerk vorbei. Lucas Cranach der Ältere übersiedelte gleich mit seinem Hausstand an die junge Elbe, wo er reich wurde. Den traumschönen Cranach-Hof gibt es noch, weitgehend original erhalten und tiptop saniert. Das Renaissance-Schmuckstück steht nur etwa 300 Meter vom Schloss entfernt, mit idyllischem Garten, eigenem Bach und großer Malerwerkstatt im Hinterhof direkt an der Stadtmauer. Heute arbeiten hier ambitionierte junge Künstler.
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Vierzig Jahre lang lebte Kurfürst Friedrich III. im Provisorium, dann hatten die fast 900 Handwerker seine Residenz endlich fertiggestellt. Die Schlosskirche muss eine Weltsensation gewesen sein. Eine einschiffige Halle mit hohem Netzgewölbe von überwältigender Schönheit. 26 Altäre zierten ihr Inneres; elf im Schiff und fünfzehn auf der Empore.
Ein jeder Altar war geschmückt mit Kunstwerken der „Hofmaler“ Dürer und Cranach. Und natürlich mit den kostbaren Heiligenreliquien, die Friedrich in der ganzen Welt zusammengetragen hatte. Darunter auch „Raritäten“ wie ein Splitter von der Dornenkrone Christi und ein Strohhalm aus dem Stall von Bethlehem.
Insgesamt fast 19000 solch „heiliger“ Partikel besaß der fromme Katholik. Friedrich glaubte fest daran, dass ihm dank dieser Knöchelchen mindestens zwei Millionen Jahren Fegefeuer erspart bleiben würden. Um ganz sicher zu gehen, wollte sich der Kurfürst eigentlich neben seinen Reliquien in der Schlosskirche zur ewigen Ruhe betten lassen. Doch dazu kam es nie. Denn am Ende seines Lebens feierte Friedrich III. ein lutherisches Abendmahl. Den Reliquienschatz hat er zuvor bereits eingeschmolzen.
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Es gibt viele Bilder von Friedrich dem Weisen. Auf den frühen Gemälden sieht man einen entschlossen blickenden jungen Edelmann mit spitzer Nase, der offensichtlich gewillt ist, sich die Welt Untertan zu machen. Später, als die Wahrheiten fragiler wurden, zeigte sich der Kurfürst deutlich fülliger und mit gewaltigem Backenbart. Friedrich III. von Sachsen sprach fließend Latein und Französisch, und er war wohl auch der Vater einer stattliche Anzahl von Kindern. Geheiratet hat er jedoch nie.
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Im Jahr 1500 beschloss der Kurfürst in Wittenberg eine Universität zu gründen. Er nannte sie „Leucorea“. Das ist griechisch und bedeutet „weißer Berg“ also „Wittenberg“. Mit dem Amt des Dekans betraute er den Augustiner-Eremiten Johann von Staupitz. Er war ein Jugendfreund, der es inzwischen zum Prior des Konvents in Tübingen gebracht hatte.
Kaum in Wittenberg angekommen, erhielt Von Staupitz die Anweisung, ein geräumiges Kloster zu errichten für seine „Schwarzmönche“. So lautete der umgangssprachliche Name für die Augustiner, die stets schwarzen Habit und Tonsur trugen.
In diesem Gewand traf im September 1511 auch der junge Augustinermönch Martin Luther in Wittenberg ein, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Schreiend begeistert war Luther von seinem neuen Zuhause mitten in der Wildnis nicht. Er wäre lieber im eleganten, hochgelehrten Erfurt geblieben. Doch diese Einstellung änderte sich, als er seinen neuen Prior näher kennenlernte. Luther und von Staupitz wurden Freunde und sind es ein Leben lang geblieben. Später folgte der Reformator seinem Lehrer als Professor für Bibelwissenschaften an der Leucorea nach.
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Das Augustinerkloster am Ostende der historischen Altstadt von Wittenberg bildet bis heute das Pendant zum Schloss am Westende. Und es gehört inzwischen auch zum UNESCO-Weltkulturerbe, weil Martin Luther hier mehr als 35 Jahre lang gewohnt und seine 95 Thesen verfasst hat. Später, als das Kloster schon längst zum „Lutherhaus“ geworden war, entstanden hier all die reformatorischen Schriften, die Welt verändern sollten. Studenten aus ganz Europa pilgerten zu dieser Zeit nach Wittenberg, um Luthers Vorlesungen und seine legendären Tischreden zu hören. Alle Fragen jedoch, die das alltägliche Leben in dem riesigen, zugigen Gebäudekomplex betrafen, überließ der Reformator seiner Frau Katharina von Bora. Sie führte Haus und Hof, kümmerte sich um die Speisen, die Kinder und die Gäste. Und beschaffte auch das Geld, das man brauchte, um diesen Riesenkomplex zu unterhalten.
Heute zählt Lutherstadt Wittenberg, am nördlichen Ufer der Elbe gelegen, rund 46000 Einwohner. Die Stadt ist damit die viertgrößte in Sachsen-Anhalt. Berlin liegt knapp 90 Kilometer entfernt; nach Leipzig sind es 60 Kilometer. Die Änderung des offiziellen Stadtnamens in „Lutherstadt Wittenberg“ erfolgte schon 1938 und wurde nie rückgängig gemacht. Was zeigt, wie stolz die Menschen hier auf ihre Vergangenheit sind. 1996 hat die UNESCO die Luthergedenkstätten zum Weltkulturerbe erklärt.
Das „Lutherhaus“ kann man derzeit allerdings nicht besichtigen, denn es wird aufwändig renoviert. Geplant ist ein hochmodernes, interaktives Museum, das Gelehrte ebenso begeistern soll wie Familien mit Kindern. Wie das funktioniert, kann man heute schon einige Straßen weiter im ehemaligen Wohnhaus des Reformators Philipp Melanchthon bewundern. Das Melanchthonhaus gehört zu den schönsten Gebäude in Lutherstadt Wittenberg. Bei seiner Einweihung war es auch das modernste. Schon 1539 verfügte es über fließendes Wasser in allen Zimmern.
Wie durch ein Wunder hat der dreigeschossige Renaissancebau all die Wirren der Jahrhunderte fast unversehrt überstanden. Sogar das Originalbett und der Schreibtisch von Melanchthon existieren noch. Man durchstreift das Haus und den weitläufigen Garten heute mit einem digitalen Guide. In fast jedem Raum stehen zusätzlich noch Multimedia-Präsentationen zur Verfügung, die mit kleinen Filmchen die Ausstellungsstücke erläutern und einordnen. All das soll es künftig im Lutherhaus auch geben.
Philipp Melanchthon maß nur 1,50 Meter, aber in seiner Bedeutung für die Reformation stand der Professor für Griechisch Martin Luther in nichts nach. Das spürt man in seinem Zuhause auf Schritt und Tritt. Und natürlich gibt es hier auch eine digitale Aufzeichnung des glanzvollen Staatsaktes zum 500. Jubiläum der Reformation, der 2017 in Lutherstadt Wittenberg stattgefunden hat.
Offiziell bewohnte Professor Melanchthon sein erlesenes Haus mit dem gewaltigen Staffelgiebel nur mit seiner Frau Katharina und den vier Kindern. Doch solch ein Kleinfamilienidyll hat es nie gegeben. In Wahrheit gingen hier die zahlreichen Studenten des Professors, seine Universitätskollegen und auswärtige Gäste vom Morgengrauen bis zum späten Abend ein und aus. Beim Mittagessen saßen oft zwanzig Personen rund um die große Tafel, während einer der Student einen wissenschaftlichen Vortrag hielt. Auf Griechisch, versteht sich. Die Beziehung zwischen den Familien Luther und Melanchthon war ebenfalls eng.
Wenn man vom Melanchthonhaus zurück zum Schloss spaziert – in Wittenberg erreicht man alles fußläufig -, sollte man nicht versäumen, einen Blick in die gewaltige Stadtkirche am Markt zu werfen. 1280 erbaut, ist sie ein wahres Schmuckstück der Spätgotik. Mit zwei Türmen! 1525 feierte Luther hier die erste Messe in deutscher Sprache. Ein paar Wochen später, am 13. Juni 1525 heiratete der Reformator hier Katharina von Bora. Bis heute feiert die Lutherstadt Wittenberg an diesem Tag ihr Stadtfest. Kein Wunder, dass Martin Luther und Philipp Melanchthon auch in persona über den pittoresken Wittenberger Markt wachen. Die Bronzestatuen stehen seit 1885 in der Mitte des Platzes. Ununterbrochen. Auch die Deutsche Demokratische Republik wagte nicht, an ihnen zu rütteln.
Die Universität Leucorea gibt es auch noch immer in Wittenberg. Wenn auch inzwischen nur noch als Teil der großen „Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg“. Nach der „Wende“ wurde die Theologische Fakultät wieder neu gegründet, und der Religionsunterricht kehrte an die Schulen von Sachsen-Anhalt zurück. Im Hof des Wittenberger Schlosses, dort wo seit Napoleons Zerstörungstat eine hässliche Lücke klaffte, steht neuerdings der lichte, supermoderne Neubau des Evangelischen Predigerseminars. Er wird sehr nachgefragt für Symposien und Vorträge. Der Boden im Erdgeschoss des Seminars ist komplett aus Glas, damit die Mauerreste der zerstörten Residenz von Kurfürst Friedrich III. sichtbar bleiben. Es fühlt sich an, als schwebe der Raum über der Vergangenheit.





