Das Fach für die ganz großen Fragen

Der Religionsunterricht hat schwierige Zeiten hinter sich. Quer durch alle Schularten. Einige sahen ihn sogar schon als Auslaufmodell, geeignet höchstens noch für Randstunden. Doch das scheint sich gerade zu ändern; vielleicht weil sich auch unsere Gesellschaft verändert.

„Noch vor zehn Jahren besuchten ausschließlich evangelische Schüler den evangelischen Religionsunterricht“, sagt Dr. Silke Dangel, die neue Leiterin des Referats „Bildung und Erziehung in Schule und Gemeinde“ beim Oberkirchenrat in Karlsruhe. Sie trägt die Verantwortung für die gesamten Bildungsarbeit der Badischen Landeskirche. „Heute unterrichten wir in diesem Fach eine bunte Mischung mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen. Manche machen bei uns sogar ihre allerersten Erfahrungen mit Gott.“ Ein Schulbesuch.  

Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was kommt nach dem Tod? Wie fühlt sich Sünde an? Wie Vergebung? Und wie die Ewigkeit? Das ist eine winzige Auswahl von Themen aus dem Lehrplan des evangelischen Religionsunterrichts. „Religion ist das einzige Fach an unseren Schulen, das sich ausschließlich mit den fundamentalen Fragen des menschlichen Seins beschäftigt“, definiert Silke Dangel (45). Also genau mit jenen Themen, die Kindern und Jugendlichen zwar unentwegt im Kopf herumgehen, sich aber empirisch in keiner Weise messen lassen. Die Philosophie stellt sich solche Fragen zwar auch, überlegt die Oberkirchenrätin, „aber längst nicht so standpunktfest, weil ihr die Perspektive der Ewigkeit fehlt.“ 

Was nicht heißt, dass im Religionsunterricht nicht auch Aristoteles und Kant gelesen werden; natürlich erst in höheren Klassen. Ebenso wie Nietzsche, Feuerbach und Hegel. „Wir leben in einer Zeit, in der jeder seinen Blickwinkel auf die Welt beständig überprüfen und begründen muss“, sagt Silke Dangel, die in Wilhelmsfeld bei Heidelberg zuhause ist. Die Erziehungsberechtigten erwarteten von der Schule zu Recht, dass sie ihre Kinder dazu befähigt. „Ich beobachte, dass Eltern, sobald es um die elementaren Fragen des Lebens geht, noch immer viel Vertrauen in die Kirchen haben.“ Auch Schüler ohne kirchliche Erfahrung entscheiden sich immer öfter für „Reli“ und tasten sich dort langsam an den Glauben heran. Wie Forscher an eine Terra incognita: Wie sich die Ewigkeit wohl anfühlt?                                 

„Erzählt uns doch bitte, wann Ihr einmal richtig froh und wann Ihr einmal richtig traurig ward.“ Solch eine Aufforderung steht oft am Beginn des Religionsunterrichts in den Klassen 1 und 2 der Grundschule. Schritt für Schritt sollen die Schüler begreifen, dass biblische Geschichten von Gefühlen und Situationen berichten, die im Leben jedes Menschen vorkommen: Freude und Leid, Streit und Versöhnung, Angst und Geborgenheit, Trauer und Trost. Bis zum Abitur wird im Religionsunterricht immer auch am biblischen Urtext gearbeitet. In fortlaufender Steigerung. So wie es in jedem Schuljahr auch um die Bewahrung der Schöpfung und um die verschiedenen Religionen geht. Im Idealfall besichtigen schon Erstklässler eine Moschee.

Unsere Zivilisation hat sich in den letzten dreißig Jahren mit einer unglaubliche Geschwindigkeit verändert, überlegt die Oberkirchenrätin Dangel in Karlsruhe. Verantwortlich dafür seien vor allem die neuen Medien, die den Schülern zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stehen. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass das auf Kosten der eigenen Gedanken geht; ihnen bleibt heute kaum noch Zeit eigenständig zu reifen.“ Als Gegengewicht zu dieser Überfülle an Informationen ermögliche der Religionsunterricht immer wieder Zeiten der Stille.

Oder längere Phasen der kontemplativen Bildbetrachtung. Das klappt auch schon in der Grundschule sehr gut, weiß Dangel aus eigener Lehrerfahrung: „Ich hatte einmal in einer zweiten Klasse einen sehr unkonzentrierten Schüler, bei dem ich mir kaum zu helfen wusste“, erinnert sich die Oberkirchenrätin. Bis sie eines Morgens im Stuhlkreis den Kindern das berühmte Gemälde „Der Schrei“ von Edward Munch zur Betrachtung angeboten hat. „Und auf einmal begann dieser Junge leise davon zu sprechen, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Familie auseinander bricht.“ In solch einer Situation greifen Worte oft nicht mehr, findet Dangel. „Am besten ist es eine kurze Zeitlang schweigend miteinander auszuhalten. Das verstehen auch die jüngeren Kinder schon sehr gut.“

Jeder Mensch wurde als einzigartiges Individuum geschaffen, das sich von allen anderen Menschen unterscheidet und seinen Lebensweg eigenverantwortlich gestaltet. Das ist – sehr knapp zusammengefasst – der Bildungsplan für die Klassen 3 und 4. „Die Kinder beschäftigen sich in diesem Alter schon bewusst mit Erfahrungen von Freude und Glück, Scheitern, Leid und Tod“, heißt es darin.

Der Religionsunterricht arbeite grundsätzlich ohne Druck, betont Silke Dangel. Wenn ein Schüler zu einem Thema nichts sagen möchte, dann brauche er das auch nicht. „Ich glaube, am wichtigsten ist es, dass man mit der Klasse Haltungen einübt, wie man anderen Menschen gegenübertritt.“ Die Zauberworte dazu hießen Respekt, Vertrauen, ausreden lassen. Mitgefühl hingegen müsse nicht lange geübt werden, hat Dangel in ihrer Lehrerzeit herausgefunden. Denn Schüler erklären sich sehr schnell solidarisch mit allen, die Sorgen haben. „Unser Ziel ist es, dass jedes Mädchen und jeder Junge am Ende der Grundschulzeit ein Verhältnis zu Gott entwickelt hat. Alles weitere liegt nicht in unserer Hand.“

Mit den „Grunderfahrungen des Menschseins“ beschäftigt sich der Religionsunterricht der Klassen 5 und 6. Glück, Angst, Versagen, Trauer, Dank, Klage, Liebe – die Liste der großen Gefühle ließe sich noch lange fortsetzen. Sie alle bilden den Fundus der Fragen, auf die die Bibel antwortet. Auch die Aufforderung, die Schöpfung zu bewahren, ist dort verankert.

Ein Religionslehrer wird man beständig daran gemessen, ob man christliche Identität im Schulumfeld glaubwürdig verkörpert. Das hat die neue Oberkirchenrätin selbst erfahren. „Ich denke, dass Religion tatsächlich das einzige Fach ist, in dem sich die Lehrkraft persönlich positionieren muss.“ Was bei dem Tempo, in dem sich die Welt heutzutage verändert, nicht immer einfach ist. Da kann es hilfreich sein, findet Dangel, wenn man in den Klassen Rituale der Stille und des Hinhörens installiert. „Schleiermacher hat einmal gesagt: Jeder Mensch hat einen Sinn und Geschmack für das Unendliche.“ 

Den Reiz des anderen Geschlechts und das Verliebtseins entdecken die Schüler spätestens in den Klassen 7 und 8. Jetzt werden Fragen nach der eigenen Identität, dem Selbstbild, nach Vorbildern und Idolen lebenswichtig. Aber auch der Abgrund des Liebeskummers tut sich plötzlich vor den Schülern auf. 

Eines der berühmtesten Zitate von Hegel lautet: „Wenn der Tod ins Leben bricht, wird alles schwankend.“ Dieser Satz gilt auch für den ersten Liebeskummer, weiß Silke Dangel, selbst Mutter von zwei Kindern. Es sei daher unbedingt notwendig, dass die großen Gefühle wie Verzweiflung, Scheitern, Nichtgenügen im Religionsunterricht ihren Platz haben. Das Leben des Propheten Jona beispielsweise eigne sich dafür wunderbar. Weil er ja auch allein und verzweifelt im finsteren Bauch des Walfisches saß. Ausgeschlossen von der Welt, ohne jede Hoffnung auf einen Lichtstrahl. Was hat Jona in dieser Situation gedacht? Was gebetet? Schüler lieben es, sagt Dangel, solche Geschichten nachzuspielen. „Der Lehrer braucht da gar nicht mehr viel zu sagen“, lächelt die Oberkirchenrätin. „Die Schüler verstehen die Zusammenhänge ganz von selbst.“

Der Religionsunterricht ist von der Verfassung her eine „res mixta“: Der Staat ermöglicht ihn, die Kirchen füllen ihn mit Inhalt. „Wobei wir uns natürlich an einen Rahmenplan halten müssen“, betont Dangel. „Bestimmte Elemente wie zum Beispiel Demokratiebildung müssen auch in unserem Fach  vorkommen.“ 

Die neue Landesregierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, dass sie ab dem Schuljahr 2027/2028 das Fach Ethik auch in der Grundschule einführen will. „Alle Vertreter der vier Kirchen in Baden-Württemberg begrüßen diesen Plan außerordentlich“, sagt Oberkirchenrätin Dangel. Die Badische Landeskirche betrachte das Fach Ethik als Ansporn, den eigenen Religionsunterricht noch attraktiver zu gestalten. „Alle Evangelischen Stiftungsschulen wie zum Beispiel die Elisabeth-von-Thadden-Schulen in Heidelberg hatte in diesem Jahr weit mehr Anmeldungen, als wir Plätze vergeben konnten“, berichtet Dangel. „Die Schulleitungen haben mir gemeldet, dass sensationell hohen Zahlen von 2025 in diesem Jahr noch einmal getoppt wurden.“

Schon sehr erwachsen klingen die Themen des Religionsunterrichts in den Klassen 9 bis 12. Es geht um das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, um Suizid, Sterbehilfe, Transplantationsmedizin .… Es geht aber auch um das gesellschaftliche Umfeld, in dem die biblischen Text entstanden sind, um die Gottesvorstellungen anderer Religionen, um Sekten, Fundamentalismus, fernöstliche Spiritualität, die Radikalisierung unserer Gesellschaft, und, und, und. „Jeder Religionslehrer genießt die Herausforderung, mit den fast erwachsenen Schülern auf hohem intellektuellem Niveau über die Grundlagen unserer Existenz nachzudenken“, lächelt Silke Dangel.

Einen sehr breiten Raum wird künftig in der Oberstufe aber auch ein Thema einnehmen, mit dessen Rückkehr ernsthaft niemand gerechnet hat: Der Wehrdienst. „Noch haben wir keine konkreten Informationen, in welcher Form die Regierung die  Wehrdienstberatung in den Schulen verankern will“, sagt Oberkirchenrätin Dangel. „Aber die Beratungen müssen unbedingt ergebnisoffen sein und geschütztem Rahmen stattfinden.“ Fortsetzung folgt.

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