„Das irdische Leben ist nur ein kleiner Abschnitt unserer Existenz“

Osterklein

Auferstehungs-Ahnung auf dem Heidelberg Bergfriedhof

Nie zuvor haben die Menschen in unserem Land so viel über ihr Sterben nachgedacht wie heute. Da werden Patienten-Verfügungen unterschrieben und Hospize besichtigt. Da wird die eigene Beerdigung geplant und natürlich das Recht auf Sterbehilfe gefordert. Auf ein ewiges Leben nach dem Tod hingegen hoffen immer weniger Menschen. Ist Ostern ein Auslaufmodell? Fragen an Professor Dr. Michael Welker, Seniorprofessor für Systematik an der Fakultät für evangelische Theologie der Uni Heidelberg und Direktor des Forschungszentrums Internationale und Interdisziplinäre Theologie.

Herr Professor Welker, viele moderne Menschen haben für den christlichen Glauben an die Auferstehung nur noch ein müdes Lächeln übrig. Woher kommt das?

Prof.Dr. Michael Welker

Der evangelische Theologe Professor Michael Welker von der Uni Heidelberg

Die Osterbotschaft hat Schaden genommen, weil sowohl christliche Fundamentalisten wie auch Skeptiker die Auferstehung stets mit physischer Wiederbelebung gleichgesetzt haben. Das ist einfach falsch. Es gibt keine Stelle in den biblischen Überlieferungen, wo auch nur einer der Jünger sagt: Ach, Jesus, das ist aber schön, dass du wieder da bist!

Im Gegenteil. Der Auferstandene wird durchgängig zunächst nicht wiedererkannt. Erst bestimmte Zeichen oder Worte öffnen den Jüngern die Augen. Das Brotbrechen, der Friedensgruß, das Erschließen der Schrift – lauter Marker, die bis heute die wesentlichen Faktoren der Gottesdienste und des kirchlichen Lebens ausmachen.

Auferstehung meint also ganz offensichtlich den Übergang in eine andere Existenzform. Diese andere Wirklichkeit ist für uns schwierig zu beschreiben, aber unmöglich ist es nicht.

Man kann einen Blick in den Himmel werfen?

Ostern:Zuzenhausen

Wandgemälde in der katholischen Kirche von Zuzenhausen

Die Auferstehungszeugnisse künden sowohl von einer Kontinuität zwischen dem irdischen und dem nachösterlichen Jesus wie auch von einer Diskontinuität. Er ist er selbst, aber er begegnet uns in einer neuen Existenzform. Eine fast quälende Spannung. Sie rührt daher, dass der Auferstandene den Jüngern nun in der Ganzheit seines Wesens entgegentritt. Das ist ein interessantes Phänomen.

Stellen Sie sich vor, Sie säßen am Sterbebett eines Menschen, den Sie lieben. Sie betrachten das ausgemergelte Gesicht und vergleichen es mit dem vergilbten Kinderphoto im Album. Plötzlich fragen Sie sich: Wer ist dieser Mensch eigentlich? Das Kind auf dem Photo? Der Schatten in meiner frühen Kindheit, der mich an die Hand nimmt? Der Erwachsene, mit dem ich lange Jahre in Kontakt war? Oder die schwer atmende Gestalt hier auf dem Sterbebett? Und dann müssen Sie sagen: Er oder sie ist alles zusammen. Das ganze Buch des Lebens.

Wir Menschen nehmen einander immer nur punktuell wahr. In Wahrheit gleicht jeder Mensch einem Ozean. Er ist eine Fülle von Erinnerungen und Erwartungen, von Erlebnissen und Träumen. Die Ganzheit des menschlichen Geistes ist ungeheuer weit. Und wenn man dann noch sieht, dass dieser menschliche Geist sich mit vielen anderen und sogar mit Gottes Geist verbinden kann, erschrickt man und staunt. Von dieser größeren Wirklichkeit spricht die Auferstehung. Es ist sehr tröstlich für Menschen, wenn sie das erkennen können.

Und wer es nicht erkennt, fällt in ein schwarzes Nichts?

Kerze

Kruzifix und Osterkerze in der katholischen Kirche von Heidelberg-Ziegelhausen

Das Nichts ist eine unfromme Illusion. Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Wie sich dieser Prozess im einzelnen Leben gestaltet, ist unserem Urteil entzogen. Wir sind nur Zeugen, keine Richter.

Aber sicher gibt es auch so etwas wie ein Gericht. Wir werden nicht einfach als Gesamtpaket alles Erlebens in das ewige Leben eingehen. Die älteren Traditionen haben von einer Reinigung gesprochen, von einem Purgatorium. Dieser Läuterungsprozess beginnt aber nicht erst nach unserem physischen Tod. Wir gehen schon in dieser Welt beständig durch schmerzhafte Prozesse hindurch. Wie wir auch in dieser Welt schon Anteil gewinnen können am ewigen Leben.

Wie merke ich denn, wenn mein tägliches Leben vom ewigen Leben berührt wird?

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Michael Welker: „Das Nichts ist eine Illusion“

Nicht nur Tiere denken beständig an ihre Selbsterhaltung. Der Trieb des Lebens nötigt zum Essen, Trinken und Sich-Fortpflanzen. Diesen Selbsterhaltungstrieb besitzt auch der Mensch. Aber der Mensch kann seinen Selbsterhaltungstrieb willentlich zurücknehmen, um anderen Menschen und Geschöpfen zu helfen. Und wir erfahren beständig diese Zuwendung zu unseren Gunsten. Ich nenne das die „Gabe der freien, schöpferischen Selbstzurücknahme zugunsten anderer“.

Liebe in all ihren Tönungen ist ein Motiv für Selbstzurücknahme und Vergebung, aber auch für die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Vom Standpunkt der Triebgebundenheit aus sind das eigentlich paradoxe Kräfte, denn sie widersprechen der Tendenz allen Lebens, sich selbst zu erhalten.

Glasfenster Providenz

Auferstehungsfenster in der Heidelberg Providenzkirche

Wenn Menschen also einander Gutes tun und nicht auf ihre Selbsterhaltung aus sind, dann wirken in ihnen Kräfte, die ein Vorgeschmack auf das Auferstehungsleben sind. Das ewige Leben ist kein sich selbst erhaltendes Leben mehr, sondern eines, das in eine höhere Existenzform hinein gerettet und erhoben ist.

Wir sammeln also im Diesseits schon Pluspunkte für das Jenseits?

Es geht nicht darum, dass wir irgendwelche ethischen und geistlichen Höchstleistungen erbringen. Diese Vorstellung halte ich für wenig hilfreich, ja fehlgeleitet. Wenn man sieht, in welcher Armut und Bescheidenheit das große Vorbild Jesus Christus gewirkt hat, dann kann man selbst auch bescheiden werden.

Mich berührt immer die Bescheidenheit der Bitten im Vaterunser: Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das sind ganz bescheidene Bitten. Und diesen Bitten wird Gehör versprochen.

Wenn das ewige Leben eine andere, für uns noch unbekannte Existenzform ist, warum sprechen die Kirchen dann von der leibhaftigen Auferstehung der Toten?

Auferstehung-Wimpfen

Leibhaftig auferstanden: Gothische Skulptur im Kloster Bad Wimpfen

Das liegt wohl auch stark in der subtilen Theologie des großen Paulus begründet. Paulus unterscheidet zwischen Fleisch und Leib. Fleisch meint unsere fleischliche Existenz, die auf Selbsterhaltung aus ist. Unabdingbar. Essen, trinken, sich fortpflanzen. Dieser Teil unserer Existenz ist endlich. Er stirbt, wenn der Mensch stirbt.

Mit dem Begriff geistiger Leib hingegen beschreibt Paulus das, was im Volksmund verengt immer als Seele bezeichnet wird. Emotionen, Erinnerungen, Erwartungen, Vernunft, Wissen. Der ganze reiche, weite, individuelle, vieldimensionale Geist des Menschen ist im Leib verankert. Deswegen die Rede von der leibhaftigen Auferstehung.

Treffen wir denn unsere Lieben im Himmel wieder?

Der bekannte Schweizer Theologe Karl Barth hat auf diese Frage einmal geantwortet: Nicht nur sie. Auch die anderen. Aber im ewigen Leben gibt es nicht mehr die sinnliche, sinnfällige Kommunikation, wie wir sie hier kennen. Wir werden keine Partys mehr feiern und sicher auch nicht miteinander Kaffee trinken. Es ist eine völlig andere Existenzform.

Bergfriedhof

Auferstandener Christus auf dem Heidelberger Bergfriedhof

Deshalb ist es Gott auch nicht so wichtig, uns alle so lange wie möglich in diesem irdischen Leben zu erhalten. Das merken wir ja jeden Tag. Es geschehen ständig Einbrüche in das Leben, die uns an der Existenz Gottes und seiner Güte zweifeln lassen.

Dieses irdische Leben ist tatsächlich nur ein kleiner Abschnitt unserer Existenz. Die Frömmigkeit hat das wohl oft gespürt. Und durch tieferes Nachdenken kann man auch zu dieser Einsicht gelangen. Aber sie ist nicht leicht zu vermitteln, weil vieles an dieser neuen Wirklichkeit an den Grenzen unserer Vorstellungskraft liegt. Gott will uns nicht nur erhalten, sondern er will uns auch retten und vor allem erheben.

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