Nachtfieber in St. Anna

Teelichter für Passanten: Anna-Katharina Winkelmann und Katharina Nordhofen

Samstag Abend in der Heidelberger Hauptstraße. Es wird gelacht, getrunken, gejohlt. Mitten im Gewühl verteilt eine Handvoll junger Leute seelenruhig Teelichter. „Die St. Anna-Kirche in der Plöck ist heute bis Mitternacht geöffnet“, erklären sie den Nachtschwärmern. „Wir singen und beten. Wenn Ihr Lust habt auf einen Moment Stille, schaut doch vorbei.“

„Nightfever“. Beim Weltjugendtag in Köln 2005 ist diese neue Form des Gottesdienstes entstanden. Seit Mai 2011 gibt es das Nachtfieber auch regelmäßig in Heidelberg. Mit großem Erfolg. Von den 700 Teelichtern, die das Nightfever-Team in der Hauptstraße verteilt, werden etwa 400 noch am selben Abend in St. Anna angezündet.

Man sieht die Betenden zwar, aber man erkennt sie nicht

Klein, warm und gemütlich:
St. Anna in Heidelberg

Dunkel ist es in der kleinen katholischen Barockkirche St. Anna. Und warm. Im Schein der Teelichter sieht man die Betenden zwar, man erkennt sie aber nicht. Zwei Gitarristen zupfen sanfte Klänge aus Taizé, in den Bänken wird mitgesungen. Alle Augen sind auf die goldene Monstranz gerichtet, die strahlend hell angeleuchtet vorne auf dem Altar steht.

„Nightfever greift die uralte Tradition der eucharistischen Anbetung auf und macht sie lebendig“, erklärt Anna-Katharina Winkelmann. Die Musiktherapie-Studentin gehört zum festen Vorbereitungs-Kreis, der aus etwa zwanzig jungen Erwachsenen zwischen 21 und 31 Jahren besteht. Fast alle studieren. Die Beziehung zur katholischen Hochschulgemeinde ist eng.

Die Kirchentür steht weit offen, damit man die Musik auf der Straße hören kann

„Das Erfolgsrezept von Nightfever die Offenheit des Gottesdienstes“, erklärt Katharina Nordhofen, 22,  Studentin der Kunstgeschichte. Jeder kann kommen und gehen, wann er will. Die eine bleibt fünf Minuten, der andere den ganzen Abend. Nightfever beginnt stets mit der Messe um 18.30 Uhr und klingt gegen 22.00 Uhr aus mit der Komplet, dem Nachtgebet der Kirche.

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„Nightfever“ wurde 2005 beim Weltjugendtag in Köln erfunden

Dazwischen gibt es rund um die Uhr Live-Musik von verschiedenen Bands, meist neue geistliche Lieder. Die Kirchentüren stehen weit offen, damit man die Musik auch auf der Straße hören kann. „Die Hemmschwelle bei diesem Gottesdienst ist niedrig“, sagt Katharina Nordhofen. „Es kostet keine Überwindung, kurz herein zu kommen.“ Erstaunlicherweise stört dieses beständige Kommen und Gehen die andächtige Stille in der Kirche kein Bisschen.

Viele Menschen betreten zum ersten Mal wieder eine Kirche

Viele Menschen, das zeigt die Erfahrung der vergangenen Fiebernächte, betreten beim Nightfever zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Kirchenraum. Das ist einen besonderen Willkommensgruß wert, fanden die katholischen Studierenden und ließen Kärtchen drucken. „Schön, dass Du heute hier bist.“

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Seltsamerweise stört das beständige Kommen und Gehen die Stille nicht

Ende der Katechese. Mehr Glaubensunterweisung gibt es beim Nightfever nicht. „Wir überschütten die Menschen nicht mit Informationen“, betont Anna-Katharina Winkelmann. „Sie sollen einfach die Nähe Jesu erfahren und auftanken.“ Wer Fragen hat, der erhält natürlich Antworten. Draußen vor der Kirche.

Und dann sind da noch die vielen Beichtgespräche. Sie sind das seltsamste Phänomen des Fiebers in der Nacht. Während im katholischen Alltag die Beichtstühle veröden, hat das Sakrament der Versöhnung beim Nightfever Hochkonjunktur. Ein Priester stehen in St. Anna den ganzen Abend für Beichtgespräche zur Verfügung. Er hat rund um die Uhr zu tun. „Beim Nightfever wird man sich erst vieler Dinge bewusst, die nicht so gut sind im eigenen Leben“, erklärt Anna-Katharina Winkelmann, die Musiktherapie-Studentin. „Dann geschieht Heilung“.

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