Paulusheim opfert Villa dem Wohl der Kinder

Fünfzig Jahre lang war die Villa in Ziegelhausen ein katholisches Jugendheim.

Von diesem Mut könnte sich manch ein Unternehmer eine Scheibe abschneiden: Mehr als ein halbes Jahrhundert unterhielt der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) ein Jugendheim in einer alten Villa mit traumhafter Lage in Heidelberg- Ziegelhausen. Doch die Villa kam in die Jahre, eine die Sanierung war für den SkF nicht mehr finanzierbar. Das Paulusheim stand vor dem Aus.

Schweren Herzens verkaufte der SkF die Villa für 4,4 Millionen Euro an das Softwareunternehmen SAS. Vom Erlös erwarb der Sozialdienst katholischer Frauen in Heidelberg-Rohrbach und in Eberbach zwei preisgünstige Grundstücke und baute darauf zwei moderne Kinder- und Jugendheime. Mitte Juli 2009 kam der Freiburger Weihbischof Bernd Uhl ins „Quartier am Turm“, um Gottes Segen für das neue Heidelberger Paulusheim zu erbitten.

Statt in einer alten Villa leben die Kinder jetzt in zwei modernen Häusern

Jetzt tagen hier die Software-Entwickler des SAS-Konzerns.

Luxuriös ist es nicht, das Paulusheim in der Felix-Wankel-Straße 25: pflegeleichte Linoleumböden in zartem Orangerot, große Gemeinschaftsküchen mit weißem Mobiliar, in jedem Zimmer nur ein Schrank, ein Bett und ein Schreibtisch aus Buche. Aber es ist ungeheuer hell und luftig in dem viergeschossigen Haus. „Wir haben gespart, wo wir konnten, und jeden Zuschuss mitgenommen“, verrät der Architekt Heiko Winklmeier aus Heidelberg-Handschuhsheim.

So gibt es beispielsweise staatliches Geld, wenn kein Zimmer mehr als 15 Quadratmeter misst. Eine gewaltige Feuerleiter an der Fassade macht das Haus zum „Kinderheim“, wodurch wieder Fördergelder flossen.

Seine architektonische Phantasie lebte Winklmeier bei den Gemeinschaftsräumen aus. Viele von ihnen liegen auf halber Geschosshöhe unter den freitragenden Treppen versteckt und gleichen kuscheligen Höhlen. Ein Haus, in dem sich Kinder bei aller Zweckmäßigkeit wohlfühlen.

Ein Zuhause für Kinder, um die sich die Eltern nicht mehr kümmern können

Vom Erlös der alten Villa konnte der SkF zwei moderne Paulusheime bauen

36 Kinder und Jugendliche leben auf den vier Etagen des neuen Paulusheims. Hinzu kommen acht jugendliche Mütter mit ihren Kindern, für die im Obergeschoss spezielle Appartements eingerichtet wurden. „Zum Teil haben sie einen eigenen Eingang“, erläutert Thomas Burger, der Geschäftsführer des Paulusheims.

Erfahrung mit Gewalt haben fast alle Paulusheim-Bewohner gemacht. Das Jugendamt bringt sie in die katholische Einrichtung, wenn ihre Eltern so große psychische oder körperliche Probleme haben, dass sie sich nicht mehr kümmern können. „Im statistischen Durchschnitt bleiben die Kinder zwei Jahre bei uns. In Wahrheit schwankt die Aufenthaltsdauer zwischen zwei Wochen und sechs Jahren“, weiß Burger. Viele Kinder werden vom Paulusheim aus in Pflegefamilien vermittelt.

Das Erdgeschoss in der Felix-Wankel-Straße gehört der Verwaltung. Im September 2009 wird auch hierher auch die Schwangerschaftsberatung des SkF übersiedeln. „Eine kleine Beratungsstelle in der Altstadt bleibt jedoch erhalten“, verspricht Annette Himmelsbach, die Vorsitzende des SkF.

Weihbischof Uhl: „Die Erfahrung der Verlassenheit vergisst ein Kind nie.“

Weihbischof Uhl (Mitte), Geschäftsführer Burger und die designierte SkF-Vorsitzende Brigitte Spannagel-van Kaick

Außerordentlich zufrieden begutachtete Weihbischof Bernd Uhl, zuständig für die Caritas, das neue Heim. Er habe selbst vom fünften Lebensjahr an tagsüber ein Kinderheim besuchen müssen, weil seine Mutter berufstätig war, verriet der Bischof. „Diese Erfahrung der Verlassenheit vergisst ein Kind nie.“ Umso stolzer sei er auf den Sozialdienst katholischer Frauen, der die geliebte Villa dem Wohl der Kinder geopfert habe. „Das neue Paulusheim ist ein Asyl für traumatisierte Kinder, die hier zum ersten Mal erfahren, was es heißt, willkommen zu sein.“

Ganz oben auf der Wunschliste steht jetzt die Anlage des großen Gartens rund um das neue Paulusheim. Momentan präsentiert er sich zwar noch als Schlammwüste, doch schon bald soll hier ein cooler Kletter-, Spiel- und Spaßgarten entstehen. Da die Mittel des SkF bis auf den letzten Cent ausgeschöpft sind, setzt man auf Spenden. Der Rotary-Club geht mit bestem Beispiel voran: Ende August wollen engagierte Rotarier an zwei Wochenenden die Ärmel hochkrempeln und eigenhändig einen Spielplatz bauen.

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